Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Zurück ins Büro : Wenn die Arbeitszeit an der Haustür beginnt

Autos im Stau
Foto: Aayush Srivastava/Pexels

Steffen Voß

In der Pandemie haben sich viele Menschen an die Arbeit von zu Hause aus gewöhnt. Sie haben sich den Weg zur Arbeit gespart und dadurch Zeit für sich gewonnen. Kann man ihnen diese Zeit unbezahlt wieder wegnehmen?

„Pendeln macht die Leute besonders unglücklich“, hat der Zürcher Ökonom Bruno Frey der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal erklärt. Nur Arbeitslosigkeit und körperliche Behinderungen würden als ähnlich schlimm empfunden. Mit jeder Minute Pendeln pro Tag sinke das allgemeine Wohlbefinden der Arbeitnehmer. Schon bei 20 Minuten Fahrtzeit verringere sich die Zufriedenheit um zwölf Prozent.

Der Weg zur Arbeit macht unglücklich

Bis zu eine Stunde verbringen die Menschen mit ihrem Weg zur Arbeit – egal mit welchem Verkehrsmittel. Nur wenige Menschen fahren noch längere Strecken.

Laut einer Studie des Wirtschafts-​Nobelpreisträgers Daniel Kahneman von der Princeton Universität ist Pendeln die tägliche Aktivität, die die Menschen am unglücklichsten macht.

„Wer für den Weg zur Arbeit eine Stunde benötigt, müsste theoretisch 40 Prozent mehr verdienen, um genau so glücklich zu sein wie jemand, der seinen Job direkt um die Ecke hat.“

– Studie von Bruno Frey

Zwei Jahre Home-Office

Wer eine Stunde pendelt, verbringt im Jahr 250 Stunden unterwegs. Über die Lebensarbeitszeit sind das 14 Monate. Das haben sich viele Menschen in den letzten zwei Jahren ersparen können. Jetzt drängen viele Arbeitgeber wieder darauf, dass die Arbeiternehmerinnen und Arbeiternehmer zurück ins Büro kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute begeistert sind, dass ihnen diese Lebenszeit unbezahlt wieder weggenommen werden soll. Denn so wird es sich anfühlen.

Eine Chance für alle

In diesem Umbruch liegt eine große Chance: Statt großer, zentraler Büroflächen, bieten sich kleine, vernetzte Kreativräume an – beispielsweise in Stadtteile-​Coworking-​Spaces. Die Unternehmen könnten sich für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier einmieten. Die Leute könnten um die Ecke zur Arbeit gehen. 

Das hat den Vorteil, dass man eine professionelle Ausstattung sicherstellen kann und man Arbeit und Freizeit besser von einander trennen kann. Vom Austausch mit anderen Menschen kann man nur profitieren. 

Das erspart den Menschen den unbeliebten Weg zur Arbeit und verringert den Autoverkehr. Denn tatsächlich pendeln zwei Drittel der Menschen per Auto – auch bei Strecken von nur ein paar Kilometern. 

Reden wir über die Arbeitszeit

Alternativ könnten die Arbeitgeber den Weg zur Arbeit als Arbeitszeit anrechnen. Das wird natürlich nicht dazu führen, dass die Leute möglichst lange Pendeln. Pendeln an sich bringt keinerlei Erfüllung und man schafft keine Arbeit. Für Arbeitgeber wären Menschen mit langen Pendelwegen unattraktiv und für die Menschen wäre der Weg unattraktiv. Wer hasst seinen Job schon so sehr, dass er jeden Tag sinnlos im Verkehr steht, nur um seinem Arbeitgeber einen auszuwischen?

Auch eine generelle Arbeitszeitverkürzung kommt in Frage. Wenn man nur 30 Stunden in der Woche für das volle Gehalt arbeiten muss, tut die Stunde im Verkehr weniger weh. Das ist vor allem ebenfalls eine Lösung für Branchen, die kein Home-​Office bieten können und die trotzdem attraktiv sein müssen, weil sie mit Bürojobs konkurrieren. 

Wie ist das bei Dir? Wie lange fährst Du zur Arbeit und ist das okay für Dich?

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Kommentare

Rolf
Rolf:

Ich habe zwar eine tägliche Pendelzeit von mehr als zwei Stunden, aber dazu gehören Fußwege (mag ich) und Bahn fahren (mag ich auch, da ich da in Ruhe lesen kann). Ich gehöre damit zur Ausnahme, die die Regel bestätigt

22. November 2021 um 12:53 Uhr
Steffen Voß
Steffen Voß:

@Rolf: Ja. Das ist auch einer der Gründe, warum die Leute alle Auto fahren: Es ist gerade für Eltern eine Zeit, die sie für sich haben. Trotzdem ist es für die meisten Menschen eher ein Grund für Stress.

22. November 2021 um 12:59 Uhr
Jacob
Jacob:

Ich fahre in den Niederlanden taeglich 25 Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit. Diese koerperliche Betaetigung hat mir im Lockdown gefehlt. Ohne Pendeln bin ich somit ungluecklicher. Fahrradfahren in einem Land mit hervorragender Radinfrastruktur ist vielleicht etwas, das in Kahnemanns (vermutlich US-​zentrischer) Studie wahrscheinlich nicht untersucht werden konnte.

22. November 2021 um 13:17 Uhr
Steffen
Steffen:

@Jakob: Ja, die Bewegung muss man sich dann anders organisieren. Laut Randstat-​Studie (FAZ) fahren 68% der Pendler mit dem Auto – auch Strecken von weniger als 5km. Die holen sich die Bewegung offenbar ohnehin woanders. Das sind natürlich auch nicht alles Leute, die bei der Arbeit keine Bewegung haben.
In Holland mag das Radfahren Spaß machen. Hier in Deutschland ist es einfach nur stressig. Du bist mit den Autos zusammen auf der Straße und musst alle 100m an Ampeln halten, weil die natürlich für Autos geschaltet sind. Als ich noch durch die Stadt musste, bin ich lieber zu Fuß gegangen.

23. November 2021 um 7:36 Uhr

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