Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Netzneutralität : Umstrittene Pläne von Google und Verizon

Jürgen W / photocase.com

Steffen Voß

Der Internet-Gigant Google und der amerikanische Internet-Zugangs-Anbieter Verizon stellen in einem gemeinsamen Positionspapier ihre Vorstellungen von einem Internet der Zukunft dar. Als Kern der Vision sehen Kritiker: Einige sind gleicher als andere.

Bevor man sich über die Pläne von Google und Verizon hermacht, sollte man sich daran erinnern, dass die beiden Firmen zunächst über die USA sprechen. Das Internet ist zwar global – die Infrastruktur steht aber trotzdem an konkreten Orten und die Infrastruktur ist die Grundlage für den Datenaustausch.

Google und Verizon reden also zunächst einmal über die Infrastruktur in den USA. Und dort stellt sich die Situation so dar: Obwohl die USA sich als High-Techland #1 sehen, ist der normale Internetzugang im globalen Vergleich nur durchschnittlich schnell und durchschnittlich günstig – und nur ein durchschnittlicher Anteil der Bevölkerung hat überhaupt einen solchen Breitbandzugang. Von den Spitzenpositionen sind die USA weit weg. Deutschland übrigens auch. (siehe: Interesting: chart of broadband speed, penetration, and price)

Es gibt also für die Nation einiges aufzuholen –  und so stellt der neue Plan auch heraus:

„America must continue to encourage both investment and innovation to support the underlying broadband infrastructure; it is imperative for our global competitiveness.“ — A joint policy proposal for an open Internet

Google und Verizon wollen deswegen vordergründig an der Netzneutralität festhalten, die das Internet zu dem gemacht hat, was es heute ist: Eine Basistechnologie auf der jeder Service-Anbieter gleichberechtigt in den Wettbewerb eintreten kann: Die Bytes von Google werden genauso schnell transportiert wie die von kaffeeringe.de:

„Users should choose what content, applications, or devices they use, since openness has been central to the explosive innovation that has made the Internet a transformative medium.“ — A joint policy proposal for an open Internet

Die beiden Firmen untermauern diese Idee mit der Forderung nach Strafen für Verstöße gegen die Netzneutralität und Transparenz über derartige technische Regelungen.

Zugangssperren, Blacklists, Whitelists?

Doch schon die Formulierung „consumers have access to all legal content on the Internet“ wirft Fragen auf: Natürlich kann es keinen garantierten, neutralen Zugang für illegale Inhalte geben. Wenn sich eine Gesellschaft darauf geeinigt hat, dass bestimmte Dinge verboten sind, können sie keinen Schutz im Internet erfahren. In der Praxis stellt sich dann aber das Problem, wie zwischen dem Transport von legalen und von illegalen Daten unterschieden werden soll. Wenn man Recht von Unrecht per Software entscheiden könnte, bräuchten wir keine Gerichte mehr. Hier taucht also die Diskussion um Zugangssperren auf, die ich jetzt aber auch nur anreißen möchte.

Mobiles Internet ist Anders

Problematisch ist auch, dass sich Google und Verizon zunächst nur auf kabelgebundenes Internet beziehen: Im mobilen Bereich soll die Netzneutralität aufgehoben werden und durch Netztransparenz ersetzt werden. Die Betreiber können also im stetig wachsenden mobilen Internet machen was sie wollen – sie müssen nur veröffentlichen, was sie machen.

Das mobile Internet war immer schon gehemmt und eingesperrt von den Handy-Herstellern: Sie wollten zusammen mit den Mobilfunkanbietern schon immer die Anwender durch die eigenen Bezahlportale manövrieren. Berüchtigt sind die „gebrandeten“ Telefone, die alle ungefähr 5 Tasten haben, die den Telefoneigentümer direkt auf die Klingelton-Homepage des Anbieters bringt.

Sicher ist die Funkübertragung für das Internet zur Zeit noch ein Problem für Mobilfunkanbieter. Und die bisherigen Lösungen, mit denen zum Beispiel Grafiken von einem zwischengeschalteten Proxy-Server verkleinert werden, dürfen höchstens Zwischenlösungen sein. Das Ziel muss ein vollwertiger mobiler Internetzugang sein, der wiederum die Basis für einen fairen Wettbewerb sein kann. Das formuliert auch Google so:

„Sixth, we both recognize that wireless broadband is different from the traditional wireline world, in part because the mobile marketplace is more competitive and changing rapidly. In recognition of the still-nascent nature of the wireless broadband marketplace, under this proposal we would not now apply most of the wireline principles to wireless, except for the transparency requirement. In addition, the Government Accountability Office would be required to report to Congress annually on developments in the wireless broadband marketplace, and whether or not current policies are working to protect consumers.“ — A joint policy proposal for an open Internet

Internet und Internet 2.0

Viel kontroverser sind die Vorschläge neben dem netzneutralen Internet zusätzliche, nicht neutral behandelte Dienste zu erlauben – genannt wird hier beispielhaft Verizons IPTV-Angebot (Fernsehen über das Internet). Hiermit öffnet man die Büchse der Pandora, denn es würde von den Internetanbietern abhängen, was den Kunden priorisiert übertragen wird und was nicht. Angebote von direkten Konkurrenten können benachteiligt werden, wenn sich die Internetzugangsanbeiter auch als Inhalte- oder Diensteanbieter betätigen.

Ein bisschen neutral – geht das?

Das wäre auf jeden Fall das Ende des Internets, wie wir es heute kennen: Mit dem Internetzugang würden wir uns auch gleich auf bestimmte Dienste festlegen. Wenn ich bei Verizon meinen Zugang miete und die Googles Youtube-Videos in ihr Prämium-Angebot aufnehmen, muss ich in Kauf nehmen, dass andere Videoportale nicht so gut funktionieren. Und also Videoportalbetreiber muss ich damit leben, dass mich die potentiellen Zuschauer ignorieren, weil Youtube schneller funktioniert. Das zementiert natürlich vor allem die Position der etablierten Firma.

Diese Pläne für den Umbau des Internets stehen auch im Lichte der jüngsten Äußerungen von Google CEO Schmidt. Der sieht eine technologische Revolution bevorstehen, für die die Menschen noch gar nicht bereit seien. Die Pläne von Google also scheinen groß zu sein

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