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ULD und Facebook: Das Stockholmsyndrom der Szene

Creative Commons Namensnennung 3.0 Unported von Wikipedia
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Am letz­ten Freitag hat das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD) öf­fent­li­ch er­klärt, dass die Verwendung von Facebook Buttons und Widgets nicht mit deut­schem und eu­ro­päi­schem Datenschutz ver­ein­bar sind. Und gleich wa­ren sie wie­der da – all die Typen, die em­pört auf­sprin­gen, wenn sie je­mand aus ih­rer Internet-Gemütlichkeit reißt und zum Nachdenken zwingt. Der Fall ist sym­pto­ma­ti­sch.

Leute, die frü­her ih­re ei­ge­nen Kernel kom­pi­liert ha­ben, tra­gen heu­te die Apple-Vollausstattung mit si­ch her­um, über­las­sen ih­re Datenhaltung kom­plett Google und das Blog ist aus Widgets von 20 ver­schie­de­nen Webseiten zu­sam­men ge­klickt.

Das ist na­tür­li­ch de­ren pri­va­te Entscheidung. Vielleicht hat man ir­gend­wann kei­ne Lust mehr und geht lie­ber den leich­te­ren Weg. Aber sie soll­ten das nicht zur all­ge­mei­nen Regel er­klä­ren.

Facebook hat ei­nen rie­si­gen Wettbewerbsvorteil, weil die mit ih­ren Buttons auf je­der halb­wegs le­ben­di­gen Internetseite welt­weit ana­ly­sie­ren kön­nen, wer wann wel­che Inhalte be­sucht. Auch Andere kön­nen der­ar­ti­ge Statistiken er­he­ben: Auch ein­ge­bet­te­te Youtube-Videos mel­den si­ch Zuhause. Der Twitterbutton macht das glei­che. Aber nur der Facebook-Button ist auf fast je­der Seite zu fin­den und kann mit Massen per­so­na­li­sier­ter Daten aus Facebook selbst ver­knüpft wer­den.

Warum soll­te man ei­ne sol­che Firma ver­tei­di­gen? Dafür kann Facebook ei­ne Menge Leute gut be­zah­len. Microsoft woll­te da­mals, dass je­de Software vom Betriebssystem über das Office bis hin zum Browser und den Spielen von Microsoft pro­du­ziert wird. Heute ver­su­chen Apple, Google und Facebook Ähnliches – doch die Kritik rich­tet si­ch fast aus­schließ­li­ch ge­gen die Politik und die­je­ni­gen, die sie um­set­zen sol­len.

Für mi­ch er­gibt es kei­nen Sinn, si­ch für Neutralität auf Netz-Ebene ein­zu­set­zen, wenn die Inhalte und Dienste dann un­ter ein paar gro­ßen US-Firmen auf­ge­teilt wer­den.

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Kommentare

Benno

Deine Kritik ist gut & rich­tig, al­ler­dings geht sie zum Teil an der Diskussion vor­bei. Denn vie­le ha­ben si­ch nicht über die Kritik an Facebook auf­ge­regt, son­dern dar­über, dass das ULD ge­gen die Webseitenbetreiber vor­ge­hen will, statt ge­gen den ei­gent­li­ch rechts­wid­rig han­deln­den US-Konzern
Hier ka­pi­tu­liert der deut­sche Staat vor ei­nem in­ter­na­tio­na­len Konzern und ver­greift si­ch statt des­sen an den klei­nen Web-Seiten Betreibern. Für die wä­re das ein ech­ter Wettbewerbsnachteil, wenn sie die Buttons nicht mehr ein­set­zen dür­fen, nur weil sie ei­nen Standort in SH ha­ben. Und es trifft nicht nur gro­ße Firmen, son­dern al­le bis zum klei­nen Blog-Betreiber, ge­gen­über dem die Drohung mit 50.000 Euro Bußgeld völ­lig über­zo­gen ist.
ULD geht hier nach dem Motto vor: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man lau­fen.
Das ist schlimms­tes Obrigkeitsstaatliches vor­ge­hen, das ins­be­son­de­re auch des­halb auf mas­si­ve & be­rech­tig­te Kritik stößt, weil die­sel­ben Regierungen / Parteien die­sel­ben Daten (bzw. viel mehr) ver­dachts­un­ab­hän­gig selbst spei­cher wol­len (z.B. durch VDS) oder ge­gen die miss­bräuch­li­che Erhebung / Speicherung / Auswertung durch ei­ge­ne Organe (Handy-Daten Skandal der Dresdener Polizei) nicht ent­schie­den vor­ge­hen.
Reinhard Mey sagt das so tref­fend:
Man packt den Hühnerdieb, den Waffenschieber läßt man lau­fen,
Kein Pfeifchen Gras, aber ’ne gan­ze Giftgasfabrik kann­st du kau­fen.
Verseuch‘ die Luft, ver­strahl‘ das Land, mach un­ge­straft den größ­ten Schaden,
Nur laß dich nicht er­wi­schen bei Sitzblockaden!
Siehe
http://direkteaktion.over-blog.de/article-33109969-6.html
(Achtung: mit FB Buttons & YouTube Video! Aber ich darf das ja, ich woh­ne ja im Ausland 😉

Steffen

Für mi­ch ist die Feststellung nicht neu, dass die Buttons Daten an Facebook sen­den. Deswegen be­nut­ze ich sie nicht. Ich ha­be da­durch aber ei­nen Nachteil ge­gen­über Blogbetreibern, die ih­re Blogs voll mit sol­chem Zeug knal­len. Was bei mei­nem Blog voll­kom­men egal ist, hat durch­aus Auswirkungen auf Wirtschaftsunternehmen: Wer si­ch dort Datenschutzkonform ver­hält hat ei­nen Nachteil. Es sind al­so sehr wohl die Site-Betreiber, die in der Pflicht ste­hen.

Darüber hin­aus se­he ich die­sen Schritt der ULD als Schachzug ge­gen Facebook. Facebook hat si­ch bis­lang in keins­ter Weise da­zu ge­äu­ßert, wie sie es sei­nen Benutzern er­mög­li­chen möch­te, in Übereinstimmung mit deut­schem Recht nutz­bar zu sein. Das kann nicht sein. Wenn ame­ri­ka­ni­sche Firmen in Deutschland Autos zu­las­sen wol­len, müs­sen die si­ch auch an deut­sches Recht hal­ten. Wenn nun die Kunden von Facebook ge­fähr­det sind, soll­te si­ch Facebook da­für in­ter­es­sie­ren und end­li­ch mal mel­den. Wenn der Zuckerberg nicht zum Weichert kommt, muss der Weichert eben zum Zuckerberg ge­hen. 😉

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