Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Wirtschaft : Was Dein Geld tut, wenn es für Dich arbeitet

Rana Foroohar - Makers and Takers. How Wall Street destroyed Main Street
Rana Foroohar - Makers and Takers. How Wall Street destroyed Main Street

Steffen Voß

Irgendetwas läuft ziemlich falsch in der Wirtschaft. Erklären konnte ich mir bisher nicht, was das ist. Rana Foroohars „Makers & Takers“ liefert eine tief gehende Erklärung.

2009 bereits habe ich einen Artikel über das Gefühl gebloggt, dass wir uns doch nicht alle gegenseitig einsparen können. Der Blogpost springt zwischen den Themen, weil ich das Gefühl nicht so richtig an Fakten fest machen konnte. Auch nach der Lektüre von „Makers & Takers“ passt noch nicht alles zusammen, aber ich habe den Eindruck, einen Schritt weiter zu sein.

Wirtschaft als Selbstzweck?

Im Studium habe ich gelernt, Wirtschaft sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck des guten Lebens. Wirtschaft soll dafür sorgen, dass knappe Ressourcen in selbstorganisierender Art und Weise verteilt werden. 

Durch Arbeitsteilung kümmern sich die Menschen, um die Dinge, die sie am besten können und vorsorgen einander gegenseitig. Der eine baut das Getreide an, der nächste kutschiert es zu Mühle und von dort zum Bäcker. Der Bäcker backt das Brot. Und die Leute können das Brot kaufen, weil sie alle Geld mit Dingen verdienen, die irgendwem irgendwas bringt. 

Irgendwie reicht das heute nicht mehr. Es genügt nicht, ein gutes Brot herzustellen, um damit die Nachbarschaft zu versorgen. Ein Geschäft von dem ein paar Leute ordentlich leben können. 

Man muss wachsen und man muss idealerweise global arbeiten und so groß werden, dass man Brot weltweit nur noch bei Dir kaufen kann. Jeden Bestandteil des Brotes muss man dort einkaufen, wo er am billigsten ist. Alle Beschäftigten dürfen nur genau so wenig verdienen, wie es noch erlaubt ist. Am besten stellt man sie nicht mehr an, sondern man bietet ihnen nur noch einen Marktplatz, wo sie sich anbieten können. 

Make Money fast!

Es muss jemand damit reich werden – nicht wohlhabend, sondern unverschämt reich. Alle Konkurrenten müssen auf der Strecke bleiben. Jeder Konkurrent wird entweder platt gemacht oder aufgekauft, durchgekaut und wieder ausgespuckt. 

Der einzige Wert, der zählt, ist der Aktienwert. Für ihn werden kurzfristige Tricks benutzt, um ihn in die Höhe zu treiben. Alle die sich an dem Spiel nicht beteiligen wollen, gelten als dumm und von gestern.

Die Finanzialisierung der Wirtschaft

Die Financial Times Journalistin Rana Foroohar nennt das „Finanzialisierung“: Zum einen werden mehr und mehr Teile der Wirtschaft dem Diktat der Kosten unterworfen. Unternehmen arbeiten nicht mehr daran, den Kunden gut Produkte zu entwickeln, die dann den Preis haben, den sie haben. 

Unter der Aufsicht einer immer größer werdenden Horde von Betriebswirten werden überall die Kosten gedrückt. Mitarbeiter sind dann keine Erfahrungsschatz mehr, sondern Kostenfaktor. Die lagert man aus oder entlässt sie ganz. An jedem Bauteil wird so lange „optimiert“, bis es gerade noch so lange hält, wie es muss. 

Statt an neuen Produkten zu arbeiten, werden die bestehenden mit minimalen Verbesserungen mit viel Marketingwirbel immer wieder als neu verkauft. 

Das hat zum Beispiel auch Autohersteller wie Volkswagen dazu gebracht immer nur neue Modelle mit leicht verbesserten Motoren zu präsentieren, bis dieses System nur noch durch Betrug aufrecht zu erhalten war. Stattdessen hätte sich der Konzern – wie viele andere – schon viel früher ernsthaft mit Alternativen beschäftigen müssen. 

Wann hatte Google, Apple, Mircosoft, Facebook & Co die letzte eigene innovative Idee, die sie nicht geklont oder eingekauft haben?

Unternehmen werden Investmentbanken

Zum anderen tricksen die Unternehmen wo sie können – vor allem, um den Aktienwert zu erhöhen. Sie machen alles, was den Börsenspezialisten gefällt. Firmenteile auslagern und verkaufen, neue dazu kaufen. 

Vor allem werden die Gewinne in Steueroasen verschoben und speziell in den USA werden über steuerlich bevorteilte Schulden die eigenen Aktien zurückgekauft. Das hat mittlerweile sogar aus einstmals innovativen Unternehmen wie Apple und Google Investmentbanken gemacht, die auch Sachen herstellen.

All das wird uns als Globalisierung und als unabwendbar verkauft. Wir sollen uns darauf einstellen per Achtsamkeit, New Work oder Bedingungslosem Grundeinkommen. Das hilft aber nicht gegen einen immer größere Spaltung der Menschen in arm und reich, in Gewinner und Verlierer, in abgehängte Regionen und unbezahlbare Städte. 

Jetzt hör ich wieder die Leute, die sagen „Sei kein Idiot! Kauf Aktien. Lass Dein Geld für Dich arbeiten.“ Die werden gerade wieder so laut, wie zu Zeiten der Dotcom-Blase. 

Sparen hieß früher, dass man weniger ausgibt, als man verdient. Heute muss man es in Aktien anlegen, um dieses System noch selbst mit zu befeuern. Wir finanzieren mit, dass unsere Arbeit entwertet und abgeschafft wird. Aber wenn wir Glück haben, bekommen wir ein paar Euro dafür zurück.

Hervorragend recherchiert

Zugegeben, dieser Blogpost ist mehr eine persönliche Philippika als eine Rezension, denn Rana Foroohars Buch ist hervorragend recherchiert und jeder Punkt ist durch wissenschaftliche Studien und Statistiken belegt. 

Für mich bindet dieses Buch aber viele Gedanken zusammen, die ich beim Lesen im letzten Jahr hatte: Über die Arbeitslosen und ihre Funktion in unserer Gesellschaft. Über die vergessene Arbeiterklasse in den USA und in Frankreich. Über die Gewinner und die Verlierer in der Leistungsgesellschaft. Über den Gegensatz von Stadt und Land. Über sinnlose Arbeit und darüber, wie wertvoll es für Unternehmen sein kann, die Mitarbeiter wie Menschen zu behandeln. Dass heute nicht nur Banken „too big to fail“ sind, sondern auch eine Vielzahl Unternehmen – vielleicht sogar „too big to save“. Was es bedeutet, wenn unsere Leben als Rohstoff begriffen werden. Und wie sehr uns der Individualismus in eine Falle gelockt hat. 

Zwei Arten von Wirtschaft

Schon länger überlege ich, ob es nicht zwei Wirtschaften gibt: Die eine kümmert sich darum, dass die Menschen bekommen, was sie brauchen. All die Unternehmen im Land, die sich um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern, die auch mal der E‑Jugend die Trikots spendieren. Die dafür sorgen, dass zu Weihnachten die Innenstadt beleuchtet ist. 

Auch die müssen zusehen, dass sie ihr Geld verdienen. Die müssen sich immer wieder anpassen, neue Produkte finden, Werbung machen. Keine Frage. Das ist nicht wohl behütet. Aber es reicht, wenn die einen guten Job machen und ein gutes Gespür für die Kundschaft haben, um davon über 100 Jahre gut zu leben. Aber irgendwie reicht das heute nicht mehr.

Über allem sitzt wie ein Staubsauger das Finanzwesen mit den globalen Unternehmen und saugt die Kraft aus der Realwirtschaft, aus den Regionen und aus den Menschen und uns in den nächsten Finanzcrash ziehen. So würde Rana Foroohar das vermutlich nie formulieren. Das ist zu bildhaft. Aber bei mir entsteht der Eindruck.

Wir sind gefangen in der Ideologie

Was ich dabei wirklich schlimm finde dabei ist, dass viele Menschen diese Ideologie so sehr in sich aufgenommen haben. Wie radikal sie bereit sind, Unternehmen, Branchen oder das ganze Modell der Erwerbsarbeit für tot zu erklären. Hey, der kleine Laden in der Innenstadt hat es nicht hinbekommen, einen eigenen Online-​Store zu etablieren – selbst Schuld!

Aber so funktioniert das nicht. Der Problem ist viel komplexer. Es zeigt sich, wenn nicht einmal der Oberbürgermeister einer Stadt weiß, wen er eigentlich anrufen soll, um mit dem Vermieter eines Kaufhauses über dessen Zukunft zu sprechen. 

Es zeigt sich, wenn man sieht, dass jeder kleine Buchladen mehr Steuern zahlt als Unternehmen wie Amazon und Apple. 

Es zeigt sich, wenn Investmentbanken selbst Rohstoffe bunkern, um die Preise zu treiben. Egal, ob das am anderen Ende der Welt zu Hunger, Aufständen und Krieg führt.

Die Finanzwirtschaft macht sich die Realwirtschaft zur Beute. Sie verbraucht sie wie einen Rohstoff. Und nur die Superreichen profitieren davon. Sie sind die „Taker“ aus dem Titel des Buches. Wir sind die „Maker“.

Das ist nicht der natürliche Lauf der Wirtschaft – das Werk der unsichtbaren Hand, sondern Ergebnis von unternehmerischen Entscheidungen, Lobbyismus und Politik. Es geht auch anders. Aber dazu müssen wir als Gesellschaft erst einmal des Problems bewusst werden. Rana Foroohar liefert dazu einen wichtigen Beitrag.

Rana Foroohars „Makers and Takers: Der Aufstieg des Finanzwesens und der Fall der Realwirtschaft“ ist 2017 im Plassen-​Verlag erschienen, hat 448 Seiten und kostet 29,99€.

Video

Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt beschäftigen sich im „Wohlstand für Alle“-Podcast in Folge 29 mit der Finanzialisierung.

Landnahme und Finanzialisierung – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 29

Erst wenn Du das Video startest, werden Daten an YouTube übermittelt.

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Kommentare

Christian Förster
Christian Förster:

Hallo,

ich hab zwar ein paar Rechtschreibfehler gefunden und auch die ein oder andere Ergänzung ist mir eingefallen… allerdings möchte ich hier einfach mal nur einen Satz herausstellen:

„Sparen hieß früher, dass man weniger ausgibt, als man verdient.“

und dafür Danke sagen.
Jedes Kleinkind, das rechnen kann, weiß das wenn es 5 € im Monat in die Sparbüchse wirft am Ende des Jahres genau 60 € drin sind.
Nur den Erwachsenen, denen muß man das immer wieder erklären. Denen wird leider immer wieder erzählt das das Geld arbeiten müsse…

16. Februar 2021 um 16:52 Uhr

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