Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Demokratie : Land gegen Stadt

Ein Dorf aus der Vogelperspektive
Foto: Dave Frisch/Pexels

Steffen Voß

„Es gibt keine konservative Stadt mehr,” analysiert der Politikwissenschaftler Will Wilkinson. Die USA sind nicht mehr in demokratische und republikanische Staaten eingeteilt. Stattdessen gebe es jetzt eine deutliche Spaltung zwischen Stadt und Land. Die zugrunde liegende Entwicklung vollzieht sich schon länger und es zeigen sich Parallelen in Europa.

In der Kleinstadt meiner Jugend gab es ein oder zwei bunte Hunde – Typen, die alle kannten. Die haben sich schräger gekleidet als alle anderen. Die haben ernsthaft versucht Musiker zu werden. Vermutlich waren sie schwul – das konnte man aber auch in den 1990ern in der Kleinstadt nicht offen sein. Die sind dann so schnell wie möglich weg – nach Hamburg, nach Berlin.

Auch hier in Kiel sind mir Menschen begegnet, für die auch die Landeshauptstadt zu klein war. Wenn man hier nicht seinen Platz findet, kann man immer noch nach Berlin gehen, habe ich damals gedacht. Der Drang in die Städte ist ein globales Phänomen – und es treibt ganz bestimmte Menschen in die Städte. Das zeigt auch politische Folgen.

Am Anfang stand die Arbeiterbewegung

Die Demokraten in den USA sind eine Partei der Städte geworden und die Republikaner eine Partei des Landes. Je höher die Bevölkerungsdichte, desto höher ist der Wähleranteil der Demokraten – je weiter man aus den Innenstädten hinaus aufs Land kommt, desto wahrscheinlicher haben die Menschen die Republikaner gewählt.

Begonnen hat diese Entwicklung bereits in der Industrialisierung. Damals haben sich Arbeiter in Gewerkschaften organisiert und die standen der Demokratischen Partei nahe. Das ist vor allem in den Industriellen Kernen passiert, weil es dort besonders viele Arbeiter gab. Oft waren das die Eisenbahnknotenpunkte, die man noch heute auf den Karten der Wahlanalysen erkennen kann.

Selbst in kleinen Städten, die mitten im Trump-​Land liegen, ist die Wahrscheinlichkeit in den Innenstädten höher, dass die Menschen Demokraten wählen – obwohl dort ganz sicher keine urbanen Hipster und keine Künstlerszenen existieren.

Nun haben wir in Deutschland ein Mehrparteiensystem – wie in vielen anderen europäischen Ländern. Die vielen Parteien können viel kleinere Zielgruppen ansprechen. So ermöglicht es zum Beispiel die FDP in Deutschland, eine liberale Wirtschaftspolitik mit einer liberalen Gesellschaftspolitik zu kombinieren. Die FDP ist aber keine linke Partei.

Will Wilkinson zeigt am Beispiel Österreich, dass sich dort trotz des Mehrheitswahlrechts ein ähnliches Bild wie in den USA zeigt, wenn die politische Frage entsprechend gestellt wird. In der Stichwahl der letzten Präsidentschaftswahl mussten sich die österreichischen Wählerinnen und Wähler zwischen dem Grünen Alexander van der Bellen und dem FPÖ-​Mann Norbert Hofer entscheiden. Im Ergebnis zeigte sich: Die Städte wählten grün – das Land blau.

Seit dem Beginn dieser Entwicklung hat sich die Bevölkerung entmischt: Bestimmte Typen von Menschen sind in die Städte gezogen – andere sind auf dem Land geblieben. Will Wilkinson hat das anhand dreier Merkmale untersucht: Ethnizität, politische Einstellungen und Bildung.

Nährboden für den Rechtsrutsch

Nachdem über die Jahrzehnte Millionen von Menschen vom Land in die Stadt gezogen sind, haben sich die Städte zu wirtschaftlich florierenden, multikulturellen Orten entwickelt, während Dörfer mit niedriger Bevölkerungsdichte und einem höheren Anteil weißer Bevölkerung stagnieren. Die Gesellschaft dort ist gleichförmiger geworden: ethnisch, hinsichtlich konservativer politischen Einstellungen und niedrigerem Bildungsstand.

Diese Selbstentmischung hat für ein wirtschaftliches und kulturelles Gefälle zwischen Land und Stadt gesorgt – Nährboden für den Rechtsrutsch.

Die bunten Lichter der Stadt

Es ist keine Überraschung, dass es einige Menschen in die Stadt zieht und anderen lieber auf dem Land bleiben. Überraschend findet Will Wilkinson, das die gleichen Charaktereigenschaften, die die Stadt attraktiv erscheinen lassen, auch dafür ausschlaggebend sind, wie liberal die Menschen denken und wie sie wählen.

Menschen die offen für Neues sind, sind auch an Bildung sehr interessiert. Höhere Bildung gibt es vor allem in den Städten. Dort gibt es dann auch die passenden Jobs dafür. Diese Jobs benötigen oft ein Umfeld von Gleichgesinnten. Es entstehen mehr innovative Ideen an Orte, an dem sich den ganzen Tag kreative Köpfe treffen können.

Wer offen dafür ist und den ganzen Tag unterschiedlichste Menschen trifft, der ist auch offen für liberale Gesellschaftspolitik – sollen doch alle so leben, wie es sie glücklich macht. Gleichzeitig verschaffen sie sich eine bessere Bildung, bessere Jobs und höhere Einkommen.

Die anderen Menschen haben oft viel stärkere Familienbindung, und wollen schon deswegen nicht weg. Die können sich keine so gute Bildung verschaffen, weil sie nicht aus ihrem kleinen Ort weggehen wollen und bekommen nur die schlecht bezahlten Jobs auf dem Land.

Die ländlichen Orte haben oft keine wirtschaftliche Funktion, mehr erklärt Will Wilkinson – sie sind in einer Zeit entstanden, als es dort Jobs in der Landwirtschaft gab. Dieser Arbeitsmarkt ist zusammengebrochen und hat die anderen Branchen mit sich gezogen: Werkstätten, Läden, Dienstleister…

Dann kam Donald Trump und hat die Instinkte der Landbevölkerung angesprochen – vor allem: Das Land soll wieder so toll werden, wie das Land an das wir uns erinnern. „Make America great again”

Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse

Auch in Deutschland sehen wir diese Entmischung: Die Städte wachsen – das Land stagniert. In Ostdeutschland ist das noch massiver. Die DDR hat diese Entwicklung lange aufgehalten. Man durfte nicht einfach umziehen, der Staat hat jede Menge Jobs in der Landwirtschaft erhalten und sogar noch zusätzlich Industriejobs auf dem Land geschaffen. Das ist in den 1990er Jahren alles abgewickelt worden.

Der Prozess war nicht schleichend wie im Westen, sondern plötzlich. Diejenigen, die sich ungebunden fühlten und das Abenteuer suchten, sind in den Westen, nach Berlin oder zumindest in die nächstgrößere Stadt gegangen. Nur die besonders Verbundenen sind in der Sächsischen Schweiz geblieben. Dort, wo heute massiv AfD gewählt wird, während es in Berlin gar nicht links genug sein kann.

Will Wilkinson stellt fest: Die wirtschaftliche, kulturelle und politische Polarisierung führt zu einer Verbitterung und vergrößert die Gefahr durch den Rechtspopulismus. Wer etwas dagegen tun will, muss sich das soziale und psychologische Gesamtgefüge anschauen.

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Kommentare

Karsten Voß
Karsten Voß:

Die Entwicklung ist sehr gut nachgezeichnet, es fehlen aber leider Lösungsvorschläge. Nur das Gefüge anschauen reicht nicht. Man muss den ländlichen Raum stärken, auch durch Hilfen zur Selbsthilfe. In Deutschland/​Österreich profitieren in den urbanen Regionen die GRÜNEN von der Anwesenheit gut situierter Menschen.

Wir haben im Raum Heide/​Heider-​Umland schon vor 20 Jahren versucht gegenzusteuern (Fachhochschule Westküste mit jetzt fast 2000 Studierenden, Gewerbepark Westküste usw.) Die Einwohnerzahl ist hier entgegen der Prognosen in den letzten 15 Jahren gestiegen.

Eine ganz schlimme Entwicklung in vielen Ortschaften ist zum Teil von den dort lebenden Menschen selbst verursacht worden, indem sie fast nur noch im Internet oder Supermärkten einkaufen und dadurch die örtliche Infrastruktur beschädigt wird. Buy local!

17. Oktober 2019 um 11:39
Titus von Unhold
Titus von Unhold:

Das ist vorbei, die Wissenschaft hat das Land mehr oder wenige abgeschrieben. Bis 2030 wird ein Viertel der Beschäftigten in Rente oder Pension gehen, das verstärkt die Effekte. https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-recht-auf-gleichwertige-lebensverhaeltnisse-wie-weit.976.de.html?dram:article_id=456772

25. Oktober 2019 um 18:39

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