Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Stattauto : Ich kann jeden Tag mit einem anderen Auto fahren

Mit dem Wagen von Stattauto am Leuchturm Bülk

Steffen Voß

„Bei dem hört man ja gar nichts,“ sagte die Frau an der Norwegen-Fähre, die uns auf die richtige Spur einwies. Für den Urlaub in Skandinavien hatten wir uns bei Stattauto einen Toyota Yaris Hybrid geliehen, der nun einmal teilweise mit Strom fährt und dann macht der keine Geräusche. Mittlerweile bin ich seit fast zwei Jahren bei Stattauto und von der 2,53€-Fahrt bis zum 12-tägigen Urlaub habe ich alles ausprobiert. Zeit für ein kleines Fazit.

In den letzten Jahren hatte ich mir immer mal wieder privat ein Auto ausgeliehen. Manchmal ist es schlicht praktischer, wenn man nicht auf Bus und Bahn angewiesen ist und mit dem Fahrrad komm ich auch nicht überall hin.

Wenn ich aber überlege, dass ich dauerhaft nach einem Parkplatz für so ein Gefährt suchen müsste, dann würde mich das ziemlich nerven. Für die paar Tage habe ich das dann immer so gemacht, dass ich einmal einen Bogen durch meine Straße gefahren bin. Wenn da kein Parkplatz war, bin ich einfach zum Wissenschaftspark gefahren, weil dort immer einer ist. Das ist 5 Minuten zu Fuß. Mal geht das. Dauerhaft würde mich das nerven.

Wie funktioniert Stattauto?

Stattauto ist eine Genossenschaft, die an einigen Plätzen in der Stadt Leihwagen stehen hat. Bei mir im Umkreis von einem Kilometer steht gut ein Dutzend Autos in verschiedenen Größen. Über das Internet kann ich die Autos stundenweise buchen. Der Schüssel ist entweder in einem Tresor am Parkplatz oder im Handschuhfach zu finden. Jedes Auto muss wieder auf dem Parkplatz abgestellt werden, von dem man es holt.

Wer ein Auto buchen will, muss bei Stattauto entweder Kunde oder Mitglied werden. In beiden Fällen muss man 750 Euro bei Stattauto hinterlegen. Mitglieder sind dann stimmberechtigte Miteigentümer der Genossenschaft. Man bezahlt dann 8,- Euro Grundgebühr im Monat. Wenn man sich ein Auto leiht, muss man das vorher per mobiler Webseite buchen. Die Kosten setzen sich aus einer Zeitmiete und einem Kilometerpreis zusammen. Pro Stunde bezahlt man zwischen 2 und 5,50 Euro – je nach Größe des Autos. Pro Kilometer sind das 12 Cent für Elektroautos bis zu 39 Cent für die Transporter oder Kleinbusse. Der Treibstoff ist in diesem Preis schon enthalten.

Kostenvergleich

Natürlich sind im direkten Vergleich Fahrten mit dem eigenen Auto billiger – oft auch Tickets für den öffentlichen Verkehr. Sobald man aber nicht mehr alleine fährt, ist das Stattauto ungefähr so teuer wie Bahnfahren. Quarks & Co. hat einmal ausgerechnet, was man eigentlich spart, wenn man kein Auto hat und trotzdem nicht auf Mobilität verzichtet – über die Jahre kommt da eine stattliche Summe zusammen.

Das erweiterte Angebot

Das Angebot von Stattauto gilt nicht nur für Kiel – zum einen gehören Stattauto Kiel und Lübeck zusammen, zum anderen gibt es eine Kooperation mit über 300 Carsharing-Anbietern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Über das Kieler Buchungssystem kann ich auch dort Autos buchen. Das habe ich allerdings noch nicht gemacht.

Seit ich bei Stattauto bin, wurde das Angebot laufend weiterentwickelt und modernisiert – so muss man inzwischen keine Fahrtenzettel mehr ausstellen. Ab April/Mai diesen Jahres will Stattauto in Kiel ein Experiment mit einem Dutzend nicht stationsgebundener Fahrzeuge vom Typ VW Up starten – so ähnlich wie bei Car2Go. Die Fahrzeuge können spontan genutzt werden, und man muss kein Buchungsende angegeben. An den Einzelheiten arbeitet Stattauto zurzeit noch.

In der Praxis

Für die meisten Fahrten reichen die kleinen Citroen C1 oder VW Up. Nun bin ich nicht so ganz klein und vor allem aus dem C1 kann man beim Rangieren hinten praktisch nicht aus dem Fenster gucken. Ich finde die deswegen eher unangenehm und buche in der Regel etwas größer. Der Toyota Yaris Hybrid ist ein tolles, sparsames Auto mit Automatikgetriebe, in dem auch ich genügend Platz habe – leider steht der relativ weit entfernt im Grasweg. Immer praktisch sind die Opel Combo. Die sind zwar karg ausgestattet – man kann froh sein, dass man nicht auch noch selbst singen muss – aber die bieten gut Platz. Damit kann man auch mal einen kleinen Transport machen. Für lange Strecken ist der Renault Megane super – das ist ne richtige Familienkutsche mit allem Zip und Zap. Die Kleinbusse und Transport habe ich noch nicht genutzt – aber allein die Möglichkeit mal mit 9 Leuten irgendwo hinfahren zu können, finde ich super.

Einmal hatte ich bisher eine Panne mit einem Wagen. Auf der Standspur einer Autobahn zu stehen war ziemlich unangenehm und die Telefoniererei mit mehreren Hotlines war ziemlich nervig. Die Leute von der Stattauto-Hotline aber waren sehr hilfsbereit und am Ende kam der Abschlepper und ich konnte mit einem anderen Stattauto weiterfahren.

Ein wenig daran gewöhnen muss ich mich noch, dass ich immer noch einmal alles durchschaue, wenn ich das Auto abstelle. Ansonsten war ich schon mehrfach in der Stattauto-Zentrale, um vergessene Gegenstände abzuholen. Das ist natürlich beim eigenen Auto praktischer. Das kann man nach Herzenslust vollmüllen.

Fazit

Ich kann mit dem Auto fahren, wenn andere Verkehrsmittel nicht passen. Ich spare mir aber den ganzen Ballast eines eigenen Autos. Keine Steuer, keine Versicherung, keine Parkplatzsuche, keine Reifenwechsel, keine Inspektionen, keine Reparaturen – in der Regel muss ich nicht einmal tanken. Ich kann Stattauto nur empfehlen.

Kommentare

Christian Reimer
Christian Reimer:

In Flensburg gibt es ein etwas anderes Konzept, das aber auch zu funktionieren scheint.
http://www.shz.de/lokales/flensburger-tageblatt/macht-es-wie-die-flensburger-id13194391.html

7.4.2016 um 11:43
Steffen Voß
Steffen Voß:

Cambio hat vor allem keine so hohe Einlage zu Anfang. Dafür ist der Monatspreis ein wenig höher.

Geschäftspartner machen es Carsharing leichter Fuß zu fassen. In Kiel brauchen die an neuen Stationen möglichst auch die Garantie, dass jemand die Wagen häufiger nutzt.

7.4.2016 um 11:49

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