Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Martin Schulz : Den müssen die doch gut finden…

Martin Schulz in Lübeck
Martin Schulz in Lübeck. Hauptstadtjournalisten lauschen. | Mein Foto

Steffen Voß

Bombenalarm am Veranstaltungsort! Eigentlich sollte gleich die zweite SPD-Kundgebung mit Martin Schulz in Schleswig-Holstein stattfinden – drei  Tage vor der Landtagswahl. Doch die Bombenhunde der Polizei hatten in der Musik- und Kongresshalle in Lübeck angeschlagen und jetzt muss erst geklärt werden, was die Hunde gefunden haben.

Das benachbarte Hotel war so freundlich und hat allen Unterschlupf gewährt, die nicht im Nieselregen vor der Halle warten wollten. Ich setz mich in eine der Leder-Sitzgruppen zu mittelalten Männern in Jeans und Jackett, die alle Hauptstadtjournalisten zu sein scheinen.

Dann steht auf einmal Martin Schulz direkt neben mir. Er spricht die Journalisten an, zählt ihre Namen und die Medien auf, für die sie arbeiten. Einer heißt Rasmus mit Vornamen. „Die Rasmus-Kinderbücher kennen Sie vermutlich, oder?“ Fragt Martin Schulz ihn. Ja, kenne er. „Habe ich meinen Kindern früher oft vorgelesen,“ erzählt Martin Schulz. „Oder auch ‚Geschichten vom Franz‘ von Christine Nöstlinger.“ Die habe er so oft vorgelesen, dass er die immer noch auswendig könne.

Dann beginnt er die Geschichte vorzutragen. Aus dem Stegreif. Und nicht irgendwie nacherzählt, sondern Wort für Wort – so wie es im Buch stehen muss. Ein paar weitere mittelalte Männer kommen von den anderen Sitzgruppen herüber. Alle lauschen. Mir wird ganz warm ums Herz.

„Soll ich weitermachen?“ fragt Martin Schulz. „Jaaaa,“ sage ich, wie ein Fünfjähriger – nur leiser. Die anderen Zuhörer sind zurückhaltender, wollen aber auch weiter hören. Und so rezitiert Martin Schulz weiter. Bestimmt zwei, drei Seiten lang. Ich traue mich, mein Telefon zu zücken und unauffällig ein Foto zu machen. Nur die Szene nicht kaputt machen!

Wie es genau endete, weiß ich nicht mehr. Es könnte sein, dass jemand dazu kam und berichtete, dass die Halle jetzt von der Polizei freigegeben sei und wir hinüber gehen sollten. Ich weiß aber noch, dass ich dachte, „den müssen die doch gut finden. Man merkt doch, dass der ein gute Mensch ist.“

Vor ein paar Tagen ist der neue SPIEGEL erschienen: Die Titel-Story handelt von Martin Schulz im Wahlkampf. Auch dort kann man lesen, was Martin Schulz für ein Mensch ist. DAS er ein Mensch ist – eine Sache, die man leider viel zu selten mitbekommt. Politikerinnen und Politiker sind auch nur Menschen. Politik wird von Menschen gemacht. Ach so – und Journalismus auch.

Kommentare

Jean Pierre Hintze
Jean Pierre Hintze:

Journalisten haben nichts gut zu finden, sondern zu funktionieren. Natürlich dürfen Journalisten eine private Meinung haben – die muss allerdings privat bleiben und nicht öffentlich sein! Je mehr „Haltung“ ein Journalist hat, umso weniger ist er Journalist, vielmehr Aktivist.
Ich habe zwar in Deutschland volontiert, bin aber erst als Hospitant in den USA zu einem Journalisten geworden. Wenn ich die völlig distanzlosen Blicke der Kollegen auf dem Foto aus Lübeck sehe, möchte ich ganz schnell wieder nach Amerika… Denn Länder, die ihren Journalismus verlieren, haben damit begonnen, sich selbst aufzugeben.

3.10.2017 um 23:22
Steffen Voß
Steffen Voß:

Keine Angst – so war das nicht gemeint. Ich bin halt nur n blöder Blogger, der denkt, dass auch Journalisten Menschen sind, denen einige Leute sympathischer sind als andere. Die interessieren sich schon nicht dafür, wie Parteien oder Politik funktioniert – da war meine Hoffnung, dass sie sich zumindest für die Menschen interessieren. Und ich finde, der Spiegel-Artikel zeigt, dass es sich lohnt, auf die Menschen zu achten. Gerade in einer Zeit, in der immer häufiger von „uns“ und „denen da oben“ gesprochen wird.

Und vielleicht für Dich als Trost: Der einzige, der lächelt auf dem Bild, ist der Mitarbeiter von Martin Schulz. 😉

PS: Dass es in den USA noch Journalismus außerhalb von Washington Post und New York Times gibt, war mir nicht bekannt. Ich wusste nur, dass dort früher strikt zwischen Reportern und Kommentatoren getrennt wurde. DAS würde ich mir tatsächlich für Deutschland wünschen. Wenn man auf Seite 2 liest, wie der gleiche Journalist etwas verachtet, was er auf Seite 12 berichtet, dann weiß ich halt schon nicht, was ich von dem Bericht halten soll. Oder vielleicht gerade erst recht… 😀

4.10.2017 um 10:00

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