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Wohnen: Großwohnsiedlungen und Ihre Stigmatisierung

Gropiusstadt
Gropiusstadt

Ob in Osteuropa, Westdeutschland, Ostdeutschland oder Großbritannien – Großwohnsiedlungen wur­den in vie­len Teilen der Welt er­baut. In vie­len Bereichen wer­den ähn­li­che so­zia­le Probleme auf­tre­ten, in an­de­ren wird es spe­zi­ell na­tio­na­le Probleme ge­ben. Im Folgenden sol­len je­doch vor al­lem deut­sche Großwohnsiedlungen und ih­re Stigmatisierung dis­ku­tiert wer­den.

Die the­ma­ti­sche Eingrenzung bringt den Vorteil, dass nicht zu­sätz­li­ch die ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Zusammenhänge der ver­schie­de­nen Länder, son­dern ein­zig die von Deutschland be­leuch­tet wer­den müs­sen. Und selbst die sind auf­grund der un­ter­schied­li­chen Geschichte in den bei­den deut­schen Staaten nach 1945 dif­fen­ziert zu be­trach­ten.

Gerade in dem Zeitraum zwi­schen Ende des zwei­ten Weltkriegs 1945 und der Wiedervereinigung 1990 sind die ei­gent­li­chen Großwohnsiedlungen ent­stan­den und dies auf bei­den Seiten der in­ner­deut­schen Grenze in völ­lig ver­schie­de­nen po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Systemen. „Während in der DDR die ge­mein­nüt­zi­ge Wohnungswirtschaft in ein System staat­li­cher Wohnungsversorgung um­ge­baut und pri­va­te Wohnungsbautätigkeit wei­tes­ge­hend un­ter­drückt wur­de, wur­den in der Bundesrepublik Privateigentum und pri­vat­wirt­schaft­li­cher Wohnungsbau pri­vi­le­giert und der ge­mein­nüt­zi­ge Sektor nach und nach aus­ge­höhlt.“ (Häussermann/Siebel, 1996, Seite 145) 

Unter die­sen Paradigmen sind in der Vergangenheit die Großwohnsiedlungen ent­stan­den, die heu­te dem wie­der­ver­ein­ten deut­schen Staat viel­fäl­tigs­te Probleme be­rei­ten. Probleme, die zum Teil tat­säch­li­ch vor­han­den sind, zum an­de­ren aber auch oft auf über­trie­be­nen Medienberichten und mo­der­nen Legenden ba­sie­ren.

Von der Stadt zur Großwohnsiedlung

Großwohnsiedlungen wur­den zur Entlastung des Wohnungsmarktes er­rich­tet – so ver­zeich­ne­te al­lein die Stadt Kiel 17000 Wohnungssuchende (Burmeister, 1990) be­vor man si­ch Anfang der 1960er Jahre zur Planung des Stadtteils Mettenhof ent­schloss. Doch wie kam man auf die Idee, die­se Aufgabe in der Form zu lö­sen, wie man es tat? Dazu ein klei­ner ge­schicht­li­cher Exkurs.

Wie Städte enstehen

Die Stadt als Gegensatz zum Land fand vor al­lem im 12. Jahrhundert wei­te Verbreitung in Europa. Damals grün­de­ten vor al­lem Könige vie­le der auch heu­te no­ch be­kann­ten Städte, zum Beispiel „Freiburg i. Br. im Jahre 1120, Lübeck im Jahre 1143 und Leipzig im Jahre 1160 – 70“ (Lüerssen, 2001, Kapitel 7) – zu­vor ha­be es im we­sent­li­chen nur die rö­mi­schen Gründungen wie Köln, Trier, Mainz, Worms, Augsburg, Passau und Regensburg in Deutschland ge­ge­ben. Städte wa­ren für die Gründer pro­fi­ta­ble Einnahmequellen, denn sie wur­den schnell zu Zentren des Handels und des Handwerks – mit ent­spre­chen­den Zöllen und Abgaben be­leg­te Branchen. Städte wa­ren in­ner­halb der Stadtmauern eng be­baut, da­für bo­ten die be­fes­tig­te Anlagen Schutz vor Krieg und Überfall. In den fol­gen­den Jahrhunderten wur­den sie au­ßer­dem zur Wiege des Bürgertums. Unter dem Motto „Stadtluft macht frei“ zog es schon da­mals in al­ler­dings ge­rin­gen Umfange Landvolk in die Städte, „schie­nen doch hier er­st Freiheit, Unabhängigkeit, Reichtum und Glück für al­le Menschen Realität wer­den zu kön­nen.“ (Lüerssen, 2001, Kapitel 7) Doch Zünfte und Gilden re­gle­men­tier­ten den Zugang zu den Berufen. Entsprechend wuch­sen die Städte in den fol­gen­den Jahrhunderten eher lang­sam.

Die ersten Großstädte

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts tra­ten neue Entwicklungen auf: Es zog das Bürgertum aus der Enge der Stadt ins Umland. Die ers­ten Vorstädte ent­ste­hen. „Ein ei­ge­nes Haus, vom Garten rings um­ge­ben, gilt bei vie­len Menschen mit Recht als das Ideal der Wohnform, und seit Wälle und Mauern der Stadt durch­bro­chen oder ganz ge­schleift sind und kei­ne Torsperren mehr den Ein- und Austritt be­hin­dert, ist der Villenbau in fast al­len deut­schen Städten in Blüte ge­kom­men und hat ih­nen ein ganz neu­es Gesicht ge­ge­ben.“ (Karl Hendrici 1903, zi­tiert in: Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 16) Gefördert wur­de die­ser Prozess durch die ge­stei­ger­te Mobilität „dank ver­bes­ser­te und ver­bil­lig­ter öf­fent­li­cher Verkehrsmittel“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 16) und vor al­lem dem schlech­te­ren Lebensverhältnissen in den Stadtzentren. Hier zog es zu der Zeit vor al­lem die „durch ver­schie­de­ne Reformen auf dem Lande frei­ge­setz­te Bevölkerung“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 16) auf der Suche nach Arbeit in den da­mals ent­ste­hen­den Manufakturen und Fabriken (Industrialisierung) hin. Es ent­stan­den Mietskasernen, in de­nen die Menschen un­ter elen­des­ten Bedingungen „zwi­schen zwei Schichten haus­ten, schlie­fen, Brut zeug­ten“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 17). – Umstände wie sie zum Beispiel die Romane Charles Dickens‘ („Oliver Twist“, 1838) für Großbritannien oder an­de­re Autoren für Deutschland be­schrei­ben.

„Ich ha­be in Mühlhausen, in Dornach und in den um­lie­gen­den Häusern je­ne elen­den Zimmer ge­se­hen, in de­nen zwei Familien schlie­fen, je­de in ei­nem Winkel auf Stroh, wel­ches auf dem Fußboden aus­ge­brei­tet lag und nur durch zwei Bretter zu­sam­men­ge­hal­ten wur­de. Das Elend, in wel­chem die Arbeiter der Baumwollindustrie im Department Oberrhein le­ben, ist so Groß, daß wäh­rend in den Familien der Fabrikanten, Kaufleute und Werksdirektoren un­ge­fähr 50 Prozent der Kinder aus 21. Lebensjahr er­rei­chen, der­sel­be Prozentsatz in den Familien der Weberei- und Spinnereiarbeiter be­reits vor dem voll­ende­ten zwei­ten Jahre stirbt…“ 

So zi­tiert Paul LaFague, Schwiegersohn Karl Marx‘, Villermé 1887 in sei­ner po­le­mi­schen Kampfschrift „Das Recht auf Faulheit – Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848“.

Gegenbewegungen

Zeitgleich ent­ste­hen ge­sell­schaft­li­che Gegenbewegungen, wie die der Sozialdemokratie oder die Gartenstadtbewegung. Der Wandervögel zum Beispiel – die er­s­te Jugendbewegung. Die Jugendlichen sin­gen auf ih­ren Wanderungen durch die Natur „Aus grau­er Städte Mauern“. Sie al­le grei­fen auf ih­re je­weils ei­ge­ne Art die schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf­ge­wor­fe­nen Probleme der Städte auf und be­ant­wor­ten sie im Falle des Wandervogel mit Eskapismus oder im Falle der Gartenstadtbewegung nicht nur mo­ra­li­sch mo­ti­viert mit kon­zep­tio­nel­len Alternativen. Immerhin be­droh­ten die Verhältnisse „die Unbeschwertheit der Warenproduktion und die Leichtigkeit des Warenverkehrs; fer­ner die Gesundheit al­ler Klassen, die Leistungsfähigkeit der Arbeiter, die Wehrtüchtigkeit der Soldaten, die Verwirklichung be­schei­de­nen Lebensglücks des mitt­le­ren Bürgertum und auch den lu­xo­riö­sen Lebensgenuss der Wohlhabenden.“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 17). Man fürch­te­te um den Fortbestand der ei­ge­nen Klasse: „Die Herrschaft der Großstädte wird zu­letzt gleich­be­deu­tend sein mit der Herrschaft des Proletariats“ (W.H. Riehl, 1853 zi­tiert in Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 20) Die wei­te Verbreitung die­ser Befürchtung lässt si­ch zum Beispiel in Romanform bei H.G. Wells „The Timemachine“ (1895) nach­le­sen, wo si­ch nach Jahrhunderttausenden der Evolution das Proletariat zur mensch­fres­sen­den Unterart ent­wi­ckelt und die ver­weich­lich­te Art der Oberschicht ter­ro­ri­siert.

„In der Handhabung der ‚Massen‘, in de­ren ge­sell­schaft­li­chen Lenkung und räum­li­chen Zuordnung sa­hen die Städtebauer der fol­gen­den 50 Jahre die zen­tra­le Herausforderung ih­res Berufsstandes. […] [Ihre] Strategien hat­ten das glei­che Ziel der Begrenzung und Kontrolle des Wachstums der Großstadt; sie soll­ten die sub­ur­ba­ne Dynamik in ei­ne sta­ti­sche, un­ver­än­der­ba­re Struktur ein­bin­den, sie ka­na­li­sie­ren und auf die­sem Wege kal­ku­lier­bar ma­chen.“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 22) 

Zusätzlich sah man die­se Pläne als Chance, die un­be­rühr­te Natur des Umlandes kunst­voll in die neu­en Lebensräume ein­zu­be­zie­hen. Der Engländer Ebenezer Howard ver­lieh die­ser Vision „in England 1898 mit sei­ner ‚Gartenstadt‘ Substanz und Namen“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 22). Die neu­en Stadtteile soll­ten hell, of­fen und be­grünt sein, um den Menschen den Platz zu ge­ben, den sie brauch­ten und sie nicht in dre­cki­gen, en­gen Wohungen ein­zu­sper­ren. Die Howardschen Vision fas­zi­nier­te durch die Art in der der sie ei­nen Kompromis her­stell­te, „der aus zwei ge­gen­sätz­li­chen Sphären – Individualismus und Sozialismus, Stadt und Land, Vergangenheit und Zukunft, Bewahren und Verändern – je­weils sol­che Eigenschaften aus­wähl­te, die im Sinne des Allgemeinswohls be­son­ders er­stre­bens­wert er­schie­nen“ (Luithlen, 1972 zi­tiert bei Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 22).

Die Gartenstadt-Vision im Wandel

Die Gartenstadt-Vision be­stimm­te durch die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und die Wiederaufbaujahre bis in die 1970er Jahre das Denken der Stadtplaner un­ter­schied­li­ch. Wie vie­le der ers­ten Gartenstädte ent­stand ab 1907 zum Beispiel in Essen der Stadtteil Margarethenhöhe als Werkssiedlung. 

Auf dem Höhepunkt der Bewegung zu Zeiten der Weimarer Republik, träum­ten ih­re Vordenker wie Bruno Tauts „von neu­en Städten von 300000 bis 500000 Einwohner , auf­ge­löst und ‚völ­lig im Charakter der Gartenstadt ge­dacht, mit nied­ri­gen Einzelhausreihen und tie­fen Gärten für je­des Haus, gänz­li­ch oh­ne Mietskasernen und als ge­nos­sen­schaft­li­che Unternehmungen.“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 33). Diese Visionen von Gärtenstädten ver­misch­ten si­ch mit der da­mals auf­kom­me­nen Schlichtheit des Bauhaus-Stils. 

Während der Zeit des Nationalsozialismus mus­s­te si­ch die Gartenstadtbewegung den po­li­ti­schen Gegenheiten un­ter­wer­fen – „1939 wer­den lan­des­weit, bis auf we­ni­ge Ausnahmen, al­le Wohnungsunternehmen der DAF1 in ‚Neue Heimat‘ um­be­nannt.“ (Hoffman, 2004).

Die Ära der Großwohnsiedlungen

Erst nach dem 2. Weltkrieg konn­te die „Neue Heimat“ als ge­mein­nüt­zi­ger Verein wie­der nach ei­ge­nen Vorstellungen bau­en und wur­de in den fol­gen­den 25 Jahren zum gröss­ten Bauunternehmen der Bundesrepublik. „Man bot Leistungen in fast al­len Bereichen des Städtebaus an. Die Tochtergesellschaften und Beteiligungsgesellschaften teil­ten si­ch die Aufgaben: Die GEWOS un­ter­such­te al­te Stadtgebiete, die Neue Heimat Städtebau plan­te neue Zentren, die Neue Heimat Kommunal viel­leicht ein neu­es Hallenbad und die Neue Heimat Gemeinnütziger Wohnungsbau schließ­li­ch war für den so­zia­len Wohnungsbau zu­stän­dig.“ (Hoffman, 2004) Im Jahr 1982 en­de­te die­se Ära des west­deut­schen Wohnungsbaus mit ei­nem Finanzskandal. Zu die­sem Zeitpunkt ge­hör­ten dem Konzern ca. 300000 Wohnungen, vie­le da­von in Großwohnsiedlungen. 

Ausgangssituation für die Planung von Großwohnsiedlungen in der DDR wie in der BRD war die drü­cken­de Wohnungsnot: Trotz der Wiederherstellung vie­ler im Krieg zer­stör­ter Häuser, gab es be­stän­dig zu we­nig Wohnraum, was nur zum Teil durch die Zerstörungen des Krieges be­dingt war. Flüchtlinge aus den ehe­ma­li­gen deut­schen Ostgebieten und ei­ne ho­he Geburtenrate ver­schärf­ten die Lage. „[…] in den west­li­chen Zonen leb­ten nun pro Quadratkilometer weit über 200 Menschen statt wie vor dem Krieg 160. […] Zehn Jahre nach Kriegsende exis­tier­ten in der Bundesrepublik aber no­ch im­mer 3000 kriegs­be­ding­te Lager, ob­wohl vie­ler­orts neue Siedlungen ent­stan­den wa­ren und vie­le Vertriebene dank güns­ti­ger Darlehen ei­ge­ne Häuser zu bau­en be­gan­nen.“ (Hirsch, 2003). Die Zerstörungen wur­den von Stadtplanern auch als Chance ge­se­hen: Viele der ge­schol­te­nen Mietskasernen wa­ren zer­stört und konn­ten nun den Ideen von Großzügigen Anlagen, Strassen und Wohnhäusern wei­chen.

Nach all den schlech­ten Erfahrungen, die man mit der tra­di­tio­nel­len Städtebauweise ge­macht hat­te, und den Hoffnungen, die man an Gartenstadt und Bauhausstil, die Ideen zur funk­tio­na­len Aufteilung der Städte nach der „Charta von Athen“2 und die raum­wirt­schaft­li­chen Theorien zum Beispiel von Walter Christaller3 knüpf­te, wa­ren die Großwohnsiedlungen der 1960er, 1970er und 1980er Jahre die kon­se­quen­te Antwort auf die Wohnungsnot. au­ßer­dem lie­ßen si­ch die Teile für die Plattenbauten in Fabriken sehr ra­tio­nell an­fer­ti­gen, was die­sem Baustil ei­nen Preisvorteil brach­te.

Im Osten aber ent­stand ein Großer Teil der Siedlungen „er­st in den 70er und 80er Jahren im Zuge des Wohnungsbauprogramms der DDR, als in den Ländern der ‚al­ten‘ Bundesrepublik der Bau neu­er Satellitenstädte und Großsiedlungen be­reits ein ‚aus­lau­fen­des Modell‘ ge­wor­den war.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 178)

Stigmatisierung

„Die in Westdeutschland in den 50er und 60er Jahren meist am Rand der Großen Städte, nicht sel­ten auf den Flächen oder in un­mit­tel­ba­rer Nähe von Baracken oder Behelfsheimen zur quan­ti­ta­ti­ven Wohnungsversorgung von Flüchtlingen, Obdachlosen oder an­de­ren Angehörigen un­te­rer Bevölkerungsschichten ent­stan­de­nen Großsiedlungen wur­den im Rahmen des öf­fent­li­ch ge­för­der­ten Mietwohnungsbaus er­rich­tet. In den spä­ten 60er und 70er Jahren ent­stan­den sol­che Siedlungen als neue Stadtteile oder Trabantenstädte vor al­lem in den in­dus­tri­el­len Ballungsgebieten zur Abdeckung des in­zwi­schen ge­wach­se­nen qua­li­ta­ti­ven Wohnungsbedarfs so­wie zum Auffangen der aus in­ner­städ­ti­schen Sanierungsgebieten ver­dräng­ten wirt­schaft­li­ch schwa­chen Bevölkerung. 

In der ehe­ma­li­gen DDR hin­ge­gen, wo be­reits seit den frü­he­ren 50er Jahren auf der Grundlage ei­nes zen­tra­lis­ti­schen Wirtschaftssystems ter­ri­to­ri­al­pla­ne­ri­sch ein von neu­en Zielvorstellungen aus­ge­hen­de ‚Standortverteilung der Produktivkräfte‘ an­ge­steu­ert wur­de, die dar­auf ge­rich­tet war, his­to­ri­sch über­kom­me­ne re­gio­na­le Disparitäten z.B. Zwischen den in­dus­tri­ell ge­präg­ten süd­li­chen Landesteilen und dem tra­di­tio­nell agra­ri­sch ge­präg­ten Norden und Osten zu über­win­den, war der mas­sen­haf­te und in­dus­tri­ell ge­fer­tig­te Wohnungsbau in Form neu­er Wohnkomplexe und -ge­bie­te ‚auf der grü­nen Wiese‘ stets mit der gleich­zei­tig ein­her­ge­hen­den Errichtung neu­er Produktionsbetriebe und Industriegebiete bzw. Der Ansiedlung von Einrichtungen der Landesverteidigung oder ähn­li­chem ver­bun­den.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 178) 

Eine ein­deu­ti­ge Definition des Begriffs „Großwohnsiedlung“ lässt si­ch in der vor­lie­gen­den Literatur nicht fin­den. Nach Rietdorf und Liebmann han­delt es si­ch um Neubausiedlungen aus der Nachkriegszeit mit min­des­tens 1000 Wohneinheiten. 386 gibt es da­von in den neu­en Bundesländern. (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 177) Für Westdeutschland las­sen si­ch kei­ne ver­gleich­ba­ren Zahlen fin­den. Müller und Rietdorf stell­ten aber fest: Heute be­fin­den si­ch 95 der 240 Siedlungen über 2500 Wohneinheiten in den „al­ten“ Bundesländern und 144 in den „neu­en“. (Müller/Rietdorf, 2000, Seite 57) 

Es fin­den si­ch in der Literatur ei­ne Reihe Studien, die si­ch mit Großwohnsiedlungen aus­ein­an­der­set­zen, je­doch fin­den die kaum Fakten zu ih­ren Problemen Erwähnung. Weder gibt es ge­naue Daten zu ih­rem Image no­ch zu tat­säch­li­chen Fehlentwicklungen. 

„Hochhaussiedlungen sind nicht un­be­dingt po­pu­lär: Wer in den bes­se­ren Vierteln wohnt, kennt meist nie­man­den in der Platte. Und um­ge­kehrt. Nicht mal als so­zia­le Brennpunkte sind die in den sech­zi­ger Jahren has­tig ge­plan­ten Quartiere in­ter­es­sant, denn Armut, Arbeitslosigkeit und Alokoholismus brin­gen kei­ne Einschaltquoten. Das Wissen um die Viertel ist fol­ge­rich­tig va­ge: ir­gend­wie häß­li­ch, ir­gend­wie ge­fähr­li­ch, ir­gend­wie aso­zi­al. Und kri­mi­nell. Obwohl im MV4, er­baut 1963 bis 1974 und be­wohnt von rund 40000 Menschen, die Kriminalitätsrate im Berliner Vergleich im Mittelfeld liegt.“ (Lau, 2004, Seite 130) 

Ein Teil des schlech­ten Rufes von Großwohnsiedlungen scheint al­so in ih­rem kras­sen Gegensatz zum Ideal des Einfamilienhauses mit Garten (sie­he 2.2) zu lie­gen. Der Rest be­ruht of­fen­bar auf Hörensagen. Den Neubaugebieten wer­den schlech­te Eigenschaften zu­ge­schrie­ben, die zu ei­ner Diskriminierung der Wohnform und der Einwohner führt. Ein Prozess, der all­ge­mein als „so­zia­le Stigmatisierung“ be­zeich­net wird.5 Nach Rietdorf und Liebmann kann die­se Sigmatisierung dann als Folge tat­säch­li­che so­zia­le Probleme ha­ben, wenn näm­li­ch im so­ge­nann­ten „fil­te­ring down“ Prozess durch die Stigmatisierung („push“-Faktor) und die Förderung des rand­städ­ti­schen Neubaus („pull“-Faktor) Besserverdienende weg­zie­hen. Dieser Verlust an so­zia­ler Durchmischung kann zu un­dif­fe­ren­zier­ten Mietpreisen und den Nachzug sub­ven­ti­ons­ab­hän­gi­ger Mieter füh­ren. Eine Konzentration von „so­zi­al Unangepassten“ macht aus ei­nem Viertel dann ei­nen tat­säch­li­chen so­zia­len Brennpunkt. (vgl. Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 183) Es geht im Prinzip „die sta­bi­li­sie­ren­de Wirkung der […] Mischung so­zia­ler Schichten“ (Häußermann/Siebel, 1996, Seite 155) ver­lo­ren.

Für vie­le der Siedlungen, die in Ostdeutschland er­rich­tet wur­den, kommt das Problem hin­zu, dass mit der Abwicklung der da­zu­ge­hö­ri­gen Betriebe die Arbeitsplätze weg­fie­len. au­ßer­dem ent­spre­chen in Ost wie in West die Gebäude nicht mehr un­be­dingt dem Wohnungsbedarf und das Angebot ist durch die Gleichförmigkeit nicht be­son­ders aus­dif­fe­ren­ziert. (vgl. Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 180) „Je ein­sei­ti­ger si­ch ei­ne Großwohnsiedlung an ei­ne mo­no­struk­tu­rel­le Wirtschaftsentwicklung kop­pel­te, je grö­ßer der Anteil der Wohnungen in den Großsiedlungen ei­ner Stadt am ge­sam­ten Wohnungsbestand der be­tref­fen­den Stadt und je ge­rin­ger die städ­te­bau­li­che und sozial-strukturelle Integration der Großsiedlungen aus­ge­bil­det ist, desto kom­pli­zier­ter und schwie­ri­ger wird vor­raus­sicht­li­ch ih­re mittel- und lang­fris­ti­ge Entwicklungsperspektive sein.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 180) Nicht nur der Wegzug von Besserverdienern, auch der so­zia­le Abstieg der Bewohner kann so­mit zu den be­schrie­be­nen (Image-) Problemen füh­ren.

Gerade aber die Befürchtung des so­zia­len Abstiegs scheint die ost­deut­schen Großwohnsiedlungen wie­der be­lieb­ter zu ma­chen und die so­zia­le Struktur dort zu sta­bi­li­sie­ren. Während die in­ner­städ­ti­schen re­no­vier­ten Altbauten oft leer stün­den, gä­be es in den Plattenbauten kaum mehr Leerstände. (vgl. Balzer, 2004)

Fazit

Wie ge­zeigt, be­ruht ein Teil des schlech­ten Rufes von Großwohnsiedlungen auf schlech­ter Informationslage und ge­ziel­ter Fehlinformation. Wenn der Rapper Sido „sein“ Märkisches Viertel selbst als Ghetto be­zeich­net (vgl. Lau, 2004), so dient das zur Unterstützung sei­nes Images als Mann mit ei­ner har­ten Vergangenheit („Street Credibility“) – ei­ner wich­ti­ge Eigenschaft im Hip Hop. 

Wenn Medien über die­se Viertel be­rich­ten, dann oft nur, um Klischees zu be­die­nen und wenn Ereignisse von Nachrichtenwert ge­sche­hen, sind das meis­tens ne­ga­ti­ve Nachrichten sind – Wie zum Beispiel der Brandanschlag von Neo-Nazis in Rostock-Lichtenhagen im Juli 1992 – die zum schlech­ten Ruf der Siedlungen bei­tra­gen. Tatsächlich kön­nen die Bewohner die­se Verurteile nicht nach­voll­zie­hen.

In der Beschreibung zur Austellung „Das Märkische Viertel – Idee Wirklichkeit Vision“ schreib Kurator Falk Jaeger: 

„Die Bewohner sa­hen ih­re Siedlung im­mer in po­si­ti­ve­rem Licht als die Betrachter von au­ßen. Im Jahr 2003 er­gab ei­ne von der GESOBAU AG be­auf­trag­te Befragung, dass sie si­ch in ih­rer Siedlung sehr wohl füh­len. Häufig blei­ben Kinder und Kindeskinder im Quartier.“6

Das Hauptproblem ist of­fen­bar tat­säch­li­ch ei­nes des Marketings. Will man Großwohnsiedlungen wie­der zu le­bens­wer­ten Stadtteilen ent­wi­ckeln, muss man vor al­lem ge­gen die gän­gi­gen Vorurteile kämp­fen.

Ist ein Stadtteil tat­säch­li­ch zum so­zia­len Brennpunkt ge­wor­den, ste­hen an­de­re Massnahmen an. Hier kann man von den Erfahrungen in Frankreich ler­nen. Dort gibt es die so­ge­nann­ten „Grands en­sem­bles“ – Stadtteile, die den ost­deut­schen Plattenbausiedlungen nicht un­ähn­li­ch sind. Bei den Bewohnern han­delt es si­ch haupt­säch­li­ch um nord­afri­ka­ni­sche Einwanderer. (vgl Rietdorf/Liebmann, 1998) Seit den 80er Jahren gibt es hier „ei­ne über dem Durchschnitt lie­gen­de Arbeitslosigkeit, ein ver­gleichs­wei­se ge­rin­ges Ausbildungsniveau, ei­ne Große Anzahl von Schulabbrechern, ho­her Anteil Drogensüchtiger und wach­sen­de Kriminalität, ins­be­son­de­re un­ter Jugendlichen.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 183) 

Schon seit Mitte der 70er Jahre be­treibt der fran­zö­si­sche Staat ver­schie­de­ne Programme wie zum Beispiel „Wohnen und so­zia­les Leben“, „Vom Wohngebiet zur Stadtwerdung“ und „Soziales-urbanes Entwicklungsprogramm“. Um an die staat­li­chen Förderungen zu kom­men, müs­sen die Städte mit dem Staat Verträge schlies­sen, die in ih­ren fünf­jäh­ri­gen Laufzeiten zu Massnahmen zur Berufsausbildung, Arbeitsplatzbeschaffung, zur Unterstützung der lo­ka­len Ökonomie ver­pflich­ten. (vgl Rietdorf/Liebmann, 1998) 

Diese Probleme sei­en zwar nicht 1:1 auf even­tu­el­le künf­ti­ge Problemeskalationen in Deutschland über­trag­bar, je­doch sind sie durch­aus in­ter­es­sant, „da sie

a)[…] über bau­li­che und städ­te­bau­li­che Fragestellungen von Anfang an hin­aus­ge­hen.

b)Stets so­zia­le und öko­no­mi­sche Probleme in­te­griert auf­grei­fen und

c)jeweils dif­fe­ren­ziert auf die spe­zi­fi­schen Situationen in den be­tref­fen­den Regionen und Kommunen ein­ge­hen.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 184)

Literatur

  • Balzer, Arno (Hrgs) – „Sei schlau, bleib im Plattenbau“ (28.8.2004, 15:10) http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,314503,00.html
  • Bär, Gesine, Hecker, Katrin und Wennerscheid, Sophie (Hrsg.) – „Auf der Suche nach der Großen Stadt – Leit- und Gegenbilder aus Berlin und Stockholm“(2002) Berlin Verlag, Berlin
  • Bollerey, Franziska, Fehl, Gerhard und Hartmann, Kristiana (Hrsg.) – „Im Grünen woh­nen – im Blauen pla­nen“ (1990) Hans Christians Verlag, Hamburg
  • Burmeister, Robert „25 Jahre Mettenhof“(1990), Rathausdruckerei, Kiel
  • Häußermann, Harmut und Siebel, Walter – „Soziologie des Wohnens“(1996), Juventa Verlag, Weiheim und München

    Hirsch, Helga – „Kollektive Erinnerung im Wandel“ in: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 40-41/2003), Bundeszentrale für po­li­ti­sche Bildung
  • Hoffman, Karl-Heinz – „Die Neue Heimat – Lange Geschichte mit häß­li­chem Ende“ bei: http://www.architekturarchiv-web.de/nh.htm (25.8.2004) Hamburgisches Architekturarchiv
  • Krummacher, Michael, Kulbach, Roderich, Waltz, Viktoria und Wohfahrt, Norbert – „Soziale Stadt – Sozialraumentwicklung – Quartiersmanagement“ (2003) Leske + Budrich, Opladen
  • LaFague, Paul – „Das Recht auf Faulheit – Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848“ (1887) Trotzdem Verlagsgenossenschaft eG, Grafenau (4. Auflage 2002)
  • Lau, Peter – „Der Stolz der Verlierer“ in: „brand eins“ (06/2004) brand eins Verlag GmbH & Co. OHG, Hamburg

    Liebmann, Heike und Rietdorf, – Werner – „Großsiedlungen in Ostmitteleuropa zwi­schen Gestern und Morgen“ in: Europa Regional Nr. 2 (2001) Institut für Länderkunde, Leipzig
  • Müller, Evelin und Rietdorf, Werner – „The de­ve­lop­ment of the hou­sing mar­ket in the new German Länder wi­th spe­cial re­fe­ren­ce to fur­ther de­ve­lop­ment of lar­ge sca­le hou­sing es­ta­tes“ in: „Beiträge zur Regionalen Geographie – Germany Ten Years af­ter Reunification“, Nr. 52 (2000) Institut für Länderkunde, Leipzig
  • Rietdorf, Werner und Liebmann, Heike – „Raumrelevante Probleme der Entwicklung von Großwohnsiedlungen in den neu­en Bundesländern“ in: „Raumordnung und Raumforschung“, Nr. 2/3 (1998) Carl Heymanns Verlag, Köln
  • Rodenstein, Marianne – „Hochhäuser in Deutschland“(2000) Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart Berlin Köln
  • Schleswig-Holstein, Landtag, Kiel (Hrsg.); – Bericht der Landesregierung: Die Entwicklung des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“ (2002) Kiel
  • Speer, Albert – „Die in­tel­li­gen­te Stadt“(1992) Deutsche Verlags Anstalt GmbH, Stuttgart
  • Stollberg-Barkley, Dörte – „Großsiedlungen in Großbritannien“ in: Europa Regional, Nr. 1 (2001) Institut für Länderkunde, Leipzig
  • Vogt-Lüerssen, Maike – „Alltag im Mittelalter“ (2001) Verlag Ernst Probst, Mainz-Kostheim

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