Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Überwachungskapitalismus : Ich durchsuche nicht Google – Google durchsucht mich

Steffen Voß

Schaffen wir es noch Google, Facebook und Co. in den Griff zu bekommen, oder bekommen die Tech-​Konzerne uns in den Griff? Die Harvard-​Professorin Shoshana Zuboff hat mit „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus” eine umfangreiche Analyse der Situation vorgelegt.

In den frühen Tages des World Wide Webs gab es die verbreitete Hoffnung, dass diese Netz die Welt demokratischer macht. Es wurde damals viel über die Digitale Allmende gesprochen. Jeder Mensch konnte dank des Internets zum Verleger werden.

Zu dieser Zeit war Google eine niedliche Firma mit einer guten Suchmaschine und dem Motto „Don’t be Evil”. Dann platzte die Dotcom-​Blase und Google war dringend gezwungen, Geld zu verdienen. Reklame spielte im Unternehmen eine geringe Rolle und die Google-​Gründer mochten sie nicht einmal besonders.

Dann aber zählten sie zusammen, was sie hatten, um daraus Geld zu machen: Bei jeder Suche fielen Daten an, die die User hinterlassen. Wenn man ihre Interessen kennt, kann man ihnen gezieltere Werbung anzeigen. Wenn die Werbung gezielter ist, verdienen die Kunden besser und sie schalten noch mehr Werbung. Damit begann die große Daten-​Sammelei.

Shoshana Zuboff erklärt das zugrunde liegende Muster: Der Kapitalismus sucht sich immer neue Bereiche die er sich aneignen kann. Karl Marx beklagte seinerzeit über die „ursprüngliche Akkumulation” – also den Vorgang, in dem sich Kapitalisten Land angeeignet haben, um es dann für sich exklusiv zu nutzen.

Hannah Arendt erkannte, dass sich diese Akkumulation wiederholt. Diesmal sind es aber nicht Land oder Rohstoffe, sondern das Verhalten von Dir und mir. Überwachungskapitalisten sammeln alles, was sie über unser individuelles Verhalten herausfinden können, um dieses Wissen dann als Basis für gezielte Reklame an Kunden zu vermieten. Der Rohstoff dieser Branche ist unsere Privatsphäre.

Die Branche ist dabei eng verknüpft mit dem Überwachungsstaat, der sich zeitgleich nach den Terroranschlag vom 11. September 2001 entwickelte. Immer wieder gibt es Kooperationen zwischen den Unternehmen und den Geheimdiensten.

Mittlerweile hat sich das Internet stark verändert. Zwar habe ich ein Grundrecht auf Informationelle Selbstbestimmung. Es fühlt sich aber nicht so an. Obwohl ich mich gut mit der Technologie auskenn, habe ich nicht mehr das Gefühl von Selbstbestimmung. Ich habe das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Inzwischen betreibe ich schon einen extra Mini-​Computer, der mich vor Überwachung schützen soll – eine Art Anti-​Internet-​Filter. Mehrere Plugins im Browser kümmern sich um das, was noch durch kommt.

Trotzdem bin ich sicher, dass mich dutzende Unternehmen tracken, von denen ich noch nicht einmal weiß. Sogar der Journalismus – eine der Branchen, die eigentlich vor so etwas warnen sollte – spielt im Überwachungsgeschäft ganz groß mit. Die Freiheit im Internet ist, was am Ende aller Nutzungsbedingungen übrig bleibt. Wir haben einen digitalen Schatten, den wir nicht kontrollieren können.

Shoshana Zuboff macht klar, dass das Problem nicht die digitale Technologie ist. Die kann es auch ohne Überwachungskapitalismus geben. Das Problem sind auch nicht individuelle Daten-​Skandale – nach denen die Unternehmen reumütig Besserung geloben und dann doch nichts substantiell ändern. Das Problem ist die Systematik des Überwachungskapitalismus: Die vollständige Verwertung des Menschen als Rohstoff für die Werbe-​Branche. Erst wenn wir das erkannt haben, sagt Shoshana Zuboff, können wir etwas daran ändern.

Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus” hat 727 Seiten, ist im Campus-​Verlag erschienen und kostet 29,95 €.

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The Rise of Surveillance Capitalism

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Kommentare

Stefan Herwig
Stefan Herwig:

Nein, das Problem ist nicht der Überachungskapitalismus, sondenr die faktische Unfähigkeit von Politik und Datenschutz (bisher) die Rahmenbedinungen für diesen neuen Auswuchs des Kapitalismus so zu setzen, dass er effizient eingehegt wird und nutzertransparent funktioniert.

Mit den Heilsversprechen der Digitalisierung und der Tatsache, das die Netzöffentlichkeit der Politik jedes Mal auf die finger haut, wenn sie ihre ersten Regulierungsversuche machte, haben wir der Politik einen sinnvollen regulierungswillen und Kompetenz aberzogen.
Wenn man einem 1 1/​2‑Jährigen Kind das Gehen beibringen wollen, dann müssen wir nicht bei jedem Gehversuch sofort rumbrüllen, dass das alles total falsch sei. So lehrnt niemand gehen, und Politik lernt auch nicht zu regulieren.

Nun ist der Regulationsbedarf klar ersichtlich, aber der Sechsjährige hat ja summerweise erst zu spät laufen gelernt. Das beisst uns jetzt beim ersten Sportunterricht in den A****.

Ich war mal auf einem Digitalisierungsseminar, da hat ein Professor für Technologieentwicklung über die Evolution von Benutzeroberflächen gesprochen. Leider hat er den gesamten Bereich Big Data ausgelassen, und vor allem die Janusköpfigkeit der Oberflächen, die auf der einen Seite als Interface extrem reduizioert sind, aber das Datenabsaugungsbackend bleibt dem Nutzer komplett verborgen.

Es sind die ersten Benutzeroberflächen, die sich GEGEN IHRE Nutzer wenden, weil sie einen großen Teil der
Funktionen eines Programms ode reiner App bewusst verschleiern. Es gilt diese Transparent und kontrollierbar zu machen, ansosten versagen die Märkte (Asymmetrische Informationen und Externalitäten).

das ist in erster Linie eine politische Aufgabe, und wir sollten als Kunde vor allem die Politik unterstützen, ihre Aufgabe wahrzunehmen. Jedes mal zu schreien, dass das Internet kaputt geht, wenn dieses oder jenes reguliert wird ist d anicht hilfreich.

23. August 2019 um 12:24
Steffen Voß
Steffen Voß:

Ich teile die Hälfte Deiner Analyse. Am Ende stimmt es, dass die Regulierung den Überwachungskapitalismus nicht begrenzt. Datenschutz ist nicht der richtige Hebel. Urheberrecht ist nicht der richtige Hebel.

Tatsächlich aber hat es bis vor Kurzem wenig so kritische Stimmen gegeben. Noch immer feiern genügend Menschen jedes neue Produkt von Facebook, Google, Apple, Amazon oder Microsoft. Das Ausmaß von Konzernmacht begreifen immer viele noch nicht.

Als Sigmar Gabriel zum Beispiel vor ein paar Jahren über eine Zerschlagung von Tech-​Konzernen gesprochen hat – stark im Konjunktiv – ist er von der Netzcommunity noch ziemlich verprügelt worden.

Demokratische Politik kann Regeln immer nur so setzen, wie es viele Leute wollen. Dazu kommt, dass es hier mindestens um europäische, wenn nicht sogar globale Fragen geht.

23. August 2019 um 22:55
Stefan Herwig
Stefan Herwig:

„Am Ende stimmt es, dass die Regulierung den Überwachungskapitalismus nicht begrenzt. Datenschutz ist nicht der richtige Hebel. Urheberrecht ist nicht der richtige Hebel.”

Wenn du jetzt ein „momentane” vor die Regulierung setzt, dann stimme ich Dir zu. Ich glaube aber gerade dass Datenschutz und Urheberrecht wichtige Hebel sein können, wenn sie EFFIZIENT umgesetzt werden. Da spassiert aber bisher nur halb. DSGVO hat zwar ein paar wiochtige Pflöcke eingeschlagen, belastet aber kleine Unternehmen imme rnoch mehr als große, und sicher damit den „großen” sogar ihre Wettbewerbsposition.

Ich glaube durchaus, dass „Regulierung” das Zauberwort ist, sie muss nur effizient sein. Unc ich glaube aucvh,d ass das möglich ist, aber dazu müsste der Staat aufhören, das Netz anders regulieren zu wolleen als andere Wirtschaftsräume.

26. August 2019 um 11:15
Stefan Herwig
Stefan Herwig:

Ach übrigens, den Sigmar Gabriel Text kenne ich, und er ist sehr stark gewesen, seiner Zeit voraus. Vielleicht schaust du mal auf YouTube nach Scott Galloway „The Markets are failing“, sder sagt das auch schon seit einigen Jahren. Amerikanischer Ökonomieprofessor.

26. August 2019 um 16:06

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