kaffeeringe.de

#28c3: Wie IBM während des Holocausts

Foto: Some rights reserved by Philippe AMIOT

„Was die Hersteller von Filtersoftware machen, ist nichts anderes als das, was IBM während des Holocaust gemacht hat,“ fasste einer der Redner von „How Governments Have Tried to Block Tor“ seine Erfahrungen zusammen. Westliche IT-Firmen verdienen ihr Geld mit Überwachungs- und Zensurtechnik, während Programmierer ehrenamtlich den waghalsigen Job übernehmen, dagegen zu halten.

Ich weiß nicht mehr, was ich von dem Vortrag erwartet habe. Ich bin mir aber sicher, dass ich nicht geahnt habe, wie bewegend das Thema sein könnte: „Wie Regierungen versucht haben, die Nutzung von TOR zu verhindern.“

Zunächst war der Vortrag eine nerdige Reise durch technische Winkelzüge. Es wurde erklärt, wie man mit TOR den Internetzugang anonymisiert, warum das in bestimmten autoritär regierten Ländern wichtig ist und wie Schritt für Schritt die Zensoren in diesen Ländern schlauer wurden und auch der TOR-Service verbessert wurde. Vielleicht hatte ich das erwartet.

Nicht erwartet hatte ich den Teil der dann folgte: Eine wütende Beschwerde über die Firma, die hauptsächlich in den USA sitzen und mit der Überwachungs- und Zensurtechnik ihr Geld verdienen. Natürlich fingen die nie damit an, Software für Diktaturen zu schreiben. Meisten wollen Auftraggeber im Westen – große Firmen – eine Software, die ihre Mitarbeiter vom privaten Surfen abhält. Ist die dann einmal erstellt, wird die Software mit diesen Fähigkeiten beworben und dann eben auch an Diktaturen verkauft. Ihr Software wird dann eingesetzt, um Menschenrechte zu verletzen.

In diesem Sinn, sei das, was diese Firmen dort machen, nichts anderes als das, was IBM während des Holocaust gemacht hat. IBM hatte damals Lochkartensysteme an das Nazi-Regime verkauft. Mit diesen Systemen wurde dann unter anderem der Holocaust organisiert.

Und man muss sich das einmal vorstellen:

  • Auf der einen Seite sind zum Teil große Konzerne, die einen Teil ihres Umsatzes mit der Unterstützung von Menschen verachtenden Regimen  verdienen.
  • Auf der anderen Seite stehen freiwillige Programmierer, die ehrenamtlich, in ihrer Freizeit eine Software programmieren, mit der Menschen in Diktaturen ein Stück Freiheit bekommen. Und machen diese Programmierer einen Fehler, stehen Freiheit, Gesundheit und Leben von zehntausenden Menschen auf dem Spiel.

Bisher gibt es für Überwachungstechnik keine Exportkontrollen. In der ZEIT schreibt Jillian York von der Electronic Frontier Foundation (EFF):

„Zum einen wird propagiert, die Unternehmen hätten „soziale Verantwortung“, zum anderen wird argumentiert, sie unterlägen ja dem Gesetz. Doch das lässt wichtige Fragen offen: Wie viel Druck braucht es zum Beispiel, damit soziale Verantwortung auch wirksam ist. Und wie sehr kann man sich auf das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit in Ländern verlassen, in denen die Rechtsstaatlichkeit schwach ausgeprägt ist oder nicht existiert?“

Natürlich stößt man hier auf das Problem, das Cory Doctorow in seinem Vortrag erklärt hat: Technik ist neutral. Computer können gute und schlechte Sachen machen. Wir können sie nicht davon abhalten. Wir können keine Computer bauen, die in Diktaturen nicht funktionieren oder die Filtersoftware nicht ausführen, wenn wir weiterhin universal funktionierende Computer haben wollen.

Aber: Das Filterproblem beginnt schon „im Westen“. Wir sollten nirgends Filterprogramme einsetzen. Nicht in Firmen, nicht in Schulen usw. Dann gibt es keinen Grund, diese Programme zu schreiben. Das sollen doch bitte Diktaturen selbst machen. Man muss sie zum einen nicht unterstützen bei der Unterdrückung. Und man muss ihnen weiterhin nicht die Ausrede liefern, im Westen würde die Software ja auch eingesetzt.

Links

Foto: Some rights reserved by Philippe AMIOT

Kommentare

Niels K.

a) ich möch­te in ei­ner Firma fil­tern kön­nen, da die Alternative ist, dass die Leute das Netz gar nicht nut­zen kön­nen.
Der Chef will nicht, dass die Leute auf YouTube, Facebook und Co. ge­hen. Also zwei Möglichkeiten:
Filtern/Blocken oder das Internet ge­samt ver­bie­ten.

b) Wenn ich mei­nem Kind er­lau­ben wer­de, das Internet zu nut­zen, möch­te ich nicht, dass es die ge­sam­te Ladung auf ein­mal ab­be­kommt. Natürlich wer­de ich ver­su­chen bis zu ei­nem ge­wis­sen Alter im­mer da­ne­ben zu sit­zen, wenn es das Netz nutzt. Aber nach und nach muss es das Netz auch un­be­ob­ach­tet nut­zen kön­nen. Dann möch­te ich aber bis zu ei­nem ge­wis­sen Alter (oder wenn es schafft die Filter selbst aus­zu­schal­ten) zu­min­dest die Kontrolle ha­ben, dass es ge­wis­se Inhalte nicht sieht.

Ich bin aber kein Diktator, der die Manpower hat um Filter sel­ber zu schrei­ben und da­her kau­fe ich mir die Dienstleistung/Software ein. Wäre der Verkauf bzw. die Verbreitung von sol­cher Software/Dienstleistung ver­bo­ten, wür­de ich in Fall a) das Internet ab­stel­len und in Fall b) das Internet für lan­ge Zeit un­zu­gäng­li­ch ma­chen.

kaffeeringe.de

@a) Dahinter ver­birgt si­ch ei­ne ver­al­te­te Wahrnehmung des Internets. Es gibt nicht das E- und das U-Internet. Das E-Internet für ernst­haf­te Recherchen und Business-Kontakte und das U-Internet für Unterhaltung. Wie oft hab ich schon Lösungen für Probleme bei der Arbeit bei Youtube ge­fun­den? Und „Social Networks“ wie Facebook wer­den spä­tes­tens seit Google+ im­mer mehr zur Grundlage für Kooperationen. Dazu kommt, dass es ei­ne ver­al­te­te Vorstellung von Arbeit ist. Wenn man von sei­nen Mitarbeitern er­war­tet, dass sie fle­xi­bel ar­bei­ten, dann muss es auch mög­li­ch sein, fle­xi­bel das Privatleben auf­recht zu hal­ten.

@b) Das Internet ist viel un­ge­fähr­li­cher als die Welt da drau­ßen. Deinen Kindern kann kör­per­li­ch über­haupt nichts pas­sie­ren und sie kön­nen nichts wirk­li­ch Schlimmes an­stel­len. Und wenn Du drauf ach­test, dass sie nicht aus­schließ­li­ch vor dem Internet ho­cken, dann ma­chen die da doch auch nur, was na­he lie­gend ist. Die meis­tens Menschen sur­fen auf ner Handvoll Internetseiten und sind voll­kom­men zu­frie­den da­mit. Das ist bei Kindern nicht an­ders. Manchmal ha­ben sie halt Unsinn im Kopf und dann hät­ten sie frü­her Deine Pornosammlung un­term Bett raus­ge­holt oder Deine Zigaretten aus­pro­biert…

Filter sind ei­ne ein­fa­che, na­he lie­gen­de, vom Konzept her aber ge­fähr­li­che Lösung für ein Problem, das es oft gar nicht gibt, und das man oft an­ders lö­sen kann.

Niels K.

a) In un­se­rer Arbeitsumgebug wirst du nichts auf Youtube und Co fin­den. Glaub mir ein­fach.

b) Du sprichst aus Erfahrung mit dei­nen Kindern?

kaffeeringe.de

a) Das än­dert nichts am größ­ten Teil mei­ner Argumente. Du schließt ja auch die Bürotüren nicht ab, da­mit die Leute si­ch nicht über pri­va­te Dinge un­ter­hal­ten.

b) Für wel­chen Teil mei­ner Argumentation be­nö­tigt man Erfahrungen mit ei­ge­nen Kindern?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?