Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Lesetipp : Schlecky Silberstein – Das Internet muss weg

Schlecky Silberstein - Das Internet muss weg
Schlecky Silberstein - Das Internet muss weg

Steffen Voß

„Das Internet ist die größte Verarschungsmaschine aller Zeiten,“ sagt der Blogger Schlecky Silberstein. In seinem Buch „Das Internet muss weg“ legt er dar, was seiner Meinung nach im Internet gerade schief läuft.

Kein Überraschung: Die meistgenutzten Websites in Deutschland sind zurzeit google.com, google.de, youtube.com und facebook.com. Gleichzeitig sorgen Facebook und Google für die meisten Verweise: Im Durchschnitt kommen 40% der Leser auf anderen Internetseiten von Facebook und 37% von Google. Die beiden US-Konzerne dominieren damit, wie wir das Internet wahrnehmen. Das ist, was Schlecky Silberstein in seinem Buch kritisert.

Google und Facebook leben vor allem von dem Verkauf von Reklame. Die Konzerne versuchen den Werbekunden ein möglichst gutes Angebot zu machen. Sie versprechen, dass die Werbung, die man ausspielt, den Menschen angezeigt wird, die am ehesten darauf aussprechen. Um das gewährleisten zu können, müssen sie möglichst viel über die Menschen herausfinden. Deswegen sind die Angebote von Google und Facebook so gemacht, dass wir möglich viel mit ihnen interagieren – damit wir mehr und mehr von uns preis geben.

Addicitive Design

Klar, das funktioniert nur, wenn die Konzerne uns Angebote machen, die für uns attraktiv sind. Es kann niemand bestreiten, dass die Dienste von Google oft die sind, die sich am besten anfühlen, die am besten zu bedienen sind. Die Konzerne können sich die besten Psychologien, Entwickler und Designer leisten, um ihre Angebote immer noch mehr darauf abzustimmen, dass wir möglichst gerne damit viel Zeit verbringen.

Der Mensch hat verschiedene psychische Eigenschaften, die viele Unternehmen nutzen, um uns ihre Produkte nahezubringen. Schlecky Silberstein vergleicht das Design der Apps mit Spielautomaten. Die sind so konzipiert, dass sie den Spielern immer gerade genug Spaß machen, dass sie immer weiter spielen. Wenn man immer gewinnen würde, wäre so ein Automat langweilig. Wenn man immer verliert, wäre er frustrierend. Wenn man aber immer mal wieder einen Glückmoment hat, hält man die Frustration aus – die Frustration verstärkt sogar den folgenden Glückmoment.

So ähnlich funktionieren die Benachrichtigungen bei Apps: Dort erscheint eine Zahl in einem alarm-roten Kreis. Was mag sich dahinter verbergen? Eine gute Nachricht? Ein paar Likes, die mir schmeicheln? Oder nur eine Spam-Mail? Oder gar ein blöder Kommentar, der mich frustriert? Schlecky Silberstein erklärt, dass so jeder Blick auf das Smartphone zum Glücksspiel wird.

Wut verkauft sich gut

Gleichzeitig reagiert der Mensch bevorzugt auf Alarm-Nachrichten. Evolutionär ergibt es sich, die Aufmerksamkeit auf Gefahren zu richten. Bei Google und vor allem bei Facebook und Twitter aber führt es dazu, dass die Algorithmen eine Vorliebe für Kontroverses und Angstthemen entwickeln. Sie wollen uns zeigen, was besonders viele Leute interessiert hat, die ähnliche Vorlieben haben wie wir. Das Interesse wird in Likes, Retweets und Kommentaren gewertet. Besonders starke Botschaften erzeugen besonders viel Reaktionen und werden deswegen noch mehr Menschen angezeigt.

So kommen laute, alarmistische, kontroverse Nachrichten vermehrt in unseren Timelines an. Die weichen Themen werden gleich doppelt abgestraft: Der Algorithmus empfiehlt sie nicht weiter, und wer sie gepostet hat, ist enttäuscht, weil es keine Likes gibt.

Journalismus steckt in der Zwickmühle

Weil Facebook und Google zu den Torwächtern des Internets geworden sind, müssen alle nach ihren Regeln spielen, wenn sie nicht potentiell auf 77% des Traffics verzichten wollen. Medien, die wiederum von der Zahl der Reklame-Einblendungen leben können das nicht. Sie müssen für Google und Facebook produzieren. Beträge werden nicht mehr nur für die Leserinnen und Leser geschrieben, sondern sie müssen Suchmaschinenoptimiert (d.h. Google-optimiert) sein und shareable. Sie müssen bei Facebook und Twitter nicht nur gut aussehen, sondern auch eine Überschrift und ein Vorschaubild haben, das möglichst viele Interaktionen auslöst.

Journalismus wird dadurch nicht nur lauter und plakativer – es wird auch noch der lautere und plakativere Journalismus von den Menschen mehr wahrgenommen. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass Menschen aus Sozialen Netzwerken heraus nur zu einem Bruchteil die Artikel wirklich lesen. Meistens werden nur die Überschriften gelesen und nur die werden im Netz dann aufgeregt diskutiert. Das verflache die öffentliche Diskussion und spalte die Gesellschaft, so argumentiert Schlecky Silberstein. Der Wettbewerb zwischen Facebook und Google sorgt dafür, dass sich die beiden Konzerne und ihren Nutzern nichts schenken. Alles, was möglich ist, um uns noch besser für die Reklame-Kunden aufzuschlüsseln, wird gemacht.

Ein wenig überflüssig finde ich das letzte Kapitel zur Zukunft des Internets – zeigt sich doch, dass medial präsente Experten besonders oft mit ihren Prognosen daneben liegen. Insgesamt aber ist „Das Internet muss weg“ eine gelungene Darstellung der Probleme des aktuellen Konzern-Internets. Schlecky Silbersteins Argumentation geht in eine ähnliche Richtung wie bei Jaron Lanier. Ich finde aber, dass es Schlecky Silberstein besser gelingt, die Phänomene zu erklären und die Probleme auf den Punkt zu bringen. Das liegt vermutlich auch daran, dass sich Schlecky Silberstein sich auf die Verhältnisse in Deutschland bezieht, während Jaron Lanier sich auf die USA bezieht.

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