Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Moderne Technik & Bürokratieabbau

Steffen Voß

Immer wieder, wenn ich in der Uni etwas organisieren muss, kommt mir die Redewendung „von Pontius zu Pilatus laufen“ in den Sinn. Wer von Pontius zu Pilatus geschickt wird, der läuft ins Leere, denn es gibt gar keinen Weg zwischen Pontius und Pilatus. Eigentlich ist man immer in der Uni. Aber die Linke weiss nicht, was die Rechte tut. Wer glaubt, dass die Einführung moderner Informationstechnologie da Besserung bringt, sitzt einem Irrtum auf. Beispiel: Campus CardEs gibt Uni-Hochschulgruppen im ASTA, deren politischer Inhalt beschränkt sich seit Jahren offenbar auf die Forderung nach einer Chipkarte, mit der man sich Uni-einheitlich Scheine abholen, Mensaessen bezahlen und fotokopieren kann. Ganz dumm ist die Idee nicht – muss sich der Studienneuling nicht erst für jedes Institut informieren, wie denn hier Scheine gehandhabt werden. Mal bekommt man die Dinger als fliegenden DIN-A5 Zettel, mal gibt es eine Seminarkarte, auf der im Laufe des Studiums alle Leistung eingetragen werden und ich bin sicher, dass es noch 10 andere Verfahren gibt.

Als ich in Kiel anfing zu studieren, gab es sogar in den zwei großen Mensen verschiedene Bezahlsysteme: In der Mensa 1 musste man Kinokartenartige Abrisse kaufen, die man dann je nach Farbe in Essen umtauschen konnte. In der Mensa 2 gab es eine Magnetkarte, die man mit Bargeld aufladen konnte. Dann wurde die Mensa 1 renoviert und die Bezahlung per Geldkarte und Bargeld eingeführt. Der Geldkartenchip ist dieses goldene Ding auf den EC-Karten. Praktisch, weil man ihn direkt vom Konto aufladen kann. Unpraktisch, weil dieser Vorgang relativ ewig dauert. Praktisch wiederum, weil man damit sogar in der richtigen Welt bezahlen kann. Birefmarkenautomaten speien einem dann nicht mehr Restbeträge von 15 Cent als Briefmarke aus und Zigarettenautomaten nehmen sichs einfach passend.

Mit diesem Semester aber wurde an beiden Mensen die Campus Card eingeführt. Eine Karte für beide Mensen! Yeeehaw! Und man muss sie nichtmal mehr richtigrum in den Leser stöpseln, sondern kann sie locker im Portemonnaie lassen und auf den Leser legen. Man kann sie leider nur mit Bargeld laden, so dass man erst an den Geldautomaten muss um dann ein paar Meter weiter das Geld wieder in den Ladeautomaten zu stecken. Und an der Mensa 2 gibt es nichtmal einen Geldautomaten.

Doch meine persönliche kleine Freude über diese Innovation wärte nur kurz: Eine der Mensadamen in der Mensa 2 buchte irgendwie 5 Euro zu viel von meiner Karte, entschuldigte sich, und erklärte mir, dass sie es nicht zurückbuchen könne. Stattdessen gäbe sie mir den Bon und schriebe mir dort den Betrag drauf gut. Beim nächsten Mal bezahlen sollte ich den Bon nehmen. Wenn nicht alles aufgebraucht würde, müsste man dann einfach nur den neuen Betrag daraufschreiben. – Von electronic Cash zurück zum Papiergeld.

Als wäre das nicht genug, stand ich dann 10 Tage später in der Mensa 1 an der Kasse und ließ mir erklären, dass das mit dem Bon so nicht ginge. Ich müsste damit zum Studentenwerk und mir den Betrag zurückbuchen lassen.

Nach dem Essen ging ich zu der Dame vom Studentenwerk. Die hatte vielleicht lange Fingernägel! Und mit diesen fuchtelnd erklärte sie mir, dass das Vorgehen der Kollegin mit dem Bon ja komisch gewesen wäre. Sie könne mir das Geld aber nicht zurückbuchen, weil man die Einzelbeträge und die Nummer der Kasse ja nicht mehr lesen könne. – Das kommt davon, wenn man Bons druckt, die man nur ein paar Tage lesen kann. Sie schickte mich also von der Information des Studentenwerks zum Abteilungsleiter, der am Infostand für die Mensakarte stehen sollte. Die Dame dort sah nicht wie der Abteilungsleiter aus. Nach meiner Erzählung rollte sie nur mit den Augen, nahm den Bon, sagte „Das kann man doch noch lesen!“ und schrieb die Beträge mit dem Kuli nach. Auf die Frage, welche Kasse das denn war, konnte ich nur sagen, dass sie ganz rechts in der Mensa 2 war. „Oh, Mensa 2 – da weiss ich gar nicht, ob wir das hier gutschreiben können.“ – Versuchen muss ich’s wohl.

Also wieder zurück zur Fingernagelfrau. Die tippte daraufhin die Beträge in ihren Computer – sah mit den Fingernägeln nicht so aus, als mache das Spaß. Vielleicht wollte sie mich ja vorher auch nur loswerden, damit sie nix tippen muss.

Dann war für ein paar Tage alles im Lot, bis ich in der Mensa 1 stand und die Karte auf einmal nicht mehr ging. Sie ließ sich nicht lesen. Gott-sei-Dank hatte ich noch Bargeld dabei. Das ist ja bei Studenten nicht immer so. Reklamieren konnte ich nicht – die Information hatte nicht geöffnet. So bin ich dann ein paar Tage später in der Mensa 2 reklamieren gegangen. Schön in der Mittagsschlange an die einzige Kasse in der Cafeteria gestellt, um ein Formular auszufüllen und den ganze Laden für 5 Minuten aufzuhalten. Am nächsten Tag sollte ich nochmal wiederkommen, dann wäre die Karte geprüft.

Zwei Tage später stellt ich mich wieder in die gleiche Schlange und wartete 5 Minuten darauf, dass mir Kartenwert und Kartenkaution ausbezahlt wurden. Nun hatte ich wieder keine Karte mehr. Die Infostände gab es nicht mehr, da die Einführungsphase der Karte offenbar abgelaufen war. Woher also eine neue Karte bekommen? Fingernagelfrau! Die muss das wissen.

Nächster Tag. Freitag. Die Information ist geöffnet. Die Fingernagelfrau ist nicht da. Nur ein Jungspund, der mir sagt, dass Campuskarten dort nur Montags bis Donnerstags ausgegeben werden könnten. Warum das so sei, haben ich uns beiden erspart zu fragen.

An der Kasse der Cafeteria in der Mensa 1 habe ich dann doch noch eine bekommen und konnte der netten Mensafrau sogar erzählen, was denn passiert, wenn die Karte kaputt ist. Das hab ich nämlich nebenher noch herausgefunden: Es bringt nix, bei der Reklamation zu behaupten, man hätte am Vortag gerade 500¤ auf die Karte geladen. Das Geld ist nämlich gar nicht auf der Karte. Auf der Karte ist nur eine Nummer – und die steht sogar auch drauf. Diese Nummer gehört zu einer Art Konto, auf das das Geld gezahlt wird. Geht die Karte kaputt, kann man anhand der Nummer feststellen, wieviel Geld noch auf dem Konto war.

Hamma wieder was gelernt inner Unni.

Links:
Wir lieben unsere Mensa (MP3)
Wir lieben unsere Mensa (PDF)

Kommentare

Mark
Mark:

ich mag dieses Wort an sich nicht,
aber es steht halt doch für den
Wahn, alles immer und noch besser
organisieren zu wollen – nicht zu
können…
Vielleicht liegt es am sprachlichen
Denken der Deutschen, dass sie das
genau zu Papier, bzw. als Systematik in den Umlauf bringen möchten.
Alles in allem ist aber jede weitere Bürokratisierung, steckt ja das Wort Herrschaft drin, eine Reform der Reform, nicht eine Reform der Reformen.

20.2.2006 um 11:43

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