kaffeeringe.de

Netzpolitik: Miteinander Reden 1: Störungen und Klärungen

Some rights reserved by gwenflickr
Some rights reserved by gwenflickr

„Reißt eu­ch end­li­ch zu­sam­men!“ ruft Journalist Daniel Bröckerhoff sei­nen Lesern ent­ge­gen. Er be­klagt, den re­flex­haf­ten Hohn, der im­mer dann durchs Netz schwappt, wenn ir­gend­ein Politiker et­was über das Internet ge­sagt hat, was nicht ganz Mainstream ist. Sein Rat: „Verschwendet eu­re Zeit nicht wei­ter mit Pöbeln! Es ist kon­tra­pro­duk­tiv, pu­ber­t­är und kos­tet Zeit und Energien, die wo­an­ders ge­braucht wer­den.“

Tatsächlich wird vie­les nur halb so heiß ge­ges­sen, wie es ge­kocht wird. Eine Politikeräußerung ist kei­ne Politikeräußerung. Und be­ach­tet wer­den muss auch im­mer, ob je­mand über­haupt in der Position ist, mehr zu tun als nur zu re­den.

Was mi­ch stört ist das Reflexhafte an den Reaktionen der Netzis – das ist in­zwi­schen ge­nauso er­wart­bar, wie die Forderung nach mehr Sicherheit, wenn ir­gend­wo et­was pas­siert. Wir soll­ten uns dar­an ge­wöh­nen: Irgendwer wird im­mer mehr Sicherheit ha­ben wol­len. Dazu kommt, dass der Aufhänger oft ein ge­woll­tes Missverständnis ist. Wenn der Uhl sagt, et­was sei „im Internet ge­bo­ren“ ist das ei­ne Metapher. Und Metaphern pas­sen nie 100%. Leute wie Martin Haase ha­ben in­zwi­schen ein gan­zes Showprogramm aus be­wuss­ten Missverständnissen auf­ge­baut („Oho, je­mand hat Datenautobahn ge­sagt, da­bei hat das Internet doch gar kei­nen Mittelstreifen. ha­ha­ha“), mit dem sie von Veranstaltung zu Veranstaltung tin­geln und das Nerdherz strei­cheln. Statt über Sementik zu strei­ten soll­ten wir, wie es Daniel Bröckerhoff vor­schlägt, an sinn­vol­len, nach­hal­ti­gen Dingen ar­bei­ten.

Schaut Euch doch auch mal an, was bis­her pas­siert ist: Netzsperren sind nicht ge­kom­men, Vorratsdatenspeicherung wird im­mer un­wahr­schein­li­cher, der Bundestrojaner ist ir­rele­vant mitt­ler­wei­le. Viele von den ganz schlim­men Themen spie­len kaum mehr ei­ne Rolle. Stattdessen spre­chen wir in der Internet Enquete tat­säch­li­ch über die Chancen des Netzes und die Parteien pro­bie­ren aus, wie sie ih­re Arbeit um das Internet er­wei­tern.

Es gibt ei­ne Menge Leute auch in Parteien, die si­ch ernst­haft mit dem Netz aus­ein­an­der set­zen. Für die ist das al­les an­de­re als hilf­reich, wenn re­gel­mä­ßig Shitstorms los­bre­chen. Und ich muss sa­gen, ich fin­de es passt auch nicht zum Umgang un­ter Demokraten. Freiheit ist im­mer Freiheit der Andersdenkenden.

Links

Foto: Some rights re­ser­ved by gwen­flickr

Kommentare

Reichels

ich hab das mal in 140 Zeichen ge­packt: http://twitter.com/#!/ReichelS/status/99391051378335744

Steffen

Schwarmintelligenz ist die bra­ve Schwester des Lynchmobs.

Sebastian Schack

Sehe ich, er­war­tungs­ge­mäß, an­ders als du.
Leute, die in ih­rer Funktion als Politiker, schlim­mer no­ch: Volksvertreter, dum­mes Zeug re­den oder schreck­li­che Forderungen stel­len (VDS, Hadopi, …) ge­hört Gegenwind ent­ge­gen ge­bracht.
Da tut es dann auch nichts zur Sache, ob die­se Äußerung „arg­lis­tig“ oder arg­los ge­tä­tigt wer­den. Aber wie über­all im Leben: der Ton macht die Musik. Und der Ton des Internets (und da neh­me ich mi­ch auch gar nicht aus) ist (viel zu) oft Spott.

Aber trotz­dem: ich fin­de es nicht gut, nicht rich­tig und nicht an­ge­bracht wenn man dum­me, in­halt­li­che fal­sche oder schlicht über’s Ziel hin­aus schie­ßen­de Forderungen voll­kom­men un­kom­men­tiert ste­hen lässt.

Auch Haase schießt ab und an mal über’s Ziel hin­aus. Aber Haase schafft es uach als ei­ner der we­ni­gen in der heu­ti­gen Zeit so et­was wie ein „ad­van­ced“ Sprachgefühl zu schaf­fen. Mein Lieblingsbeispiel aus der jüngs­ten Vergangenheit sind Merkel und Gabriel, die wech­sel­sei­tig Politik nach Augenmaß von ein­an­der ein­for­dern… wo­bei ge­n­au das nie­mand wirk­li­ch wol­len kann.

Und über­haupt: wo sind die Grenzen? Wenn ich XY dum­mes Zeug in der Netzpolitik da­her sei­ern las­se, war­um dann ge­gen Nazis auf die Straße ge­hen, die dum­mes Zeug for­dern?
VDS ist nicht ge­kom­men? Klar, aber Konzentrationslager hat auch no­ch kei­ner wie­der ge­baut… (ja, nichts hinkt so sehr wie ein Vergleich – aber ich bin im­mer ein Freund von „Übertreibung ver­deut­licht“).

Überhaupt: Netzsperren und VDS schei­nen(!) nicht zu kom­men. Richtig.
Aber wor­an liegt das? Sind da SPD, CDU und FDP von si­ch aus drauf ge­kom­men, dass das doch nicht so doll ist? Oder hat der Gegenwind und auch der Spott da nicht viel­leicht zu bei­ge­tra­gen? Ich je­den­falls glau­be nicht, dass es an Frau von der Leyen kom­plett spur­los vor­bei geht, wenn Sie auf spiegel.de was von „Zensursula“ liest.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?