Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Stéphane Hessel : Empört Euch!

Stephane Hessel
Stephane Hessel | Foto: Some rights reserved by Alain Bachellier

Steffen Voß

In Frankreich meldet sich ein alter Mann zu Wort. Er ruft dazu auf, sich mehr einzumischen. Mehr mitzumischen. Stéphane Hessel fordert dazu auf, die Augen zu öffnen, das Falsche zu erkennen und es zu bekämpfen. „Empört Euch!“ heißt das schmale Büchlein, das sich zu lesen lohnt.

Stéphane Hessel ist 93, Veteran des französischem Widerstands, KZ-Überlebender und Mitverfasser der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948.

„Empört Euch!“ ist ein klassisches Essay – ein Versuch, Gedanken in Worte zu fassen. Ein letzter Versuch:

„93 Jahre. Das ist schon wie die allerletzte Etappe. Wie lange noch bis zum Ende? Die letzte Gelegenheit, die Nachkommenden teilhaben zu lassen an der Erfahrung, aus der mein politisches Engagement erwachsen ist.“

Hessel gibt zu, dass das Unrecht heute nicht mehr so einfach zu benennen ist, wie zu Zeiten des Nationalsozialismus. Trotzdem gibt es das aber noch und er fordert dazu auf, hinzusehen und etwas dagegen zu tun.

Vor allem stellt Hessel vieles, was heute empörenswert wäre in einen historischen Kontext. Er erklärt mit welchem Verständnis Frankreich nach dem Krieg gestartet war und, zum Beispiel wenn er beklagt, dass der Finanzkapitalismus unsere gesellschaftlichen Werte bedroht, wo es heute angekommen ist.

Auch Deutschland ist einmal anders gestartet. Konrad Adenauer (CDU) hat einmal gesagt:

„Ich erkläre, ich wünsche nicht, daß wieder Großkapitalisten entstehen, daß Großkapitalisten niemals eine die Freiheit bedrohende politische Macht ausüben dürfen.“1

Was haben wir auf dem Weg verloren, dass eine Atomindustrie der Regierung die Gesetze diktiert und damit durchkommt? Ist es verschüttet unter Konsum und Unterhaltung? Ist es eine politische Verrohung bestimmter Kreise? Oder lagen sie tatsächlich falsch, diejenigen, die den Zusammenbruch der Zivilisation in Europa überlebt hatten. Ist Pragmatismus besser als Ideale, die man nicht erreicht?

Hessel erklärt, wie er damals dafür gekämpft hat, dass die Menschenrechte nicht „Die internationalen Menschenrechte“ sondern die „Allgemeinen Menschenrechte“ hießen. Das mag nach Semantik klingen. Internationale Regeln werden selten von allen anerkannt und jedes Land kann sich das wieder anders überlegen. Allgemeine Regeln sind universell. Kurz nachdem die UN-Menschenrechtscharta verabschiedet wurde, zerbrach das Band zwischen den Kriegs-Alliierten – der Kalte Krieg begann.

Der Kalte Krieg ist vorbei. Die Menschenrechte gelten noch immer universell und sie werden noch immer nicht überall geachtet und manchmal nicht einmal vor der eigenen Haustür. Das ist kein Grund für die Abwendung vom Ideal und für Pragmatismus sondern für Empörung.

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1 zitiert nach Gustav W. Heinemann (1999) „Einspruch – Ermutigungen für entschiedene Demokraten“ Hrsg. Diether Koch, Seite 25

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