Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Statt Tracking-App : Bewusste Entscheidungen ermöglichen

Menschen verteilt in einem großen Raum
Foto: sl wong/Pexels

Steffen Voß

Statt die Positionen aller Menschen zu tracken, könnte man den Menschen lieber helfen, größere Ansammlungen zu meiden. Das geht auch bei einem sparsamen Umgang mit unseren Daten.

In der Corona-​Krise brechen alle Dämme. Die Ministerpräsidenten überbieten sich, wer die schärfsten Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor der Pandemie durchsetzt. Politische Versammlungen, auch wenn sie Abstand halten, werden polizeilich unterdrückt. Das Versammlungsrecht ist außer kraft. Und immer wieder flammt die Diskussion auf, ob man nicht irgendwie die Standort-​Daten aller Handy-​Besitzer staatlich auswerten könnte oder ob das über eine spezielle App noch besser ginge.

Ich halte das für einen überwachungsstaatlichen Albtraum. Bei der nächsten Gelegenheit würde dieses Mittel wieder eingesetzt und irgendwann wäre es Standard, dass der Staat weiß, wo mein Handy liegt. Ich müsste es immer bei mir führen, damit man auch weiß, wo ich bin.

Eine Alternative?

Soweit ich das verstanden haben, geht es darum, die Zahl der Kontakte unter den Menschen zu minimieren. Wir sollen weiterhin Lebensmittel einkaufen gehen und uns auch mal an der frischen Luft bewegen. Wenn dann aber Großstädter alle dort sind, wo sie nun einmal spazieren gehen, dann ist das auch nicht richtig.

Wie wäre es, wenn wir einschätzen könnten, ob irgendwo viele Menschen sind oder nicht? Große Einkaufszentren tracken ihre Kundschaft bereits – bisher auf eher zwielichtige Art und Weise. Die erfassen alle WLAN- und Bluetooth-​Geräte und versuchen sie nach und nach den Personen zuzuordnen, um anhand ihres Bewegungsmusters und ihres Einkaufsverhaltens zielgerichtet Reklame zu schicken.

Die zugrunde liegende Technik kann man auch anonym und akkumuliert nutzen. Für die Gesundheitsprävention muss ich nur wissen, ob gerade viel in meinem Supermarkt los ist, oder wenig.

Screenshot: Google.com

Bei Google gibt es so eine Anzeige bereits, wenn man nach größeren Geschäften sucht. Ich bin mir nicht sicher, woher Google seine Daten bekommt – ob das aus den Navigationsdaten von Maps stammt? Ist das die Anzahl der Leute, die zu einer bestimmten Zeit zum Beispiel zum IKEA in Kiel gefahren sind?

Die Hardware zum Tracken kostet ungefähr 20 Euro. Das Gerät lauscht, welche WLAN und Bluetooth-​Geräte im Umkreis sind, zählt sie und sendet sie per LoRaWAN an einen Dienst, der nur die gesammelten Zahlen bekomm. Sobald eine Signatur für ein paar Minuten verschwunden ist, würde sie in der Datenbank gelöscht. Nur die Tatsache, dass ein Gerät vor Ort war, würde gespeichert.

Die Daten müssen keinen Personen zugeordnet werden. Es wäre auch egal, ob der eine oder die andere das Handy gar nicht dabei hat oder zwei oder drei Handys. Ich kann nicht erkennen, wo es hier ein Problem mit dem Datenschutz gebe.

Man bekäme nach ein paar Tagen einen Eindruck, wann an einem Ort viel und wann wenig los ist. Wenn ich flexibel bin, könnte ich eher zu Randzeiten einkaufen oder später spazieren gehen. Man könnte Ampeln an den Eingängen anbringen, die anzeigen, ob gerade zu viel los ist und dass man draußen warten muss.

Ich fänd das auch außerhalb von Corona-​Zeiten interessant: Die Kanalfähre ist im Sommer oft so stark frequentiert, dass man eine oder gar zwei Fähren abwarten muss, bevor man übersetzen kann. Wenn dort an beiden Anlegern Personenzähler wären, könnte man abschätzen, ob man nicht gleich über die Kanalbrücke fährt. Das wäre doch mal eine smarte Zwischenlösung, bis es eine größere Fähre gibt.

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Pingbacks

  1. Corona Tracking Apps: Aber irgendwas muss man doch machen!

Kommentare

Norbert Tretkowski
Norbert Tretkowski:

Lösungen die auf Positionsdaten setzen wird es hoffentlich keine geben. Bei den zuletzt diskutierten Vorschlägen ging es auch darum, via Bluetooth Low Energy Beacons zu protokollieren, welche anderen Geräte sich in der Nähe aufhalten. Das geht komplett anonym.

An der Stelle sei Folge 338 des Logbuch: Netzpolitik Podcasts empfohlen: https://logbuch-netzpolitik.de/lnp338-corona-tracking-app

Google hat die Daten vermutlich primär von den ganzen Android Geräten mit Googlen Diensten (Stichwort Standortverlauf), da wäre gar keine aktive Nutzung von Maps nötig.

6. April 2020 um 16:08
Frank Radio
Frank Radio:

Für Geschäfte gibt es zum Glück Ein- und Ausgänge.
Jede Automatische Tür hat ein Radar Sensor der Bewegungen erkennen kann, also kann man mit so einem, oder auch mehreren Sensoren sehr einfach Personenzähler bauen die ihre Daten dann über LoRaWAN an eine Datenbank übertragen.
Mit Hilfe dieser Daten kann man sogar im Extremfall komplette Regalreihen/​Gänge überwachen.
Die Sensoren kosten nicht die Welt, ein wenig Logik bei der Auswertung und eine standardisierte Datenhaltung liefert ausreichend gute Daten.
Da muss niemand ein Gerät bei sich führen oder Daten spenden.
Auch an so einer Lösung wird schon in Schleswig-​Holstein gearbeitet.

8. April 2020 um 10:40
Steffen Voß
Steffen Voß:

@Frank: Ich glaube, es ist einfacher ein Extra-​Gerät anzubringen, statt sich in bestehende Infrastruktur einzuklinken. Zumal man dann auch eine einheitliche Lösung hätte, die überall funktioniert. Ein einheitliches Gerät, das man vielleicht einfach in eine bestehende Steckdose stecken kann wie eine WLAN-​Adapter und für draußen wetterfest mit Solarzellen. Und schon gehts los.

8. April 2020 um 11:36

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