Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Waterkant19 : Wem gehört das Unternehmen?

Konferenzraum
Foto: Free-Photos auf Pixabay

Steffen Voß

Oft geht es bei Start-​ups darum, möglichst schnell, möglichst teuer aufgekauft zu werden. Achim Hensen und Jakob Willeke von der Purpose-​Stiftung haben auf dem Waterkant-​Festival eine Alternative vorgestellt, die langfristigeres Denken fördern soll. Mir ging es nicht weit genug.

Gemeinsam hatten Carl Zeiss und Ernst Abbe das gemeinsame Unternehmen groß gemacht. 1888 starb Carl Zeiss und Ernst Abbe fragte sich, wie er das Unternehmen für die Zukunft sichern könnte. Er kam auf die Idee, eine Stiftung zu gründen und dieser Stiftung das Unternehmen zu überlassen. So sollte sichergestellt werden, dass die Firma Carl Zeiss im Sinne ihrer Gründer weitergeführt würde.

Nun kann nicht jedes Start-​up gleich eine Stiftung mit gründen. Hier will die Purpose-​Stiftung helfen. Man schreibt sich dazu die zwei Grundsätze der Purpose-​Stiftung in die Unternehmenssatzung:

  1. Die Gewinne des Unternehmens bleiben im Unternehmen.
  2. Es werden keine Unternehmensanteile oder das Unternehmen als Ganzes verkauft.

Damit man diese Regeln nicht einfach ändern kann, gibt man der Purpose-​Stiftung einen 1%-Stimmrecht einzig in der Frage, ob diese zwei Regeln geändert werden sollen. Die Stiftung bekommt dadurch ein Veto-​Recht, dass sie immer ausüben wird, wenn jemand diese Regeln ändern will. Außerdem achtet die Stiftung auf die Einhaltung.

Achim Hensen versicherte, dadurch würden sich Unternehmen ethischer verhalten. Jemand aus dem Publikum merkte sogar an, dass man dadurch dem Kapitalismus die Zähne zöge. Bereits in der Beschreibung des Vortrag hieß es „Warum braucht es ’new ownership to unfuck our economy?’ ”

Ich muss sagen, ich hatte mir mehr davon versprochen. Vielleicht liegt es daran, dass Juso-​Chef Kevin Kühnert kürzlich an die Idee erinnert hat, dass Unternehmen ja nicht nur Kapitalinvestoren, Familien oder – wie bei Purpose – sich selbst gehören könnten, sondern den Angestellten und den Kunden – denjenigen, die auf das Unternehmen angewiesen sind.

Ich selbst bin Miteigentümer des Unternehmens, das mir eine Wohnung zur Nutzung überlässt. Ich habe keinen Miet- sondern einen Nutzungsvertrag. Ich habe gerade Vertreter für die Vertreterversammlung der Baugenossenschaft gewählt.

Ich bin Miteigentümer des Unternehmens, das mit Autos zur Verfügung stellt. Ich bin gerade eingeladen worden zur Jahreshauptversammlung, auf der ich über verschiedene Dinge direkt mitbestimmen dürfte.

Die Idee der Genossenschaft ist ungefähr genauso alt wie die Idee des Stiftungsunternehmens. Zwischen 1850 und 1860 kamen unabhängig von einander Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-​Delitzsch auf die Idee. Für Arbeiter damals war das Modell Hilfe zur Selbsthilfe und eine soziale, demokratische Alternative zum puren Kapitalismus.

Nun muss man keine Genossenschaft gründen. Keine volkseigenen Betriebe. Ich hatte „New Ownership” aber mehr erwartet als einen Hack für die Unternehmenssatzung. Wenn man nicht nur für kurzfristige Profite der Shareholder, der Kapitaleigentümer arbeiten will – warum bezieht man dann die Stakeholder nicht systematisch mit ein? Die haben doch ein langfristiges Interesse an dem Unternehmen.

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