Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Journalismus : Der Amoklauf von Winnenden hat mein Medienverhalten verändert

Rauschender alter Fernseher
Foto: WeekendPlayer / CC-BY-SA

Steffen Voß

Als heute vor 10 Jahren eine offensichtlich ahnungslose RTL-​Reporterin vor der Schule in Winnenden stand und berichtete, dass man noch nichts wisse, habe ich den Fernseher abgeschaltet und nie wieder eingeschaltet.

Amokläufe haben damals alle paar Jahre mal stattgefunden. Jedes Mal wurde danach über „Killer-​Spiele” diskutiert. Als sich die Nachricht verbreitete, dass sich in Winnenden einen Amoklauf ereignet, schaltete ich das Fernsehen ein, um mehr zu erfahren. Wo ist das? Wie viele Leute sind betroffen? Ist die Situation beendet? Wer ist der Täter?

Ich kann mich nicht mehr an die Einzelheiten erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich da länger zugeschaut haben muss und mir dann irgendwann klar wurde, dass ich heute nichts Verlässliches mehr erfahren werden.

Eine RTL-​Reporterin stand vor Blaulichtern auf einem Parkplatz bei der betroffenen Schule und sagte sinngemäß immer wieder in neuen Variationen: „Wir wissen noch nichts.”

Wie extrem die Journalisten in Winnenden unterwegs waren, erzählt der ZDF-​Reporter Anton Jany: „Ich habe irgendwann einen Punkt erreicht, wo ich gesagt habe, ich möchte mit dieser Berufsgruppe, die jetzt hier auftritt, nichts zu tun haben.”

Ich habe abgeschaltet und mir vorgenommen, mich erst in 2 – 3 Tagen wieder mit diesem Fall zu befassen. Dann sollte es erste gesicherte Erkenntnisse geben. Dann sollten Zeitungen genügend Informationen beisammen haben, um etwas Fundiertes berichten zu können.

Was sollen Journalisten auch in so einer Situation machen? In die Schule gehen? Ich fand das schräg, wie 2011 während der Arabischen Revolution manchmal kritisiert wurde, dass die deutschen Reporter nicht auf dem Tahir Platz und stattdessen über den Dächern von Kairo standen. Die müssen doch auch auf ihre Sicherheit achten.

Ich habe mir vorgenommen, auf diese Art von jetzt an immer vorzugehen: Kurzer Check – was ist los? Und dann auf die näheren Infos einige Tage warten.

Zuletzt habe ich mich beim Anschlag in München an meine Regel erinnert. Da habe ich auch nur kurz reingeschaut, was da los ist. Und die Informationen gingen wild durcheinander. Ist es eine Person? Sind es mehrere? Sind es Terroristen?

Ich habe gemerkt, dass das in München ist. Ich bin selbst davon nicht betroffen. Ich kenne auch niemanden näher, der davon gerade betroffen sein könnte. Also habe ich abgeschaltet.

Wie sich zeigte, war das ziemlich sinnvoll. Die Erklärungen schwankten zwischen islamistischem Terror und Amoklauf. Dass es letztlich ein junger Nazi war, der Ausländer erschießen wollte, kam erst später raus.

Auch bei anderen Themen warte ich eher auf die langsameren Berichte, als mich voll auf die erste Nachricht zu stürzen. Vor allem auf Twitter ist das nicht ganz leicht. Da löst eine Meldung oft gleich eine große Aufregung aus, die für längere Zeit alle Fakten verschleiert.

Ich habe den Eindruck, dass es immer genügend Leute gibt, die gerade Zeit dafür haben, ihren Senf dazu zu geben. Für Reflexion ist dieser Teil des Internets ungeeignet. Mir geht das zu schnell und bewusst hat mir das die Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden vor 10 Jahren gemacht.

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