Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Wohnen : Großwohnsiedlungen und Ihre Stigmatisierung

Gropiusstadt

Steffen Voß

Ob in Osteuropa, Westdeutschland, Ostdeutschland oder Großbritannien – Großwohnsiedlungen wurden in vielen Teilen der Welt erbaut. In vielen Bereichen werden ähnliche soziale Probleme auftreten, in anderen wird es speziell nationale Probleme geben. Im Folgenden sollen jedoch vor allem deutsche Großwohnsiedlungen und ihre Stigmatisierung diskutiert werden.

Die thematische Eingrenzung bringt den Vorteil, dass nicht zusätzlich die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge der verschiedenen Länder, sondern einzig die von Deutschland beleuchtet werden müssen. Und selbst die sind aufgrund der unterschiedlichen Geschichte in den beiden deutschen Staaten nach 1945 diffenziert zu betrachten.

Gerade in dem Zeitraum zwischen Ende des zweiten Weltkriegs 1945 und der Wiedervereinigung 1990 sind die eigentlichen Großwohnsiedlungen entstanden und dies auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze in völlig verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Systemen. „Während in der DDR die gemeinnützige Wohnungswirtschaft in ein System staatlicher Wohnungsversorgung umgebaut und private Wohnungsbautätigkeit weitesgehend unterdrückt wurde, wurden in der Bundesrepublik Privateigentum und privatwirtschaftlicher Wohnungsbau privilegiert und der gemeinnützige Sektor nach und nach ausgehöhlt.“ (Häussermann/Siebel, 1996, Seite 145)

Unter diesen Paradigmen sind in der Vergangenheit die Großwohnsiedlungen entstanden, die heute dem wiedervereinten deutschen Staat vielfältigste Probleme bereiten. Probleme, die zum Teil tatsächlich vorhanden sind, zum anderen aber auch oft auf übertriebenen Medienberichten und modernen Legenden basieren.

Von der Stadt zur Großwohnsiedlung

Großwohnsiedlungen wurden zur Entlastung des Wohnungsmarktes errichtet – so verzeichnete allein die Stadt Kiel 17000 Wohnungssuchende (Burmeister, 1990) bevor man sich Anfang der 1960er Jahre zur Planung des Stadtteils Mettenhof entschloss. Doch wie kam man auf die Idee, diese Aufgabe in der Form zu lösen, wie man es tat? Dazu ein kleiner geschichtlicher Exkurs.

Wie Städte enstehen

Die Stadt als Gegensatz zum Land fand vor allem im 12. Jahrhundert weite Verbreitung in Europa. Damals gründeten vor allem Könige viele der auch heute noch bekannten Städte, zum Beispiel „Freiburg i. Br. im Jahre 1120, Lübeck im Jahre 1143 und Leipzig im Jahre 1160 – 70“ (Lüerssen, 2001, Kapitel 7) – zuvor habe es im wesentlichen nur die römischen Gründungen wie Köln, Trier, Mainz, Worms, Augsburg, Passau und Regensburg in Deutschland gegeben. Städte waren für die Gründer profitable Einnahmequellen, denn sie wurden schnell zu Zentren des Handels und des Handwerks – mit entsprechenden Zöllen und Abgaben belegte Branchen. Städte waren innerhalb der Stadtmauern eng bebaut, dafür boten die befestigte Anlagen Schutz vor Krieg und Überfall. In den folgenden Jahrhunderten wurden sie außerdem zur Wiege des Bürgertums. Unter dem Motto „Stadtluft macht frei“ zog es schon damals in allerdings geringen Umfange Landvolk in die Städte, „schienen doch hier erst Freiheit, Unabhängigkeit, Reichtum und Glück für alle Menschen Realität werden zu können.“ (Lüerssen, 2001, Kapitel 7) Doch Zünfte und Gilden reglementierten den Zugang zu den Berufen. Entsprechend wuchsen die Städte in den folgenden Jahrhunderten eher langsam.

Die ersten Großstädte

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts traten neue Entwicklungen auf: Es zog das Bürgertum aus der Enge der Stadt ins Umland. Die ersten Vorstädte entstehen. „Ein eigenes Haus, vom Garten rings umgeben, gilt bei vielen Menschen mit Recht als das Ideal der Wohnform, und seit Wälle und Mauern der Stadt durchbrochen oder ganz geschleift sind und keine Torsperren mehr den Ein- und Austritt behindert, ist der Villenbau in fast allen deutschen Städten in Blüte gekommen und hat ihnen ein ganz neues Gesicht gegeben.“ (Karl Hendrici 1903, zitiert in: Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 16) Gefördert wurde dieser Prozess durch die gesteigerte Mobilität „dank verbesserte und verbilligter öffentlicher Verkehrsmittel“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 16) und vor allem dem schlechteren Lebensverhältnissen in den Stadtzentren. Hier zog es zu der Zeit vor allem die „durch verschiedene Reformen auf dem Lande freigesetzte Bevölkerung“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 16) auf der Suche nach Arbeit in den damals entstehenden Manufakturen und Fabriken (Industrialisierung) hin. Es entstanden Mietskasernen, in denen die Menschen unter elendesten Bedingungen „zwischen zwei Schichten hausten, schliefen, Brut zeugten“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 17). – Umstände wie sie zum Beispiel die Romane Charles Dickens‘ („Oliver Twist“, 1838) für Großbritannien oder andere Autoren für Deutschland beschreiben.

„Ich habe in Mühlhausen, in Dornach und in den umliegenden Häusern jene elenden Zimmer gesehen, in denen zwei Familien schliefen, jede in einem Winkel auf Stroh, welches auf dem Fußboden ausgebreitet lag und nur durch zwei Bretter zusammengehalten wurde. Das Elend, in welchem die Arbeiter der Baumwollindustrie im Department Oberrhein leben, ist so Groß, daß während in den Familien der Fabrikanten, Kaufleute und Werksdirektoren ungefähr 50 Prozent der Kinder aus 21. Lebensjahr erreichen, derselbe Prozentsatz in den Familien der Weberei- und Spinnereiarbeiter bereits vor dem vollendeten zweiten Jahre stirbt…“

So zitiert Paul LaFague, Schwiegersohn Karl Marx‘, Villermé 1887 in seiner polemischen Kampfschrift „Das Recht auf Faulheit – Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848“.

Gegenbewegungen

Zeitgleich entstehen gesellschaftliche Gegenbewegungen, wie die der Sozialdemokratie oder die Gartenstadtbewegung. Der Wandervögel zum Beispiel – die erste Jugendbewegung. Die Jugendlichen singen auf ihren Wanderungen durch die Natur „Aus grauer Städte Mauern“. Sie alle greifen auf ihre jeweils eigene Art die schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgeworfenen Probleme der Städte auf und beantworten sie im Falle des Wandervogel mit Eskapismus oder im Falle der Gartenstadtbewegung nicht nur moralisch motiviert mit konzeptionellen Alternativen. Immerhin bedrohten die Verhältnisse „die Unbeschwertheit der Warenproduktion und die Leichtigkeit des Warenverkehrs; ferner die Gesundheit aller Klassen, die Leistungsfähigkeit der Arbeiter, die Wehrtüchtigkeit der Soldaten, die Verwirklichung bescheidenen Lebensglücks des mittleren Bürgertum und auch den luxoriösen Lebensgenuss der Wohlhabenden.“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 17). Man fürchtete um den Fortbestand der eigenen Klasse: „Die Herrschaft der Großstädte wird zuletzt gleichbedeutend sein mit der Herrschaft des Proletariats“ (W.H. Riehl, 1853 zitiert in Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 20) Die weite Verbreitung dieser Befürchtung lässt sich zum Beispiel in Romanform bei H.G. Wells „The Timemachine“ (1895) nachlesen, wo sich nach Jahrhunderttausenden der Evolution das Proletariat zur menschfressenden Unterart entwickelt und die verweichlichte Art der Oberschicht terrorisiert.

„In der Handhabung der ‚Massen‘, in deren gesellschaftlichen Lenkung und räumlichen Zuordnung sahen die Städtebauer der folgenden 50 Jahre die zentrale Herausforderung ihres Berufsstandes. […] [Ihre] Strategien hatten das gleiche Ziel der Begrenzung und Kontrolle des Wachstums der Großstadt; sie sollten die suburbane Dynamik in eine statische, unveränderbare Struktur einbinden, sie kanalisieren und auf diesem Wege kalkulierbar machen.“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 22)

Zusätzlich sah man diese Pläne als Chance, die unberührte Natur des Umlandes kunstvoll in die neuen Lebensräume einzubeziehen. Der Engländer Ebenezer Howard verlieh dieser Vision „in England 1898 mit seiner ‚Gartenstadt‘ Substanz und Namen“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 22). Die neuen Stadtteile sollten hell, offen und begrünt sein, um den Menschen den Platz zu geben, den sie brauchten und sie nicht in dreckigen, engen Wohungen einzusperren. Die Howardschen Vision faszinierte durch die Art in der der sie einen Kompromis herstellte, „der aus zwei gegensätzlichen Sphären – Individualismus und Sozialismus, Stadt und Land, Vergangenheit und Zukunft, Bewahren und Verändern – jeweils solche Eigenschaften auswählte, die im Sinne des Allgemeinswohls besonders erstrebenswert erschienen“ (Luithlen, 1972 zitiert bei Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 22).

Die Gartenstadt-Vision im Wandel

Die Gartenstadt-Vision bestimmte durch die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und die Wiederaufbaujahre bis in die 1970er Jahre das Denken der Stadtplaner unterschiedlich. Wie viele der ersten Gartenstädte entstand ab 1907 zum Beispiel in Essen der Stadtteil Margarethenhöhe als Werkssiedlung.

Auf dem Höhepunkt der Bewegung zu Zeiten der Weimarer Republik, träumten ihre Vordenker wie Bruno Tauts „von neuen Städten von 300000 bis 500000 Einwohner , aufgelöst und ‚völlig im Charakter der Gartenstadt gedacht, mit niedrigen Einzelhausreihen und tiefen Gärten für jedes Haus, gänzlich ohne Mietskasernen und als genossenschaftliche Unternehmungen.“ (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 33). Diese Visionen von Gärtenstädten vermischten sich mit der damals aufkommenen Schlichtheit des Bauhaus-Stils.

Während der Zeit des Nationalsozialismus musste sich die Gartenstadtbewegung den politischen Gegenheiten unterwerfen – „1939 werden landesweit, bis auf wenige Ausnahmen, alle Wohnungsunternehmen der DAF1 in ‚Neue Heimat‘ umbenannt.“ (Hoffman, 2004).

Die Ära der Großwohnsiedlungen

Erst nach dem 2. Weltkrieg konnte die „Neue Heimat“ als gemeinnütziger Verein wieder nach eigenen Vorstellungen bauen und wurde in den folgenden 25 Jahren zum grössten Bauunternehmen der Bundesrepublik. „Man bot Leistungen in fast allen Bereichen des Städtebaus an. Die Tochtergesellschaften und Beteiligungsgesellschaften teilten sich die Aufgaben: Die GEWOS untersuchte alte Stadtgebiete, die Neue Heimat Städtebau plante neue Zentren, die Neue Heimat Kommunal vielleicht ein neues Hallenbad und die Neue Heimat Gemeinnütziger Wohnungsbau schließlich war für den sozialen Wohnungsbau zuständig.“ (Hoffman, 2004) Im Jahr 1982 endete diese Ära des westdeutschen Wohnungsbaus mit einem Finanzskandal. Zu diesem Zeitpunkt gehörten dem Konzern ca. 300000 Wohnungen, viele davon in Großwohnsiedlungen.

Ausgangssituation für die Planung von Großwohnsiedlungen in der DDR wie in der BRD war die drückende Wohnungsnot: Trotz der Wiederherstellung vieler im Krieg zerstörter Häuser, gab es beständig zu wenig Wohnraum, was nur zum Teil durch die Zerstörungen des Krieges bedingt war. Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und eine hohe Geburtenrate verschärften die Lage. „[…] in den westlichen Zonen lebten nun pro Quadratkilometer weit über 200 Menschen statt wie vor dem Krieg 160. […] Zehn Jahre nach Kriegsende existierten in der Bundesrepublik aber noch immer 3000 kriegsbedingte Lager, obwohl vielerorts neue Siedlungen entstanden waren und viele Vertriebene dank günstiger Darlehen eigene Häuser zu bauen begannen.“ (Hirsch, 2003). Die Zerstörungen wurden von Stadtplanern auch als Chance gesehen: Viele der gescholtenen Mietskasernen waren zerstört und konnten nun den Ideen von Großzügigen Anlagen, Strassen und Wohnhäusern weichen.

Nach all den schlechten Erfahrungen, die man mit der traditionellen Städtebauweise gemacht hatte, und den Hoffnungen, die man an Gartenstadt und Bauhausstil, die Ideen zur funktionalen Aufteilung der Städte nach der „Charta von Athen“2 und die raumwirtschaftlichen Theorien zum Beispiel von Walter Christaller3 knüpfte, waren die Großwohnsiedlungen der 1960er, 1970er und 1980er Jahre die konsequente Antwort auf die Wohnungsnot. außerdem ließen sich die Teile für die Plattenbauten in Fabriken sehr rationell anfertigen, was diesem Baustil einen Preisvorteil brachte.

Im Osten aber entstand ein Großer Teil der Siedlungen „erst in den 70er und 80er Jahren im Zuge des Wohnungsbauprogramms der DDR, als in den Ländern der ‚alten‘ Bundesrepublik der Bau neuer Satellitenstädte und Großsiedlungen bereits ein ‚auslaufendes Modell‘ geworden war.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 178)

Stigmatisierung

„Die in Westdeutschland in den 50er und 60er Jahren meist am Rand der Großen Städte, nicht selten auf den Flächen oder in unmittelbarer Nähe von Baracken oder Behelfsheimen zur quantitativen Wohnungsversorgung von Flüchtlingen, Obdachlosen oder anderen Angehörigen unterer Bevölkerungsschichten entstandenen Großsiedlungen wurden im Rahmen des öffentlich geförderten Mietwohnungsbaus errichtet. In den späten 60er und 70er Jahren entstanden solche Siedlungen als neue Stadtteile oder Trabantenstädte vor allem in den industriellen Ballungsgebieten zur Abdeckung des inzwischen gewachsenen qualitativen Wohnungsbedarfs sowie zum Auffangen der aus innerstädtischen Sanierungsgebieten verdrängten wirtschaftlich schwachen Bevölkerung.

In der ehemaligen DDR hingegen, wo bereits seit den früheren 50er Jahren auf der Grundlage eines zentralistischen Wirtschaftssystems territorialplanerisch ein von neuen Zielvorstellungen ausgehende ‚Standortverteilung der Produktivkräfte‘ angesteuert wurde, die darauf gerichtet war, historisch überkommene regionale Disparitäten z.B. Zwischen den industriell geprägten südlichen Landesteilen und dem traditionell agrarisch geprägten Norden und Osten zu überwinden, war der massenhafte und industriell gefertigte Wohnungsbau in Form neuer Wohnkomplexe und -gebiete ‚auf der grünen Wiese‘ stets mit der gleichzeitig einhergehenden Errichtung neuer Produktionsbetriebe und Industriegebiete bzw. Der Ansiedlung von Einrichtungen der Landesverteidigung oder ähnlichem verbunden.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 178)

Eine eindeutige Definition des Begriffs „Großwohnsiedlung“ lässt sich in der vorliegenden Literatur nicht finden. Nach Rietdorf und Liebmann handelt es sich um Neubausiedlungen aus der Nachkriegszeit mit mindestens 1000 Wohneinheiten. 386 gibt es davon in den neuen Bundesländern. (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 177) Für Westdeutschland lassen sich keine vergleichbaren Zahlen finden. Müller und Rietdorf stellten aber fest: Heute befinden sich 95 der 240 Siedlungen über 2500 Wohneinheiten in den „alten“ Bundesländern und 144 in den „neuen“. (Müller/Rietdorf, 2000, Seite 57)

Es finden sich in der Literatur eine Reihe Studien, die sich mit Großwohnsiedlungen auseinandersetzen, jedoch finden die kaum Fakten zu ihren Problemen Erwähnung. Weder gibt es genaue Daten zu ihrem Image noch zu tatsächlichen Fehlentwicklungen.

„Hochhaussiedlungen sind nicht unbedingt populär: Wer in den besseren Vierteln wohnt, kennt meist niemanden in der Platte. Und umgekehrt. Nicht mal als soziale Brennpunkte sind die in den sechziger Jahren hastig geplanten Quartiere interessant, denn Armut, Arbeitslosigkeit und Alokoholismus bringen keine Einschaltquoten. Das Wissen um die Viertel ist folgerichtig vage: irgendwie häßlich, irgendwie gefährlich, irgendwie asozial. Und kriminell. Obwohl im MV4, erbaut 1963 bis 1974 und bewohnt von rund 40000 Menschen, die Kriminalitätsrate im Berliner Vergleich im Mittelfeld liegt.“ (Lau, 2004, Seite 130)

Ein Teil des schlechten Rufes von Großwohnsiedlungen scheint also in ihrem krassen Gegensatz zum Ideal des Einfamilienhauses mit Garten (siehe 2.2) zu liegen. Der Rest beruht offenbar auf Hörensagen. Den Neubaugebieten werden schlechte Eigenschaften zugeschrieben, die zu einer Diskriminierung der Wohnform und der Einwohner führt. Ein Prozess, der allgemein als „soziale Stigmatisierung“ bezeichnet wird.5 Nach Rietdorf und Liebmann kann diese Sigmatisierung dann als Folge tatsächliche soziale Probleme haben, wenn nämlich im sogenannten „filtering down“ Prozess durch die Stigmatisierung („push“-Faktor) und die Förderung des randstädtischen Neubaus („pull“-Faktor) Besserverdienende wegziehen. Dieser Verlust an sozialer Durchmischung kann zu undifferenzierten Mietpreisen und den Nachzug subventionsabhängiger Mieter führen. Eine Konzentration von „sozial Unangepassten“ macht aus einem Viertel dann einen tatsächlichen sozialen Brennpunkt. (vgl. Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 183) Es geht im Prinzip „die stabilisierende Wirkung der […] Mischung sozialer Schichten“ (Häußermann/Siebel, 1996, Seite 155) verloren.

Für viele der Siedlungen, die in Ostdeutschland errichtet wurden, kommt das Problem hinzu, dass mit der Abwicklung der dazugehörigen Betriebe die Arbeitsplätze wegfielen. außerdem entsprechen in Ost wie in West die Gebäude nicht mehr unbedingt dem Wohnungsbedarf und das Angebot ist durch die Gleichförmigkeit nicht besonders ausdifferenziert. (vgl. Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 180) „Je einseitiger sich eine Großwohnsiedlung an eine monostrukturelle Wirtschaftsentwicklung koppelte, je größer der Anteil der Wohnungen in den Großsiedlungen einer Stadt am gesamten Wohnungsbestand der betreffenden Stadt und je geringer die städtebauliche und sozial-strukturelle Integration der Großsiedlungen ausgebildet ist, desto komplizierter und schwieriger wird vorraussichtlich ihre mittel- und langfristige Entwicklungsperspektive sein.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 180) Nicht nur der Wegzug von Besserverdienern, auch der soziale Abstieg der Bewohner kann somit zu den beschriebenen (Image-) Problemen führen.

Gerade aber die Befürchtung des sozialen Abstiegs scheint die ostdeutschen Großwohnsiedlungen wieder beliebter zu machen und die soziale Struktur dort zu stabilisieren. Während die innerstädtischen renovierten Altbauten oft leer stünden, gäbe es in den Plattenbauten kaum mehr Leerstände. (vgl. Balzer, 2004)

Fazit

Wie gezeigt, beruht ein Teil des schlechten Rufes von Großwohnsiedlungen auf schlechter Informationslage und gezielter Fehlinformation. Wenn der Rapper Sido „sein“ Märkisches Viertel selbst als Ghetto bezeichnet (vgl. Lau, 2004), so dient das zur Unterstützung seines Images als Mann mit einer harten Vergangenheit („Street Credibility“) – einer wichtige Eigenschaft im Hip Hop.

Wenn Medien über diese Viertel berichten, dann oft nur, um Klischees zu bedienen und wenn Ereignisse von Nachrichtenwert geschehen, sind das meistens negative Nachrichten sind – Wie zum Beispiel der Brandanschlag von Neo-Nazis in Rostock-Lichtenhagen im Juli 1992 – die zum schlechten Ruf der Siedlungen beitragen. Tatsächlich können die Bewohner diese Verurteile nicht nachvollziehen.

In der Beschreibung zur Austellung „Das Märkische Viertel – Idee Wirklichkeit Vision“ schreib Kurator Falk Jaeger:

„Die Bewohner sahen ihre Siedlung immer in positiverem Licht als die Betrachter von außen. Im Jahr 2003 ergab eine von der GESOBAU AG beauftragte Befragung, dass sie sich in ihrer Siedlung sehr wohl fühlen. Häufig bleiben Kinder und Kindeskinder im Quartier.“6

Das Hauptproblem ist offenbar tatsächlich eines des Marketings. Will man Großwohnsiedlungen wieder zu lebenswerten Stadtteilen entwickeln, muss man vor allem gegen die gängigen Vorurteile kämpfen.

Ist ein Stadtteil tatsächlich zum sozialen Brennpunkt geworden, stehen andere Massnahmen an. Hier kann man von den Erfahrungen in Frankreich lernen. Dort gibt es die sogenannten „Grands ensembles“ – Stadtteile, die den ostdeutschen Plattenbausiedlungen nicht unähnlich sind. Bei den Bewohnern handelt es sich hauptsächlich um nordafrikanische Einwanderer. (vgl Rietdorf/Liebmann, 1998) Seit den 80er Jahren gibt es hier „eine über dem Durchschnitt liegende Arbeitslosigkeit, ein vergleichsweise geringes Ausbildungsniveau, eine Große Anzahl von Schulabbrechern, hoher Anteil Drogensüchtiger und wachsende Kriminalität, insbesondere unter Jugendlichen.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 183)

Schon seit Mitte der 70er Jahre betreibt der französische Staat verschiedene Programme wie zum Beispiel „Wohnen und soziales Leben“, „Vom Wohngebiet zur Stadtwerdung“ und „Soziales-urbanes Entwicklungsprogramm“. Um an die staatlichen Förderungen zu kommen, müssen die Städte mit dem Staat Verträge schliessen, die in ihren fünfjährigen Laufzeiten zu Massnahmen zur Berufsausbildung, Arbeitsplatzbeschaffung, zur Unterstützung der lokalen Ökonomie verpflichten. (vgl Rietdorf/Liebmann, 1998)

Diese Probleme seien zwar nicht 1:1 auf eventuelle künftige Problemeskalationen in Deutschland übertragbar, jedoch sind sie durchaus interessant, „da sie

a)[…] über bauliche und städtebauliche Fragestellungen von Anfang an hinausgehen.

b)Stets soziale und ökonomische Probleme integriert aufgreifen und

c)jeweils differenziert auf die spezifischen Situationen in den betreffenden Regionen und Kommunen eingehen.“ (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 184)

Literatur

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