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re:publica14 Rückblick II: Wie wir miteinander reden

Beleuchtungselemant auf der re:publica 14
Nicht-Außeriridisch: Beleuchtungselemant auf der re:publica 14

Bereits 2011 hat Sascha Lobo auf der re:publica über Shitstorms ge­spro­chen. Ich glau­be, da ha­be ich die­sen Ausdruck das er­s­te Mal ge­hört ha­be. Bei ihm klang das so halb-lustig. Er hat­te si­ch ei­nen Umgang da­mit zu­recht ge­legt. Dass die­se Trolls dann aber so­gar bei ihm vor der Tür stan­den, fand ich nicht mehr so lus­tig. Heute ge­hö­ren die Empörungswellen zum Leben im Netz – lei­der. Muss das so sein?

Activist Burnout & Broken Comment Culture

Kollegin Teresa Bücker küm­mert si­ch um die Social-Media-Angelegenheiten der SPD-Bundestagsfraktion und hat dort wohl auch häu­fi­ger mit un­ge­zü­gel­ter Kritik zu tun. In ih­rem Vortrag hat sie zu­nächst ge­zeigt, wie si­ch ge­ra­de Netz-Aktive auch ge­gen­sei­tig fer­tig ma­chen. In ih­rem Workshop, der als Audiostream vor­liegt, hat sie zu­sam­men mit Ingrid Brodnig no­ch ein­mal ge­nau­er ge­zeigt, wie Technik und der rich­ti­ge Umgang ei­ne po­si­ti­ve Diskussionskultur un­ter­stüt­zen kann.

Während Spiegel Online & Co. ein­fach je­de Art Kommentar zu­las­sen und gleich­ran­gig an­zei­gen, zei­gen Gawker und Guardian, wie es bes­ser geht:

  • Bei Gawker wer­den die Kommentare nach ih­rem Gehalt be­wer­tet ver­schie­ben pro­mi­nent an­ge­zeigt. Wer schon häu­fi­ger, be­lieb­te Kommentare ab­ge­ge­ben hat, wird eher an­ge­zeigt, als Leute, die fri­sch re­gis­triert sind.
  • Beim Guardian gibt es kei­ne ob­li­ga­to­ri­schen Kommentare. Die Funktion müs­sen die Redakteure selbst für je­den Artikel ein­zeln frei­schal­ten. Sie über­neh­men da­mit auch die Verantwortung für die Diskussion. Zeit für die Moderation ist dann ein­ge­plant. Und die Erfahrung zeigt, dass die Diskussionen viel sach­li­cher ver­lau­fen, wenn di­rekt nach ein bis zwei Kommentaren die Redakteurin auf Augenhöhe ant­wor­tet.

Wer eine Community will, muss sie pflegen

Die Community und die Diskussionskultur wird für Medien ei­ne der zen­tra­len Herausforderungen für die Zukunft sein. Denn das Image des Mediums hängt auch von sei­nen Nutzern ab und die Medien le­ben von ih­ren Stammlesern. Mich hat der Workshop da­bei an ei­nen Vortrag auf der re:publica vor ein paar Jahren er­in­nert. Damals hat­te ei­ne Norwegerin ein Community-System für Zeitungen vor­ge­stellt. Dort hat­ten die Regionalzeitungen ge­zielt die Funktionsträgerinnen und Funktionsträger ih­rer Region in die Community ein­ge­bun­den. Da konn­te dann er­kenn­bar der Chef von der Feuerwehr oder die Pastorin mit­dis­ku­tie­ren, wenn es um „ih­re“ Themen ging. Diskussionen aus der Zeitung wur­den on­line dis­ku­tiert und die Online-Diskussionen wur­den in der Zeitung ge­spie­gelt. Die öf­fent­li­ch mit­fi­nan­zier­ten Zeitungen in Norwegen funk­tio­nie­ren so tat­säch­li­ch als öf­fent­li­cher Debattenraum.

Wie man all die schö­nen Tipps al­ler­dings mit ei­nem Kommentarsystem um­setzt, das man nicht tech­ni­sch be­ein­flus­sen kann – mit Facebook – wüss­te ich ger­ne. Facebook hat nur ru­di­men­tä­re Community-Management Tools. Man kann ei­gent­li­ch nur ma­nu­ell Kommentare lö­schen und Leute ban­nen. Das ist in­ef­fek­tiv und äu­ßer­st ener­vie­rend.

#idpet – Wenn Partizipation und Grundrechte kollidieren

Eine an­de­re Form des Online-Mobs be­schrei­ben Andrea Meyer und Nele Tabler in ih­rem Vortrag: Die Idee, dass Schülerinnen und Schülern er­klärt wer­den könn­te, dass al­le Menschen die glei­chen Rechte ha­ben, auch un­ab­hän­gig von ih­rer se­xu­el­len Identität oder Orientierung hat of­fen­bar ei­ne Menge Menschen ver­wirrt und auf­ge­bracht. Mit ei­ner Petition ha­ben sie ge­gen den Plan der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg Protest or­ga­ni­siert. Um es mit Buzzfeed zu sa­gen: Was dann pas­siert, wirst Du nicht glau­ben:

Ein paar per­sön­li­che Gedanken da­zu: Ich ha­be mi­ch neu­li­ch auch da­bei er­wischt, ei­nen bö­sen Kommentar zu schrei­ben. Ich hat­te mi­ch über ei­nen Artikel bei ZEIT-Online ge­är­gert. Ein Autor, den ich an­sons­ten sehr für sei­ne dif­fe­ren­zier­ten Artikel schät­ze hat­te ei­nen et­was plat­ten Beitrag ver­öf­fent­licht. Ich schrieb, dass je­mand aus der Politik-Redaktion dem Kollegen doch mal die Unterschiede zwi­schen den Organen der EU er­klä­ren mö­ge. Noch be­vor ich „ab­sen­den“ drück­te, be­merk­te ich, wie si­ch das liest: Der Typ hat kei­ne Ahnung. Das woll­te ich da­mit aber gar nicht aus­drü­cken.

Kommentare sind un­voll­stän­di­ge Kommunikation: Normalerweise hat­te man ei­ne Eröffnung der Kommunikation, die Anrede, dann die Nachricht und dann no­ch ei­nen Abschluss. Nur im Film kann man das Telefon oh­ne Abschied auf­le­gen, oh­ne dass es ko­mi­sch wirkt. Statt al­so zu schrei­ben „Lieber Herr Soundso, ich bin ein gro­ßer Fan Ihrer Artikel. In die­sem Fall aber muss ich mi­ch über die die man­geln­de Kenntnis der Europäischen Institutionen be­kla­gen. bla bla. Gruß aus Kiel, S.“ haut man aus­schließ­li­ch die Kritik raus. Und man denkt si­ch nur den gan­zen Rest. Gedanken aber kann der Empfänger nicht le­sen. Und dann ist es hart.

Wie man das löst weiß ich auch nicht. Aber wir soll­ten das wis­sen und uns um mehr Höflichkeit küm­mern.

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  1. Lesetipp: Ingrid Brodnig - Der unsichtbare Mensch

Kommentare

soeren

Um mal al­les zu be­rück­sich­ti­gen:
Hallo Steffen,

ich fand das ei­nen sehr gu­ten Artikel! Gerade die Lektüre von SPON-Kommentaren lässt ei­nen si­ch doch oft fra­gen in was für ei­nem Land man ei­gent­li­ch lebt. Vielleicht ist es ja tat­säch­li­ch so, dass si­ch vie­le Kommentar-Autoren den Rest den­ken, si­cher bin ich mir da­bei aber nicht.

Grüße aus Bamberg,
soe­ren

Steffen

Die ha­ben viel­leicht auch ei­nen schlech­ten Tag, sind zu­sätz­li­ch sau­er und ah­nen, wie sie ei­nen am meis­ten tref­fen kön­nen. Und dann kom­men da fie­se Dinger bei raus. Dazu kommt, dass vie­le gar nicht ge­lernt ha­ben, wie man Kritik öf­fent­li­ch äu­ßert: http://netzwertig.com/2013/04/17/kritik-richtig-dosieren-warum-wir-eine-neue-diskussionskultur-brauchen/

Ich be­fürch­te al­ler­dings auch, dass es vie­le Verrückte gibt.

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