Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Twitter : Ich bin dann mal weg

Schwarzer Hintergrund mit weißer, großer Schrift in der Mitte: #RIPTwitter

Steffen Voß

Seit Elon Musk Twitter übernommen hat, geht es dort drunter und drüber. Jetzt hat er Donald Trumps Account reaktiviert. Für mich war das der Anlass, meinen Account zu löschen. Gefallen hat mir Twitter aber schon länger nicht mehr.

Am 10. Oktober hatte ich gerade 15. Twitter-​Jahrestag und ich habe noch gescherzt, dass mir in 10 Jahren Twitter-​Gründer Jack Dorsey persönlich zum silbernen Twitter-​Jubiläum gratulieren müsste. So weit wird es jetzt nicht mehr kommen. Ich habe meinen Account deaktiviert, was in 30 Tagen dazu führt, dass mein Account samt zehntausender Tweets gelöscht wird.

In den letzten Tagen hatte Elon Musk auf Twitter darüber abstimmen lassen, ob Donald Trump wieder eingesetzt werden sollte. Er ließ dabei offen, ob es um dessen Twitter-​Account oder ihn als Präsidenten ginge. Millionen von Benutzer:innen stimmten ab und mit einer knappen Mehrheit von 52 % gewann Donald Trump. Kaum war die Abstimmung abgelaufen, war der Account reaktiviert. Für mich war das die Arschbombe, die das Fass zum überlaufen brachte.

Digital Detox genügte nicht mehr

Schon länger hat mich Twitter vor allem genervt. Vor Jahren habe ich beschlossen die App vom Handy zu schmeißen und Twitter nur noch im Browser am Rechner zu verwenden. Ich bin tausend Accounts weniger gefolgt. Ich habe die Trends auf Bhutan umgestellt Denn dort trendet nie etwas. Ich muss nicht von jeder Sau wissen, die gerade durch Twittstedt getrieben wird. Außerdem habe ich mir vorgenommen, bei aktuellen Ereignissen nur kurz die Eckpunkte zu erfassen und dann das Thema zu ignorieren, bis es nach ein paar Tagen echte Erkenntnisse gibt.

Es half alles nichts: Menschen haben einen Negativity Bias, um Gefahren rechtzeitig wahrzunehmen. Als Call-​Center-​Agent habe ich damals gelernt, dass Kunden negative Erfahrungen viel häufiger weitererzählen als positive. Wir springen auf Schlimmes viel leichter an, als auf Positives. Das hat uns evolutionär davor geschützt, den Löwen zu übersehen, der uns fressen will.

Twitter fördert Negativität

Die kurzen Texte auf Twitter ermöglichen es, dass man ganz viele Nachrichten in kurzer Zeit sehen kann: 280 Zeichen. Eine gute oder eine schlechte Nachricht. Auf irgendwas wirst du schon anspringen.

Wenn du anspringst und reagierst, ist das ein positives Zeichen für den Algorithmus. Der zeigt das dann noch mehr Leuten. So filtern sich die ganzen kleinen und großen Katastrophen heraus. Dazu kommt, dass alle klassischen Medien ihre Meldungen in Twitter abkippen. Auch bei denen gewinnt der reißerischste Spin. Am Ende gucke ich mir auf Twitter nur Nachrichten an, die mich wütend machen, an denen ich aber nichts ändern kann.

Das hat einfach keinen Spaß mehr gemacht. Ich war nur noch dabei, weil alle da waren. Ich habe Twitter zu Veranstaltungen wieder installiert. Denn es war eine Stärke von Twitter, dass man per Hashtag andere Benutzer:innen finden konnte, die auch vor Ort waren. 

Alternative wachsen gerade

In der letzten Woche war ich beim Forum Offene Stadt. Unter dem Hastag #FOS22 lief einiges auf Twitter. Aber ich habe es nur auf Mastodon benutzt und war da praktisch der Einzige. Egal. Ich habe mich mit genügend Leuten vor Ort auch so unterhalten.

Wenn ich mir dann anschaue, was gestern Abend unter dem Hashtag #wettendass auf Mastodon lief, dann denke ich, dass das schon noch wird. Ich jedenfalls konnte nicht übersehen, dass viele Leute einen leicht cringigen Spaß mit dem ZDF hatten.

Lieber ein Ende mit Schrecken…

Twitter ist über die Jahre vom nerdigen Gruppenchat zum globalen Nachrichtenticker geworden, auf dem sich vor allem „Politiker, Journalisten und Psychopathen“ treffen. Nach und nach wurde die Plattform immer geschlossener, es gab immer mehr Reklame im Feed. Mehr Bots und Fake-​Accounts. Die Stimmung wurde düsterer. „Doomscrolling“ wurde ein Ding – man scollt sich durch den niemals endenden Feed und wird immer schlechter gelaunt. So lange bis man endgültig deprimiert ist und man dem eigenen Umfeld nicht einmal erklären kann warum.

Immer wieder kam ein weiterer von diesen negativen Faktoren dazu. Aber immer wieder war es zu schwer für mich, wirklich den Twitter-​Account zu löschen. 

Jetzt sagen einige, sie blieben auf Twitter, weil sie um die Plattform kämpfen wollten. Aber mit welchem Ziel? Welcher Macht? Mit dem Ziel, dass irgendein nicht ganz so schlimmer Milliardär Twitter übernimmt? Mit der Macht von Tweets, die doch nur den Reklame-​Algorithmus füttern soll? Damit Twitter Dir zwischen Deinen Protest-​Posts das passende Auto oder einen Energy-​Drink anbieten kann? Damit Elon Musk an Deinem Widerstand auch noch verdient? 

Nein. Wir haben als Konsument:innen nur die Möglichkeit den Dienst zu nutzen oder nicht. Man kann ihn nicht kritisch nutzen – das ist immer noch ein Nutzen. Als Bürger:innen sollten wir handeln.

In der populistische Abstimmung über die Wiedereinsetzung von Donald Trump ist so ziemlich alles zusammengekommen, was ich an Twitter mittlerweile verachte: Die Lauttönerei, die Negativität, die Bots, der Populismus, die US-​Oligarchen mit ihren Allmachts-​Fantasien und Donald Trump. Das war mir zu viel. Ich bin dann mal weg.



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