Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Jugend & Gesellschaft : Nazis find ich persönlich ja doch eher uncool

Graffito: "Nazis find ich persönlich ja doch eher uncool"
Nazis find ich persönlich ja doch eher uncool | Foto: pixelputze / photocase.com

Steffen Voß

Schon ein paar Jahre alt ist die Auswertung einer Studie, in der das deutsch-österreichische Trendforschungsunternehmen tfactory, jugendliche „Opinion Leader“ zu ihren Werten befragte. Herausgekommen ist dabei das Bild von einer Generation, die seit Jahrzehnten zu einem Desinteresse an gesellschaftlichen Zusammenhängen erzogen wurde. Dieser Befund spiegelt sich in einem erodierenden Vertrauen in Organisationen und Institutionen und einem gelebten Pragmatismus. Fatal ist das für eine Gesellschaft, wenn der Nachwuchs in Parteien und Organisationen wegbleibt.

Seit den 1980er Jahren wachsen Jugendliche mit drei Grundregeln auf, beschreibt Bernhard Heinzlmaier von tfactory in „Jugend unter Druck„:

Erstens: Nütze deine Jugend, um dich für den Konkurrenzkampf in der Leistungsgesellschaft ‚hochzurüsten‘.

Zweitens: Es geht dir umso besser im Leben, je mehr materielle Güter du konsumieren und je mehr intensive Erlebnisse du dadurch haben kannst.

Und drittens: Werte sind eine persönliche Angelegenheit, jeder hat seine eigenen, jeder hat andere.

Daraus ergäbe sich ein „als Liberalismus getarnter Pragmatismus“, den man überall wiederfinden könnte und der sich paart mit einem Individualismus, der keine Anschlussmöglichkeiten an gesellschaftliche Institutionen zulasse:

Engagement in der Politik kommt [für Jugendliche] nicht in Frage, weil ihr Ansehen stark diskreditiert ist, sie damit wenig Statuswert besitzt und weil sie, obwohl ihre eigene Praxis dem widerspricht, noch immer mit dem öffentlichen Eintreten für eine Idee, eine Weltanschauung verbunden wird. Dem Engagement in der Politik oder anderen Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens steht das starke Bedürfnis nach ideologischer Bindungslosigkeit, nach demonstrativer Indifferenz, nach öffentlicher Neutralität, der sogenannte Pragmatismus entgegen. Vorbilder werden zurückgewiesen, da sie dazu zwingen könnten, über die eigene Position in der Welt, über den eigenen Lebensentwurf vergleichend zu reflektieren. Eine solche Reflexion kommt aber für einen Menschentypus, dem man beigebracht hat, die Sinnfragen zu scheuen wie der Teufel das Weihwasser, der einem pragmatischen Materialismus ohne dem Überbau einer Weltanschauung huldigt, nicht in Frage. — Jugend unter Druck

Wer etwas aus sich machen will, geht in die Wirtschaft – denn dort werden nach Meinung der Befragten in der Studie die wahren Entscheidungen getroffen. Gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten durch Politik haben Jugendliche und junge Erwachsene nicht erfahren und die Politik gilt als Marionette der Wirtschaft. Das hilflose Agieren in der Wirtschaftskrise gegenüber den Verursachern wird da sicher nicht gerade hilfreich sein.

Die Distanz von großen Teilen der Jugend zum politischen System ist viel größer und tiefgehender, als dies vermutet wird. Denn die politikfernen Jugendlichen haben sich vielfach nicht bewusst aufgrund eines negativen Politik- und Politiker-Bildes vom politischen System distanziert. Viele von ihnen mussten sich auch nicht distanzieren, da sie nie einen Zugang zum Wert der demokratischen Teilnahme am Gemeinwesen und einer der diversen Möglichkeiten der politischen Partizipation gefunden hatten. Weder im Elternhaus noch in den gesellschaftlichen und den medialen Diskursen wurde ihnen die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer Beteiligung am gesellschaftlichen Ganzen vermittelt, niemand hat sie an die Partizipationsschnittstellen des politischen Systems herangeführt. — Jugend unter Druck

Eine Gesellschaft besteht aus Menschen, die über verschiedenste Verbindungen zusammengehalten werden. Reißen die alten Verbindungen, ohne dass neue entstehen, zerfällt die Gesellschaft. Und das Paradoxon ist, dass gerade die offene Gesellschaft auch den Zusammenhalt braucht. Sie muss zusammenhalten, um sich selbst zu organisieren. Sie muss sich auf die Werte der offenen Gesellschaft einigen, um das Feld nicht Anderen zu überlassen. Zusammenhalt entsteht zum Einen dadurch, dass man zusammen für eine Sache steht, aber auch gemeinsam gegen die Sache der Anderen: Jede Gruppe definiert sich auch durch die Personen, die sie ausschließt. Nur wie macht man das, wenn schon heute niemand mehr für etwas steht und sich auch niemand darum kümmert, dass Ausbildung und Ehrenamt genauso vereinbar werden wie Familie und Beruf?

Nachklapp

Der Stern beklagte vor ein paar Tagen die Generation Golf im Bundestag, die stilvoll und „ultra-pragmatisch“ Politik brillant manage und die daraus folgende Beliebigkeit:

Jeder achte Deutsche – genau: 13 Prozent der Bundesbürger – kann sich vorstellen, dass Angela Merkel auch Chefin der Sozialdemokraten sein könnte. Krasser lässt sich das Ende aller Ideologien nicht belegen.

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