Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Wissenschaft : Politik macht dumm

Frau mit einem Protestschild:
Frau mit einem Protestschild: "Make America Think Again" | Foto: Rosemary Ketchum /Pexels

Steffen Voß

Demokratie ist der Streit um das bessere Argument. So heißt es oft in Reden und Leitartikeln. Die Forschung zeigt: In politischen Fragen überzeugen Argumente nicht – sie vertiefen die Gräben.

Die gängige These der Demokratie ist: Die Kritiker brauchen nur genügend Information, dann würden sie schon ihre Meinung ändern. Zum Beispiel davon, dass es die Klimakrise gibt und dass man handeln muss.

Warum überzeugen all die guten Argumente in der Klimafrage viele Leute nicht? Der Jura-​Professor Dan Kahan von der Universität Yale ist dieser Frage nachgegangen.

Die These von Dan Kahans Team war eine andere: Es scheitert nicht am Mangel an Informationen. Vielleicht bezweifeln die Menschen die Erkenntnisse der Wissenschaft gar nicht. Könnte es sein, dass sie die Wahrheit gar nicht wissen wollen, sondern nur einen Streit gewinnen. Vielleicht sind Fragen des gesellschaftlichen Status viel wichtiger als die Wahrheit – welches Standing habe ich in meinem Bekanntenkreis? Wem würde ich mit einer geänderten Meinung vor den Kopf stoßen?

Das würde bedeuten: mehr Information rüsten die Teilnehmer nur besser für den Streit und vertieft die Gräben.

1000 Menschen befragt

In einer Umfrage hat Dan Kahans Team eintausend Amerikanerinnen und Amerikaner befragt. Sie haben vorgegeben, dass es um die Mathematik-​Fähigkeiten ginge und im Fragebogen die Erkenntnisse aus einer medizinischen Studie vorgelegt:

Patienten mit Hautausschlag sollten zwei Monate lang eine bestimmte Creme benutzen. Im Ergebnis konnte man erkennen, dass die Creme bei vielen Patienten den Hautausschlag verbessert hat, bei einigen verschlechtert. In der Vergleichsgruppe ohne die Creme waren beiden Zahlen geringer.

Die Befragten von Dan Kahans Studie sollten einschätzen, ob die Creme eher einen positiven oder eher einen negativen Effekt habe. Die Antwort ist schwierig, denn man muss rechnen, um zu einem objektiven Ergebnis zu kommen. Dazu muss man den Kopf wirklich einschalten. Das haben in dem Test die Menschen gleich schlecht hinbekommen – egal ob sie sich als liberal oder konservativ einschätzten.

Eine Frage der Ideologie

In einer zweiten Befragung hat Dan Kahan eine Frage zu Waffengesetzen gestellt. In den USA ist das ein sehr umstrittenes Thema zwischen Liberalen und Konservativen. Die Studie sollte zeigen, dass ein Verbot vom verdeckt getragenen Waffen tatsächlich die Zahl der Verbrechen in einer Stadt senkt. Waffenkontrolle wirkt!

Das führte dazu, dass Liberale plötzlich sehr gut rechnen konnten und das Verhältnis korrekt einschätzten während Konservative vermehrt falsch lagen.

Zusätzlich lagen konservative Teilnehmer mit geringen Mathe-​Fähigkeiten weniger häufig daneben. Die ideologische Natur der Fragestellung hat also gerade schlaue Leute „dümmer” gemacht. Die Leute haben sich nicht überlegt, was die richtige Antwort ist. Sie haben sich gefragt, welche Antwort ihnen besser passt. Den schlauen Leuten ist es offenbar leichter gefallen, das für sich zu erkennen.

Man kennt das aus Diskussionen mit Klimaskeptikern. Die kennen oft eine ganze Menge Forschung zu dem Thema. Sie suchen sich aber nur die Dinge dabei heraus, die ihr Weltbild bestätigt. Dan Kahans Team hat weiterhin herausgefunden, dass Menschen nur Experten als solche Experten anerkennen, wenn sie ihr Weltbild bestätigen.

Die Filterbubble

Die Existenz von Filterblasen im Internet ist umstritten. Sorgen Twitter und Facebook tatsächlich dafür, dass wir nur noch Posts von gleich denkenden Menschen erhalten? Der Datenanalyst Luca Hammer hat die deutsche Twittersphäre zur re:publica 2019 untersucht. Er hat herausgefunden, dass es in Deutschland durchaus eine linke und eine rechte Twittersphäre gibt. Aber vielleicht ist das auf Basis von Dan Kahans Erkenntnissen gar nicht so schlecht.

In Sean Carrolls Mindscape Podcast erzählt Erza Klein, von einem Experiment mit diesem Phänomen bei Twitter. Forscher abonnierten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Twitter-​Accounts von der anderen politischen Seite. Sie hatten also mehr politische Gedanken der anderen Seite in ihrer Timeline. Im Ergebnis hat das nicht ihr Verständnis der anderen Seite vergrößert, sondern Liberale noch liberaler und Konservative noch konservativer gemacht.

Bringt der Zugang zu all den Informationen im Internet die Menschen eher dazu, sich in ideologischen Blase zu verschanzen?

Problem Populismus

Der Populismus von Donald Trump oder der AfD in Deutschland haben das Problem vergrößert. Es geht in den strittigen Fragen nicht mehr nur um politische Inhalte. Allein zu berichten, was ein AfD-​Politiker gesagt hat, kommt bei den Anhängern wie üble Nachrede an.

So eine Seite wie das-ist-afd.de hält den AfD-​Anhängern den Spiegel vor. Das gilt es im Sinne der eigenen geistigen Hygiene dann umzukehren. Dann ist es ein angeblich gemeiner Angriff der „Antifa” gegen den eigenen konservativen Standpunkt. Wenn der AfD-​Anhänger erkennen würde, wem er da nachläuft, müsste er sich plötzlich vor seiner Familie und seinen Bekannten rechtfertigen.

Abschirmung der Identität

Die gute Nachricht ist, dass das nur für einige wenige Fragen gilt. Von den meisten Themen wissen die Menschen gar nicht genug, um zu erahnen, welche falsche Antwort ihre soziale Stellung bedrohen könnte. In diesen Feldern kann man sie mit Fakten überzeugen. Menschen schirmen sich nur geistig gegen Argumente ab, die ihre Stellung in ihrer sozialen Gruppe bedrohen.

Dan Kahan meint, dass Menschen nicht nur den politischen Streit über diese hoch-​ideologischen Thesen wahrnehmen und sie dann verdrängen. Sie nehmen auch die realen Auswirkungen war. Wie kommt Trumps Wirtschaftspolitik tatsächlich bei mir an: Was steht am Ende des Jahres auf der Steuerabrechnung? Habe ich einen guten Job? Anhand dieser eigenen Erfahrung könnte ein Umdenken wachsen. So ist zumindest die Hoffnung.

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