Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Rivva down : Blogosphäre geht einen Monat auf Entzug

Foto: misterQM / photocase.com

Steffen Voß

Rivva.de ist down: „Sabbatical. Brauche Abstand, vl. am 3.3. zurück. –Frank,“ so lautet die kurze Nachricht, mit der sich der Betreiber Frank Westphal verabschiedete. Rivva ist seit seinem Bestehen zum Herz der deutschen Blogosphäre geworden. Was macht man, wenn man kein Herz mehr hat?

Auf Rivva laufen alle Informationsflüsse zusammen. Der sogenannte „Memetracker“ sammelt neue Blogeinträge und analysiert sie: Wer hat wann zu welchem Thema geschrieben? Aus diesen Themen und dem zeitlichen Ablauf erstellt Rivva dann eine Nachrichtenseite, ähnlich Google News – nur halt mit Blogs. Man findet also nicht nur eine ursprüngliche Nachricht, sondern auch eine Reihe Reaktionen darauf.

Rivva vergibt Fleiß-Sternchen

Für die deutsche Blogosphäre ist Rivva der Spiegel, vor den sich die Blogger stellen, hin und her drehen und schauen, ob sie auch nicht fett wirken. 

„Wenn man etwas bloggt und es erscheint nicht bei Rivva, lohnt es sich dann überhaupt zu bloggen?“

Robert Basic hat neulich in seinem Artikel „Wie vernetzt man sich als Blogger besser?“ eine Anleitung dazu geschrieben, wie man den Themen bei Rivva am Besten hinterherläuft.

Was ursprünglich mal gestartet war, ein Abbild der deutschen Blogosphäre zu geben, hat nicht nur begonnen, die Blogosphäre zu verändern – Rivva ist die deutsche Blogosphäre.

Entsprechend anfällig ist die Blogosphäre für Hypes. Wer ein erfolgreiches Blog haben will, muss auf Tagesaktualität setzen und über jedes Apple-Bauteil bloggen, das irgendwo aufgetaucht ist, bevor es auftauchen sollte. Oder um im Bild zu bleiben: Auf Rivva laufen alle Informationsflüsse zusammen und dort wird daraus der Mainstream.

Seitenarme verkümmern

Vor einigen Jahren gab es noch eine Diskussion darüber, dass Blogs sich immer weniger verlinken. Damals waren noch die deutschen Blogscharts das Maß aller Dinge. Mittlerweile braucht man keine Links mehr. Rivva erledigt das auch mit weniger Links durch Analyse der Inhalte.

Durch Rivva ist aus der deutschen Blogosphäre ein vollkommen selbstgenügsamer Haufen geworden. Statt die Breite menschlichen Lebens abzubilden, wie es doch dank des demokratischen Zugangs zur ultimativen Vervielfältigungsmaschine Internet möglich wäre, bildet man seine eigene kleine Blase, in der vieles unglaubliche Relevanz hat, was 80 Mio. Deutsche nicht im Geringsten berührt.

Das ist natürlich kein Vorwurf an Frank Westphal. Der macht das mehr oder weniger ehrenamtlich. Er macht es großartig und er betont auf jeder Veranstaltung, auf der er über Rivva erzählt, dass er sich über Konkurrenz freuen würde.

Ich glaube, auch der deutschen Blogosphäre tut das Sabbatical mal gut.

Foto: misterQM / photocase.com

Kommentare

Thilo
Thilo:

Ich stimme dem Punkt zu, dass die Entwicklung bedenklich ist. Allerdings negiere ich die Bedeutung von Rivva. Wenn Du Dir da teilweise die Abrufzahlen anschaust sind ei Blogs so bedeutend nicht. Rivva gibt eigentlich primär Trends an – und welche Blogs auf den Blogtrends surfen, bzw. die Quelle von Trends sind. Sie besagen weder etwas über tatsächliche Abrufzahlen, noch über tatsächliche Innovation bei Themen. Und am allermeisten zu kritisieren ist, dass Seiten wie Rivva dem Potential der Blogs entgegenstehen. Blogs bedeutet ja eigentlich, dass jeder seine Stimme erhebt – und dass es im eigentichen Sinne kein Gefälle ist. Blogcharts versuchen eben so ein Gefälle wieder herzustellen. Zudem generieren Blogcharts den Traffic, den Blogs nicht aus eigenem Antrieb schaffen. Denn eigentlich stellt Rivva ja eine Krücke dar. Ich persönlich nutze Rivva z.B. überhaupt nicht. ich informiere mich frei, ich abonniere einige Blogs und recherchiere hier und da. Wer Rivva primär verwendet, der befindet sich in eine Realitätsblase. Diese wird zu Teil von außen verstärkt, weil die Massenmedien auch immer auf der Suche nach Alpha-Bloggern sind. Im Kern kann man aber sagen, dass Alpha-Blogger aber nicht repräsentativ sind. ich weiss auch, wie ich meine Abrufzahlen verzehnfachen könnte, aber ich tue das bewusst nicht. Denn es hätte keine Bedeutung. Das zu versuchen ist der Weg mit Blogs Geld zu verdienen. Das ist ja durchaus legitim. Nur die Masse der Blogs befindet sich ganz wo anders.

4.2.2011 um 12:22

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