Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

ULD und Facebook : Das Stockholmsyndrom der Szene

Creative Commons Namensnennung 3.0 Unported von Wikipedia

Steffen Voß

Am letzten Freitag hat das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD) öffentlich erklärt, dass die Verwendung von Facebook Buttons und Widgets nicht mit deutschem und europäischem Datenschutz vereinbar sind. Und gleich waren sie wieder da – all die Typen, die empört aufspringen, wenn sie jemand aus ihrer Internet-Gemütlichkeit reißt und zum Nachdenken zwingt. Der Fall ist symptomatisch.

Leute, die früher ihre eigenen Kernel kompiliert haben, tragen heute die Apple-Vollausstattung mit sich herum, überlassen ihre Datenhaltung komplett Google und das Blog ist aus Widgets von 20 verschiedenen Webseiten zusammen geklickt.

Das ist natürlich deren private Entscheidung. Vielleicht hat man irgendwann keine Lust mehr und geht lieber den leichteren Weg. Aber sie sollten das nicht zur allgemeinen Regel erklären.

Facebook hat einen riesigen Wettbewerbsvorteil, weil die mit ihren Buttons auf jeder halbwegs lebendigen Internetseite weltweit analysieren können, wer wann welche Inhalte besucht. Auch Andere können derartige Statistiken erheben: Auch eingebettete Youtube-Videos melden sich Zuhause. Der Twitterbutton macht das gleiche. Aber nur der Facebook-Button ist auf fast jeder Seite zu finden und kann mit Massen personalisierter Daten aus Facebook selbst verknüpft werden.

Warum sollte man eine solche Firma verteidigen? Dafür kann Facebook eine Menge Leute gut bezahlen. Microsoft wollte damals, dass jede Software vom Betriebssystem über das Office bis hin zum Browser und den Spielen von Microsoft produziert wird. Heute versuchen Apple, Google und Facebook Ähnliches – doch die Kritik richtet sich fast ausschließlich gegen die Politik und diejenigen, die sie umsetzen sollen.

Für mich ergibt es keinen Sinn, sich für Neutralität auf Netz-Ebene einzusetzen, wenn die Inhalte und Dienste dann unter ein paar großen US-Firmen aufgeteilt werden.

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Kommentare

Benno
Benno:

Deine Kritik ist gut & richtig, allerdings geht sie zum Teil an der Diskussion vorbei. Denn viele haben sich nicht über die Kritik an Facebook aufgeregt, sondern darüber, dass das ULD gegen die Webseitenbetreiber vorgehen will, statt gegen den eigentlich rechtswidrig handelnden US-Konzern
Hier kapituliert der deutsche Staat vor einem internationalen Konzern und vergreift sich statt dessen an den kleinen Web-Seiten Betreibern. Für die wäre das ein echter Wettbewerbsnachteil, wenn sie die Buttons nicht mehr einsetzen dürfen, nur weil sie einen Standort in SH haben. Und es trifft nicht nur große Firmen, sondern alle bis zum kleinen Blog-Betreiber, gegenüber dem die Drohung mit 50.000 Euro Bußgeld völlig überzogen ist.
ULD geht hier nach dem Motto vor: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.
Das ist schlimmstes Obrigkeitsstaatliches vorgehen, das insbesondere auch deshalb auf massive & berechtigte Kritik stößt, weil dieselben Regierungen / Parteien dieselben Daten (bzw. viel mehr) verdachtsunabhängig selbst speicher wollen (z.B. durch VDS) oder gegen die missbräuchliche Erhebung / Speicherung / Auswertung durch eigene Organe (Handy-Daten Skandal der Dresdener Polizei) nicht entschieden vorgehen.
Reinhard Mey sagt das so treffend:
Man packt den Hühnerdieb, den Waffenschieber läßt man laufen,
Kein Pfeifchen Gras, aber ’ne ganze Giftgasfabrik kannst du kaufen.
Verseuch‘ die Luft, verstrahl‘ das Land, mach ungestraft den größten Schaden,
Nur laß dich nicht erwischen bei Sitzblockaden!
Siehe
http://direkteaktion.over-blog.de/article-33109969-6.html
(Achtung: mit FB Buttons & YouTube Video! Aber ich darf das ja, ich wohne ja im Ausland 😉

22.8.2011 um 14:20
Steffen
Steffen:

Für mich ist die Feststellung nicht neu, dass die Buttons Daten an Facebook senden. Deswegen benutze ich sie nicht. Ich habe dadurch aber einen Nachteil gegenüber Blogbetreibern, die ihre Blogs voll mit solchem Zeug knallen. Was bei meinem Blog vollkommen egal ist, hat durchaus Auswirkungen auf Wirtschaftsunternehmen: Wer sich dort Datenschutzkonform verhält hat einen Nachteil. Es sind also sehr wohl die Site-Betreiber, die in der Pflicht stehen.

Darüber hinaus sehe ich diesen Schritt der ULD als Schachzug gegen Facebook. Facebook hat sich bislang in keinster Weise dazu geäußert, wie sie es seinen Benutzern ermöglichen möchte, in Übereinstimmung mit deutschem Recht nutzbar zu sein. Das kann nicht sein. Wenn amerikanische Firmen in Deutschland Autos zulassen wollen, müssen die sich auch an deutsches Recht halten. Wenn nun die Kunden von Facebook gefährdet sind, sollte sich Facebook dafür interessieren und endlich mal melden. Wenn der Zuckerberg nicht zum Weichert kommt, muss der Weichert eben zum Zuckerberg gehen. 😉

22.8.2011 um 18:08

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