Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Youtube : Heavy Metal zum zweiten Mal entdecken

Foto: Capture The Uncapturable - CC BY 2.0

Steffen Voß

Manchmal frage ich mich, wie wäre es wohl, all die coole Musik noch einmal zu entdecken, die heute ein selbstverständlicher Teil meines Lebens geworden ist? Auf Youtube gibt es „Reaction Videos“ von Leuten, die Songs zum ersten Mal hören. Und ein wenig bekomm ich durch die wieder das Gefühl, wie das damals war, als der Heavy Metal noch neu für mich war.

Ich kann mich noch an eine Szene erinnern – ich muss wirklich klein gewesen sein. Vielleicht 4 oder 5 Jahre alt. Meine Mutter und ich sitzen im Auto. Ich natürlich hinten. Im Radio läuft Musik und meine Mutter sagt: „Da quält aber einer seine Gitarre.“ Seither hat mich der Sound von E-Gitarren fasziniert. Ich vermute mal, dass das damals im Radio „Queen“ waren. Was für E-Gitarren-Musik sollte sonst Anfang der 1980er im NDR gelaufen sein.

In der norddeutschen Kleinstadt war es immer schwierig an Musik abseits des Mainstreams zu kommen. Irgendwer hatte irgendwoher dann eine Platte und musste die allen auf Kassette überspielen, die ihn danach fragten. AC/DC, Iron Maiden, Metallica, Sepultura, Slayer, Megadeth. Es gab kein Wikipedia – eigentlich wussten wir nicht einmal, was diese Bands schon veröffentlicht hatten. Und dann hockten wir zusammen und spielten uns Musik vor. Was das oft für ein Flash war. Die Riffs, die Energie – der böse Sound. Das war so anders als die Musik, die im Radio, auf MTV oder in der Tanzschule lief.

All das, was für mich heute so nebenher läuft und mich an diese Zeit damals erinnert, haben andere Leute noch nie gehört, sie entdecken das und einige von ihnen machen daraus ein Youtube-Format – zum Beispiel die beiden Typen von „Lost in Vegas„. Ich hab keine Ahnung, wie die eigentlich heißen. Ich glaube, die haben sich noch nie vorgestellt. Aber die beiden sitzen einfach vor einen Laptop und hören einen Metal Song nach dem anderen. Stoppen zwischendurch und kommentieren, was sie hören. Zwischendurch gehen die so ab, wie ich damals, als ich diese Songs zum ersten Mal gehört hab.

Erinnerst Du Dich noch an das erste Mal, dass Du Rage Against the Machine gehört hast? Da war ja gerade dieses Crossover-Ding von Metal und HipHop am kommen und Scratchen und E-Gitarren ging plötzlich auch zusammen. Aber im Booklet dieser CD stand, dass alle Sounds von der Gitarre kamen. Alter! Und diese Energie! Bei den ersten Tönen von „Killing in the Name“ sprangen alle auf die Tanzfläche.

Der Typ vom YouYouYou!-Channel hat das noch nie vorher gehört! Der muss bisher unter einem Stein gelebt haben. Aber wie der grinst, wie der abgeht! Ja, so geil sind Rage Against the Machine!

Ich guck diese Videos immer ganz gerne und surf nebenher im Netz und les nach, was über die Bands bei Wikipedia steht. Einerseits stehen da viele interessante Sachen, aber die Artikel sind oft in einem so miesen Musik-Magazin-Stil geschrieben und sind so durchsetzt mit Fan-Liebe, dass das an sich schon unterhaltsam ist. Aber ich stoße auch immer wieder auf Zusammenhänge, die mir damals, in den frühen 1990ern nicht so klar waren. Sepultura waren Sepultura. Und ich dachte immer es läge an meiner Entwicklung, dass mir „Arise“ zu hart war und dass „Chaos AD“ und „Roots“ mir dann gefallen haben. Aber tatsächlich hat sich die Band verändert und den Begriff „Nu Metal“ gab es an der Westküste noch nicht, als ich mir in der Mittagspause beim Zivildienst in Tönning „Roots“ gekauft habe. Aber tatsächlich – das Album ist viel dichter an der Musik von Korn als an dem eigenen Frühwerk. Korn-Sänger Jonathan Davis hat da sogar mitgewirkt und es hinterher als Rip-Off des eigenen Sounds bezeichnet. Heute kann ich das ganze Bild sehen – die ganze Entwicklung dieser Bands von damals. Ich finde das spannend.

Wir sitzen heute viel zu wenig zusammen und spielen uns gegenseitig geile Musik vor. Aber wenn das keiner machen will – diese Leute mit ihren Reaction Videos sind ein ganz netter Ersatz dafür. Probiers mal aus.

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