Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

WebMontag Spezial : „Datenschutz ist die neue soziale Frage“

WebMontag mit Katharina Nocun
WebMontag mit Katharina Nocun

Steffen Voß

Proppevoll und ziemlich warm war es gestern in der Starterkitchen. Die Bürgerrechtlerin Katharina Nocun war Spezialgast beim WebMontag zur Digitalen Woche Kiel. Sie hat aus ihrem Buch „Die Daten, die ich rief“ gelesen.

Aus irgendeinem Grund haben wir uns für den WebMontag vorgenommen, zur Digitalen Woche Kiel immer einen Spezialgast zu haben. Im letzten Jahr war das Kristiina Omri, die uns etwas über die Digitalisierung in Estland erzählt hat. In diesem Jahr konnten wir Katharina Nocun gewinnen, ihr Buch bei uns vorzustellen. Offenbar war das interessant: 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich für den Abend angemeldet. In etwa so viele waren dann auch in der Starterkitchen.

Alle sammeln Daten. Auch EDEKA

Auch wenn Kathrina Nocuns Buch im Untertitel heißt „Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen“ – Ein Besuch in der Sauna hatte die Aktivistin auf die Idee gebracht, der Spur ihrer eigenen Daten zu folgen: Die Betreiber hatten selbst im Nacktbereich der Sauna Überwachungskameras angebracht – angeblich wegen der vielen aufgebrochenen Schließfächer. Doch wie Katharina Nocun herausfand, gab es gar keine Vergleichszahlen. Die Kameras seien immer schon da gewesen.

Der großzügige Umgang mit unseren Daten ist nicht nur ein Problem bei Google, Facebook und Amazon. Für ihr Buch Katharina Nocun hat alle möglichen Datensammler getestet: Welche Daten kommen eigentlich bei dem Betreiber von EDEKAs Bonuskarten-Programm an und was lässt sich aus diesen Daten schließen? Oder was lässt sich aus den Daten schließen, den Fitness-Tracker aufzeichnen und an ihrer Hersteller oder gar an Krankenkassen übermitteln?

Überwachung durch die Krankenkasse

In den USA gibt es bereits Krankenkassen-Tarife, die billiger sind, wenn man seine Fitness-Daten dauerhaft an die Krankenkasse überträgt. Hilft uns das eine gesündere Gesellschaft zu werden oder ist das das Ende des Solidaritätsprinzips, war eine interessante Diskussion im Anschluss an den Vortrag von Katharina Nocun. Bisher werden die Kosten für die Krankenversicherung nicht nach Gesundheitsrisiken berechnet. Zukünftig könnte es teurer sein, wenn man sich zu wenig bewegt oder zu viel Stress im Beruf hat. Was ist dann mit der alleinerziehenden Mutter, die es nicht schafft auch noch ins Fitness-Center zu gehen? Hat die dann auch noch eine teurere Krankenversicherung? Muss man sich dann eine Krankenversicherung leisten können, die keine Daten von einem will? Schon heute ist niemand privater als die Silicon-Valley-Milliardäre.

Und überhaupt: Was ist eigentlich Gesundheit und was ist förderlich für die Gesundheit? Die Vorstellung davon hat sich in den letzten 100 Jahren so grundlegend verändert, dass man davon ausgehen kann, dass sie sich auch weiter noch entwickelt. Was ist mit Sportlern, die sich zwar viel bewegen, aber dadurch auch ein erhöhtes Verletzungsrisiko haben? Immerhin ist Fahrradfahren viel gefährlicher als im Auto zu sitzen. Ich glaube, wir kommen da in ganz schräge Diskussionen, wenn wir dieses Fass erst einmal aufmachen – und das alles nur, um ein paar Euro bei der Krankenkasse zu sparen.

Gleichzeitig machte mir das Thema Fitness-Tracker noch einmal klar, dass die Technologie an sich neutral ist: Man kann einen Fitness-Tracker super dazu benutzen, um zu sehen, ob man sich genug bewegt. Wenn man dann in der App angezeigt bekommt, dass man den ganzen Tag nur auf dem Sofa gelegen hat, kann das schon ein Anreiz sein. Aber das ist dann ein selbstgewählter Anreiz. Ich werde nicht von meiner Krankenkasse gezwungen, jeden Sonntag lange Spaziergänge  zu machen, auch wenn ich das nicht will. Vielleicht wäre das bei Regen und Schnee nicht einmal gesund. Martin Pabst brachte es auf Twitter auf den Punkt:

„Haben wir uns aus der rigiden Sozialkontrolle vormoderner Gesellschaften befreit, damit wir uns der Sozialkontrolle durch Konzerne (Gesundheitsdatentracking für Versicherungsrabatte etc.) unterwerfen?“

Nach 90 Minuten Lesung und Diskussion hätten wir sicher noch weiter diskutieren können, wir haben dann aber einen Schlussstrich gezogen. Katharina Nocun hatte 20 Exemplare ihres Buches mitgebracht und die Anschluss inklusive Widmung allesamt verkauft. In meinem Exemplar steht: „Nicht vergessen: Datenschutz ist die neue soziale Frage.“

Video

WebMontag 05/2018 mit Katharina Nocun #DiWoKiel

Danke Jule fürs Filmen!

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