kaffeeringe.de

Google Living Stories: Warum machen die Zeitungen das nicht selbst?

Zeitung, Foto: chemartin | photocase.com

Google erfindet im Moment alles mögliche neu. Jetzt ist die Zeitung dran und ich frage mich, warum die Zeitungen das nicht vorher schon selbst gemacht haben. Google Living Stories zeigt im Überblick die fortgeführte Berichterstattung zu bestimmten Themen. Hier einige Ideen dazu.

Als es das Internet noch nicht gab, hat es Sinn ergeben, dass Regionalzeitungen Agenturmeldungen zu bestimmten Themen übernommen haben. Sie konnten sich nicht überall eigene Korrespondenten leisten und wollten trotzdem ihre Leser über die Vorgänge außerhalb des Verbreitungsgebietes informieren. Warum sollte ich heute DPA-Nachrichten in der Regionalzeitung lesen, wenn ich die auch direkt bei der DPA lesen könnte. Regionalzeitungen sollten sich im Netz diese Meldungen schenken und darauf keine Energie verschwenden.

Regionalzeitungen leben davon, dass sie über jedes Treffen von jedem Verein berichten, damit die Leute, die sich in der Zeitung sehen wollen, ihre Zeitung abonnieren. Mit Journalismus hat das wenig zu tun. Und über den Wettbewerb im Kaninchenzüchten, können die Kaninchenzüchter auf ihrer eigenen Website viel besser und ausführlicher berichten. Solange noch nicht alle so im Netz sind, ist das noch ein Terrain der Tageszeitung, aber es wird weniger relevant.

Kerngeschäft

Wenn man die große, weite Welt der Agenturmeldungen abzieht und das Kleinklein des Lokalkolorits, bleibt der Kern der Regionalzeitung übrig: Lokalpolitik. Hier benötigt man Erfahrung, Kenntnis der Akteure und tatsächlich auch echte journalistische Qualitäten, wenn man die komplexen Zusammenhänge aufdröseln und hinterfragen will. Hier sind die sonst gerne belächelten Regionalzeitungen auch tatsächlich die „vierte Macht“.

Warum hängen die Regionalzeitungen im Internet noch immer an ihrem Artikel-Paradigma, das doch nur dem Medium Zeitung geschuldet war: Es gibt einen bestimmten Platz zu vergeben und einen Redaktionsschluss: Alles was zu lang ist, oder bis Redaktionsschluss nicht passiert ist, wird nicht berücksichtigt.

Software

Das Internet hat keinen Redaktionsschluss – das bedeutet nicht nur, dass man Artikel veröffentlichen kann, wenn sie fertig sind statt zu einem bestimmten Termin. Das bedeutet auch, dass man Artikel fortführen kann.

Regionalzeitungen im Internet sollten es leicht machen, Geschichten zu verfolgen: „Was ist eigentlich aus dem Plan der Stadt geworden ein bestimmtes Haus abzureißen?“ Living Stories bietet das jetzt an: Ich kann mir Artikel zum Thema „Erderwärmung“ auf einer Zeitleiste anschauen. Und sehen, was China gemacht hat und was Obama dazu sagt und so weiter.

Man kann Artikel anders als nur in der Reihefolge ihres Erscheinens darstellen. Software macht es möglich – anders als Papier – Informationen beliebig anzuordnen. Informationen sind nur dann wertvoll, wenn man die richtigen, zur richtigen Zeit hat. „Zur richtigen Zeit“ kann bedeuten „möglichst schnell“, es kann aber auch wertvoll sein, sie später zu finden, wenn man sie tatsächlich benötigt.

Hintergrund-Informationen

Darüber hinaus verfügt die Redaktion einer Regionalzeitung über einen großen Wissensschatz an Hintergrundinformationen. „Welcher Stadtrat ist schon bekannt dafür Häuser abzureißen?“ Die Zeitungen sollten Datenbanken mit diesen Infos aufbauen und aus den Artikeln verlinken. Wenn der Name von Stadträtin Schmidt auftaucht, verlinkt das auf eine Seite mit Daten zum Lebenslauf und zu anderen Geschichten, in denen sie vorkommt.

Geschäftsmodell

Auf diesem Gebiet sind die Regionalzeitungen meistens alleine und es gibt niemanden, der all diese Infos bieten kann. Ich könnte mir vorstellen, dass man mit den normalen, so wie heute veröffentlichten Artikeln, ein kostenloses Grundangebot hat – um verlinkbar zu sein und gefunden zu werden.

Geld kostet dann quasi der Zugriff auf die Hintergrundinformationen, die Verlinkungen und die Aufbereitung in verschiedenen Formen, wie zum Beispiel der Zeitleiste. Das könnte man als Abo für bestimmte Themenbereiche oder als Flatrate für alle Themen anbieten.

Update [15. Dezember 2009]

Google’s Chefökonom Hal Varian sieht das laut FAZ-Interview offenbar ähnlich:

„Früher hatte eine Zeitung in ihrer Region eine Monopolstellung. Heute konkurrieren aber viele Medien miteinander. Wenn dass der Artikel im Wall Street Journal über den Iran dem Artikel in der New York Times oder der Washington Post sehr ähnlich ist, sinkt der Preis für die Nachricht wegen des Wettbewerbs auf seine Grenzkosten […]“

 und weiter:

„Die Kosten für die Produktion dieser Standard-Nachrichten müssen gesenkt werden […] Die Differenzierung vom Wettbewerber muss dann in der Interpretation und Analyse der Nachrichten erfolgen“

Links

Foto: chemartin | photocase.com

Kommentare

Sebastian

Weil die Verleger, insbesondere in D, daran gewohnt sind das Krautcomputing funktioniert (nachahmen statt ausdenken). Leider hat google die Technologiespirale so schnell weitergedreht das man gar ned mehr so schnell nachbauen kann wie was outdated ist.
Da hilft eigentlich nur Investieren und Vordenken, Visionen haben und diese auch umsetzen. Nur dies alles hat die deutsche Verlegerlandschaft leider komplett gar nicht.

Alexander Ruoff

Ich glaube kaum das Webseiten der diversen Vereine wirklich für die regionale Berichterstattung ausreichen, denn wer hat Lust und Zeit im Internet sich auf Blogs und Webseiten der Vereine über das lokale und regionale Geschehen zu informieren.

Auch in Zukunft gibt es eine Berechtigung und Notwendigkeit für lokale und regionale Berichterstattung. Der Vorteil eines solchen Mediums ist doch, dass die ganzen Informationen durch einen Kanal verbreitet werden.

Sicher hast Du Recht, dass das Internet einer innovativen und modernen journalistische Arbeit sehr viele Optionen bietet, die leider (oder Gott sei Dank) noch nicht genutzt werden aber auch das Medium Papier ist meiner Meinung noch lange nicht „tot“, denn viele, gerade ältere Menschen, haben keinen Internetzugang oder können damit wenig anfangen.

Es ist eher die Frage in wie fern sich beides am effektivsten kombinieren lässt um möglichst viele Leser zu erreichen (z.B. tagesaktuelle Meldungen frisch & kostenlos im Internet, Hintergrundinformationen, Reportagen, Berichte (& Archiv) als Printausgabe bzw. per kostenpflichtigen Abo). Hier liegt meiner Meinung nach auch das Problem vieler großer Tageszeitungen, die sich entweder mit ihrem (kostenlosen) Internetangebot selber Konkurrenz machen oder aber das Internetangebot stiefmütterlich und mit schwindender journalistischer Qualität verwelken lassen.

Leider hilft es wenig wenn „man“ nur über die bekannten Mängel der regionalen Tageszeitungen diskutiert, denn ändern wird dies in den betreffenden Redaktionen nichts. Wahrscheinlich wird es nur Bewegung geben, wenn ein solches Projekt erfolgreich umgesetzt und im Revier der „etablierten“ Lokalmedien gewildert wird.

Gast

Hmm. Die wichtigste Frage in Verbindung mit Medien ist für mich ja immer: „Who´s talking?“. Denn ich habe nun mal keine Lust jedem zuzuhören, sondern nur demjenigen, der mein Vertrauen genießt – alles andere ist Zeitverschwendung. Diese Frage zu verifizieren gestaltet sich allerdings im Internet oft nicht gerade einfach, bei Tageszeitungen ist der Absender hingegen auf Anhieb deutlich sichtbar. Und ehrlich gesagt möchte ich auch gar nicht in aller Ausführlichkeit die PR-Artikel irgendwelcher Vereine oder Firme lesen. Die journalistisch gut aufbereitete, kurze und vor allem auch lesbare Zusammenfassung ist mir da viel lieber. Genauso verhält es sich mit den Agenturnachrichten. Natürlich kann ich die ungefiltert und direkt lesen. Aber dann habe ich den ganzen Tag auch nichts anderes mehr zu tun (und am Ende des Tages immer noch nur einen Bruchteil des Angebots gesichtet). Von daher sehe ich durchaus einen Bedarf für Tageszeitungen. Die meisten Tageszeitungen scheinen es zwar leider momentan geradezu darauf angelegt zu haben, ihren Vertrauensbonus zu verspielen indem sie mehr auf Schnelligkeit (und Unterhaltungswert) denn auf Qualität achten, aber das wird sich m.E. früher oder später rächen. Denn Vertrauen ist das höchste Gut, was sie (noch) haben. Einige wenige zumindest.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?