Netflix Dokudrama

Wie Soziale Netzwerke manipulieren

Viel­leicht ist Künst­li­che Intel­li­genz schon heu­te stär­ker als unse­re größ­ten Schwä­chen. Nor­ma­ler­wei­se mes­sen wir die Qua­li­tät Künst­li­cher Intel­li­genz immer an unse­ren Stär­ken. „The Social Dilem­ma“ wirft die Fra­ge auf, ob die Algo­rith­men von Face­book & Co. nicht viel­mehr unse­re Schwä­chen austricksen.

Die erfolg­reichs­ten Apps funk­tio­nie­ren wie Glücks­spie­le: Immer wie­der che­cken wir unser Smart­phone, ob es nicht etwas Schö­nes, Neu­es in unse­rem Netz­werk gibt. Ein Like von einer beson­de­ren Per­son oder ganz vie­le Likes von ganz vie­len Men­schen. Ein schö­nes Foto. Ein klei­ner Ein­blick in ein frem­des Leben. Eine wit­zi­ge Geschichte. 

Refresh: Niete. Refresh: Niete. Refresh: Gewinn!

Nicht jedes Mal gibt es eine Beloh­nung. Manch­mal ist es auch nur lang­wei­lig auf Face­book, Twit­ter, Insta­gram. Doch dann pas­siert wie­der etwas und das Dopa­min belohnt das Gehirn. 

Per­sua­si­ve Design (etwa: „über­re­den­des Design“) nen­nen das die Einen. Die Ande­ren nen­nen es Addic­ti­ve Design („süch­tig machen­des Design“). Die Anbie­ter wol­len, dass die Men­schen mög­lichst viel Zeit mit ihren Apps ver­brin­gen, damit sie mög­lichst vie­le Daten von sich preis geben. 

Denn jede Akti­vi­tät wird pro­to­kol­liert und einer­seits dazu benutzt, das Netz­werk noch span­nen­der oder süch­tig machen­der zu gestal­ten. Ande­rer­seits wird auf­grund der fest­ge­stell­ten Vor­lie­ben Rekla­me ange­zeigt. Mit dem Ver­mie­ten von Ziel­grup­pen ver­die­nen die Netz­wer­ke ihr Geld. Für die Wer­be­trei­ben­den ist es attrak­tiv immer genau­er erkenn­ba­re Grup­pen von Men­schen anspre­chen zu können.

Aufregend ist, was aufregt

Die­ses süch­tig machen­de Design spielt mit unse­ren größ­ten Schwä­chen. Wir kön­nen nicht anders, als auf die rote Benach­rich­ti­gungs-Bla­se mit der Zahl drin zu kli­cken. Es macht Spaß, immer wie­der an der Time­line zu zie­hen, wie an Arm eines Glücks­spiel­au­to­ma­ten, um zu sehen, ob nicht irgend­was pas­siert ist.

Schon län­ger gibt es Stim­men, die es für unmo­ra­lisch hal­ten, wenn Unter­neh­men uns aus­trick­sen, um uns mög­lich viel Lebens­zeit abzu­luch­sen, um unse­re Auf­merk­sam­keit an Wer­be­trei­ben­de zu verkaufen. 

Kri­ti­siert wur­de immer wie­der, dass die span­nends­ten Geschich­ten oft auch die größ­ten Auf­re­ger­the­men sind. Wer erst ein­mal auf die­se Auf­re­ger ein­ge­stie­gen ist, bekommt dann immer mehr davon in die Time­line. Könn­te das der Grund für die gro­ße Spal­tung in der Gesell­schaft sein? Denn in der Rea­li­tät gibt es dafür kaum einen sicht­ba­ren Grund.

Kronzeugen sagen aus

Jetzt hat sich ein Net­flix-Doku­dra­ma die­sem The­ma ange­nom­men. In „The Social Dilem­ma“ kom­men die­je­ni­gen zu Wort, die sich über Jah­re all die­se Tricks für Face­book, Goog­le, Twit­ter, Insta­gram, Pin­te­rest & Co. aus­ge­dacht haben – bis ihnen auf­fiel, wie sie selbst nicht mehr von den eige­nen Apps las­sen konnten. 

Wie viel Zeit soll­te man mit einer E‑Mail-App ver­brin­gen? Soll­te sie nicht eigent­lich so gut sein, dass sie einem alle Arbeit abnimmt und man mög­lich kei­ne Zeit mit ihr ver­bringt, ist die Fra­ge, die sich Tris­tan Har­ris stellt. Er arbei­te­te an Goo­gles „Inbox“ und fass­te sei­ne Gedan­ken in eine Power­point-Prä­sen­ta­ti­on, die im Unter­neh­men viral ging. 

2015 ver­ließ Tris­tan Har­ris Goog­le, grün­de­te das „Cen­ter for Huma­ne Tech­no­lo­gy“ („Zen­trum für men­schen­ge­rech­te Tech­no­lo­gie“) und tritt seit­her als Auf­klä­rer in die­ser Sache auf. 

„Har­ris is the clo­sest thing Sili­con Val­ley has to a conscience.“

Die­se Inter­views mit Exper­tin­nen und Exper­ten sind noch ein­mal inter­es­san­ter als die mit bekann­ten Big-Tech-Kri­ti­kern wie Jaron Lanier. Sie erklä­ren, wo sie die Tricks gelernt und ent­wi­ckelt haben, wie sie immer mehr davon ein­set­zen, bis sie selbst merk­ten, dass es ihnen und ihren Kin­dern nicht gut tat.

Leben mit Addictive Design

Zwi­schen den Inter­views gibt es die fik­ti­ve Geschich­te einer US-Ame­ri­ka­ni­sche Fami­lie und ihrem Umgang mit der Tech­no­lo­gie. Die klei­ne Toch­ter, die schon kom­plett für Insta­gram lebt. Der gro­ße Sohn, der sich im Netz­werk poli­tisch radi­ka­li­siert und die mitt­le­re Toch­ter, die ver­sucht, ohne Han­dy aus­zu­kom­men. Die Eltern ste­hen dem gan­zen ziem­lich ver­ständ­nis­los gegen­über. Die Künst­li­che Intel­li­genz wird von drei Män­nern dar­ge­stellt, die immer wie­der ver­sucht, die Auf­merk­sam­keit des Sohns ein­zu­fan­gen und zu steuern.

Die­se Spiel­sze­nen sind sicher nicht die Stär­ken des Films. Aber viel­leicht ver­steht man mit ihnen bes­ser, wie die Algo­rith­men Men­schen mani­pu­lie­ren: ohne dass jemand Böses im Sinn hat, stür­zen sie doch gan­ze Gesell­schaf­ten in den Wahn.

Ich hat­te schon vor zwei Jah­ren eine gan­ze Rei­he Apps vom Smart­phone ver­bannt – vor allem Face­book und Twit­ter. Nach „The Social Dilem­ma“ habe ich auch mei­nen Mast­o­don-Cli­ent, Red­dit und die letz­te News-App vom Han­dy geschmis­sen. Bei den rest­li­chen Apps bin ich durch die Ein­stel­lun­gen geklet­tert und habe alle über­flüs­si­gen Benach­rich­ti­gun­gen ausgeschaltet. 

Auf dem Han­dy habe ich jetzt grund­sätz­lich nur noch E‑Mail (ohne Benach­rich­ti­gun­gen), ein paar Mes­sen­ger. Benach­rich­tigt wer­de ich jetzt nur noch, wenn tat­säch­lich ein Mensch etwas von mir will. Das führ­te zum einen dazu, dass das Han­dy irgend­wo lie­gen kann und nicht mehr neben mir lie­gen muss. 

Kürz­lich hat eine Stu­die sogar fest­ge­stellt, dass die kogni­ti­ven Fähig­kei­ten von Men­schen nach­las­sen, wenn das Han­dy ein­fach nur neben ihnen liegt. Das pas­siert mir nicht mehr. Ich kann mich bes­ser auf Din­ge kon­zen­trie­ren und ich komm noch mehr zum Lesen.

Leu­te, schaut die­sen Film! Und passt auf: Natür­lich gehört Net­flix auch zu die­ser Kate­go­rie Tech-Fir­men. Stoppt am Ende des Films, bevor Euch gleich der nächs­te Film­vor­schlag am Bild­schirm hän­gen lässt.

Trailer

The Social Dilem­ma | Offi­ci­al Trai­ler | Netflix

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Meine Name ist Steffen Voß. Ich lebe in Kiel. In diesem Blog versammel ich Ideen und Gedanken zu Technologie und Gesellschaft.

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  1. Avatar von HARINALI Immobiliengruppe

    Zum Social Dilem­ma emp­feh­len wir noch Cam­bridge Ana­ly­tics (NF) – eben­so sehr inter­es­sant und aufschlussreich!

  2. […] und trig­gert die mensch­li­chen Instink­te. Das, was Du gera­de lang­wei­lig fin­dest, ist der Dopa­min-Ent­zug. Auf Mast­o­don musst Du Dich mit den Men­schen unter­hal­ten – sie unter­hal­ten nicht […]

  3. […] Geld ver­die­nen kön­nen – per Rekla­me, klar. Das hat nicht nur die Net­f­lix-Doku „The Social-Dile­m­­ma“ gezeigt – Shosha­na Zuboff hat dem Phä­no­men mit […]

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