Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Klimawandel : Dein Algorithmus ist ne alte Umweltsau

Rauchender Schornstein
Foto: Ion Ceban @ionelceban from Pexels

Steffen Voß

„Ressource Exhaustion” ist das Motto des 36. Chaos Communication Congress (36C3) in Leipzig. „Die Ressourcen sind am Ende” – damit verknüpft der Chaos Computer Club (CCC) sein Kernthema mit der Klimafrage.

„Ressource Exhaustion” ist ein Problem, das Computer bekommen, wenn Programm mehr Speicher oder mehr Rechenleistung verwenden, als der Computer bieten kann. Dann crasht der Computer. Zu Lösung muss das Programm geändert werden – es sei denn, man kann den Computer noch „aufrüsten”.

Übertragen auf die Klimafrage heißt das: die Erde können wir nicht aufrüsten – auch wenn Milliardäre wie Elon Musk die Chance sehen, andere Planeten zu besiedeln, damit wir unser Programm – unsere Wirtschaftsweise – nicht ändern müssen.

Haut raus die Ressourcen, denn sie kosten quasi nichts

Als ich damals angefangen habe, meine ersten Programm auf einem Atari 130XE zu schreiben, waren die Ressourcen äußert begrenzt. Trotzdem konnte man damit Texte schreiben und Spiele spielen. Inzwischen sind Rechenleistung und Speicherplatz fast unbegrenzt verfügbar.

Vor 10 Jahren stellte Chris Anderson in „Free” die These auf, dass Rechenleistung so verfügbar werden würde, dass sie quasi kostenlos wäre. Cloud Computing kam auf und Amazon wurde einer der größten Anbieter von Rechenleistung und beherrscht damit inzwischen einen großen Teil des Internets.

„Rechenleistung” ist dabei keine abstrakte Größe. Sie bedeutet, dass eine große Menge natürlicher Ressourcen benutzt werden, um Computer zu bauen und sie in Rechenzentren rund um die Uhr mit Strom zu versorgen und sie zu kühlen.

Diese Ideologie der unbegrenzten Ressourcen bestimmt heute unseren Umgang mit der Digitalisierung. Für die alten 8‑Bit Computer gab es eine ganze Szene, die versucht hat, das Maximum aus den knappen Ressourcen herauszuholen. Heute werden einfach immer mehr Ressourcen gebucht.

Beispiel Blockchain

Eine Blockchain ist eine Datenbank, in der man nicht löschen, sondern immer nur hinzufügen kann. Jeder Schreibvorgang muss von mehreren Computern in kompliziertesten Rechenvorgängen bestätigt werden. Jochen Rill vom Kompetenzzentrum IT-​Sicherheit am FZI Forschungszentrum Informatik nennt es ein „Laborexperiment, das das Labor nie hätte verlassen dürfen”.

Trotzdem gibt es neben der Top-​Anwendung Bitcoin allein 2000 weitere Währungen auf Basis von Blockchain mit einem Stromverbrauch einen kleinen europäischen Landes. Dazu wollen einige Leute immer noch alle Möglichen Probleme mit dieser Technologie retten.

Beispiel Künstliche Intelligenz

In den vergangenen Jahrzehnten hat es immer wieder Technologien gegeben, die als „Künstliche Intelligenz” (KI) bezeichnet werden – zurzeit sind das Verfahren, die statistische Mittelwerte aus großen Datenmengen errechnen. Dazu benötigt man viel Platz für die vielen Basisdaten und Rechenpower, um diese Dinge möglichst schnell zu errechnen.

Es mag dann faszinierend sein, dass man sich per Sprachbefehl ein Lied von Alexa wünschen kann. Aber es bedeutet, dass Alexa die ganze Zeit eingeschaltet sein muss, den Sprachbefehl aufzeichnet, über dutzende Rechner quer durchs Internet schickt, damit dort ein Computer die Aufzeichnung mit Millionen anderen Aufzeichnungen vergleicht, um herauszufinden, was man gesagt haben könnte. Wenn dann mit einigermaßen Sicherheit errechnet wurde, dass das ein Befehl mit einem Musikwunsch ist, wird der Musikanbieter quer durchs Internet angefragt, ob der das Lied hat. Und der schickt dann das Lied quer durchs Internet und spielt es ab.

Wie gesagt: Das ist faszinierend und erinnert an Star Trek. Aber es verbraucht jede Menge Ressourcen. Viel mehr als eine normale Suche per Tastatur und das Abspielen von einem lokalen Datenträger.

Dabei soll das erst der Anfang sein. Alles soll per KI verändert werden. KI soll in alle Bereiche des Lebens vordringen und wie Blockchain alle möglichen Probleme lösen.

Beispiel Big Data

Künstliche Intelligenz funktioniert nur mit umfangreichen Daten. Vor ein paar Jahren nannte man das noch „Big Data”. Aber in Zeiten des Datenschutzes klingt „Künstliche Intelligenz” natürlich netter. Das ändert aber nichts daran, dass diese Technologie viele Daten benötigt, die alle schnell verfügbar sein müssen.

Es geht nicht darum, dass man viele Daten hat und die dann klug auswertet, sondern darum, viele Daten zu sammeln, weil man damit irgendwann man irgendwas machen könnten – „haben ist besser als brauchen,” wie der Volksmund sagt. Diese Datensammlungen brauchen viel Platz.

Beispiel Bullshit-​Web

Die Big-​Data-​Denkweise ist mittlerweile zur dominierenden Handlungsweise im Internet geworden. Wer heute keine Daten sammelt und hortet, hat das Internet nicht verstanden. Kritiker nennen das „Überwachungskapitalismus”.

Kommerzielle Websites verteilen die Daten ihrer Leserinnen und Leser heute oft an dutzende Datensammel-​Unternehmen. Neben dem eigentlichen Internet ist ein Wasserkopf von kommerzielle Überwachung entstanden, der die Menschen auf Schritt und Tritt durch das Web verfolgt.

Mit jedem Seitenaufruf werden Megabytes an Skripten geladen, die keinerlei Funktion für die Leserschaft bietet und nur der Überwachung dienen. Nick Heer nennt das das „Bullshit-​Web”. Die Websites sind vollgeballert mit Funktionen, die kein Mensch braucht.

Inzwischen muss man eine eigene Infrastruktur betreiben, die diesen Scheiß aus dem Netz filtert.

Beispiel Bloatware

Was das Web kann, können Computer und Smartphones schon lange. All diese Programme und Funktionen, die immer schon vorinstalliert mit den Geräten kommen – die sich zum Teil sogar schwierig nur aus dem System entfernen lassen. Die ganzen „Telematik”-Daten, die jedes einzelne Bauteil an unterschiedlichste Stellen verschickt.

Als ich mir meine ersten Linux-​Distributionen installiert habe – SUSE-​Linux zum Beispiel – mochte ich daran nicht, dass dort auch schon tausend Sachen vorinstalliert sind, die ich gar nicht haben wollte. Damals war Windows 95 noch ein fast nacktes Betriebssystem. Heute liefert Windows 10 alles mögliche mit, das man fast nicht wieder los wird und es sendet Daten an Microsoft, von denen kein Mensch weiß, was damit alles passiert.

Beispiel Addictive Design

Sind Webseiten und Programme schon einmal aufgeblasen, dann wollen die Hersteller umso mehr, dass die Menschen sie länger und länger benutzen, um mehr und mehr Daten über sie zu sammeln.

Damit die Leute bei der Stange bleiben, guckt man sich anderswo Muster ab, die Menschen abhängig machen – zum Beispiel bei der Glückspiel-​Industrie. Von Facebook bis Fortnite – alle arbeiten heute mit Addictive Design. Die Hersteller gestalten ihre Angebote so, dass man sie häufiger benutzt, als man es normalerweise tun würde. Software ist nicht mehr ein Werkzeug mit dem man ein Problem löst. Sie wird zum Selbstzweck.

Beispiel Digitalisierung

Es ist beeindruckend, wie viele Daten auf einen kleinen USB-​Stick passen. Früher gab es immer diese Vergleiche: Ein Stapel ausgedrucktes Papier, so hoch bis zum Mond, passt auf eine Diskette, oder so.

Diese Metaphern prägen für viele Menschen heute das Bild unserer digitalen Ressourcen. So ein Datenträger ist doch viel sparsamer als dieser unglaubliche Stapelpapier! Aber wir haben eben nicht nur unsere alten Bibliotheken digitalisiert, die Bücher vernichtet und die Informationen dann auf USB-​Sticks verteilt – wir denken uns immer neue Dinge aus, die wir digital speichern und verarbeiten wollen.

All die Daten, die Google, Facebook, Amazon, Apple, Microsoft und viele andere über unser Verhalten sammeln, gab es vorher gar nicht analog. Die entstehen rein digital.

Allein die Spielwelt von Microsofts Flugsimulator soll 2 Petabyte groß sein!

Dazu kommt, dass es nicht nur darum geht, digitale Daten zu haben. Das Beispiel der digitalen Patientenakte zeigt, dass es vermutlich der geringste Aufwand ist, die Daten digital irgendwo zentral zu speichern. Der meiste Aufwand wird dafür getrieben werden müssen, dass nur befugte Personen darauf Zugriff bekommen.

Eigentlich sollten die Digitalisierung Ressourcen sparen. Sie scheint aber immer mehr Ressourcen zu verschlingen. Die drohende Klimakatastrophe sollte auch ein Umdenken im Umgang mit der Digitalisierung bringen. Wo hilft das Digitale tatsächlich Ressourcen zu schonen und wo ist sie nur eine bunt-​glitzende Art, neue Ressourcen zu verpulvern?

Videotipps dazu vom 36C3

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Kommentare

Nico Sönnichsen
Nico Sönnichsen:

Klasse. Dein Artikel hat mir echt neue Erkenntnisse gebracht! Ich hoffe, dass diese Diskussion intensiv weitergeht und Einfluss auf die allgegenwärtigen Digitalisierungsprozesse nehmen kann.

22. Januar 2020 um 15:45

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