Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Flughafen Holtenau : Wenn er weg ist, ist er weg

Flughafen Holtenau
Flughafen Holtenau | Foto: Rüdiger Stehn - CC BY-SA 2.0

Steffen Voß

Der Flughafen Holtenau soll weg, wenn es nach Bündnis90/Die Grünen in Kiel geht. Stattdessen könnten dort Wohnungen entstehen. Weil es für diese Idee zurzeit in der Ratsversammlung keine Mehrheit gibt, schieben die Grünen nun ein Bürgerbehren an – Linkspartei, Piratenpartei, BUND sowie verschiedene Initiativen haben sich ihnen angeschlossen. Die Kielerinnen und Kieler sollen zur Kommunalwahl über die Zukunft des Flughafens entscheiden.

Mehr Menschen ziehen nach Kiel – die Mieten steigen. 23000 zusätzliche Wohnungen benötigt Kiel bis zum Jahr 2030 – pro Jahr 1750. Wo diese Wohnungen entstehen sollen, ist nicht klar.

Einen Teil sollen Aufstockungen bringen. Es gibt noch eine ganze Zahl eingeschossiger, ehemaliger Behelfsläden, wie sie direkt nach dem Krieg gebaut wurden. Die könnte man auf die gleiche Höhe wie die anderen Häuser in der Nachbarschaft bringen. Hier und da gibt es große Hinterhöfe, in denen früher Gewerbe getrieben wurde. Auch dort ist manchmal Platz für Wohnungen. In der Summe könnten dadurch 5000 Wohnungen geschaffen werden.

Ein großes Gelände, dass heute nicht mehr so intensiv wie einst genutzt wird, ist der Flughafen Holtenau. Platz für bis zu 1800 Wohnungen, finden die Grünen. Das könnte sein. Es gibt aber noch eine ganze Reihe Fragen und ich finde deswegen, dass es der falsche Zeitpunkt für diese Entscheidung ist und ich finde, dass es keine Frage für einen Bürgerentscheid ist.

Falsche Zeit, Falsche Frage

Bürgerentscheide haben die Eigenschaft, dass am Ende oft nicht über die Sachfrage abgestimmt wird, sondern über ganz andere Fragen. Beim Brexit ging es nicht mehr um die Mitgliedschaft in der Europäischen Union und deren Vor- und Nachteile, sowie die Vor- und Nachteile eines Austritts – es ging um Ausländer und „die da oben“. Das Ergebnis sehen wir jetzt.

In Kiel hat es bisher zwei Bürgerentscheide gegeben: Den zu Möbelkraft, der gleichzeitig mit der Wahl des Oberbürgermeisters stattgefunden hat und die Abstimmung über Olympia in Hamburg und Kiel. 45,6 % haben sich an der Abstimmung über Möbelkraft beteiligt – 31,7 % an der Frage nach Olympia. Das Interesse an diesen Fragen ist recht gering. Doch wer da am Ende abstimmt, ist absehbar: Düsterbrook stimmt ab. Gaarden nicht. Um das zu verkürzen. Ich finde das nicht gut.

Wenn es aber um die Zukunft des Flughafens Holtenau geht, sollte man die Leute fragen, die dort arbeiten, die dort ihr Hobby ausführen. Man sollte die Leute fragen, die direkt daneben wohnen. Man sollte die Leute fragen, die tatsächlich gerade eine Wohnung suchen und die bereit wären nach Holtenau zu ziehen. Man sollte die Wohnungswirtschaft fragen, was sie bereit wären dort zu bauen. Man sollte die Fachleute fragen, die sich mit dem Boden dort auskennen und wissen, ob das da belastet ist oder nicht. Man sollte die Altenholzer fragen, was sie von der neuen Nachbarschaft halten – die sind aber in Kiel gar nicht wahlberechtig. Das ist dann auch kein Bürgerentscheid mehr, sondern klassische Politik.

Keine konkreten Pläne

Es gibt im Moment auch keinerlei konkreter Pläne für die Bebauung des Flughafens Holtenau. Was damit nach der Schließung passiert, ist vollkommen unklar. Da kann man sich vorstellen was man will: Luxus-Wohnungen, Einfamilienhäuser, Sozialwohnungen, eine Mischung, vielleicht doch auch Gewerbe, eine tolle Wohnung für mich mit Fördeblick – was auch immer. Und vielleicht kommt dabei in den Planungen etwas heraus, was ich total scheiße finde.

Für die Befürworter der Schließung ist es ein Vorteil, dass die Frage so offen ist. Das weckt die Fantasie der Kielerinnen und Kieler. Die Grünen können deswegen natürlich auch alles Mögliche erzählen, was da Tolles passieren könnte – ob sie für ihre Pläne dann hinterher eine Mehrheit in der Ratsversammlung haben, weiß man nicht.

Die Entscheidung ist unumkehrbar

Man sollte sich auch klar machen, was es bedeutet, wenn der Flughafen Holtenau weg ist: Wenn er weg ist, ist er weg. So schnell wird man nicht wieder einen einrichten können – wer möchte schon einen Flugplatz vor der Haustür bekommen? Zurzeit liegt der Platz relativ brach. Mein persönliches Erleben ist natürlich kein Maßstab, aber unser Garten ist in der Nähe des Flugplatzes und bis auf ein paar kleine Propellermaschinen, Segelflieger und Fallschirmspringer ist da nichts los.

Aber wer weiß denn, wie sich die Mobilität in Zukunft verändert? Warum sollte die Elektrifizierung und der Trend zu autonomen Fahrzeugen denn vor dem Fliegen halt machen? DeLorean arbeitet gerade an einem autonom fliegenden Auto. Vielleicht gibt es ja in ein paar Jahren Fluggeräte wie heute die kleinen Drohnen, mit denen auch größere Dinge transportiert umweltfreundlich werden können. Die können dann ja nicht auf dem Alten Markt oder im Schrevenpark landen.

Geduld wird sich mehr auszahlen

Ich finde, wir sollten uns mit dieser Entscheidung Zeit lassen. Selbst wenn es die versprochenen 1800 Wohnungen geben könnte, wäre das noch keine grundsätzliche Lösung für das Wohnungsproblem in Kiel. Wir hätten uns dafür aber die Option eines Flughafen in Stadt-nähe genommen. Es sollte deswegen eine zukünftige Ratsmehrheit zusammen mit allen Betroffenen einen soliden Plan für das Gelände erarbeiten. Über diesen Plan könnte man dann abstimmen lassen – wenn sich die Kielerinnen und Kieler dafür interessieren.

Kommentare

Niklas Hielscher
Niklas Hielscher:

Vorweg: Für mich ist es keine Herzensangelegenheit, dass der Flugplatz Holtenau wegfällt. Das kurze Zeitfenster, als man von Lübeck-Blankensee aus nach Marseille und Bergamo fliegen konnte, habe ich gerne genutzt. So wie ich es mit Sicherheit auch nutzen würde, falls es interessante Linienverbindungen von Holtenau aus gäbe. Aber das steht ja seit vielen Jahren überhaupt nicht mehr zur Debatte.

Wenn ich das pro und contra abwäge und mir vor allem überlege, wo ich die Prioritäten sehe, muss ich sagen, dass für mich persönlich eine Wohnungsbauperspektive mehr Gewicht hat als der Erhalt eines Freizeitflugplatzes. Und meiner Meinung nach ist die Situation beim Wohnungsbau mittlerweile 5 nach 12, so dass jede Option, die nicht gleichzeitig eine weitere Zerstörung des Kieler Grüngürtels bedeutet, lieber gestern als morgen entwickelt werden sollte.

Und auch aus einer wirtschaftlichen Perspektive, Stichworte Steueraufkommen und Wertschöpfung, schätze ich den jetzigen Zustand kritischer ein als die Perspektive, dort Wohnen und Gewerbe zu ermöglichen. Falls in fernerer Zukunft wieder ein erhöhter Bedarf für einen regionalen Flughafen bestünde, würde ich aus dem Bauch raus eher eine zivile Nachnutzung für Hohn bei Rendsburg sehen (mit möglicher direkter Bahnanbindung von Kiel!).

Am wenigsten stichhaltig finde ich die Argumentation, sich Zeit zu lassen. Nach meiner Einschätzung ist bereits viel Zeit ins Land gezogen, weil die jeweiligen Rats-Kooperationen mit grüner Beteiligung sich um eine Entscheidung gedrückt haben. Ich finde es an sich eine gute Idee, diesen gordischen Knoten mit einem Bürgerentscheid zu lösen. Die Wahlbeteiligung von nur 37.2% für die jetzige Ratsversammlung (Wahl 2013) liegt im übrigen im Bereich der von dir erwähnten Bürgerentscheide. Ich halte es nicht für richtig, deren Legitimität zwischen den Zeilen anzuzweifeln und auch leicht fahrlässig in Hinblick auf die Legitimität der EhrenamtlerInnen in der Ratsversammlung.

Gut finde ich aber Deinen Hinweis auf die Mobilität der Zukunft. Ich sehe da eine ähnliche Situation wie mit dem Internet Ende der 90er Jahre. Wir erleben derzeit den Beginn einer technischen Revolution mit autonomen Verkehren bei wachsender KI-Unterstützung. Da wird möglicherweise in 5-10 Jahren verkehrspolitisch kein Stein mehr auf dem anderen sein. Übel nur, wenn heute Entscheidungen über Straßen-Neubauvorhaben durch wertvolle Naturräume getroffen werden, die bereits in 10 Jahren komplett am Bedarf vorbei sein könnten. Wie als wenn man 1998 entschieden hätte, massiv in Faxgeräte zu investieren. Und das betrifft leider auch Kiel …

17.8.2017 um 11:47
Steffen Voß
Steffen Voß:

Die Grünen wollen eine Bürgerbeteiligung auch für die Bebauung des Platzes. Das bedeutet, dass die Wohnungen dort ohnehin vor in 6-8 Jahren nicht bezugsfertig sind. Insofern hat es jetzt keine Eile.

Eile hat der Bau neuer Wohnungen. Da haben Sie recht. Die allermeisten müssen aber ohnehin an anderer Stelle gebaut werden.

Was mich interessiert: Werden Sie nach Holtenau ziehen, wenn es die Wohnungen dort gibt?

17.8.2017 um 12:41
Niklas Hielscher
Niklas Hielscher:

Ups, sorry, bin wohl zu lange aus der Blogosphäre raus und wusste nicht, dass mittlerweile gesiezt wird … für mich als Gewerkschafts- und SPD-Mitglied doppelt ungewöhnlich 😉
Zu Ihrer hypothetischen Frage: Wohne seit über 25 Jahren und vor allem (noch!) bezahlbar am und beim Kieler „Lärm-Hotspot“ Barkauer Kreuz im Kieler Süden. Lang genug, um doch Wurzeln zu schlagen. Die Wohnungen werden trotzdem so schnell wie möglich benötigt, selbst wenn die auch aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Bürgerbeteiligung nicht sofort Ende Mai 2018 bezugsfertig sein sollten. Um den Druck aus dem Wohnungsmarkt zu bekommen.

17.8.2017 um 15:58
Steffen Voß
Steffen Voß:

Ich hatte irgendwo in Deinem Beitrag ein „Sie“ gelesen und gedacht, dass das dann auch netter wäre. Vielleicht war das auch auf Facebook. Irgendwo wurde ich da gesiezt. 😉

Mir geht es auch eher darum, dass wir ja nicht irgendwo Wohnungen brauchen. Die Leute wollen ja Innenstadt-nah wohnen. Oder zumindest nah an der Arbeit. Nur weil es irgendwo Wohnungen gibt, heißt das ja nicht, dass der Druck auf die Stadt sinkt. Es klingt dann ein wenig so: „Sollen diese Leute doch nach Holtenau ziehen, damit ich günstig am Blücherplatz wohnen kann. Das fänd ich nicht fair.

Und es würde auch wieder neue Probleme bringen, weil da plötzlich 18000 Familien zusätzlich pendeln, wenn da nicht auch arbeiten möglich ist. Und wenn da arbeiten möglich sein soll, muss das auch nennenswert Arbeit sein, damit sich das bei den Pendlerzahlen bemerkbar macht. Wenn aber nennenswert Platz für Gewerbe vorgehalten wird, dann entstehen da keine 1800 Wohnungen.

17.8.2017 um 20:07
Niklas Hielscher
Niklas Hielscher:

Präferenz für Innenstadtnähe: Teils teils. Ich halte sowohl Holtenau als auch Friedrichsort mit Nähe zum Wasser und recht guter Infrastruktur für super Stadtteile zum Wohnen. Gerade für Familien mit Kindern bleibt doch ansonsten häufig nur die Alternative, gleich ins Umland zu ziehen und dann eben jeden Tag mit dem Auto von Kirchbarkau, Probsteierhagen oder Langwedel nach Kiel zum Arbeiten und Einkaufen zu pendeln. Aber in der Tat ist das Pendeln ganz unabhängig von möglichen zusätzlichen Binnenpendlern aus Holtenau ein Riesenproblem in Kiel, mit dem ich ja praktisch 24 Stunden am Tag zu tun habe. Womit wir dann halb off-topic bei einem Thema wären, das wirklich eine Herzensangelegenheit für mich ist: Endlich ein modernes Tram-System für Kiel! 😉

17.8.2017 um 23:30
Oliver Pohl
Oliver Pohl:

Klasse Artikel.
Vielen Dank!

18.8.2017 um 05:26
von Pein Claus
von Pein Claus:

Alles so lassen wie es ist . Der Grünstreifen gehört zu Kiel.Gibt genug Bauland am Rande.Die merken doch die Einschläge nicht mehr.Wir brauchen unseren kleinen Flughafen.( wofür wissen die meisten garantiert nicht.)

18.8.2017 um 07:57
Steffen Voß
Steffen Voß:

@Niklas: Das Urbane gehört mittlerweile einfach für eine große Gruppe von Menschen zum Lebensstil. Du hast das Kino vor der Tür, die Kita, den Spanier und lauter tolle Angebote, die Du vielleicht gar nicht wahrnimmst, aber als Möglichkeit haben willst. Ich hab da vor fast 10 Jahren mal zu gebloggt: https://kaffeeringe.de/440/die-reichen-ziehen-in-die-innenstadt/

18.8.2017 um 09:11
Swen Wacker
Swen Wacker:

Ich glaube nicht, dass die fliegenden Autos in Privathand aus dem Jahre 20XX Flughäfen zum Starten oder Landen brauchen. Und wenn ja, dann wäre das Konzept zum scheitern verurteilt.

In ganz Deutschland gehen die Regionalflughäfen nach und nach Pleite, weil die kein tragfähiges Geschäftsmodell haben.

Die Idee, den Flughafen erstmal da zu lassen, weil man ja noch nicht wisse, heißt auch, jedes Jahr Geld in eine Einrichtung zu stecken, deren Sinnhaftigkeit keiner belegen kann.

18.8.2017 um 09:16
Steffen Voß
Steffen Voß:

@Swen: Gibs zu: So hast du auch schon in den 1980ern argumentiert, als die Straßenbahn eingestellt wurde. 😉 Da war Kiel damals auch einfach nur die letzte Stadt Deutschlands, die noch ihre Straßenbahn dicht gemacht hat.

Ich glaube nicht an so radikal andere Verkehrsmittel wie fliegende Autos für alle. Ich kann mir aber vorstellen, dass fliegen so weiterentwickelt wird, dass es nicht mehr die größte legale Form der Umweltverschmutzung ist. Immer mal wieder gibt es Versuche, den Zeppelin zu rehabilitieren. Jetzt gibt es Elektrodrohnen.

Wenn auf dem MFG5-Gelände Gewerbe entsteht, könnte die Möglichkeit des Flughafens interessant für die Unternehmen dort sein.

Keine Ahnung, was die Zukunft bringt. Aber der Mensch wird das Fliegen nicht aufgeben. Warum sollten es die Kieler tun?

18.8.2017 um 09:34
Dirk Mirow
Dirk Mirow:

Das ist ja eine ganz interessante Diskussion hier. Ich finde es gut, dass Steffen Voß sie hier so offen eröffnet. Da es mich auch interessiert, möchte ich das Thema mit einem weiteren Kommentar flankieren. Ich denke, das lohnt sich, denn der Beitrag von Steffen Voß zeigt, dass die SPD in der Frage noch nicht eindeutig festgelegt ist. Welche Argumente sprechen für den Flughafen, welche für Wohnungsbau auf dem Gelände?

Steffen Voß hat ja viele Argumente in erster Linie für den Flughafen angeführt. Ich möchte versuchen, die Diskussion weiter vertieft aus sozialdemokratischer Sicht zu beleuchten. In diesen Wochen werden oft Fragen gestellt wie: Wer braucht eigentlich noch die Grünen oder die SPD? Selbstverständlich wird gerade Letztere gebraucht. Wenn sich die SPD ihr klares Profil als die ArbeitnehmerInnenpartei bewahrt und stets aufs Neue schärft. Dieses hat natürlich einen Markenkern: Soziale Gerechtigkeit. Nun ist teilweise zu Unrecht kritisiert worden dies sei zu allgemein und müsse konkreter gemacht werden.

Einer dieser kleinen konkreten Bausteine für soziale Gerechtigkeit könnte Wohnungsbau sein. Vor allem geht es um bezahlbare Wohnungen. In Hamburg hat die SPD auch mit dem Thema (bezahlbarer) Wohnungsbau in längeren Abständen hintereinander 2 x Wahlen gewonnen. Es kann also ein Gewinner-Thema sein. Ich möchte das näher begründen.

In allen größeren Städten in Deutschland zeichnet sich inzwischen Wohnungsknappheit ab. Vor allem im Bereich bezahlbarer Wohnraum für Geringverdienende und Teile der Mittelschicht. Das Thema ist seit einem halben Jahrzehnt bekannt und war vorhersehbar. Leider auch in Kiel. Da reicht ein Blick in die Berichte des Mieterbundes vor 5 Jahren, welche das Herausfallen von Wohnungen aus der Sozialbindung in den darauffolgenden Jahren mit dem Neubau öffentlich geförderter Wohnungen und dem Neubau von Wohnungen insgesamt verglichen sowie die Prognosen für das Wachstum der Städte.

Und damit die politische Öffentlichkeit fortlaufend über eine dramatisch wachsende Lücke informiert haben. Auch z. B. über die Nutzung des ehemaligen Marineflieger MFG 5 Geländes für Wohnungsbau wird seit über einem halben Jahrzehnt diskutiert. Warum dauert es bei der absehbaren Wohnungsknappheit so lange, bis die Planungen fertig sind und endlich gebaut wird?

Die Mehrheiten für entsprechende Entscheidungen, um darauf zu reagieren, waren auch seit fast einem halben Jahrzehnt überwiegend auf den politischen Entscheidungsebenen vorhanden: auf der kommunalen Ebene mit einer politischen Mehrheit pro bezahlbaren Wohnungsbau in der Stadt mit SPD, Grünen und SSW, auf Landesebene mit der gleichen Mehrheit und auf Bundesebene gibt es (un)bekannterweise eine sozialdemokratische Wohnungsbauministerin.

Natürlich werden, das beschreibt ja Steffen Voß ganz zutreffend, der Bau von Wohnungen auf dem Flughafengelände – das Problem noch nicht ausreichend lösen. Aber es könnte z. b. als Signal zeigen, wir können auch klotzen und haben die Dramatik des Problems erkannt. Nach den Versäumnissen in den vergangenen Jahren. Leider beschreibt Niklas Hielscher in seinem oberen Kommentar das Bild richtig, das es bei Thema in Kiel schon eher 5 nach 12 ist. Das liegt auch daran, dass über das Thema seit einem halben Jahrzehnt mit den oben genannten Mehrheiten pro sozialem Wohnungsbau zwar diskutiert, aber nicht ausreichend gehandelt wurde. Deshalb haben wir jetzt nicht mehr so viel Zeit. Und die Diskussion steht in der Stadt sowieso auf der Agenda und wird geführt. Natürlich ist es aus verschiedenen Gründen schwierig, auf diesem Feld schnell Erfolge zu erzielen. Die Bevölkerung wählt aber Parteien, um ihre Probleme zu lösen. Und will nicht über Jahre hinweg hören, warum alles so schwierig ist. Obwohl auf den genannten entscheidenden politischen Ebenen in den vergangenen Jahren entsprechende Mehrheiten vorhanden waren.

Es reicht, sich dafür einmal die Zahlen bei den Baugenehmigungen. anzuschauen. So waren es z. B. in 2015 rund 1.000 Baugenehmigungen. Das war von der Gesamtzahl ein gar nicht so schlechtes Jahr. Soweit so gut. Es bleiben die Zahlen für 2016 abzuwarten, die vermutlich schon vorliegen und weitere vergangene Jahre zu vergleichen. Entscheidend ist aber dabei noch eine andere Zahl. Wie hoch war an den erteilten Baugenehmigungen der Anteil an öffentlich geförderten Wohnungen? Der betrug rund 15 % in 2015. Der immer wieder selbstgelobte Masterplan Wohnen, den die Stadt mit der Wohnungswirtschaft vereinbart hat, hat 2 Ziele: 1. Mehr Wohnungen bauen. 2. Mehr bezahlbare Wohnungen bauen. Dabei wird ein Anteil von 30 % öffentlich gefördertem Wohnraum angestrebt.

Nachdem dieses Ziel in 2015 um ca. 50 % verfehlt wurde, sieht es hoffentlich in 2016 wesentlich besser aus. Eigentlich hätte es – um das verfehlte Ziel von 2015 auszugleichen – in 2016 einen Anteil von 45 % geben müssen. Wenn das der Fall ist, dann nehme ich diesen Kommentar zurück. Wenn es bei nur 15 – 20 % Anteil öffentlich gefördertem Wohnraum über die Jahre blieb und bleibt, dann ist die Frage nach dem Erfolg des unter sozialdemokratischer Federführung entstandenen Masterplans Wohnens erlaubt. Seit einem halben Jahrzehnt wird darüber diskutiert, ob die Stadt wieder selbst bauen soll. Jetzt endlich wird damit begonnen, leider nur kleckerweise.

Die SPD war immer dann gut und bei Wahlen erfolgreich, wenn sie das Thema soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlicher Kompetenz verbunden hat. Inzwischen werden auch in Kiel Fachkräfte gesucht und dies wird in den kommenden Jahren noch zunehmen. Beim Thema Fachkräfte geht es ja überwiegend nicht um Hochschulabsolventen, sondern Menschen mit dualen Berufsabschlüssen. Dies betrifft zunehmend das Handwerk, insbesondere die Bauwirtschaft. Diese Menschen – klassische ArbeitnehmerInnen, welche die SPD vertritt – brauchen Wohnungen, die nicht zu teuer sind. Sie sind gute Steuerzahler. Die sich als Arbeiter und Angestellte dem Zahlen von Steuern nicht entziehen können.

Wohnungsbau auf dem Flughafen kann mit einem gewissen Anteil an Gewerbe verbunden werden. Dadurch können schnell mehr als die rund 60 Arbeitsplätze entstehen, die als Vollerwerbsarbeitsplätze auf dem Flughaben vorhanden sind. Bei einer solchen Mischung mit Gewerbe würde ich von rund 1.200 Wohnungen ausgehen. Das wäre ein starker Beitrag gegen die Wohnungsknappheit in Kiel, die es auch in 5 Jahren noch geben wird, wenn die Wohnungen dort schon stehen könnten. Dann muss jetzt die Entscheidung fallen, damit die Wohnungen dann auch fertig sind. Das Beispiel MFG 5 Gelände zeigt, wie lange so etwas in Kiel leider dauert. Insgesamt kann so aus den genannten Gründen ein solcher neuer kleiner gemischter Stadtteil in Zeiten von Wohnungsknappheit zu einem Standortvorteil werden.

Und es geht hier eben auch um Geringverdienende mit Kindern wie die Krankenschwester, den Polizisten im mittleren Dienst oder die Hotelangestellte und viele andere, die auf mehr bezahlbaren Wohnraum angewiesen sind. Das sind die sogenannten kleinen Leute, für die die SPD auch weiterhin da ist. Und da der Flughafen der Stadt gehört, könnte hier der angestrebte Anteil des Masterplans Wohnen von 30 % öffentlich gefördertem Wohnraum auch sicher gestellt werden.

Und nicht nur für eine kleine Gruppe von Privatfliegern, die in erster Linie vom Flughafen profitieren. Die übrigens eher nicht SPD wählen. Für die jährlich durch den Steuerzahler rund eine halbe Million für den Flughafen aufgebracht werden. Dier Erneuerung der Landebahn steht in den kommenden Jahren auch an. Das wird auch nicht unter € 3 Mio. zu haben sein. Die SPD sollte mit ihrer sozialen und wirtschaftlichen Kompetenz das Thema (bezahlbarer) Wohnungsbau auch in Kiel wieder klar besetzen – und intensiv darüber nachzudenken, dies auch für den Flughafen zusammen mit einem Anteil an gemischtem Gewerbe in Erwägung zu ziehen. Und dies nicht als eine offene Flanke als Partei der sozialen Gerechtigkeit anderen Parteien wie den Grünen und der Linken im Kommunalwahlkampf überlassen.

In der Abwägung der Argumente pro Flughafen und pro Wohnbebauung würde ich mich für Wohnungsbau entscheiden. Als Chance für einen neuen Stadtteil. Ich bin gespannt wie sich die Kieler SPD entscheidet.

20.8.2017 um 15:46
Tim Holborn
Tim Holborn:

Als Geschäftsführer der Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen in Kiel dürfte klar sein, welche Haltung ich vertrete. Ich finde es ausgesprochen gut, in welcher Form Steffen dieses Thema angesprochen hat – auch wenn unsere Positionen nicht allzu viele Schnittmengen haben. Befürworter*innen des Flughafens und einer neuen Nutzung dieses wunderbaren Geländes haben bereits viele Argumente genannt, die ich nicht alle wiederholen will. Mindestens zwei Aspekte sind allerdings bisher nicht beleuchtet worden:
1. Kiel als flächenarme Stadt ist nicht nur knapp an Arealen, auf denen Wohnungsbau stattfinden kann. Kiel braucht auch Flächen für Gewerbe, damit Arbeitsplätze erhalten und neue gewonnen werden können. Rechnerisch ist spätestens 2018 die Nachfrage nach Gewerbeflächen größer als das Angebot, hat der OB vor einiger Zeit erklärt. Faktisch ist das längst der Fall. Auch dafür bietet die bisher als Flughafen (zu wenig) genutzte Fläche vielen Chancen, auch durch ihre Verkehrsanbindung.
2. Die Umnutzung des Flughafens böte auch neue Perspektiven für das MFG-5-Gelände. Dort sollen nach bisherigem Planungsstand 27 ha für Gewerbe genutzt werden, weil die (möglichen) Immissionen des Flugverkehrs keine andere Nutzung zulassen. Ohne Fliegerei könnten diese Flächen mit ihrer fast einzigartigen Lagegunst für Freizeit, Tourismus und Naherholung genutzt werden.
Insgesamt böte sich die einmalige Chance für die Stadtentwicklung Kiels, dort langfristig Bedarfe für Wohnungsbau und Gewerbe zu decken. Und dabei hätten wir die Chance, innovative Konzepte umzusetzen, die fernab irgendwelcher Luftfahrtsphantasien für alle zugänglich wären und ein Miteinander von Wohnen, Arbeiten und Leben realisieren.

21.8.2017 um 16:33
Steffen Voß
Steffen Voß:

Ich glaube, es gibt niemanden, der sinnvollerweise bedingungslos am Flughafen hängt. Ich selbst bin überhaupt kein Fan davon, dass inzwischen jeder immer überall hin fliegt – Meeting in München, Shopping in London… Fliegen ist die größte legale Art, die Umwelt zu verschmutzen.

Aber es gibt auch sinnvolle Anwendungen – zum Beispiel die Organtransporte. Der Flughafen Holtenau stellt die einzige Option auf diese Art Mobilität im Umkreis von 60 Kilometern dar. Es stellt sich deswegen nicht nur die Frage nach dem Kieler Wohnungsmarkt und wir sollten eine verantwortungsvolle Diskussion darüber führen.

Ich weiß nicht, ob die Zuspitzung eines Bürgerentscheids der Sache dienlich ist – zumal es keinen konkreten Plan gibt, über den man abstimmen könnte. Es geht in den Bürgerentscheid erst einmal darum den Flughafen dicht zu machen. Das ist meine Hauptkritik und ich habe einige Fragen:

Auch die Schließung des Flughafen scheint keine Lösung für das grundlegene Problem der Stadt zu sein: Kiel gehen die Flächen aus – für Wohnen wie für Gewerbe. Wäre es nicht langfristig sinnvoller an diesem Punkt anzusetzen? Denn unbebaute Fläche gibt es im Umland doch genug.

Es ist doch absurd, wenn wird Kiel immer enger und enger bebauen und rund herum ist Brache. Wir schließen dafür den einzigen Flugplatz in der Umgebung und selbst die Anzahl von 1800 Wohnungen, die zurzeit im Raum steht, sind nicht einmal annähernd eine Lösung für das Wohnungsproblem.

1800 Wohnungen – das ist, was die Stadt in einem Jahr bauen müsste! Und dann sollen noch Planungswerkstätten, Bürgerbeteiligung und Bodensanierungen vorgeschaltet werden – in wieviel Jahren sind dann die Wohnungen bezugsfertig?

1800 Wohnungen ohne Gewerbe – sind das 1800 Familien, die pendeln müssen? 1800 zusätzliche Autos in der Stadt? Oder man mischt es doch mit Gewerbe – im Konzept der Stadt sind es dann nur noch 220 Wohnungen. Dann würden wir den Flugplatz für 220 Wohnungen aufgeben. Ist es das wert?

Ich hoffe, dass diese Art Fragen im Laufe des Bürgerentscheids geklärt werden und es am Ende nicht eine Abstimmung über „die da oben“ wird – sowohl bei Möbelkraft, als auch bei Olympia waren das ja schon starke Störmungen, die eine sachliche Diskussion schwierig gemacht haben. Da müssen die Grünen ihre Partner im Griff behalten!

21.8.2017 um 17:16
Benjamin Raschke
Benjamin Raschke:

Moin moin,
auch vorweg die Info zur Person: Ratsmitglied und in der SPD-Ratsfraktion.
Die Erwägungen zum Bürgerentscheid kann ich gut verstehen – es ist auf der einen Seite die direktes Möglichkeit, um Politik zu erleben und auch daran teilzuhaben. Aber es gibt halt auch einige problematische Punkte, z.B. wer alles zur Abstimmung geht und überhaupt die Zeit und Muße hat, sich mit der Fragestellung zu beschäftigen. Und was machen diejenigen, die sagen: „Wenn schon, dann soll es ein Flugplatz mit einer längeren Landebahn sein – sonst bin ich dagegen.“ Die sind bei der geplanten Ja-Nein-Frage gekniffen. Politik ist halt mehr als 👍 oder 👎.
Aber das ist das „technische“ Problem eines Bürgerentscheids – es wären auch andere Formen denkbar, aber das müsste auf Landesebene beschlossen werden.
Das Argument des Wohnungsbaus auf dem jetzigen Verkehrslandeplatz empfinde ich aber als Trugbild: Selbst in dem Regionalwirtschaftlichen Gutachten wird eine Perspektive von 15 bis 20 Jahren aufgezeigt – wenn denn alles gut läuft. Erstmal kann man den Landeplatz nicht sofort schließen, den Firmen muss eine faire Zeit zum Umzug gegeben werden und auch der Transport von Organen ins Uniklinikum muss unorganisiert werden. Dann können erst die Bodenuntersuchungen stattfinden, denn was genau an Treibstoffen, Kriegsmunition usw. im Boden steckt kann niemand genau sagen. Das kann alle Planungen gewiss noch mal um ein paar Jahre zurückwerfen. Danach hätte man eine nutzbare Fläche, die man zwischendurch ja auch schon planen kann – aber sie muss auch erst noch erschlossen werden mit Strom, Wasser und Abwasser, Straßen usw. Und dann, dann können dort Wohnhäuser gebaut werden. Und die werden allein wegen dieses Aufwands vorab auch nicht billig zu bauen sein, d.h. der Anteil an bezahlbarem oder gar sozial gefördertem Wohnraum wird eine harte Verhandlungssache …
Also, um es kurz zu machen: Die Versprechungen, die mit dem Bürgerentscheid verbunden werden, sind aus meiner Sicht unrealistisch und sehr unsicher. Wir wissen ja gar nicht, ob Kiel auch 2035 gegen den demografischen Trend auf Wachstumskurs ist. Vielleicht schaffen wir uns dann nur eine riesige Brachfläche.
Ehrlicher wäre, wenn wir wirklich eine Diskussion über den Verkehrslandeplatz führen – ob der geschlossen wird oder nicht ist ja das Hauptanliegen des Bürgerentscheids. Und ich finde, da gibt es gute Argumente auf beiden Seiten, da braucht man das Trugbild des Wohnungsbaus gar nicht.

22.8.2017 um 09:26
Tim Holborn
Tim Holborn:

Also, ob der Themenkomplex Wohnungsbau in Kiel ein Trugbild ist oder nicht, mag ja jede/r für sich selbst entscheiden. Ein Blick in den städtischen Sozialbericht oder den aktuellen Mietspiegel liefert Fakten jenseits der persönlichen Befindlichkeit. Aber, wie bereits gesagt: Es geht hier nicht nur um Wohnungsbau. Befürworter*innen des Bürgerentscheids sprechen sich für ein mischgenutztes Quartier aus, das keineswegs eine Außenbereichsentwicklung der Landeshauptstadt darstellte, sondern vielmehr eine Lücke zwischen zwei Stadtteilen schlösse. Und ein Bürgerentscheid zugunsten einer Umnutzung nähme natürlich auch keine Entscheidungen vorweg, was dort (und auf dem MFG-5-Gelände!) dann passieren soll. Altlastenuntersuchungen und Planungsprozesse können übrigens parallel anlaufen, und eine Erschließung des Geländes treibt keinem Planer Angstschweiß auf die Stirn. Bei der Entwicklung der Flächen fallen übrigens – je nach Verwendungszweck – auch Erllöse an, die sicher helfen werden, die Wirtschaftlichkeit sicher zu stellen.

22.8.2017 um 13:37
Benjamin Raschke
Benjamin Raschke:

Herr Holborn, Sie argumentieren unfair, wenn Sie unterstellen, ich hätte den „Themenkomplex Wohnungsbau“ als Trugbild bezeichnet. Ich habe sehr deutlich geschrieben, dass ich das Contra-Flughafen-Argument gemeint habe. Das ist das Trugbild.
Andersherum wird ein Schuh draus: Es ist schon sehr zweifelhaft, wenn die aktuelle Wohnungsknappheit herangezogen wird, um den Flughafen zu schließen. Da wird die tatsächliche Not instrumentalisiert, um eine ideologische Position mit einer Phantasie-Lösung zu verknüpfen. Dann soll man doch bitteschön so ehrlich sein und diese Contra-Flughafen-Position vertreten.

22.8.2017 um 13:51
Steffen Voß
Steffen Voß:

Gentlemen. Bitte bleibt fair. Bitte unterstellt einander keine Dinge. Dann bekommt die Diskussion eine Richtung, die der Sache nicht hilft.

22.8.2017 um 13:59
Tim Holborn
Tim Holborn:

Es war nicht meine Absicht, jemand etwas zu unterstellen. Noch wollte ich Wohnungsnot „instrumentalisieren“. Aber es ist doch in der Politik erlaubt, Lösungsvorschläge für erkannte Probleme vorzuschlagen. Und das erfolgreichste Instrument gegen überteuerte Immobilienpreise ist nun einmal die Schaffung neuen Wohnraums. Dazu braucht es Flächen, die es in Kiel absehbar verfügbar nur noch an zwei Stellen in größerer Zahl gibt: im Kieler Süden, der dank seiner Struktur und Lage mehrheitlich im Bereich des Einfamilien- und Doppelhausegmentes Bedeutung erlangen wird; und auf dem Komplex Flughafen/MFG-5-Gelände. Im Bereich der gewerblichen Flächenentwicklung gilt Ähnliches: Die Stadt braucht Flächen, um die Nachfrage zu befriedigen. Dabei geht es keineswegs nur um neue Investoren. Auch für Bestandsunternehmen, die erweitern oder sich verändern wollen, werden Reserven benötigt. Bestes Beispiel dafür ist die erfolgreiche Verlagerung von EDUR im Stadtgebiet. Genauso wie Herr Raschke und andere bin ich der Meinung, dass es an der Zeit ist, über den Nutzen der Fläche zu diskutieren, die noch als Flughafen ausgewiesen ist – darum das Bürgerbegehren!

22.8.2017 um 15:35
Dirk Mirow
Dirk Mirow:

@ Benjamin Raschke, Steffen Voß & Tim Holborn:

Es bleibt ein offener Prozess. Unter uns Diskutanten besteht Einigkeit: In Kiel müssen mehr Wohnungen gebaut werden. Und wir sind uns auch einig, es muss dabei auch in Zeiten stark steigender Mieten in Kiel ein deutlicher Anteil höherer Anteil bezahlbarer Wohnungen entstehen. Wir sprechen über eine der großen Herausforderungen der Stadtpolitik. Ich will den Aspekt bezahlbarer Wohnungen und Kieler Situation bei öffentlich geförderten Wohnungen nochmal ganz klar deutlich machen.

Der Sozialwohnungsbestand in Kiel ist binnen kürzester Zeit um mehr als 50 % eingebrochen – alleine um 3.280 geförderte Wohnungen im Jahre 2014. Von früher rund 15.000 Sozialwohnungen sind nur noch 6.200 übrig geblieben und die befinden sich zum größten Teil auch noch in der Hand von Finanzinvestoren. Diese Entwicklung war für jeden absehbar. Der Masterplan Wohnen strebt einen Anteil von öffentlich gefördertem Wohnraum von 30 % an. Wurden diese in den vergangenen Jahren erreicht? In 2015 waren es ca. 15 %. Zu 2016 kenne ich keine Zahlen. Wer sie kennt, bitte einmal hier bekannt geben.

Der weitere Abschmelzprozess bei den Sozialwohnungen ist wegen der Darlehenstilgungen vorprogrammiert. Wenn die Stadt 30 % der im Masterplan für die Neubautätigkeit vorgesehenen 800 Wohnungen mit öffentlicher Förderung errichten will, entspricht dies rund 270 neu zu bauenden Sozialwohnungen jährlich. Es würde zwölf Jahre dauern, um allein nur die in 2014 entfallenen Sozialbindungen zu kompensieren. Der reguläre Abschmelzprozess wäre dabei noch völlig unberücksichtigt. Hier im Bereich des mangelnden sozialen Wohnungsbaus liegt der Kern der dramatischen Herausforderung für die Kieler Stadtpolitik.

Bei den beiden größten innerstädtischen Bauvorhaben Schlossquartier und Alte Feuerwache beträgt der Anteil an öffentlich geförderten Wohnungen 0 %. Bei den Wohnungen im Projekt Alte Feuerwache gibt es ein paar Studierendenwohnungen, diese sind jedoch nicht durch öffentliche Wohnungsbauförderung entstanden. Warum sollen in einer überwiegend sozialdemokratisch regierten Stadt nicht auch Menschen mit wenig Einkommen in der Innenstadt wohnen können?

Bei den Neubauten rund um das geplante Holstenfleet setzt sich das fort, wie die KN vor wenigen Tagen berichteten. Auch dort wird es Eigentumswohnungen und Penthouses – für Normalverdiener unerschwinglich – geben. Interessanterweise warnt in dem Artikel die Hotelwirtschaft in Kiel selbst davor, keine Überkapazitäten zu schaffen: Am Holstenfleet sollen zwei neue Hotels entstehen. Der OB sprach noch vor wenigen Monaten von einem zusätzlichen Bedarf an Hotels für Kiel. Bei der Bebauung der Hörn ist derzeit immerhin ein Anteil von
20 % öffentlich geförderter Wohnungen vorgesehen. Das sind bei 350 geplanten Wohnungen immerhin 70. Hoffen wir, dass diese Ankündigung eingehalten wird. Natürlich ist es in der Innenstadt besonders schwer, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Diese Entwicklungen und die Zahlen insgesamt zeigen: Es werden erstens viel zu wenige Wohnungen gebaut. Und darunter sind viel zu wenige öffentlich geförderte. Die Bilanz ist gerade für eine Stadt mit einer rot-grün-SSW Mehrheit in der Ratsversammlung sehr ernüchternd. Es wurde zu wenig gehandelt. Daher ist der Handlungsdruck jetzt sehr stark. Und es muss in den kommenden Jahren sehr konsequent und schlagkräftig gehandelt werden, um die Versäumnisse der Vergangenheit wieder aufzuholen.

Der Wohnbauflächenatlas, der auch viele kleinere Flächen sowie Nachverdichtung mit dem Schließen von Baulücken, Bebauung von Hinterhöfen, Aufstockungen und Dachgeschossausbau – was nicht einfach sein wird und auch nicht von heute auf morgen passiert – vorsieht, ist dabei ein großer Sprung nach vorn. Hier stellt sich vor dem Hintergrund der oben beschriebenen dramatischen Situation im Bereich der Sozialwohnungen die Frage, ob sich bei den Flächen des Wohnbauflächenatlas der angestrebte Anteil von 30 % öffentlich geförderter Wohnungen realistisch erreichen lässt. Daher sollten gerade große Flächen wie der Flughafen, wo neben Gewerbe sicher 1.200 Wohnungen entstehen könnten, nicht ausgeklammert werden. Auch wenn dadurch die Wohnungsknappheit in Kiel noch nicht gelöst wäre.

Natürlich bedeutet jeder Wandel auch Veränderungen. Benjamin Raschke hat diese beschrieben. Sie scheinen mir nicht unüberwindbar. Dagegen steht die Chance, einen neuen kleinen Stadtteil entstehen zu lassen mit attraktivem, genossenschaftlichem, familienfreundlichem Wohnen, nachhaltigem und grünen Wohnen gemischt mit Gewerbe. Mit einem gesicherten Anteil von 30 % öffentlich geförderter Wohnungen, da der Flughafen der Stadt gehört. Gerade weil ein so großes Projekt den beschriebenen Vorlauf hat, muss jetzt entschieden werden. Damit dann mit den Planungen begonnen werden kann. Diese Chance sollte sich Kiel nicht entgehen lassen. Und sich die Frage stellen, ob ein Flughafen für Privatflieger in Zeiten des Klimawandels eigentlich noch zeitgemäß ist, wenn Fliegen die klimaschädlichste Art der Fortbewegung ist.

24.8.2017 um 16:28

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