Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

D64 Superklausur 2021 : Der Verein wächst und professionalisiert sich

D64 Vorstand: Henning Tillmann, Marina Weisband, Ralf Jäger (v.l.n.r.)

Steffen Voß

Vor 10 Jahren wurde D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt als Mitmach-​Think-​Tank gegründet. Heute hat der Verein 700 Mitglieder und so viel zu tun, dass er vermehrt auf hauptamtliche Unterstützung setzt. Gleichzeitig lebt D64 von den vielen klugen Köpfen, die hier mitdenken wollen. Am letzten Wochenende trafen sich 70 von ihnen in Walsrode zur „Superklausur“.

Hamburg. Klar, oder?

Die Superklausur hat in diesem Jahr endlich wieder live stattgefunden. Sie war BarCamp und Jahreshauptversammlung zugleich. Am Freitag Abend sind wir in der Verdi-​Bildungsstätte in Walsrode eingetrudelt, nachdem uns die Verkehrslage und das Navi eine Stunde über abstruse Wege durch Hamburg gelotst hat. 

10 Jahre D64

Nico Lumma, Henning Tillmann und Lars Klingbeil im Gespräch
Nico Lumma, Henning Tillmann und Lars Klingbeil im Gespräch

Nach der Begrüßung durch den Vorstand gab es einen Talk zu „10 Jahren D64″ mit den Gründungsmitgliedern Nico Lumma und Lars Klingbeil. Die Idee für den Verein ist damals entstanden, als die beiden als Teil einer Delegation mit US-​Think-​Tanks gesprochen hatten und sich überlegt haben, wie man das für Deutschland auch hinbekommt, dass sich kluge Leute außerhalb von Parlament und Verwaltung Gedanken über die Digitalisierung machen können.

Gab es in der Anfangszeit noch eine „SPD-​Nähe“, hat sich der Verein mittlerweile emanzipiert. Die Mitglieder mit und ohne Parteizugehörigkeit kommen aus allen politischen Richtungen. Sie eint das Interesse an digitalen Themen und einer progressiven Gestaltung der digitalen Transformation. 

Der Verein wird immer wieder angefragt von Medien und in parlamentarischen Beratungen. In einem Dutzend Arbeitsgemeinschaften erarbeiten die Mitglieder Positionen von Digitaler Bildung oder Nachhaltigkeit bis zur Zukunft der Arbeit. Mehr und mehr formieren sich regionale Gruppierungen neben der „Berliner Bubble“.

Gemeinsames Nachdenken

Dejan Mihajlović
Dejan Mihajlović – Dr. Barcamp

Der Samstag startete mit einem Barcamp. In sechs parallelen Session und drei Zeitslots boten die Mitglieder ein breites Spektrum an Themen – oft mit Blick auf Positionierungen des Vereins. 

Eine neue Charta für den Verein

In einer der Sessions, an denen ich teilgenommen habe, ging es darum, die Charta des Vereins neu zu fassen. Die aktuelle ist fast so alt wie der Verein und das liest man auch an jeder Ecke. Nicht, dass sich grundsätzlich etwas verändert hätte, aber das Thema „Netzpolitik“ hat sich heute weiter aufgefächert, so dass man ein solches Grundsatzprogramm nicht mehr so ausführlich und mit konkreten Forderungen formulieren würde. 

Das Mission Statement gibt die grobe Richtung. Die Charta formuliert das noch einmal breiter aus. Die Positionen zu einzelnen Themen gehen dann ins Detail. Im Sinne von Simon Sineks „Golden Circle“:

Was kommt in den nächsten Jahren auf uns zu?

„Was denn, bitte, [ist] wirklich neu oder originell in der Politik? Die große politische Leistung [besteht] zumeist nicht im Produzieren neuer Ideen, sondern in der beharrlichen Verfolgung und Durchsetzung dessen, was schon lange als vernünftig und notwendig, aber leider als nicht oder kaum durchsetzbar galt.“

Karl Rickers
Sabine Berghaus und Vincent Patermann diskutieren vor einer Metaplanwand
Sabine Berghaus und Vincent Patermann diskutieren vor einer Metaplanwand

In der nächsten Session haben wir darüber gesprochen, welche Themen die nächste Wahlperiode bringen wird. Dabei sind viele Klassiker: eGoverment, Infrastruktur, Transparenz und Open-​Data. Zu vielen Dingen hat der Verein schon eine Position. Die Session war vielleicht eher für neue Mitglieder geeignet, die sich hier erarbeiten konnten, was die Dauerbrenner sind. 

Mir hat dabei die Methode gefallen: 1–2‑4-Alle. Zuerst überlegt man alleine eine Minute, was wohl wichtige Themen sein werden. Dann diskutiert man zwei Minuten lang zu zweit. Dann vier Minuten zu viert. Und dann mit allen zusammen die Ergebnisse. Dadurch haben alle mal etwas gesagt – alle konnten sich einbringen. Die Zeiten haben wir ein wenig verlängert, weil wir mehr Zeit hatten.

Wie verändert Geld Open-Source?

In der dritten Session haben wir darüber diskutiert, wie sich Open-​Source-​Projekte verändern, wenn Staat und Wirtschaft jetzt viel Geld dort hinein stecken. Dazu werde ich noch einmal gesondert bloggen, weil mich das Thema wirklich beschäftigt.

Gleichzeitig haben wir einen Neustart für die AG Open-​Source organisiert. Da soll es jetzt ein kleines Online-​Format mit Gästen geben und im Januar eine Kick-Off-Klausur. 

Satzungsdiskussion! GO-​Anträge!

Diskussion im Plenum

Am Nachmittag fand dann noch die Jahreshauptversammlung des Vereins statt. Es ging um die Neufassung und Erweiterung der Satzung. Vor allem sind jetzt die Arbeitsgemeinschaften in der Satzung verankert. 

Eine intensive Diskussion gab es um die Fragen, ob man Personen, die als Lobbyisten im kommenden Lobbyregister des Bundestags eingetragen sind, von Vorstandsämter ausschließen soll. Im Ziel sind sich wohl alle Mitglieder einig: Der Verein darf kein Vehikel für Unternehmen-​Lobbyismus werden. Aber das kann die Mitgliederversammlung auch selbst von Fall zu Fall bei den Wahlen entscheiden. 

Das Lobbyregister gibt es noch nicht und es ist unklar, wie leicht oder schwer man dort landet. Der Antrag wurde abgelehnt. Aber das Bewusstsein für diese Problematik ist da.

Die Mitgliederversammlung hat des weiteren dafür gestimmt, den Vorstand zu beauftragen, Drittmittel einzuwerben, um eine hauptamtliche Geschäftsführung zu ermöglichen. Zurzeit wird der Vorstand von zwei studentischen Aushilfen unterstützt. Diese Unterstützung soll ausgeweitet werden. Zu viele Anfragen gibt es mittlerweile an den Verein, als dass das noch komplett ehrenamtlich handzuhaben wäre.

Bei all den Diskussionen hat man gemerkt, dass der Verein eine ganze Reihe Mitglieder mit Partei-​Hintergrund hat und als es GO-​Anträge zum Änderungsantrag zum Änderungsantrag zur Neufassung der Satzung gab, wurde es sogar kurz piratig. Es blieb aber immer konstruktiv und ehrlich gesagt, hat es Spaß gemacht.

Weiter geht’s

Am Sonntag haben wir noch einmal Themen aus dem Barcamp aufgegriffen und das weitere Vorgehen vereinbart. Hier haben wir den Neustart der AG Open-​Source besprochen. Nach dem Mittagessen gings nach Hause. Diesmal ohne Irrwege durch Hamburg.

Wer Lust hat, auch mitzumachen, sollte das tun. Mitglied werden ist einfach. Viel Vereinsarbeit läuft im „Vereinsheim“ – einem Humhub, in dem ganz ok was los ist. Und wer dann merkt, dass es nichts für ihn oder sie ist, kann auch wieder austreten. Das ist nicht wie ein 24-Monats-Abo. 

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