Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Polemik : Google kann sich selbst helfen

Auf in die Schlacht für einen fremden Herrn!
Auf in die Schlacht für einen fremden Herrn! / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Steffen Voß

Ich wundere mich immer, wie viele Menschen ihr Herz für Konzerne entdecken, wenn jemand es wagt, einen der Internet-Konzerne, wie aktuell Google, zu kritisieren. Ich wundere mich aber noch mehr, auf welch niedrigem Niveau die Google-Apologeten zum Teil argumentieren.

  1. „Das ist der Markt und der Markt regelt das.“ Das ist Vulgär-Liberalismus. Markt funktioniert, wenn Wettbewerb funktioniert. Wenn Wettbewerb nicht funktioniert, muss der Staat den Wettbewerb wieder herstellen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten.
  2. „Man kann ja im Internet mit einem Klick wechseln.“ Lies bitte zum Einstieg den Wikipedia-Eintrag zu „Netzwerkeffekt„. Von Google weg zu wechseln ist oft eine Schimäre. Eine Pseudooption. Gerade, wenn man Geld verdienen muss.
  3. „Die Verlage haben alles verschlafen.“ In der Analyse mag das stimmen oder nicht. Es ändert aber nichts: Egal, ob durch eigene Leistung oder Fremdversagen oder beiden – wenn ein Unternehmen marktbeherrschend wird, ist das schlecht.
  4. „Axel Springer ist nicht besser als Google.“ Zwei mal falsch ergeben nicht ein mal richtig. Herr Döpfner ist sicher kein Heiliger und kein armes Würstchen. Trotzdem gibt es zumindest die Chance, dass er recht haben könnte. Das sollte man beim Lesen einkalkulieren. Wenn er dann Unrecht hat, sollte man ihn in seiner Argumentation stellen. Argumente abzulehnen, weil der Absender einem nicht passt, ist dumm.
  5. Und am dümmsten aber ist: „Döpfner sollte sich an die EU-Kommission wenden – nicht an Schmidt.“ Ein offener Brief ist ein rhetorisches Mittel, das mehr als den angegebenen Adressaten hat. Sonst könnte man auch einen geschlossenen Brief verschicken.

Und überhaupt: Wo seid ihr eigentlich, wenn mal wieder über Monsanto geschimpft wird? Monsanto ist im landwirtschaftlichen Bereich total innovativ und ein echt großer Player. Die könnten auch mal ein wenig Unterstützung brauchen, wenn gestrige NGOs ihre Kampagnen gegen Gen-Mais und für die verschlafene deutsche Landwirtschaft fahren. Immerhin will Monsanto den Hunger in der Welt besiegen.

Ich denke, diese Unternehmen können sich sehr gut, um sich selbst kümmern. Reden wir lieber darüber, welche Art von Internet, Journalismus oder Landwirtschaft und Ernährung wir wollen. Reden wir darüber, ob wir da schon sind, oder wie wir dort hinkommen.

Pingbacks

  1. Ergebnisse der Woche ab dem 2014-04-11 | Iron Blogger Kiel

Kommentare

Nils Courvoisier
Nils Courvoisier:

Nun, ich gehöre zu denjenigen, die Google verteidigen, aber diese 5 Punkte sind mir fremd. Natürlich muss ich Google auch verteidigen, immerhin hat Google es mir mit AdWords ermöglicht, mein Geld bequem vom Home Office aus zu verdienen. Viele Google Produkte nutze ich zudem beruflich, ich kenne schlicht kein so gutes E-Mail-Programm wie GMail für meine Zwecke.
Bislang sehe ich insbesondere in meinem Bereich der Suchmaschinen auch noch nicht die absolute Marktmacht. Dafür hat Google in Teilen der Welt schlicht zu wenig Einfluss, da werden neue Global Player auftauchen, ob Yandex oder Baidu. Auch Bing funktioniert im englischsprachigen Raum vernünftig. Dort machen die ordentlich Fortschritte im Bereich der Suchmaschinenwerbung.
Richtig ist, dass die Vernetzung aller Produkte kritisch zu sehen ist, da kann ich folgen. Für falsch halte ich aber Argumente der Google Gegner, die teilweise vor dem EGH klagen (Preissuchmaschinen fühlen sich durch intransparenten Algorithmus ausgebootet). Gerade die Intransparenz sorgt doch dafür, dass wir in den Suchmaschinen halbwegs sicher sind vor allzu viel Spam. Wozu benötigen wir 5 Preissuchmaschinen in den SERPs, wenn nach einem Produkt gesucht wird, zumal die Ihre Anbieter nicht per günstigen Preis auswählen sondern sich die Eintragung bezahlen lassen und hierbei eine größere Markteintrittsschwelle haben, dass sich viele dort nicht anmelden können. Google Shopping hat eine sehr viel niedrigere Schwelle. Hier entscheidet letztlich der Verbraucher, welche Angebote sich lohnen, daneben der Anbieter durch Relevanz seines Angebots. Google vermittelt lediglich. Das ist ein deutlich besseres Modell als die anderen Preis-SuMas.
Auch dass Google den Besuch bei Portalen überflüssig macht, da wichtige Infos schon bei Google direkt angezeigt werden, nutzt den Verbrauchern. Ich sehe hier auch keinen Schaden bei den seriösen Anbietern. Wer sich mit Kurzinfos zufrieden gibt, wäre sowieso kein wertvoller Werbekunde. Damit sinken zwar ggf. massiv die Seitenbesuche, mittelfristig dürften aber die CPM oder Klickpreise der Ads auf diesen Seiten steigen, da deren Besucher dann länger auf der Seite bleiben und eine höhere Relevanz für Werbung haben.

Auch dass die organischen Ergebnisse immer weiter verschwinden, ist meines Erachtens ein vorgeschobenes Argument, schließlich gilt dies doch vor allem bei hart umkämpften „Money Keys“. Die organischen Ergebnisse sind doch in der Regel stark manipuliert und genauso bezahlt wie die AdWords. Nur fließt das Geld dann an SEOs und nicht an Google. Für den Nutzer ist dieser Fakt doch egal. Entscheidend ist aber das System von AdWords, die Faktoren für erfolgreiche und gewinnbringende AdWords sind sehr viel mehr in der Hand der Nutzer, sei es Klickrate, Bouncerate, Besuchsdauer uvm., technische Faktoren sind zudem bekannt. Eine Seite mit einem Angebot, das 5 Sekunden Ladezeit hat, hat bei AdWords eine niedrigere Relevanz als andere Ads. Dies kann durch ein höheres Gebot wett gemacht werden, die Gebote steigen hier aber nicht linear mit fallender Relevanz sondern deutlich stärker. Wer seinen Nutzern also schlechten Service bietet, muss richtig tief in die Tasche greifen. Dies bedeutet, dass viele kleine Nischenfirmen eine niedrige Markteintrittsschwelle haben, um gegen die Großen anzustinken (mit nur einem Euro geht es los, dazu etwas zeitlicher Aufwand). Beim SEO funktioniert dies nicht.

Durch diesen pekunären Mechanismus sind Werbende bei AdWords quasi gezwungen, relevante Werbung auszuliefern. Und Relevanz ist das, was man von einer Suchmaschine erwartet und eben nicht teuer bezahlte Top-Ergebnisse wie bei den Money-Keys in den SERPs. Und eben diese Grundidee bei Google gefällt mir. Schon bei Bing ist die Schwelle deutlich höher, wenn man sich nicht auskennt.

Noch glaube ich dem Leitspruch „don’t be evil“!

17.4.2014 um 02:51
Steffen
Steffen:

Versteh mich nicht falsch: Ich will Google auch nicht verteufeln. Ich freue mich auch über viele Services, die Google anbietet. Und in der Vergangenheit war ja auch das meiste vollkommen unproblematisch, was Google gemacht hat.

Ich rede über die Zukunft und auch Döpfner redet über die Zukunft. Jetzt mal abgesehen von Springer und abgesehen davon, wie es zu der Situation gekommen ist oder kommt: Ist es gut, wenn Wohl und Wehe des deutschen Journalismus von einem einzigen Unternehmen abhängt? Wäre es gut, wenn Monsanto mit seiner Zukunftsorientierung und Innovation weite Teile der landwirtschaftlichen Produktion beliefert? Die Produkte sind in Widerstandsfähigkeit und Ertrag der verschlafenen deutschen Landwirtschaft bei Weitem überlegen. Trotzdem wollen wir diese Art Landwirtschaft nicht und wehren uns dagegen.

Noch einmal: Das Problem ist nicht, dass Google ein schlechtes Produkt durch ein besseres ersetzt. Das Problem ist, dass Googles Produkte einen Markt kaputt machen, auf dem sie kein Angebot machen und von dem wir uns nicht leisten können, dass er kaputt geht. Wir können uns gesellschaftlich nicht leisten, dass der Journalismus nicht mehr finanziert wird. Wir dürfen das nicht einmal riskieren.

All die tollen, journalistischen Projekte, die zurzeit entstehen (Bsp: http://upload-magazin.de/blog/8653-selbstbewusster-online-journalismus/) wissen im Prinzip noch nicht, wie sie sich finanzieren sollen. Und schon gar nicht haben sie ein Geschäftsmodell gefunden, dass eine breite Medienlandschaft und eine echte Pluralität ermöglicht.

17.4.2014 um 11:40

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du per E-Mail benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?