Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Digitalisierung : Der Faktor Mensch

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Steffen Voß

Die Hoffnung der Digitalisierung ist, dass wir es schaffen, Informationen für Milliarden Menschen zugänglich zu machen. Leider ist das nicht nur ein technisches Problem.

Im Jahr 2008 erklärte Chris Anderson warum die Zukunft den kostenlosen, digitalen Angeboten gehört: Da die Kosten für Hardware jedes Jahr sinken, würde es immer billiger, zusätzliche Kunden zu bedienen, bis die Kosten pro Kunden bei Null stünden.

Um den ersten Kunden zum Beispiel mit einer E-Mail-Adresse zu versorgen, muss man sich einen teuren Server kaufen. Man kann auf einem Server aber viele Postfächer betreiben. Je mehr Kunden das Angebot nutzen, desto billiger wird der Dienst pro Benutzer.

Ist ein Server voll, kostet der nächste zwar genauso viel wie der erste – kann aber viel mehr Kunden bedienen, weil er neuer und schneller ist. So sinken die Kosten pro Kunde, je weiter die Technologie sich entwickelt. Am Ende kann man E-Mail kostenlos anbieten.

Früher hat man für E-Mail-Adressen noch Geld bezahlt – heute bekommt man sie kostenlos. Die Kosten, die für Anbieter wie Google oder Web.de entstehen, können sie über Reklame refinanzieren.

Woher kommen die Kunden? Netzwerkeffekt!

Viele Dienste im Internet leben nicht nur davon, dass sie wachsen – sie werden sogar attraktiver, wenn sie mehr Menschen nutzen. Facebook, Instagram, Twitter sind so attraktiv, weil man dort viele Menschen erreichen kann. Amazon ist so attraktiv, weil dort viele Händler viele Produkte anbieten und das lohnt sich für die nur, weil dort viele Kunden sind.

Einen Dienst auszubauen, bedeutet in vielen Fällen nur, noch mehr Serverleistung zur Verfügung zu stellen. Zumindest dachte man das bisher. Diese Rechnung wurde ohne den Menschen gemacht.

Wir sehen an vielen Stellen im Netz, zu welchen Schandtaten Menschen bereit sind: Niemand liest freiwillig die Kommentare unter Medien-Artikeln. Auf Twitter wird geschimpft und gehatet. Normale Diskussionen auf Facebook sind selten. Ein Phänomen, dass es gibt, seit es das Internet gibt – schon im Usenet gab es Flamewars.

Die Deutsche Welle hat gerade ihre Kommentarfunktion abgeschaltet, weil sie der Lage nicht mehr Herr wurde. Selbst Twitter überlegt, ob es zumindest nicht mehr mit den schlimmsten Nazis Geld verdienen will. Facebook hat angefangen, Nutzer nach Vertrauenswürdigkeit zu bewerten – so ähnlich wie der Social Score in China.

Sascha Lobo erklärt in seiner Kolumne, dass Kommentare wertvoll sein können, wenn man sich um die Community kümmert. Bei Facebook machen das nicht nur der Algorithmus, sondern armen Mitarbeiter, die sich durch Pornos und Gemetzel klicken müssen. Und auch wenn es Community-Systeme gibt, die prinzipiell Wohlverhalten eher fördern: Am Ende müssen sich doch wieder Menschen darum kümmern, dass sich andere Menschen benehmen. Das skaliert nicht so schön, wie Rechner-Leistung.

Das Urteil zur Forenhaftung bei Heise-Online war wohl einer der ersten markanten Fälle, in denen klar wurde: Es reicht nicht, einen Online-Dienst einzurichten. Man trägt auch die Verantwortung dafür, was die Nutzerschaft daraus macht. Und je größer der Dienst ist, desto größer müsste die Verantwortung sein.

Bisher haben sich gerade die US-Amerikanischen Dienste gerne auf die Meinungsfreiheit in den USA zurückgezogen oder wie Google behauptet, es habe gar nichts mit den Inhalten der Suchergebnisse zu tun. Im Ergebnis verdienen diese Unternehmen mit Hate-Speech und Revenge-Porn Geld.

„Considering how proudly they declare that they are designing the future, technology companies seem almost comically bad when it comes to anticipating the consequences of the things they create.“ — The Lubbrarian

Der Ruf dieser Konzerne ist in den letzten Jahren so schlecht geworden, dass das Institute for the Future eine Handreiche zur ethischen Bewertung von technischen Innovationen entwickelt hat: EthicalOS. Mit einer Checkliste sollen Unternehmen überprüfen, ob ihre Produkte auf die Kunden ethisch wirken oder nicht. Das könne nur ein Anfang sein, denn die ethische Bewertung von Diensten sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, schreibt The Lubbrarian.

Irgendwie ist es am Ende doch nicht nur eine technische Frage, wie Milliarden Menschen ins Internet kommen. Am Ende hat vieles dann doch wieder eine menschliche und eine ethische Dimension. Um wie viele Mitglieder kann sich ein Community-Manager kümmern? Mit welcher Art Inhalten wollen wir Geld verdienen? Welche Verantwortung haben wir dafür, was die Kunden aus unserem Dienst machen können?

 

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