Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Internet : Die müden Riesen

Foto: Free Press/ Free Press Action Fund - CC BY-SA 2.0

Steffen Voß

1993. Christian und ich sitzen zusammen und hecken etwas aus: „Wir stellen den Vertretungsplan einfach ins Internet!“ Einer von uns müsste dann zwar immer sehr früh in der Schule sein. Alle anderen könnten dann aber von zu Hause aus nachgucken, ob sie überhaupt schon los müssen oder ob die erste Stunde ausfällt.

„Das Internet“ war damals ein PC im Nachbardorf, in den man sich per Modem einwählen konnte. Zweimal am Tag tauschte der unsere E-Mails mit einem anderen Computer aus. Eine Mail brauchte gut einen ganzen Tag, bis sie irgendwo ankam. Und „alle anderen“ waren die vier Mitschüler, die schon ein Modem besaßen.

Ich war ohnehin immer früh da, weil ich fast neben der Schule wohnte – nur der Vertretungsplan war dann noch nicht fertig. Die Idee brachte also niemandem etwas. Aber wir wurden uns der Möglichkeiten bewusst, die das Internet haben könnte: „Jeder ist ein Verleger,“ war damals das Motto. Alle können etwas veröffentlichen und die ganze Welt kann es lesen.

John Perry Barlow schrieb 1996 in der „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspaces“:

„Regierungen der Industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid nicht willkommen unter uns.“

Von diesem republikanischen Geist ist heute wenig übrig. Im Cyberspace sind neue Riesen gewachsen, sie werden müde und formen darum das Internet nach ihrem Willen. Wo früher alle gleich behandelt wurden, werden sie in Zukunft bevorzugt: Die beiden Mobilfunkriesen Telekom und Vodafone bieten Tarife an, in denen die Daten der Internetgiganten nicht mehr auf Ihr Volumen angerechnet werden: Facebook, Google, Amazon.

Deine örtliche Zeitung zum Beispiel ist zu klein, um für die Mobilfunkriesen eine Rolle zu spielen. Sogar Deutschland ist zu klein – der einzige Dienst aus Deutschland, der ebenfalls bevorzugt wird, ist Sky – und natürlich die eigenen Fernsehdienste von Vodafone und der Telekom selbst.

Die Text ist zuerst bei shz.de erschienen.

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