Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Netzpolitik : Miteinander Reden 1: Störungen und Klärungen

Personen im Gespräch
Personen im Gespräch | Foto: Some rights reserved by gwenflickr

Steffen Voß

„Reißt euch endlich zusammen!“ ruft Journalist Daniel Bröckerhoff seinen Lesern entgegen. Er beklagt, den reflexhaften Hohn, der immer dann durchs Netz schwappt, wenn irgendein Politiker etwas über das Internet gesagt hat, was nicht ganz Mainstream ist. Sein Rat: „Verschwendet eure Zeit nicht weiter mit Pöbeln! Es ist kontraproduktiv, pubertär und kostet Zeit und Energien, die woanders gebraucht werden.“

Tatsächlich wird vieles nur halb so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Eine Politikeräußerung ist keine Politikeräußerung. Und beachtet werden muss auch immer, ob jemand überhaupt in der Position ist, mehr zu tun als nur zu reden.

Was mich stört ist das Reflexhafte an den Reaktionen der Netzis – das ist inzwischen genauso erwartbar, wie die Forderung nach mehr Sicherheit, wenn irgendwo etwas passiert. Wir sollten uns daran gewöhnen: Irgendwer wird immer mehr Sicherheit haben wollen. Dazu kommt, dass der Aufhänger oft ein gewolltes Missverständnis ist. Wenn der Uhl sagt, etwas sei „im Internet geboren“ ist das eine Metapher. Und Metaphern passen nie 100%. Leute wie Martin Haase haben inzwischen ein ganzes Showprogramm aus bewussten Missverständnissen aufgebaut („Oho, jemand hat Datenautobahn gesagt, dabei hat das Internet doch gar keinen Mittelstreifen. hahaha“), mit dem sie von Veranstaltung zu Veranstaltung tingeln und das Nerdherz streicheln. Statt über Sementik zu streiten sollten wir, wie es Daniel Bröckerhoff vorschlägt, an sinnvollen, nachhaltigen Dingen arbeiten.

Schaut Euch doch auch mal an, was bisher passiert ist: Netzsperren sind nicht gekommen, Vorratsdatenspeicherung wird immer unwahrscheinlicher, der Bundestrojaner ist irrelevant mittlerweile. Viele von den ganz schlimmen Themen spielen kaum mehr eine Rolle. Stattdessen sprechen wir in der Internet Enquete tatsächlich über die Chancen des Netzes und die Parteien probieren aus, wie sie ihre Arbeit um das Internet erweitern.

Es gibt eine Menge Leute auch in Parteien, die sich ernsthaft mit dem Netz auseinander setzen. Für die ist das alles andere als hilfreich, wenn regelmäßig Shitstorms losbrechen. Und ich muss sagen, ich finde es passt auch nicht zum Umgang unter Demokraten. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.

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Kommentare

Reichels
Reichels:

ich hab das mal in 140 Zeichen gepackt: http://twitter.com/#!/ReichelS/status/99391051378335744

5.8.2011 um 10:34
Steffen
Steffen:

Schwarmintelligenz ist die brave Schwester des Lynchmobs.

5.8.2011 um 10:40
Sebastian Schack
Sebastian Schack:

Sehe ich, erwartungsgemäß, anders als du.
Leute, die in ihrer Funktion als Politiker, schlimmer noch: Volksvertreter, dummes Zeug reden oder schreckliche Forderungen stellen (VDS, Hadopi, …) gehört Gegenwind entgegen gebracht.
Da tut es dann auch nichts zur Sache, ob diese Äußerung „arglistig“ oder arglos getätigt werden. Aber wie überall im Leben: der Ton macht die Musik. Und der Ton des Internets (und da nehme ich mich auch gar nicht aus) ist (viel zu) oft Spott.

Aber trotzdem: ich finde es nicht gut, nicht richtig und nicht angebracht wenn man dumme, inhaltliche falsche oder schlicht über’s Ziel hinaus schießende Forderungen vollkommen unkommentiert stehen lässt.

Auch Haase schießt ab und an mal über’s Ziel hinaus. Aber Haase schafft es uach als einer der wenigen in der heutigen Zeit so etwas wie ein „advanced“ Sprachgefühl zu schaffen. Mein Lieblingsbeispiel aus der jüngsten Vergangenheit sind Merkel und Gabriel, die wechselseitig Politik nach Augenmaß von einander einfordern… wobei genau das niemand wirklich wollen kann.

Und überhaupt: wo sind die Grenzen? Wenn ich XY dummes Zeug in der Netzpolitik daher seiern lasse, warum dann gegen Nazis auf die Straße gehen, die dummes Zeug fordern?
VDS ist nicht gekommen? Klar, aber Konzentrationslager hat auch noch keiner wieder gebaut… (ja, nichts hinkt so sehr wie ein Vergleich – aber ich bin immer ein Freund von „Übertreibung verdeutlicht“).

Überhaupt: Netzsperren und VDS scheinen(!) nicht zu kommen. Richtig.
Aber woran liegt das? Sind da SPD, CDU und FDP von sich aus drauf gekommen, dass das doch nicht so doll ist? Oder hat der Gegenwind und auch der Spott da nicht vielleicht zu beigetragen? Ich jedenfalls glaube nicht, dass es an Frau von der Leyen komplett spurlos vorbei geht, wenn Sie auf spiegel.de was von „Zensursula“ liest.

6.8.2011 um 01:52

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