Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Facebooks Cryptowährung : Libra – Das Anti-​Bitcoin

Alter man zählt Geldscheine
Eine Währung für Menschen ohne Konto? | Foto: Bindalfrodo / CC-BY-SA

Steffen Voß

Facebook startet 2020 eine eigene digitale Währung: „Eine einfache, globale Währung und Finanzinfrastruktur, die Milliarden Menschen Teilhabe ermöglicht.” Die Währung soll „Libra” heißen. Die Kontrolle über Libra will Facebook mit Kapitalanlage-​Firmen, Kreditkarten-​Unternehmen und anderen Tech-​Konzernen teilen.

Mit Libra sollen Kunden zunächst innerhalb des Facebook-​Messengers und WhatsApp bezahlen können. Facebook hofft, dass später auch andere Dienste Zahlungen in Libra akzeptieren werden. Zu den Partnern gehören Mastercard, Paypal, Lyft, Spotify und Vodafone. Nutzer sollen echtes Geld in Libra umtauschen, um damit noch einfacher online bezahlen zu können.

„Blockchain” als Marketing-​Begriff

Die eigens gegründete Tochter-​Firma Calibra soll sich um die Entwicklung der nötigen Infrastruktur kümmern. Technisch basiert auf Libra teilweise auf der Blockchain-​Technologie, die bis vor Kurzem als Patentrezept für alles galt. Das Paradebeispiel war die Kryptowährung „Bitcoin”, die die Menschen von der Macht der Banken und Staaten befreien sollte und dann durch extreme Wert-​Schwankungen an Vertrauen verlor.

Libra ist das Anti-​Bitcoin: Die digitale Währung wird von Konzernen kontrolliert. Während Bitcoin anonym, offen und dezentral ist, wird der Zugang zur Libra-​Infrastruktur von Facebook und seinen Partnern kontrolliert: Sie entscheiden, wie viele Libra es gibt und bestimmen damit Wert und Inflation. Die Konzerne übernehmen die Funktion einer Zentralbank. Von der Idee der Blockchain bleibt nur der Marketing-​Begriff. Denn die Blockchain wird gar nicht benötigt.

„Wenn man sich vor Augen hält, dass Facebook schlicht ein weltweites Bank- und Bezahlsystem aufbauen will, gibt es offensichtlich keine guten Gründe dafür, das basierend auf einer Blockchain umzusetzen.”

Jemima Kelly

Facebucks für die Armen? Facebook als Streetworker?

Das Vorbild für Libra dürfte das chinesische „WeChat” sein – eine App, in der man alle Transaktionen des täglichen Lebens abwickeln kann.

Facebook zielt mit Libra auch auf Menschen in Ländern ohne vernünftige Finanzinfrastruktur – Menschen ohne Bankkonto. 1,7 Milliarden Menschen auf der Welt haben kein Bankkonto – 2/​3 der Menschen haben ein Mobiltelefon.

Facebook beschäftige sich nicht ernsthaft mit diesem Phänomen, beklagt Brendan Greeley bei „The Business Times”: „[…] Facebook kümmert sich nicht genug um das Problem von Menschen ohne Bankkonto, als dass das Unternehmen eigene Forschung anstellt, um das Problem besser zu verstehen. […] Facebook scheint zu denken, dass das nur ein organisatorisches Problem ist, das man mit privaten Investitionen und Techniker aus der Distanz lösen kann. Leute, die wirklich etwas daran ändern wollen, gehen das Problem ganz anders an: als soziologische Herausforderung, die man mit Bildung und Einrichtungen vor Ort anpackt.”

Die Hälfte der Menschen ohne Bankkonto in den USA(!) haben kein Bankkonto, weil sie gar kein Geld haben, das sie dort deponieren könnten, erklärt Brendan Greeley. Das Problem ließe sich nicht lösen, indem man ein Bankkonto im Internet zur Verfügung stelle. Facebook müsse eigentlich Filialen in armen Stadtteilen einrichten und den Menschen einzeln helfen, in ihr System zu kommen. Dazu allerdings benötige man keine neue Währung. Das ginge auch mit dem Dollar.

Eine Währung der Konzerne – nicht der Menschen

Libra soll nicht so stark schwanken wie Bitcoin, weil die Konzerne dafür sorgen wollen, dass alle Transaktionen in Libra jederzeit in klassischer Währungen gedeckt sind. Dieses „Narrow Banking”-Prinzip würde die Währung sogar stabiler machen als klassische Banken. Die müssen nur einen Teil des verliehenen Geldes vorhalten.

Für Staaten kann das ein Problem sein, wenn sie die Möglichkeit verlieren, die Wirtschaft anzukubeln, indem sie ihre Währung abwerten, wenn große Teile der Bevölkerung ihr Geld in die stabile Alternative übertragen.

Für andere Unternehmen kann es ein Problem sein, wenn sie von der Nutzung der Währung ausgeschlossen werden, warnt Facebooks Mitgründer Chris Hughes.

Und für Nutzerinnen und Nutzer kann es ein Problem werden, wenn sie durch einen Verstoß gegen die Nutzungsregeln von Facebook mit ihrem Facebook-​Account auch noch ihr Konto und ihr Geld verlieren.

Problem: Datenschutz und Vertrauen

Für Facebook ist eine eigene Währung mit einem eigenen Bezahlsystem eine riesige Chance, die Menschen noch mehr an sich zu binden und noch mehr Daten über sie zu sammeln. Heute bereits weiß Facebook, wer wir sind, wer unsere Freunde und Familie sind, für was wir uns interessieren, was wir mögen und was wir hassen, wann wir wach sind und wann wir schlafen. Zukünftig werden sie wissen, für was wir wie viel Geld ausgeben, wann und wo.

Selbst wenn Libra nicht die Probleme der Dritten Welt löst, hat Facebook genügend Möglichkeiten, die Nutzer der westlichen Welt in ihr System zu locken – all die Nutzer von Facebook, dem Messenger, WhatsApp und Instagram.

Wenn Werbekunden zunächst Rabatte bekommen, wenn sie in Libra zahlen und dann nur noch in Libra zahlen können, wird das eine große Gruppe sein, die sich daran gewöhnt. Viele jüngere Nutzer kennen digitale Währungen aus Computerspielen, wo sie eher dazu dienen, den wahren Preis der Dinge zu verschleiern.

Das wird trotzdem nur funktionieren, wenn die Menschen Facebook ihr Geld und ihr Konsumverhalten dem Konzern anvertrauen. Da Facebook zurzeit in einer Vertrauenskrise steckt, sollen die Partner vermutlich auch für die nötige solide Aura sorgen.

Auch ob sich die Staaten das Ruder so einfach aus der Hand nehmen lassen, ist fraglich. Die Reaktionen aus der Politik sind entsprechend kritisch: „Alles, was in dieser Welt funktioniert, wird sofort systemrelevant und wird in höchstem Maß reguliert werden”, sagt Mark Carney von der Bank of England.

Die Bank-​Regulierer werfen Fragen nach Datenschutz, Geldwäsche und Terrorfinanzierung auf. Man wundert sich, dass sich Facebook nach all den Fragen von Meinungsfreiheit, Politikbeeinflussung und Hatespeech auch noch diese Themen ans Bein binden will.

Ich erinnere mich daran, dass auch die Betreiber von Second Life damals mit dem „Linden Dollar” eine eigene Währung angeboten haben, die dann in Schwierigkeiten geriet. Aber für Facebook wäre es natürlich großartig, wenn die Menschen an die Dienste von Facebook gebunden wären, wie die Chinesen an WeChat.

Ich verstehe weiterhin nicht, warum vor allem die USA zulassen, dass ein Konzern wie Facebook sind in immer mehr wirtschaftliche Bereiche vordringt und immer mehr Marktmacht ansammelt. Jetzt will sich der Konzern mit einer eigenen Währung noch weiter der staatlichen Kontrolle entziehen.

Cory Doctorow hat auf der re:publica deutlich gemacht, dass das Kartellrecht in den USA nicht immer so schwach war. Die Frage, ob Marktkonzentration negative Auswirkungen auf die Konsumentenpreise haben, darf nicht das einzige Kriterium bei der Beurteilung sein.

Ich halte nichts von so einer Konzern-​Währung. Ich befürchte aber, dass sie sich dank der vielen unkritischen Nutzerinnen und Nutzer all der beteiligten Dienste durchsetzen wird und man dann für bestimmte Dinge keinen Bogen mehr darum machen kann.

Es wäre großartig, eine stabile, globale Bezahlmöglichkeit zu haben, die so anonym ist wie Bargeld für die Beträge des Alltags und die es trotzdem ermöglicht, dass Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Terrorfinanzierung verfolgt werden können. Bis dahin zahle ich auch gerne mal in bar.

Links

Hat’s Dir gefallen? Bitte teilen:



Kommentare

Achim Gras
Achim Gras:

Danke für die gute Sammlung und den Überblick, Steffen.
Deine Sorgen teile ich.

28. Juni 2019 um 16:14
Franz
Franz:

vielleicht mal damit anfangen, Facebook von der eigenen Seite zu werfen, um evl. sowas wie Mastodon zu nutzen?
(der RSS-​Feed ist da, gut)

21. September 2019 um 12:28
Steffen
Steffen:

Du meist als Sharebuttons? Bei Diaspora war das immer kompliziert. Geht das bei Mastodon einfacher? Nen Account hab ich ja: kaffeeringe@social.tchncs.de

21. September 2019 um 20:38

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.