Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

BigBrotherAwards 2019 : Ein Weckruf für die Medienbranche

Tracker bei Zeit Online

Steffen Voß

Der Big-​Brother-​Award für ZEIT Online ist ein Weckruf für die gesamte Branche: Die Daten der Leserschaft an US-​Konzerne und dutzende Unternehmen weiterzureichen, kann nicht das Geschäftsmodell seriöser Medien sein.

padeluun rang sichtbar mit der Fassung, als er den diesjährigen Preisträger in der Kategorie Verbraucherschutz verkündete. Der Vorsitzende des Vereins Digitalcourage ist seit Jahren mit ZEIT Online Chefredakteur Jochen Wegner befreundet: „Freunde zu kritisieren ist besonders schwer.”

Medien als Teil des Überwachungs-​Kapitalismus

Doch es ist nötig, auf das Problem hinzuweisen, das nicht nur ZEIT Online betrifft. „Wir wissen”, erklärte padeluun, „dass dieser BigBrotherAward mindestens drei Viertel aller Medienhäuser in Deutschland betrifft, die hier eigentlich ebenfalls stehen müssten, um den BigBrotherAward entgegen zu nehmen. Wie so oft ist auch dieser BigBrotherAward dafür gedacht, dass sich etwas verbessert – und zwar bei Medien, aber auch bei Organisationen, Firmen und Regierungsstellen.”

„Der Online-​Auftritt der „Zeit“ erhält den BigBrotherAward 2019 in der Kategorie Verbraucherschutz: Erstens für Werbetracker und den Facebook-​Pixel. Zweitens für die Nutzung von Google-​Diensten beim Projekt „Deutschland spricht“. Damit werden politische Ansichten von Menschen auf Servern in den USA gespeichert. Drittens dafür, dass sie sich das Nachfolgeprojekt von „Deutschland spricht“ von Google haben finanzieren lassen. Dieser faustische Pakt mit einer der größten Datenkraken beschädigt die journalistische Unabhängigkeit.”

Digitalcourage

ZEIT Online war als einziger Preisträger vor Ort vertreten. Jochen Wegner persönlich nahm die Negativauszeichnung entgegen und nutzte die Chance, einige der aufgezeigten Probleme anzusprechen. Weitere Punkte hat ZEIT Online in einem Blogpost aufgegriffen und teilweise richtig gestellt.

Jochen Wegner von ZEIT ONLINE nimmt den BigBrotherAward entgegen – Foto von Mischa Burmester CC BY-​SA 4.0

Das ist ein vorbildlicher Umgang mit der Kritik von Digitalcourage. Von einem Medium wie ZEIT Online habe ich das genau so erwartet. Ja, ich kann sogar verstehen, dass die erste Version von „Deutschland spricht” mit heißer Nadel gestrickt war: Man hat eine tolle Idee und will die schnell ins Netz bringen. Das ist dann nicht komplett durchdacht. Ja, das ist dann ein bisschen „Digital first, bedenken second”, wie padeluun witzelte. Dass es aber irgendjemand für eine gute Idee hält, öffentliche Projekte auf Google-​Diensten aufzubauen, hat mich doch überrascht.

Gut, dass ZEIT Online aus der Kritik schon damals gelernt hat und die aktuelle Version unabhängig entwickelt hat. Geld von Google hätte ZEIT Online dafür nicht nehmen dürfen. Ich glaube ja schon, dass es eine seriöse Redaktion unabhängig davon urteilt, wie der Verlag Projekte finanziert. Aber wie macht man das nachvollziehbar?

30 Tracker und Dienste

Der Kernpunkt der Kritik bezieht sich aber auf den Umgang mit den Daten der Leserschaft auf zeit.de – beispielhaft für alle großen Medienangebote in Deutschland: Die Datenschutzerklärung von ZEIT Online umfasst ausgedruckt fast 80 Seiten. Das kann niemand lesen und verstehen.

Vielleicht sollte ZEIT Online mal Redakteure dran setzen, die herausfinden, was das alles bedeutet; all diese Absätze zu irgendwelchen Trackingdiensten, von denen ich noch nie gehört habe. „Ca. 30 Tracker und Dienste stehen in Eurer Datenschutzerklärung; etwa 140 unterschiedliche Ziele rufe ich auf, wenn ich bei ZEIT ONLINE vorbeisurfe”, beklagte padeluun.

ZEIT Online ist kein Schwarzes Schaf, sondern ein typisches Beispiel für den Umgang großer Medienhäuser mit den Daten der Leserschaft. Henning Tillmann vom D64 hat neulich ausprobiert, alle Tracker auf SPIEGEL Online auf die dafür vorgesehene Art und Weise auszuschalten und ist daran gescheitert.

Wenn man sich dagegen wehren will und den Tracking-​Schutz im Browser aktiviert, bekomme ich auf SPIEGEL Online aber auch bei der Süddeutschen den Artikel gar nicht mehr zu sehen, sondern soll mir einen Account anlegen und einloggen. Ich will nicht noch einen und noch einen und noch einen Account bei Diensten, die am Ende ohnehin nur gehackt werden und sich ihre Userdaten klauen lassen.

Ist es das wert?

Ich kann verstehen, dass Medien Geld verdienen müssen. Ich finde es problematisch, dass derzeit immer mehr Angebote hinter Paywalls verschwinden. Ich habe kein Problem mit Werbung. Und ich habe kein Problem damit, wenn man ein oder zwei Tools einbindet lässt, um das Webangebote zu verbessern. Aber der Umgang mit diesen Tools scheint vollkommen wahl- und zügellos zu sein: Hier noch ein Analytics-​Tool, da noch ein Spam-​Blocker. Vielleicht kann dieses Tool ja noch irgendwas Tolles.

Ich gebe mir bei den Angeboten, die ich betreue immer große Mühe, nur die Daten zu erheben, die ich auch wirklich benötige. Ich versuche den Datenabfluss an Dritte gering zu halten.

Bei den kommerziellen Medien in Deutschland seh ich keinerlei Bewusstsein für dieses Problem – man muss einfach nur noch einen Absatz in die Datenschutzerklärung schreiben, dann kann man auch noch das nächste Tool nutzen. Je länger die Datenschutzerklärung ist, desto weniger Leute haben Lust, sich das genauer anzugucken.

Haben diese Verlage denn überhaupt kein Problem damit, dass dutzende Unternehmen Einblicke in deren Website-​Performance haben? Die US-​Unternehmen unterliegen doch alle Gesetzen, die diese Daten staatlichen Stellen zur Verfügung stellen müssen. Ist das kein Problem für ZEIT Online? Für SPIEGEL Online? Ich finde es schräg, dass die an großen Enthüllungen arbeiten und die CIA dann beobachten kann, wer das alles liest und wer dazu im Forum diskutiert.

So vorbildlich der erste Umgang von ZEIT Online mit dem BigBrotherAward ist: Wirklich auf den Kern der Kritik gehen sie nicht ein. Stattdessen stellen sie nur einige Fakten richtig – padeluuns „Laudatio” war nun einmal keine Doktorarbeit. Das ändert nichts daran, dass der Umgang der kommerziellen Medien mit Daten oft problematisch ist. Das ändert auch nichts daran, dass die Geschäftsmodelle der kommerziellen Medien ihr eigener blinder Fleck sind. Irgendeiner muss darauf aufmerksam machen. Digitalcourage hat das gemacht. Das finde ich gut.

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