Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Wordpress : Der Gutenberg-Editor ist ein Paradigmenwechsel

Beispiel-Artikel im Gutenberg-Editor
Beispiel-Artikel im Gutenberg-Editor

Steffen Voß

Gutenberg soll mehr als Editor sein. Das WordPress-Team hat sich zum Ziel gesetzt, die gesamte Art und Weise zu ändern, mit der Inhalte veröffentlicht werden. Ein genauerer Blick auf das Projekt lohnt sich also.

WordPress ist schon heute das am häufigsten verwendete Redaktionssystem weltweit. 30 Prozent aller Internetseiten werden mit WordPress betrieben. Ich selbst habe eine ganze Reihe Websites auf Basis von WordPress.

Doch die Konkurrenz schläft nicht – vor allem die Konkurrenz für den kommerziellen Ableger wordpress.com. wix.com oder Jimdo bieten viel umfangreichere Funktionen als das klassische Blogsystem von WordPress. Dahinter kann WordPress nicht dauerhaft zurückfallen. Etwas musste passieren.

Großes Textfeld vs. viele kleine Blöcke

Es gibt zwei Ansätze für das Erstellen von Webseiten: Entweder hat man ein großes Textfeld und einen WYSIWYG-Editor oder man stellt die Seite aus vielen einzelnen Elementen zusammen.

Gutenberg ermöglicht es, einen Artikel aus verschiedenen Blöcken zusammen zu stellen. Blöcke können Überschriften, Bilder, Absätze, Zitate, Tabellen und vieles mehr sein. Wer will, kann eigene Blöcke entwickeln. Damit können auch Benutzer.innen mit weniger ausgeprägten Web-Fähigkeiten vielfältigere Inhalte erstellen.

Bevor ich begonnen habe mit WordPress zu arbeiten, habe ich mit Zikula Websites erstellt. Dort gab es ein Modul eines, mit dem man sich Seiten so zusammen klicken konnte wie bei Gutenberg – nur nicht ganz so komfortabel (vor 7 Jahren). Ich fand aber das eine große Text-Feld von WordPress immer praktischer. Gerade weil ich Ahnung davon habe, wie man den Editor und seine Funktionen bedient.

Wenn man mit dem Editor umgehen kann, hält es bei einem normalen Text mit Zwischenüberschriften eher auf, wenn man immer neue Blöcke auswählen und einfügen muss. Allerdings fühlt es sich in Gutenberg nicht so an. Theoretisch muss man für jeden Absatz ein neues Absatzelement anlegen. Praktisch ist es aber so, das Gutenberg das bei „Enter“ von alleine macht und man den Text einfach weiter schreiben kann, wie bisher auch. Wer zwei Absätze zusammenziehen will, geht wie auch bisher an den Anfang des zweiten Absatzes und drückt „Backspace“.

Potential für Unfug

Ich mochte den klassischen WordPress-Editor auch deswegen, weil damit ambitionierte aber unerfahrene Benutzer.innen kaum Unfug anstellen konnten. Der normale WordPress-Editor hat nur wenige Funktionen. Mit Fettdruck, Links und Aufzählungen kann man nur schwer eine Seite entstellen.

Ich kann deswegen verstehen, wenn Administrator.innen von größeren Multisites-Installationen für Kunden skeptisch sind, was Gutenberg bringt. Allerdings kann man auch Gutenberg konfigurieren und alles rausschmeißen, was Komplikationen verspricht. Allerdings kann man auch eigene Blöcke entwickeln, die speziellen Bedürfnissen bestimmter Kunden entgegen kommen.

Potential für Vereinfachung

Bei der WordPress-Installation, die ich bei der Arbeit nutze, kann man zum Beispiel Personen anlegen und diese Personen Gruppen hinzufügen. Per oEmbed kann man diese Personen und Gruppe in Artikel einfügen. Der klassische Editor erstellt daraus eine Vorschau, die ich zum Beispiel unter Artikeln als Autoren-Box verwende. Das ist aber eine Funktion, die nirgends sichtbar ist – genauso wie der Shortcode, mit dem ich Videos aus der Mediathek des Bundestags integrieren kann. Als Blöcke in Gutenberg wären diese Funktionen für alle Benutzer.innen erkennbar.

Gerade bei Personen und Gruppen könnte man sich sogar sparen, die Zielseite zu suchen, die URL zu kopieren und einzufügen. Man hätte einen Block für Gruppen und einen für Personen. Den wählt man aus, tippt in ein Autocomplete-Feld den gesuchten Namen, wählt den aus. Fertig.

Ich würde zum Beispiel auch den normalen Block für Überschriften entfernen und einen einfacheren einbauen, der nur Zwischenüberschriften der Hierarchie H2 zulässt. Ich habe extrem selten Seiten gesehen, auf denen das Dokument weiter als in dieser Ebene gegliedert war.

Die meisten Menschen verstehen die Gliederung von Dokumenten gar nicht – wer schon einmal versucht hat, Freunden zu helfen, deren Diplomarbeit in Word plötzlich Kraut und Rüben war, weiß was ich meine. Die meisten Menschen verstehen unter eine Überschrift fetten Text, der ein wenig größer geschrieben ist als der Rest. Dem kann man mit so einem Block entgegen kommen.

Mein Problem mit Gutenberg

Seit dem letzten Update drängt sich Gutenberg im Dashboard auf. Ich bin deswegen davon ausgegangen, dass der Editor soweit einsatzfähig ist, dass ich ihn mal auf kaffeeringe.de testen kann. Leider musste ich feststellen, dass mein Hack für Dachzeilen nicht angezeigt wird. Ich hab dann gedacht, dass ich vielleicht einfach einen Dachzeilen-Block entwickel.

Ich musste aber feststellen, dass Gutenberg keine Blöcke oberhalb des Titels zulässt. Deswegen habe ich Gutenberg erst einmal wieder rausgeschmissen und einen Feature-Request abgegeben. Vielleicht haben ja noch anderen Leute Interesse daran, Elemente oberhalb des Titels anzuzeigen: Dachzeilen, Titelbilder, Disclaimer, Autoreninfos…

Eine gute Zukunft

Gutenberg ist wichtig für WordPress und es entwickelt sich gut. Niemand kann erwarten, dass schon die erste Version alle Wünsche erfüllt. Deswegen wird Gutenberg auch langfristig neben dem klassischen Editor angeboten werden. Ich hoffe, dass Gutenberg immer so konfigurierbar ist, dass die Benutzer.innen damit nichts machen können, das das Layout sprengt. Ich freu mich aber darauf, mit Gutenberg zu arbeiten.

Kommentare

Boris
Boris:

Ich scheine irgendwie auf dem Schlauch zu stehen… aber ich finde bei mir nirgends einen Gutenberg-Editor im Dashboard (und auch anderswo nicht)??

10.8.2018 um 20:05
Steffen Voß
Steffen Voß:

Mit dem Update auf WordPress 4.9.8 solltest du im Dashboard einen unübersehbaren Hinweis auf die Installation von Gutenberg bekommen haben. Sonst müsstest du Gutenberg einfach im Pluginverzeichnis suchen und installieren.

10.8.2018 um 23:01
Tom
Tom:

Ja, der Gutenbergeditor ist interessant und vielen Dank für den Überblick.

Allerdings ist Dein Absatz zu den Überschriften etwas zu kurz gedacht. Denn h3-Überschriften wie auch h4-Überschriften werden nicht nur genutzt sondern sollten es auch. Manchmal gibt es sogar h5-Überschriften, z.B. bei Metanavigationen.

Du nutzt ja selbst die h3- für „Schreibe einen Kommentar“, wobei man hier durchaus fragen kann, ob „Kommentare“ nicht die h3 und „Schreibe“ eine h4 sein könnte. Denn semantisch ist „Kommentare“ unterhalb des eigentlichen Artikels zu sehen, da sich die Kommenatar auf den Artikel beziehen. Aber erst nach dem eigentlichen Inhalt. Dagegen sind Deine Zwischenüberschriften semantisch eine Ebene höher anzusehen, korrekter Weise als h2. Denn die beziehen sich immer auf den Textabschnitt.

Deine Marginalspalte enthält zudem zusätzliche Infos, die zwar teilweise in einem Zusammenhang mit dem Artikel stehen („Mehr zum Thema“), aber ansonsten außerhalb des Artikels anzuordnen sind. Hier wäre die h3 oder ggf. die h4 wahrscheinlich der bessere Ansatz anstelle der h2.

Grundsätzlich sei noch gesagt: Korrekter Weise muss es heißen: „Die meisten SEHENDEN Menschen verstehen unter eine Überschrift fetten Text, der ein wenig größer geschrieben ist als der Rest.“ Du vergisst hier im Sinne der Barrierefreiheit komplett die Gruppe der sehbehinderten Internetnutzerinnen und -nutzer, die auf die Überschriftenhierarchie angewiesen sind, zumindest, wenn sie assisitive Hilfsmittel einsetzen.

Lesetipp: http://bik-fuer-alle.de/barrierefreiheit-umsetzen.html

Nicht barrierefrei ist übrigens auch Deine erfundene Genderschreibweise. Screensreader können Gendergaps, BinnenIs, Gendersternchen und eben Deinen erfundenen Punkt nicht interpretieren. Dass die Nutzung alternativer Genderschreibweisen natürlich nicht den Regeln der Rechtschreibung entspricht, klammere ich hier mal aus. Besser: Beide Geschlechter ausschreiben oder die neutrale Mehrheitsform wählen. Nachteil: Du müsstest ein wenig sorgsamer formulieren und ein journalistischer werden. Vorteile: Der Text gewinnt an Lesbarkeit und deine Texte entsprächen dann auch einer inklusiven Schreibweise im Web.

14.8.2018 um 09:43
Steffen Voß
Steffen Voß:

Ich habe offenbar missverständlich geschrieben: Ich will nicht die Überschriften-Ebenen abschaffen. Sehe nur extrem selten Blogposts, die mehr als Zwischenüberschriften haben. Die wenigsten Blogposts, Nachrichtenartikel usw. sind weiter gegliedert. Und man muss sie auch nicht weiter gliedern, weil die Texte nicht so komplett sind. Vielmehr sind manche wissenschaftlichen Texte aus purer Angeberei bis in die fünfte Ebene gegliedert. Das hilft niemandem beim Lesen.

Bei Editoren, die Überschriften von H1-H6 einfach per Drop-Down anbieten ist es oft so, dass Nutzer die Überschrift nach ihrem Aussehen auswählen – die wählen dann die kleine, rote Überschrift aus, was h5 ist, weil das schöner aussieht als H2, was semantisch korrekt wäre.

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass der Überschriften-Block schlauer werden könnte: Wenn es noch keine Zwischenüberschrift gibt, sollte er nur H2 anbieten. Wenn es eine H2 gibt, sollte nur H2 oder H3 angeboten werden, unter einer H3 nur H2, H3 und H4. Zusätzlich sollten die Überschriften nicht nur „Hx-Überschrift“ heißen, sondern „Zwischenüberschrift (H2)“, „Unterüberschrift (H3)“ und so weiter.

Ich beschäftige mich schon lange mit Barrierefreiheit – wenn auch nie zentral, sondern immer nur mitgedacht. Bsp.: https://kaffeeringe.de/52/barrierefrei-was-ist-das

14.8.2018 um 12:36

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