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Moderne Technik & Bürokratieabbau

Immer wie­der, wenn ich in der Uni et­was or­ga­ni­sie­ren muss, kommt mir die Redewendung „von Pontius zu Pilatus lau­fen“ in den Sinn. Wer von Pontius zu Pilatus ge­schickt wird, der läuft ins Leere, denn es gibt gar kei­nen Weg zwi­schen Pontius und Pilatus. Eigentlich ist man im­mer in der Uni. Aber die Linke weiss nicht, was die Rechte tut. Wer glaubt, dass die Einführung mo­der­ner Informationstechnologie da Besserung bringt, sitzt ei­nem Irrtum auf. Beispiel: Campus CardEs gibt Uni-Hochschulgruppen im ASTA, de­ren po­li­ti­scher Inhalt be­schränkt si­ch seit Jahren of­fen­bar auf die Forderung nach ei­ner Chipkarte, mit der man si­ch Uni-einheitlich Scheine ab­ho­len, Mensaessen be­zah­len und fo­to­ko­pie­ren kann. Ganz dumm ist die Idee nicht – muss si­ch der Studienneuling nicht er­st für je­des Institut in­for­mie­ren, wie denn hier Scheine ge­hand­habt wer­den. Mal be­kommt man die Dinger als flie­gen­den DIN-A5 Zettel, mal gibt es ei­ne Seminarkarte, auf der im Laufe des Studiums al­le Leistung ein­ge­tra­gen wer­den und ich bin si­cher, dass es no­ch 10 an­de­re Verfahren gibt.

Als ich in Kiel an­fing zu stu­die­ren, gab es so­gar in den zwei gro­ßen Mensen ver­schie­de­ne Bezahlsysteme: In der Mensa 1 mus­s­te man Kinokartenartige Abrisse kau­fen, die man dann je nach Farbe in Essen um­tau­schen konn­te. In der Mensa 2 gab es ei­ne Magnetkarte, die man mit Bargeld auf­la­den konn­te. Dann wur­de die Mensa 1 re­no­viert und die Bezahlung per Geldkarte und Bargeld ein­ge­führt. Der Geldkartenchip ist die­ses gol­de­ne Ding auf den EC-Karten. Praktisch, weil man ihn di­rekt vom Konto auf­la­den kann. Unpraktisch, weil die­ser Vorgang re­la­tiv ewig dau­ert. Praktisch wie­der­um, weil man da­mit so­gar in der rich­ti­gen Welt be­zah­len kann. Birefmarkenautomaten spei­en ei­nem dann nicht mehr Restbeträge von 15 Cent als Briefmarke aus und Zigarettenautomaten neh­men sichs ein­fach pas­send.

Mit die­sem Semester aber wur­de an bei­den Mensen die Campus Card ein­ge­führt. Eine Karte für bei­de Mensen! Yeeehaw! Und man muss sie nicht­mal mehr rich­tig­rum in den Leser stöp­seln, son­dern kann sie lo­cker im Portemonnaie las­sen und auf den Leser le­gen. Man kann sie lei­der nur mit Bargeld la­den, so dass man er­st an den Geldautomaten muss um dann ein paar Meter wei­ter das Geld wie­der in den Ladeautomaten zu ste­cken. Und an der Mensa 2 gibt es nicht­mal ei­nen Geldautomaten.

Doch mei­ne per­sön­li­che klei­ne Freude über die­se Innovation wär­te nur kurz: Eine der Mensadamen in der Mensa 2 buch­te ir­gend­wie 5 Euro zu viel von mei­ner Karte, ent­schul­dig­te si­ch, und er­klär­te mir, dass sie es nicht zu­rück­bu­chen kön­ne. Stattdessen gä­be sie mir den Bon und schrie­be mir dort den Betrag drauf gut. Beim nächs­ten Mal be­zah­len soll­te ich den Bon neh­men. Wenn nicht al­les auf­ge­braucht wür­de, müss­te man dann ein­fach nur den neu­en Betrag dar­auf­schrei­ben. – Von elec­tro­nic Cash zu­rück zum Papiergeld.

Als wä­re das nicht ge­nug, stand ich dann 10 Tage spä­ter in der Mensa 1 an der Kasse und ließ mir er­klä­ren, dass das mit dem Bon so nicht gin­ge. Ich müss­te da­mit zum Studentenwerk und mir den Betrag zu­rück­bu­chen las­sen.

Nach dem Essen ging ich zu der Dame vom Studentenwerk. Die hat­te viel­leicht lan­ge Fingernägel! Und mit die­sen fuch­telnd er­klär­te sie mir, dass das Vorgehen der Kollegin mit dem Bon ja ko­mi­sch ge­we­sen wä­re. Sie kön­ne mir das Geld aber nicht zu­rück­bu­chen, weil man die Einzelbeträge und die Nummer der Kasse ja nicht mehr le­sen kön­ne. – Das kommt da­von, wenn man Bons druckt, die man nur ein paar Tage le­sen kann. Sie schick­te mi­ch al­so von der Information des Studentenwerks zum Abteilungsleiter, der am Infostand für die Mensakarte ste­hen soll­te. Die Dame dort sah nicht wie der Abteilungsleiter aus. Nach mei­ner Erzählung roll­te sie nur mit den Augen, nahm den Bon, sag­te „Das kann man doch no­ch le­sen!“ und schrieb die Beträge mit dem Kuli nach. Auf die Frage, wel­che Kasse das denn war, konn­te ich nur sa­gen, dass sie ganz rechts in der Mensa 2 war. „Oh, Mensa 2 – da weiss ich gar nicht, ob wir das hier gut­schrei­ben kön­nen.“ – Versuchen muss ich’s wohl.

Also wie­der zu­rück zur Fingernagelfrau. Die tipp­te dar­auf­hin die Beträge in ih­ren Computer – sah mit den Fingernägeln nicht so aus, als ma­che das Spaß. Vielleicht woll­te sie mi­ch ja vor­her auch nur los­wer­den, da­mit sie nix tip­pen muss.

Dann war für ein paar Tage al­les im Lot, bis ich in der Mensa 1 stand und die Karte auf ein­mal nicht mehr ging. Sie ließ si­ch nicht le­sen. Gott-sei-Dank hat­te ich no­ch Bargeld da­bei. Das ist ja bei Studenten nicht im­mer so. Reklamieren konn­te ich nicht – die Information hat­te nicht ge­öff­net. So bin ich dann ein paar Tage spä­ter in der Mensa 2 re­kla­mie­ren ge­gan­gen. Schön in der Mittagsschlange an die ein­zi­ge Kasse in der Cafeteria ge­stellt, um ein Formular aus­zu­fül­len und den gan­ze Laden für 5 Minuten auf­zu­hal­ten. Am nächs­ten Tag soll­te ich noch­mal wie­der­kom­men, dann wä­re die Karte ge­prüft.

Zwei Tage spä­ter stellt ich mi­ch wie­der in die glei­che Schlange und war­te­te 5 Minuten dar­auf, dass mir Kartenwert und Kartenkaution aus­be­zahlt wur­den. Nun hat­te ich wie­der kei­ne Karte mehr. Die Infostände gab es nicht mehr, da die Einführungsphase der Karte of­fen­bar ab­ge­lau­fen war. Woher al­so ei­ne neue Karte be­kom­men? Fingernagelfrau! Die muss das wis­sen.

Nächster Tag. Freitag. Die Information ist ge­öff­net. Die Fingernagelfrau ist nicht da. Nur ein Jungspund, der mir sagt, dass Campuskarten dort nur Montags bis Donnerstags aus­ge­ge­ben wer­den könn­ten. Warum das so sei, ha­ben ich uns bei­den er­spart zu fra­gen.

An der Kasse der Cafeteria in der Mensa 1 ha­be ich dann doch no­ch ei­ne be­kom­men und konn­te der net­ten Mensafrau so­gar er­zäh­len, was denn pas­siert, wenn die Karte ka­putt ist. Das hab ich näm­li­ch ne­ben­her no­ch her­aus­ge­fun­den: Es bringt nix, bei der Reklamation zu be­haup­ten, man hät­te am Vortag ge­ra­de 500¤ auf die Karte ge­la­den. Das Geld ist näm­li­ch gar nicht auf der Karte. Auf der Karte ist nur ei­ne Nummer – und die steht so­gar auch drauf. Diese Nummer ge­hört zu ei­ner Art Konto, auf das das Geld ge­zahlt wird. Geht die Karte ka­putt, kann man an­hand der Nummer fest­stel­len, wie­viel Geld no­ch auf dem Konto war.

Hamma wie­der was ge­lernt in­ner Unni. 

Links:
Wir lie­ben un­se­re Mensa (MP3)
Wir lie­ben un­se­re Mensa (PDF)

Kommentare

Mark

ich mag die­ses Wort an si­ch nicht,
aber es steht halt doch für den
Wahn, al­les im­mer und no­ch bes­ser
or­ga­ni­sie­ren zu wol­len – nicht zu
kön­nen…
Vielleicht liegt es am sprach­li­chen
Denken der Deutschen, dass sie das
ge­n­au zu Papier, bzw. als Systematik in den Umlauf brin­gen möch­ten.
Alles in al­lem ist aber je­de wei­te­re Bürokratisierung, steckt ja das Wort Herrschaft drin, ei­ne Reform der Reform, nicht ei­ne Reform der Reformen.

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