Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Provinz : Alles wird immer weniger

Foto: rucko fotografie - CC BY 2.0

Steffen Voß

Wenn von Strukturwandel gesprochen wird, dann in der Regel dort, wo eine Fabrik geschlossen hat, hunderte Arbeitsplätze weggefallen sind und nun eine Stadt nach einem neuen Sinn sucht. Doch so einen Strukturwandel gibt es auch in den ländlichen Regionen. Nur wird darüber irgendwie anders gesprochen.

Das Dorf war früher dadurch definiert, dass ein großer Teil der Einwohner in der Land- und Forstwirtschaft oder der Fischerei gearbeitet haben. Diese Bauern und Landarbeiter brauchten dann Müller, Bäcker, Schulen, Polizei, Richter, Kirchen usw. Um den großen Arbeitgeber „Landwirtschaft“ sind viele weitere Jobs entstanden und Dörfer und Kleinstädte gewachsen. Nun arbeiten in der Landwirtschaft heute nur noch 1,5 Prozent der Menschen in Deutschland.

Die Mechanisierung, Automatisierung, Arbeitsteilung und jetzt die Digitalisierung haben nach und nach die Arbeitsplätze in diesem Bereich reduziert. Der Bauer kaufte Maschinen, brauchte weniger Arbeiter, Bauernhöfe wurde zusammengelegt – das ging nicht Knall auf Fall: Fabrik zu – 3000 Arbeitsplätze weg, sondern schleichend. Nun ist dieser große Arbeitgeber allen ländlichen Regionen Deutschlands weg und die soziale Infrastruktur bleibt zurück. So gibt es nach und nach überall weniger Bäcker, Schulen, Polizei, Richter, Kirchen.

Dazu kommt der demografische Wandel: Die Menschen bekommen weniger Kinder und es gibt mehr Alte. Also braucht man noch weniger Schulen. Die Leute sind weniger religiös. Also braucht man noch weniger Kirchen. Wir können mehr und mehr Behördengänge im Internet machen. Also gibt es weniger Behörden. Dann ist das nächste Kino 20 km, das nächste Theater 80 km entfernt und das nächste Konzert 150 km. Ist in einem Dorf erst einmal der letzte Laden geschlossen und die Schule mit dem Nachbardorf zusammengelegt, wird es noch unattraktiver.

Tourismus statt Landwirtschaft

Der einzige neue Arbeitgeber ist der Fremdenverkehr und der ist auch nicht immer beliebt. Wer will schon Staffage für das Urlaubsgefühl irgendwelcher Leute haben, die jede Woche wechseln. Menschen, die zwar da sind, ein paar Monate die Innenstädte füllen, Geld mitbringen, die aber keinerlei Bindungsmöglichkeiten bieten. Die helfen nicht bei der Feuerwehr und beim Sportverein. Die kandidieren nicht für die Gemeindevertretung. Die sind nur da, wenn es schön ist und wenn das Wetter grau wird, dann sind sie wieder weg und die Einheimischen müssen wieder allein zurecht kommen.

Natürlich ist das nicht überall gleich. Im Umkreis größer, florierender Städte wie Hamburg und München blühen auch die Kleinstädte und Dörfer – wenn auch eher als Siedlungen und Schlafstädte, aus denen die Menschen in die Stadt zum Arbeiten pendeln. Es gibt Gemeinden, die irgendeine clevere Idee hatten, oder Glück und bei ihnen ist irgendein andere Arbeitgeber groß geworden. Irgendein „Hidden Champion“, der aus irgendeinem Dorf die ganze Welt mit Spezialbauteilen beliefert. Es gibt Dörfer, die mit Genossenschaftsläden und einem lebendigen Kulturprogramm die Leute zusammen halten. Es gibt aber auch die ganz abgelegenen Regionen, wo einfach nichts mehr geht.

Jede Gemeinde kämpft für sich selbst ums Überleben. Oft ist die einzige Hoffnung noch ein Baugebiet auszuweisen und noch ein Gewerbegebiet. Der Flächenverbrauch wächst immer weiter, obwohl wir nicht mehr Menschen in Deutschland werden und obwohl mehr Menschen in Städten auf engerem Raum, statt weit verteilt auf dem Land leben.

Das muss für viele Menschen kein gutes Lebensgefühl sein. Menschen leben in der Regel gerne dort, wo sie leben und sie möchten, dass es dort toll ist. Aber wenn man sieht, dass alles um einen herum immer weniger wird. Freunde ziehen in die Stadt und man selbst will eigentlich dort in der Heimat bleiben. Man will aber auch nicht zu denen gehören, die als Letzte das Licht ausmachen. Vielleicht kann man auch nicht weg, weil die Eltern auch dort leben und Hilfe benötigen.

Die Marktwirtschaft hat darauf keine Antwort. Die sagt, dass die Leute dort hingehen sollen, wo es die Jobs gibt. In der DDR wiederum hat man ausprobiert, ob es klappt, wenn man Stahlwerke und Werften dort hin baut, wo bisher nichts war. Das war auch nicht erfolgreich. Es muss aber etwas passieren. Nicht nur verpflichtet uns das Grundgesetz zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse – es wird auch einfach nicht funktionieren, wenn signifikante Teile der Bürgerinnen und Bürger sich alleine durch ihren Wohnort abgehängt fühlen. Die Brexit-Abstimmung, die Trump-Wahl oder auch die Präsidentschaftswahl in Frankreich haben gezeigt, was passiert, wenn es plötzlich Stadt GEGEN Land geht. Da sich die Menschen auch nicht einfach von einem Ort in den anderen verpflanzen oder zusammenfassen lassen, müssen wir uns etwas ausdenken, damit Menschen und ganze Regionen nicht mehr abgehängt werden – und zwar massiv.

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