Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Demokratie : Land gegen Stadt

Ein Dorf aus der Vogelperspektive
Foto: Dave Frisch/Pexels

Steffen Voß

„Es gibt keine konservative Stadt mehr,” analysiert der Politikwissenschaftler Will Wilkinson. Die USA sind nicht mehr in demokratische und republikanische Staaten eingeteilt. Stattdessen gebe es jetzt eine deutliche Spaltung zwischen Stadt und Land. Die zugrunde liegende Entwicklung vollzieht sich schon länger und es zeigen sich Parallelen in Europa.

In der Kleinstadt meiner Jugend gab es ein oder zwei bunte Hunde – Typen, die alle kannten. Die haben sich schräger gekleidet als alle anderen. Die haben ernsthaft versucht Musiker zu werden. Vermutlich waren sie schwul – das konnte man aber auch in den 1990ern in der Kleinstadt nicht offen sein. Die sind dann so schnell wie möglich weg – nach Hamburg, nach Berlin.

Auch hier in Kiel sind mir Menschen begegnet, für die auch die Landeshauptstadt zu klein war. Wenn man hier nicht seinen Platz findet, kann man immer noch nach Berlin gehen, habe ich damals gedacht. Der Drang in die Städte ist ein globales Phänomen – und es treibt ganz bestimmte Menschen in die Städte. Das zeigt auch politische Folgen.

Am Anfang stand die Arbeiterbewegung

Die Demokraten in den USA sind eine Partei der Städte geworden und die Republikaner eine Partei des Landes. Je höher die Bevölkerungsdichte, desto höher ist der Wähleranteil der Demokraten – je weiter man aus den Innenstädten hinaus aufs Land kommt, desto wahrscheinlicher haben die Menschen die Republikaner gewählt.

Begonnen hat diese Entwicklung bereits in der Industrialisierung. Damals haben sich Arbeiter in Gewerkschaften organisiert und die standen der Demokratischen Partei nahe. Das ist vor allem in den Industriellen Kernen passiert, weil es dort besonders viele Arbeiter gab. Oft waren das die Eisenbahnknotenpunkte, die man noch heute auf den Karten der Wahlanalysen erkennen kann.

Selbst in kleinen Städten, die mitten im Trump-​Land liegen, ist die Wahrscheinlichkeit in den Innenstädten höher, dass die Menschen Demokraten wählen – obwohl dort ganz sicher keine urbanen Hipster und keine Künstlerszenen existieren.

Nun haben wir in Deutschland ein Mehrparteiensystem – wie in vielen anderen europäischen Ländern. Die vielen Parteien können viel kleinere Zielgruppen ansprechen. So ermöglicht es zum Beispiel die FDP in Deutschland, eine liberale Wirtschaftspolitik mit einer liberalen Gesellschaftspolitik zu kombinieren. Die FDP ist aber keine linke Partei.

Will Wilkinson zeigt am Beispiel Österreich, dass sich dort trotz des Mehrheitswahlrechts ein ähnliches Bild wie in den USA zeigt, wenn die politische Frage entsprechend gestellt wird. In der Stichwahl der letzten Präsidentschaftswahl mussten sich die österreichischen Wählerinnen und Wähler zwischen dem Grünen Alexander van der Bellen und dem FPÖ-​Mann Norbert Hofer entscheiden. Im Ergebnis zeigte sich: Die Städte wählten grün – das Land blau.

Seit dem Beginn dieser Entwicklung hat sich die Bevölkerung entmischt: Bestimmte Typen von Menschen sind in die Städte gezogen – andere sind auf dem Land geblieben. Will Wilkinson hat das anhand dreier Merkmale untersucht: Ethnizität, politische Einstellungen und Bildung.

Nährboden für den Rechtsrutsch

Nachdem über die Jahrzehnte Millionen von Menschen vom Land in die Stadt gezogen sind, haben sich die Städte zu wirtschaftlich florierenden, multikulturellen Orten entwickelt, während Dörfer mit niedriger Bevölkerungsdichte und einem höheren Anteil weißer Bevölkerung stagnieren. Die Gesellschaft dort ist gleichförmiger geworden: ethnisch, hinsichtlich konservativer politischen Einstellungen und niedrigerem Bildungsstand.

Diese Selbstentmischung hat für ein wirtschaftliches und kulturelles Gefälle zwischen Land und Stadt gesorgt – Nährboden für den Rechtsrutsch.

Die bunten Lichter der Stadt

Es ist keine Überraschung, dass es einige Menschen in die Stadt zieht und anderen lieber auf dem Land bleiben. Überraschend findet Will Wilkinson, das die gleichen Charaktereigenschaften, die die Stadt attraktiv erscheinen lassen, auch dafür ausschlaggebend sind, wie liberal die Menschen denken und wie sie wählen.

Menschen die offen für Neues sind, sind auch an Bildung sehr interessiert. Höhere Bildung gibt es vor allem in den Städten. Dort gibt es dann auch die passenden Jobs dafür. Diese Jobs benötigen oft ein Umfeld von Gleichgesinnten. Es entstehen mehr innovative Ideen an Orte, an dem sich den ganzen Tag kreative Köpfe treffen können.

Wer offen dafür ist und den ganzen Tag unterschiedlichste Menschen trifft, der ist auch offen für liberale Gesellschaftspolitik – sollen doch alle so leben, wie es sie glücklich macht. Gleichzeitig verschaffen sie sich eine bessere Bildung, bessere Jobs und höhere Einkommen.

Die anderen Menschen haben oft viel stärkere Familienbindung, und wollen schon deswegen nicht weg. Die können sich keine so gute Bildung verschaffen, weil sie nicht aus ihrem kleinen Ort weggehen wollen und bekommen nur die schlecht bezahlten Jobs auf dem Land.

Die ländlichen Orte haben oft keine wirtschaftliche Funktion, mehr erklärt Will Wilkinson – sie sind in einer Zeit entstanden, als es dort Jobs in der Landwirtschaft gab. Dieser Arbeitsmarkt ist zusammengebrochen und hat die anderen Branchen mit sich gezogen: Werkstätten, Läden, Dienstleister…

Dann kam Donald Trump und hat die Instinkte der Landbevölkerung angesprochen – vor allem: Das Land soll wieder so toll werden, wie das Land an das wir uns erinnern. „Make America great again”

Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse

Auch in Deutschland sehen wir diese Entmischung: Die Städte wachsen – das Land stagniert. In Ostdeutschland ist das noch massiver. Die DDR hat diese Entwicklung lange aufgehalten. Man durfte nicht einfach umziehen, der Staat hat jede Menge Jobs in der Landwirtschaft erhalten und sogar noch zusätzlich Industriejobs auf dem Land geschaffen. Das ist in den 1990er Jahren alles abgewickelt worden.

Der Prozess war nicht schleichend wie im Westen, sondern plötzlich. Diejenigen, die sich ungebunden fühlten und das Abenteuer suchten, sind in den Westen, nach Berlin oder zumindest in die nächstgrößere Stadt gegangen. Nur die besonders Verbundenen sind in der Sächsischen Schweiz geblieben. Dort, wo heute massiv AfD gewählt wird, während es in Berlin gar nicht links genug sein kann.

Will Wilkinson stellt fest: Die wirtschaftliche, kulturelle und politische Polarisierung führt zu einer Verbitterung und vergrößert die Gefahr durch den Rechtspopulismus. Wer etwas dagegen tun will, muss sich das soziale und psychologische Gesamtgefüge anschauen.

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Kommentare

Karsten Voß
Karsten Voß:

Die Entwicklung ist sehr gut nachgezeichnet, es fehlen aber leider Lösungsvorschläge. Nur das Gefüge anschauen reicht nicht. Man muss den ländlichen Raum stärken, auch durch Hilfen zur Selbsthilfe. In Deutschland/​Österreich profitieren in den urbanen Regionen die GRÜNEN von der Anwesenheit gut situierter Menschen.

Wir haben im Raum Heide/​Heider-​Umland schon vor 20 Jahren versucht gegenzusteuern (Fachhochschule Westküste mit jetzt fast 2000 Studierenden, Gewerbepark Westküste usw.) Die Einwohnerzahl ist hier entgegen der Prognosen in den letzten 15 Jahren gestiegen.

Eine ganz schlimme Entwicklung in vielen Ortschaften ist zum Teil von den dort lebenden Menschen selbst verursacht worden, indem sie fast nur noch im Internet oder Supermärkten einkaufen und dadurch die örtliche Infrastruktur beschädigt wird. Buy local!

17. Oktober 2019 um 11:39
Titus von Unhold
Titus von Unhold:

Das ist vorbei, die Wissenschaft hat das Land mehr oder wenige abgeschrieben. Bis 2030 wird ein Viertel der Beschäftigten in Rente oder Pension gehen, das verstärkt die Effekte. https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-recht-auf-gleichwertige-lebensverhaeltnisse-wie-weit.976.de.html?dram:article_id=456772

25. Oktober 2019 um 18:39
Susanne
Susanne:

Ich sehe die Situation in Deutschland auf dem Land etwas anders. Die ländlichen Regionen zerfallen bei uns in zwei verschiedene Arten: die, die im Umkreis größerer Städte liegen und die, die das Pech haben, jenseits aller Speckgürtel zu sein. Gerade im Umland der Städte sind die Dörfer in den vergangenen 30 Jahren gewachsen. Die sogenanten B‑Plan-​Leute kamen hinzu, neue Wohngebiete entstanden. Das war eine neue Mischung, keine Entmischung.

Damit kamen Menschen mit höherer Bildung in die Dörfer. Es ist in vielen Regionen mitnichten so, dass nur die Heimatverbundenen geblieben sind, die keine höhere Bildung haben konnten und nun schlecht bezahlte Jobs machen müssen. Mit den Zugezogenen kamen auch liberale Ideen, Offenheit für alternative Lebensformen und Grünenwähler. Das hat den Dörfern gut getan und auch bei alteingesessenen Familien vieles verändert.

Und dann sind da noch die tatsächlich abgehängten Regionen, die Dörfer, sogar Kleinstädte, die vor sich hin sterben. Das hat tatsächlich mit der Zusammensetzung der Bevölkerung zu tun. Die ist dort ungünstig, wo es keine guten Jobs gibt und auch keine in erreichbarer Nähe zu finden sind. Wie ich an meiner Heimatstadt (10 000 Einwohner) sehe, liegt eine der Ursachen darin, dass in den 70er und 80er Jahren alle Behörden zentralisiert und damit aus den Kleinstädten abgezogen wurden. Große Verwaltungseinheiten zerstören gerade dort die Infrastruktur, wo es außer Behörden kaum etwas gibt. Jede Kreisreform gibt einer Kleinstadt den Todesstoß. Erst geht die Kreisverwaltung, dann das Katasteramt, dann die Kriminalpolizeistelle, irgendwann die Filiale der Krankenkasse und am Ende ein Geschäft nach dem anderen.

Eine Lösung für diese Regionen, die es in Ost und West gibt, weiß ich auch nicht. Ich fürchte, am Gesamtgefüge können wir kaum etwas ändern.

18. November 2019 um 14:31
Steffen Voß
Steffen Voß:

Deine Beobachtung bestätigt ja die These: je näher ein Ort zum Zentrum einer großen Stadt liegt, desto liberaler.

19. November 2019 um 20:15
Christian Alexander Tietgen
Christian Alexander Tietgen:

Das finde ich mal eine hilfreiche Analyse. In einem Wahlsystem, in dem es mehr um relative Mehrheiten geht als um absolute, steigt natürlich der Anteil der rechten Wähler, wenn die Bevölkerung schrumpft. Zumal wenn die Abwanderung durch eher linke/​liberale Menschen erfolgt. Dieses autoritäre Wählerpotential ist ja immer dagewesen. Es ist bloß lange durch die Union, aber auch durch Schröder gebunden worden. Jetzt sind fast alle Parteien gesellschaftspolitisch nach links gerückt, wenn auch wirtschaftspolitisch eher nach rechts. Gerade die CDU vertritt ja kaum noch offen konservative Positionen. Deswegen wählen viele lieber die AfD, wählen damit aber auch eine Partei an die Macht, die sogar einen gerichtlich bestätigten faschistischen Flügel hat. Natürlich sind viele konservative Wähler naiv, wenn sie die AfD aufgrund vermeintlicher traditioneller Werte wählen. Andererseits ist es von linker Seite auch eher begrüßt worden, dass sich heute kaum noch jemand freiwillig als konservativ bezeichnet, obwohl das neben Liberalismus und Sozialismus eine der drei traditionellen politischen Strömungen ist. Es gibt halt keine Trennschärfe mehr zwischen den Strömungen. Die SPD ist ihren Mitgliedern zu konservativ und die Union ihren Mitgliedern zu sozialistisch. Wenn im Sinne einer liberalen Demokratie wieder jeder offen zu seinen Grundüberzeugungen stehen kann, selbst wenn sie nun menschenfeindlich oder utopisch sind, dann gäbe es vielleicht auch wieder mehr Stabilität in unserem Land. Natürlich kann man seine Meinung immer noch offen sagen, aber man muss beispielsweise mit wirtschaftlichen Nachteilen rechnen und das scheuen natürlich die meisten. Daher nehmen viele das als faktische Einschränkung der Meinungsfreiheit wahr. Den Rechtsruck gibt es wenn überhaupt nur durch den Wegzug nicht-​konservativer Wählerpotentiale. Es gibt auch keinen Linksruck. Letztlich tendiert die Gesellschaft immer mehr zu einer diffusen Mittelposition. Und durch die Parteienverdrossenheit steigen die Prozentzahlen der AfD an, obwohl es vermutlich keine wesentliche Zunahme autoritärer Weltbilder gegeben hat. Dass es zwei Volksparteien gab, die SPD und die Union, die jeweils von ganz links bis zur Mitte bzw. von der Mitte bis ganz rechts alles abgedeckt hat, das hatte in Hinblick auf das Scheitern der Weimarer Republik absolut seine Berechtigung. Solange Linksradikale und Rechtsradikale ihr Weltbild in den Volksparteien noch halbwegs vertreten sahen, haben sie weniger versucht, das Grundgesetz zu abzuschaffen. Es gab natürlich machtbesessene Spinner links und rechts, gerade weil das Zeitalter der Gewalt noch nicht lange vorbei war. Aber heute nehme ich eher wahr, dass die Machteliten versuchen, die Politik nach ganz links oder ganz rechts zu verschieben. Die Menschen in Regierungsverantwortung können mit Hinblick auf Wählerstimmen kaum noch ihre Parteilinie durchdrücken. Innerparteilich setzen sich aber immer mehr radikale Positionen durch. Ich sehe beides kritisch. Alternativlosigkeit wie bei Merkel lehne ich ab. Aber eine radikale Politik ist nur dann sinnvoll, wenn sie allen Menschen gleichermaßen dient. Und das tut radikale Politik eher selten. Dass heute jeder seine Meinung publizieren kann im Internet, ist ja einerseits toll mit Blick etwa auf den Arabischen Frühling. Aber es besteht auch so eine Tendenz, Internet-​Kommentare für wichtiger zu nehmen als politikwissenschaftliche Betrachtungen. In Talkshows wie hart aber fair zum Beispiel. Ich fand es anfangs toll, dass man Bürger zu Wort kommen lässt. Bloß mittlerweile verschafft man extremen Ansichten immer mehr Publizität, weil diese die höchste Einschaltquote, die höchsten Klickzahlen bringen. Die Rechten nutzen das vermutlich immer mehr gezielt als Plattform. Leise Menschen wie Mützenich oder Walter-​Borjans kommen in der heutigen Gesellschaft gar nicht mehr zu Wort, werden nur in der allergrößten Not beachtet. Dabei waren Schmidt und Brandt zwar im Gegensatz dazu sehr laut, ABER auch sehr kluge Köpfe, denen zu jedem Problem etwas einfiel. Und das eint sie mit denen, die heutzutage eher in zweiter Reihe und leise sind, die Klugheit! Ich möchte Kohl, Merkel oder Schröder nicht die Intelligenz absprechen. Dennoch glaube ich, dass sie einen neuen Politiker-​Typus geschaffen haben. Der Typus, der seine Macht aussitzt und sich mehr nach Umfragen richtet als nach seinen persönlichen Überzeugungen. Das mag aber auch mit der Akademisierung von Politik zu tun haben, die Ellenbogen letztlich immer wichtiger macht. Natürlich können persönliche Überzeugungen aber falsch sein. Aber ich denke, wir bräuchten Politiker, die nach der Wahl genau das machen, was sie versprochen haben. Selbst wenn es wehtut. Aber die Bürger haben nicht den Politiker gewählt, sondern das Wahlprogramm. So verstehe ich unsere Demokratie. Das Schöne daran ist ja, wenn man merkt, ich habe den Falschen gewählt und es hat wirklich reale Konsequenzen für mich, wähle ich den nie wieder. Das macht Demokratie aus. Dass Menschen dazulernen. Nicht dass man ständig neu wählt oder aus irgendwelchen Gründen Menschen zurücktreten müssen. Sondern dass man jemanden wählt, sich anguckt was er aus seinen Versprechen macht und beim nächsten Mal vielleicht doch mal einen anderen wählt. Wenn wir ständig unser Personal neu besetzen, haben die gewählten Personen doch gar nicht genug Zeit, um ihr Programm durchzuziehen. So wie das Bildungssystem bei jedem Farbenwechsel umgeworfen wird. Die Menschen suchen Stabilität und ob sie die eher links oder rechts bekommen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Keinesfalls sollte man die Menschen verteufeln. Zuallererst sollte man sich Zeit nehmen, sie zu verstehen. 🙂

20. November 2019 um 11:17
Christian Förster
Christian Förster:

Ich fand den Artikel eher arg oberflächlich.

Das beginnt schon damit das Österreich, Deutschland und die USA hier nicht verglichen, sondern als parallel gleichförmige Entwicklung dargestellt sind. Das unterschlägt die doch recht unterschiedliche Entwicklung in diesen drei Ländern.

So sind zum Beispiel nicht nur die „bunten Vögel” abgewandert die dann auch automatisch immer eine liberale Geisteshaltung in den Städten vertreten/​wählen. Ebenso sind es nicht nur die „besonders Verbundenen” mit entsprechender Geisteshaltung die einen Umzug mieden. Sorry, aber sowas ist schlicht plakativ. Der größte Teil der Abgewanderten hatte meiner Meinung nach ganz profane Gründe, Geld zum Beispiel. Das man in den Städten besser verdient ist wohl unstrittig, ich sähe es allerdings schon als fraglich ob das zwangsweise mit besserer Bildung/​Leistung zusammenhängt. Und ja, manch Berufswunsch kann auf dem Land schlicht nicht realisiert werden (hier fehlt mir ein kleinerer Absatz über die Restrukturierung der Wirtschaft in den letzten 50 Jahren, der Verweis auf die ehemalige DDR allein greift da zu kurz).

Auch würde ich mir die Alterspyramide mal näher anschauen. Menschen werden in zunehmenden Alter tendenziell konservativer. In meiner Heimatregion ist mittlerweile jeder dritte über 60(!). Leider auch die Altersgruppe die gegen Fake-​News und ähnliche Panikmache meist nicht so resistent sind. Und wer zieht in die Stadt? Meist die Jüngeren…

Auch würde ich Wilkinsons eher kritisch beäugen. Das zum Beispiel das Land heute keine wirtschaftliche Bedeutung mehr hätte wage ich zu bezweifeln. Was würde denn aus unseren Banken- und Versicherungsmetropolen wenn die Gelder der Landbevölkerung von heute auf morgen wegbrechen würden? Denn wer hat denn mehr Geld auf dem Konto? Meist die Älteren…

Und das Menschen im Internetzeitalter quasi zwangsweise von Bildung fern gehalten werden: Naja. Oder eher Nein. Natürlich fehlt ein direkter kultureller Austausch, allerdings drehen sich die meisten Konversationen die ich bislang so „belauschen” konnte eher um Banalitäten. Wissen kumuliert nicht dadurch allein das man eine Person permanent mit Informationen versorgt. Auch ist die Landbevölkerung heutzutage deutlich besser motorisiert als früher.

Lösungansätze?
Ich persönlich sehe in den steigenden Mieten eher eine Chance, und kein Drama. Ohnehin ist mir unverständlich warum man mit Steuergeldern (die ja auch von der Landbevölkerung aufgebracht werden) die wirtschaftlich angeblich so florierenden Städte noch weiter subventionieren soll. Sozialwohnungen sind vor allem eins: Eine Lohnsubvention für Arbeitgeber.
Ich *glaube* das, wenn es sich für jemanden nicht mehr lohnt in der Stadt zu arbeiten weil ein zu großer Teil des Einkommens für die Miete aufgewendet werden muß, dann wird das Land wieder zu einer echten Option. Oder die Arbeitgeber müssen in den Städten die Löhne deutlich steigern. An letzteres glaube ich zwar nicht, aber auch diese Möglichkeit sei mir recht.

In diesem Sinne: Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, und schreib nicht so viel von einem Überstudierten ab 😉

8. Januar 2020 um 1:18
Steffen Voß
Steffen Voß:

@Christian Förster: Ich seh in den meisten Deiner Einwände keine Widersprüche, sondern höchstens Ergänzungen. Klar ist das es nicht nur so oder so. Das hat auch niemand behauptet. Das Ergebnis ist aber, wie es ist. Du kannst nicht bestreiten, dass die US-​Demokraten die Städte gewinnen und die Republikaner die Dörfer. Trotzdem gibt es ja auch in den Städten Republikaner und auf dem Dorf Demokraten. Nur werden die immer weniger.
Wenn Du das Problem so nicht siehst, frage ich mich, warum Du einen Lösungsvorschlag machst. Ich versteh deswegen auch nicht, welches Problem gelöst werden soll, wenn Wohnungen teurer werden und weniger Menschen eine Wohnung überhaupt finden. Kann es sein, dass Du da über ein anderes Thema schreibst?

8. Januar 2020 um 9:57
Christian Förster
Christian Förster:

Ich sollte halt doch so spät nicht mehr schreiben, jetzt seh ich den Casus Knaktus.

Grundlegend für meinen Kommentar ist die (einleitende) Kritik: Ich finde den Artikel oberflächlich.
Grundlegend sind die Absätze 2–5 auch eben in erster Linie als Ergänzungen gedacht, jedoch sticht stets die zweite Kritik mit durch:
Der Artikel ist plakativ.

Beispiel:
„Bestimmte Typen von Menschen sind in die Städte gezogen – andere sind auf dem Land geblieben.”
Was sollen das für Menschen sein? Gibt es da schon einen Gentest, oder geht das nach Charaktereigenschaften? Oder gibts da schon was von Ratiopharm? Solche Typisierungen gehen völlig am Thema vorbei und ruinieren jeden Ansatz einer objektiven Betrachtung. Leider ziehen sie sich durch den ganzen Artikel.

Einen Widerspruch zur grundlegenden These der Entmischung sehe ich in meinem Kommentar nicht. Daraus ergibt sich auch mein Lösungsansatz, denn Wohnungen gibt es genügend. Nur halt nicht in (je-)der Stadt.

8. Januar 2020 um 17:39
Steffen
Steffen:

Vielleicht ist der Begriff der Entmischung missverständlich. Natürlich gibt es nicht rote Menschen und blaue und die eine ziehen weg und die anderen bleiben auf dem Dorf. Im Original heißt es „Polarization”. Fakt ist, dass Städte wesentlich progressiver wählen als das Land. Allein mit der Altersstruktur kann man das nicht erklären, denn in den Städten leben auch viele alte Menschen.

Was heißt schon „oberflächlich”? Das ist die Zusammenfassung einer Studie. Lies die. Die geht tiefer.

8. Januar 2020 um 18:37
Christian Förster
Christian Förster:

Ich hatte die Studie angerissen, sie bezieht sich explizit auf die USA. Einer meiner Kritikpunkte sagt ja gerade aus das die Entwicklungen in Deutschland, Österreich und den USA gar nicht so gleichförmig sind…

„Fakt ist, dass Städte wesentlich progressiver wählen als das Land.”
Unwidersprochen.
„Allein mit der Altersstruktur kann man das nicht erklären, denn in den Städten leben auch viele alte Menschen.”
Ich liebe das Wort „viele”. Es sagt irgendwie alles und gleichzeitig nichts. Wenn 20% der Arbeitnehmer einer Firma krankheitsbedingt ausfallen dann sind 20% viele, wenn 20% der Wahlberechtigten zur Wahlurne schreiten sind 20% wenig. 50 Personen sind viele, aber 50 von 100000 sind wenige.
Du schreibst in der Stadt leben auch viele alte Menschen – das ist unwidersprochen. Aber halt auch viele Jugendliche und junge/​erwerbstätige Erwachsene. Dadurch relativiert sich der Anteil der älteren Mitmenschen.

Die Altersstruktur als einziges Merkmal hier hinzuzuziehen wäre letztlich auch plakativ. Das diese gekippte Altersstruktur allerdings komplett und konsequent ignoriert wird ist fahrlässig.

13. Juli 2020 um 22:21

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