Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Corona Tracking Apps : Aber irgendwas muss man doch machen!

Mann im Dunkeln mit Gesichtsmaske am Handy
Foto: Engin Akyurt/Pexels

Steffen Voß

Eine App installieren und alles wird wieder normal! Was für eine verlockende Idee.

Die Idee war fast schneller in der Welt als das Virus: „Die Menschen haben doch alle Smartphones. Und von denen wissen die Telekommunikations-​Anbieter, wo sie sich befinden. Wenn wir von allen Menschen wüssten, wann sie wo waren, könnten wir verfolgen, mit wem sie in Kontakt gekommen sind und dann könnten wir die Pandemie beherrschen!” Leider geht das nicht so einfach. Die Ortung der Provider ist viel zu ungenau. Ideen aber sterben nicht – sie landen nur in der Schublade.

Jetzt haben sich Apple und Google zusammengetan, um die Welt von Corona zu erlösen. Verschiedene andere Organisationen – unter anderem das britische Gesundheitsministerium arbeiten an ähnlichen Lösungen.

Apple und Google zum Beispiel wollen in ihre Handy-​Betriebssysteme einbauen, dass die Geräte tracken, welche anderen Geräte mit ihren menschlichen Trägern in der Umgebung sind. Der Vorteil: Es wird nicht gespeichert, wo man ist, sondern nur, wessen Geräte sich in der Umgebung befunden haben.

Wird eine Person positiv auf das Corona-​Virus getestet, können die gefährdeten Kontakte informiert werden – ohne dass irgendwelche persönlichen Daten gesammelt und bekannt gemacht werden.

Soweit zur Theorie

Der britischer Informatiker und Hochschullehrer Ross Anderson hat sich kritisch mit dieser Lösung auseinandergesetzt:

  1. COVID19 ist nicht anonym. Es ist eine meldepflichtige Krankheit. Das sei okay, weil es unter dem eng gefassten Infektionsschutzrecht geregelt ist. Nur wenn die Tech-​Konzerne jetzt behaupten, ihre Lösungen seinen ohnehin anonym, ist das eine Einladung, sie auch nach der Corona-​Pandemie weiter zu nutzen.
  2. Kontakt-​Tracker tracken alles Mögliche. Sie tracken zum Beispiel auch die Signaturen von Geräten, deren Orte bekannt sind. In Singapur wird das bereits so genutzt. In Taiwan kann die Gesundheitsverwaltung in Notfällen auf diese Daten zugreifen.
  3. Die Diagnose dauert zu lange. Im Vereinigten Königreich zum Beispiel bekämen nur wichtige Menschen Corona-​Tests, bevor sie ins Krankenhaus eingewiesen würden. Der Ergebnisse gebe es erst Tage später. Wenn die Diagnose zu COVID19 da ist, sind viele Menschen gar nicht mehr in der Lage, ihr Handy zu bedienen und zu melden, dass sie infiziert sind.
  4. Geografische Daten würden zur Planung im Gesundheitswesen benötigt. Die App des britischen Gesundheitsministerium werde deswegen nach 3 Stellen der Postleitzahl fragen, um Krankenhaus-​Ressourcen entsprechend zu planen.
  5. Anonyme Apps sind anfällig für Manipulation. Neulich hat ein Künstler für einen künstlichen Stau in Berlin gesorgt, weil er 99 Smartphones mit der Google Maps Navigation durch eine Straße gezogen hat. Das System ist deswegen davon ausgegangen, dass sich 99 Autos sehr langsam durch die Straße bewegen und hat alle anderen Verkehrsteilnehmer auf eine andere Route geschickt.
    Ross Anderson zeichnet das Szenario, in dem so jemand Handys mit der Corona App an einem Hund durch den Park laufen lässt. Russische Hacker manipulieren die Ergebnisse und lösen eine Panik aus. Oder ein Schüler, der keinen Bock auf Schule hat, meldet sich selbst krank und lässt so die Schule unter Quarantäne stellen.
  6. Die App würde auch dann einen Kontakt vermerken, wenn man bei einem Klönschnack auf der Straße genügend Abstand hält. Selbst wer in der echten Welt alles richtig macht und das Risiko minimiert, würde dafür bestraft. Denn melde sich einer der beiden dann krank, müsse der andere in Quarantäne, obwohl die Wahrscheinlichkeit für eine Ansteckung gering ist.
    Bluetooth reiche auch durch Rigips-​Wände. Man müsste also eigentlich ständig bestätigen, dass man tatsächlich Kontakt zu Personen hatte und nicht nur in Reichweite des Bluetooth-​Signals war.
  7. Dezentrale Lösungen sind schwierig aktuell zu halten. Das ist der Grund, warum sich die dezentralen Protokolle des Internets so extrem langsam entwickeln. E‑Mail funktioniert im Prinzip immer noch so wie vor 20 Jahren. Gerade das Android-​Ökosystem ist sehr divers.

Bestenfalls ein Placebo

Vor allem lässt Ross Anderson das Zusammenspiel von Datenschutz und wirtschaftlichen Interessen an einer App-​Lösung zweifeln. Wenn die App freiwillig ist, werden sie nur Bastler und Leute installieren, die dogmatisch jeder Verwaltungsanweisung folgen. Wenn sie verpflichtend installiert wird, steige die Motivation, das System zu beschummeln. Die Technik ist nur so gut, wie die Menschen, die sie benutzen.

Insofern sei eine Tracking-​App bestenfalls ein Placebo – weil man doch irgendwas machen muss! Ich finde weiterhin meine Idee besser, zu tracken wie viel an bestimmten Orten los ist. Dann kann man sich entscheiden, ob man da auch noch hingehen will, wenn es gerade voll ist.

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