Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Integration : Deutsch lernen per Smartphone

Foto: Manny Valdes - CC BY 2.0

Steffen Voß

Der Handwagen ist das Symbol für die Flüchtlinge 1945. Auf den Wagen hatten die Menschen damals, was ihnen lieb und teuer war. Heute haben Flüchtlinge diese Dinge oft auf ihren Smartphones. Was früher das Album mit den Familienfotos war, ist heute das Smartphone. Es ersetzt das Büchlein mit den Adressen von Freunden und Verwandten, und wer schnell noch vor der Flucht seine Zeugnisse und andere Urkunden abfotografiert hat, kann in der neuen Heimat seine Qualifikationen nachweisen.

Das Mobiltelefon hat in vielen Ländern ohnehin einen ganz anderen Stellenwert – nicht nur, weil die Tarife oft billiger sind. In vielen Ländern ersetzt das Mobiltelefon die fehlende öffentliche Infrastruktur. „Mobiltelefone sind der Schlüssel zur Transformation der Entwicklungsländer“, hat der politisch engagierte Musiker Peter Gabriel schon vor fast zehn Jahren festgestellt – da hatten die Geräte noch nicht einmal einen ordentlichen Internetzugang. Die Menschen können sich schnell und unkompliziert über die aktuellen Marktpreise ihres Getreides informieren, und Überweisungen sind per SMS möglich – dazu benötigt man nicht einmal die neuesten Geräte. Ein Second-Hand-Gerät reicht vollkommen aus.

Hier liegt auch eine Chance für die Integration der Flüchtlinge in Schleswig-Holstein: Deutsch lernen können unsere neuen Nachbarn auch durch das Smartphone. Vielleicht in einer klugen Mischung aus aufgezeichneten Lektionen und direktem Kontakt zu Deutschlehrern und Mitschülern. Warum die Menschen zur Bildung bringen, wenn auch die Bildung zu den Menschen kommen kann?

Wir bräuchten einen staatlich verbilligten Sozialtarif für alle Menschen, die sich sonst nicht genügend mobiles Internet leisten können. Den Internet-Unterricht könnte man dann auf andere Themen und alle Menschen ausweiten, die etwas lernen wollen. Das könnte ein riesiger Schub für die Digitalisierung der Bildung in unserem Flächenland werden. Die Flüchtlinge 1945 haben alte Strukturen aufgebrochen. Das Land wurde moderner. Das kann wieder passieren.

Dieser Artikel ist zuerst auf shz.de erschienen.

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