Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Digital Detox : Wie viel Internet ist genug?

Sketchnotes zu Digital Detox
Sketchnotes

Steffen Voß

Eigentlich hatte ich nur für den Urlaub Twitter und Facebook von Telefon geschmissen. Dann bin ich auf mein „Digital Detox“ angesprochen worden und ich habe mich mehr mit dem Thema und mit meinem Internet-Verhalten beschäftigt.

Konkret hatten mich einige Diskussionen auf Twitter und Facebook extrem genervt und ich wollte im Urlaub wirklich Abstand davon bekommen. Von all diesen oberflächlichen Aufregern. Von den verspäteten Zügen, den verpassten DHL-Boten, den Falschparkern auf der Fahrradspur – von all diesen Problemen, die mich nicht betreffen und an denen ich nichts ändern kann. Ich wollte nicht ständig verlockt sein, aufs Telefon zu gucken, ob nicht etwas Neues passiert ist und mich dann aufregen, wenn tatsächlich etwas passiert ist. Also habe ich die Apps deinstalliert.

Natürlich wollte ich nicht das Handy komplett loswerden. Ich wollte mich im Urlaub per Karte orientieren können. Ich wollte Sehenwürdigkeiten bei Wikipedia nachlesen. Ich wollte Öffnungszeiten nachgucken können und Preis umrechnen. Ich wollte meine Kamera zu Hause lassen und mit dem Telefon fotografieren. Ich wollte das Internet fragen können, wenn ich es brauche. Ich wollte nur nicht, dass es mir Dinge aufdrängt, die ich nicht wissen will.

Ich hab mich dann am nächsten Tag erwischt, statt durch Twitter und Facebook zu scrollen, unendlich lustige Bilder auf Reddit zu gucken. Also habe ich auch Reddit vom Handy geschmissen.

Plötzlich hatte ich Zeit. Ich habe ganze Filme geguckt, ohne das Telefon zu checken. Ich habe Bücher gelesen. Ich habe Blog-Artikel geschrieben. Ich war tatsächlich im Urlaub. Ich war in den fremden Städten, in den Museen, in den Straßenbahnen, auf den Fähren. Ich habe aus dem Fenster geschaut und Dinge gesehen, die mir sonst entgangen wären.

Hin und wieder hatte ich den Reflex, ein Foto zu machen und das irgendwo zu posten. Das ging halt nicht. Ich hab dann ein paar persönliche Urlaubsgrüße per Messenger verschickt. Wenn ich nicht im Urlaub Fotos gemacht hätte, dann hätte ich das Telefon vermutlich nicht einmal in der Hosentasche haben müssen.

Weniger Stress, mehr Gelassenheit

Es mag auch am Urlaub an sich liegen, aber ich habe den Eindruck, dass ich gelassener bin und wieder einen Umgang mit dem Netz gefunde habe, der mir mehr entspricht. Ich habe noch nie zugelassen, dass ich alles auf dem Handy mache. Ich habe noch nie Dienstmails auf dem Handy gehabt und ich war zunächst auch sparsam damit, überhaupt meine Handynummer bei der Arbeit rauszurücken. Bis ich gemerkt habe, dass mich ohnehin niemand anruft. Und wenn, dann ist es tatsächlich wichtig.

Ich habe kein WhatsApp, weil das meiste, was ich darüber höre, schrecklich ist. Ihr könnt mich über Threema, Signal, Telegram und SMS erreichen. Und wenn eine WhatsApp-Gruppe etwas plant, und mich dabei haben will, muss sie mir das Ergebnis mitteilen. Dann kann ich halt nicht mitplanen.

Ich habe mich gefragt, woran es liegt, dass ich sonst immer wieder das Handy gezückt habe, um Twitter und Facebook zu checken. Die beste Erklärung liefert Schlecky Silberstein in seinem Buch: Die Benachrichtigungen aufzurufen, auf Refresh zu drücken oder endlos weiterzuscrollen, ist ein bisschen wie Glücksspiel. Vielleicht bekomme ich ja eine tolle Nachricht. Einen witzigen Tweet, ein paar Likes oder eine überraschende Kontaktanfrage. Wenn das passiert, freuen wir uns. Wenn es nicht passiert, freuen wir uns beim nächsten Mal umso mehr, wenn es passiert.

Es gibt dieses Verhaltens-Experiment mit Tauben: Die haben einen Knopf im Käfig und wenn sie ihn drücken, bekommen sie Futter. Zunächst drücken sie den Knopf alle 10 Sekunden. Dann sorgt ein Zufallsmechanismus dafür, dass es nicht immer Futter gibt, wenn die Taube drückt. Daraufhin drückt sie alle 5 Sekunden. Nun sind wir keine Tauben und wir müssen nicht so mechanisch auf solche Reize reagieren. Wir müssen uns dieses Tricks nur bewusst sein.

Was uns langfristig zufriedener macht, sind Flow-Erlebnisse. In Momenten höchster Konzentration vergessen wir dann alles um uns herum und wir tauchen komplett ein in die Aufgabe, die wir uns gestellt haben. Dann sind wir in dem Buch, in dem Film, in der Musik, dem Sport, dem Bild. Konzentration kann aber nur entstehen, wenn wir nicht alle 10 Minuten von irgendwas abgelenkt werden.

„Das Fliegen ist eine Kunst oder vielmehr ein Trick. Der Trick besteht darin, dass man lernt, wie man sich auf den Boden schmeißt, aber daneben.“ – Douglas Admas – Per Anhalter durch die Galaxis

Mythos Detox

Von „Digital Detox“ halte ich nichts. Detox ist eine Erfindung der Wellness-Branche. Ich will mir nicht das Internet drei Wochen lang komplett verbieten, um dann wieder weiterzumachen wie vorher. Ich will einen vernünftigen Umgang mit dem Internet finden – so dass es mir Spaß macht und produktiv für mich ist.

Vor allem aus dem Buch von Jan Kalbitzer habe ich dafür einige Ideen mitgenommen. Einiges davon habe ich ohnehin schon gemacht – unterbewusst war mir das klar. Aber es gut, wenn jemand anderes das bestätigt. Mit meiner Ablehnung von Dienstmails auf dem Handy zum Beispiel lag ich intuitiv richtig.

Das Prinzip, das man daraus ableiten kann: Bestimmte Dienste nur auf bestimmten Geräten. Bestimmte Dienste nur in bestimmten Räumen: Arbeit im Arbeitszimmer – auf wenn das Laptop dazu verlockt, sich ins Wohnzimmer zu setzen. Netzflix nur im Wohnzimmer – auch wenn es gemütlich ist, im Bett zu glotzen.

Außerdem kann man sich Facebook und Twitter so einrichten, dass man nicht immer die komplette Breitseite bunter Inhalte bekommt: Ich hab viele Freundschaftsanfragen von Leuten, mit denen ich nur über die Arbeit zu tun habe. Leute, die ich nicht einmal namentlich kenn, nehm ich nicht an. Bei den anderen stell ich sofort das Abo ab und setz sie auf „Bekannte“. Dann sehen die nicht alles von mir, ich nichts von denen – die können mich aber trotzdem kontaktieren, wenn sie mal etwas wollen. Das passiert auch selten und ich schreib denen dann in der Regel nur kurz, dass die mir bitte eine Mail an meine Dienstadresse schicken mögen.

Bewusste Mediennutzung ist wichtig

Mir hat diese Reflexion über das Thema bewusst gemacht, dass ich mir ein paar Dinge angewöhnte hatte, ohne die die meisten Menschen sehr gut auskommen, ohne etwas zu verpassen. Dinge, die auch niemand von mir verlangt, die ich nur gemacht habe, weil es ging und weil es sich manchmal gut angefühlt hat. Wenn ich jetzt meine Timelines anschau, dann finde ich diese Dinge weiterhin: Es gibt einfach super lustige Sachen auf Twitter. Es gibt total inspirierende Künstler, Musiker, Maler. Aber es gibt halt auch diesen ganzen Nervkram. Ich glaube, auf dem BarCamp ohne Twitter zu sein, wäre irgendwie komisch. Aber ich werden es danach vermutlich wieder schnell deinstallieren.

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