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Politik: Das Internet als Demokratiemaschine

Foto: archfreak | photocase.com
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Das Internet hat es sehr leicht ge­macht, ei­ne Meinung zu ver­öf­fent­li­chen und Gleichgesinnte zu fin­den. In we­ni­gen Minuten ist ein Blog ein­ge­rich­tet, ein Artikel ge­schrie­ben und die­ser so po­si­tio­niert, dass er sei­ne Leser fin­det. Im Gegensatz zu den bis­he­ri­gen Massenmedien gibt es nie­man­den, der kon­trol­liert, was ver­öf­fent­licht wird und was nicht. Oberflächlich ist das in Sachen Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt ein gro­ßer Gewinn. Dennoch bin ich mir nicht si­cher, ob si­ch das tat­säch­li­ch so po­si­tiv aus­wirkt.­­

Das Internet wird zur Zeit von knapp 70% der Deutschen ge­nutzt. 30% der Menschen ha­ben al­so von vor­ne her­ein nur in­di­rekt teil an dem, was dort pas­siert. Dazu kommt, dass nur ca. 5% der Internetnutzer ak­tiv sind und si­ch nicht nur Internetseiten an­gu­cken, shop­pen und E-Mails schrei­ben.

Diese 5% be­stim­men zur Zeit das, was im Internet Meinung ist. Sie sa­gen, was wich­tig ist (z.B. Datenschutz und iPho­ne) und was un­wich­tig ist, fin­det über­haupt nicht statt (z.B. Kommunalpolitik). 

Die Kommunikation fin­det fast aus­schließ­li­ch an­onym und asyn­chron statt: Kommt ein neu­es Thema auf, wird kom­men­tiert was das Zeug hält und mehr als man je­mals auf­neh­men könn­te. Als wür­den al­le Stammtische Deutschlands ih­re Wortprotokolle ver­öf­fent­li­chen. Genauso schnell, wie Themen auf­kom­men, wer­den sie aber auch wie­der oh­ne Sicherung der Ergebnisse fal­len ge­las­sen. 

Die Anonymität und der un­per­sön­li­che Kontakt sorgt im­mer wie­der für StörungenTrolle sind so alt wie das Internet. Kontroverse Meinungen wer­den wie­der­um ger­ne als „Trollen“ ab­ge­tan und weg­ge­wischt. Wer aber die Mehrheitsmeinung mög­lichst laut ver­tritt, wer oh­ne­hin schon viel Aufmerksamkeit hat, wird am ehes­ten ge­hört.

Die bis­he­ri­ge po­li­ti­sche Kultur ist, so­weit ich weiß, ei­ne an­de­re – und das mag auch der Grund da­für sein, dass si­ch die Parteien so schwer tun, so im Internet auf­zu­tre­ten, dass man ih­nen ab­nimmt im Internet an­ge­kom­men zu sein. 

Politische Diskussion fin­det auf un­ters­ter Ebene in ei­nem ge­schütz­ten Raum statt, in dem idea­ler­wei­se in klei­ner Runde je­der nach­ein­an­der zu Wort kom­men kann und auch schrä­ge Meinungen zu­min­dest höf­li­ch an­er­kannt wer­den. Ideen wer­den hier nicht im­mer gleich dem har­ten Wind der Öffentlichkeit aus­ge­setzt. Und da die Zeit be­grenzt ist, wird nicht je­der Beitrag zer­re­det. Man stel­le si­ch ei­nen durch­schnitt­li­chen Artikel bei netzpolitik.org als Redebeitrag vor und al­le Kommentare eben­falls als ge­spro­chen. gähn.

Am Ende von Diskussionen wer­den dann Beschlüsse ge­fasst. Da wird dann ge­schaut, ob man si­ch auf ei­nen ge­mein­sa­men Standpunkt stel­len kann. Wenn der an­ge­nom­men wird, hat man das auf der nächst hö­he­ren Ebene so zu ver­tre­ten – auch wenn man das nicht im­mer 100% ge­nauso sieht. 

Dann wer­den die Ergebnisse von die­sen Diskussionen aber in Aktionen um­ge­setzt: Viele Diskussionen in den Parteien über ein be­stimm­tes Thema X ha­ben da­zu ge­führt, dass jetzt die ei­ne Partei das Eine und die an­de­re das Andere – je­de aber die Mehrheitsmeinung der ei­ge­nen Mitglieder ver­tritt. Am Ende dür­fen dann no­ch ein­mal al­le Wähler dar­über ab­stim­men, wer jetzt sei­ne Meinung um­set­zen darf und dann pas­siert tat­säch­li­ch et­was.

Gesellschaftliche Diskussionen im Internet ver­lau­fen bis­her grund­sätz­li­ch er­geb­nis­los, weil es an den Schnittstellen zur Umsetzung feh­len. Die Schnittstellen zu schaf­fen, ist schwie­rig, weil das Internet und die Gesellschaft zwei stark un­ter­schied­li­che Systeme sind. Das Internet ist ei­ne Technologie – ei­ne Technologie, die nur von ei­nem klei­nen Teil der Gesellschaft ak­tiv ge­nutzt wird. 

Ich bin nicht zu­frie­den mit die­sem Blogeintrag. Er ist ein Versuch, mein un­woh­les Gefühl zu be­schrei­ben, dass ich da­bei ha­be, wenn ich be­ob­ach­te, wie zur Zeit „Politik“ im Internet „ge­macht“ wird. Vor al­lem Menschen, die si­ch für die Piratenpartei ein­set­zen, über­zie­hen zur Zeit fast je­de Diskussion mit ei­ner Welle ih­rer ei­ge­nen Propaganda, um kri­ti­sche Meinungen gna­den­los ab­zu­bürs­ten. Das mag an po­li­ti­scher Unerfahrenheit oder schlech­ter Erziehung lie­gen – wenn das aber der po­li­ti­sche Stil des Internets sein soll, dann su­che ich mir spä­tes­tens dann ein neu­es Betätigungsfeld, wenn nicht nur die 9.000 Piraten son­dern auch die über 1 Million Mitglieder an­de­rer Parteien so ak­tiv sind. 

Foto: arch­fre­ak | photocase.com

Kommentare

ChliiTierChnübler

So vie­le Punkte und Gedanken, wo ich an­set­zen könn­te.
„Die Anonymität und der un­per­sön­li­che Kontakt“ des Web – ir­gend­wie er­staun­li­ch wie Dank Web 2.0 das Virtuelle im­mer mehr Realität wird, weil man si­ch als Gegenmassnahme ei­ne Community aus ehe­mals vir­tu­el­len Kontakten auf­baut und trifft si­ch mit ih­nen. So wird das un­ge­mein un­per­sön­li­che Getwittere plötz­li­ch dank Twittagessen, Twitterbier uns so fort ein so­zia­ler Event. Bloggertreffen, Dates mit Lesern und an­de­ren Bloggern. Bloglesungen. Für mi­ch et­was Positives, das ich nicht mehr mis­sen möch­te. Doch was kommt nun?

kaffeeringe.de

Ich mein­te mit dem „un­per­sön­li­chen Kontakt“ nicht die räum­li­che Trennung. Das was Du be­schreib­st ist nicht neu: Seit 1992 ver­fü­ge ich über ein Modem und seit­her be­tei­li­ge ich mi­ch in Communities – Schon da­mals gab es Stammtische. Ich hab 2006 für mein Examen ei­ne neue Community ein­ge­rich­tet und als ers­ten Beitrag im lee­ren Forum „Herzlich Willkommen“ ge­schrie­ben und als zwei­ten „Wann ma­chen wir ein Usertreffen“ – fast die er­s­te Reaktion des ers­ten Users war: „Bin da­bei“.

Es ging mir nicht dar­um, dass man aus der Anonymität kei­nen per­sön­li­chen Kontakt ma­chen kann, son­dern dass es ge­nü­gend Menschen gibt, die ih­re Anonymität ge­zielt so ein­set­zen, dass sie ner­ven („Trolle“): Schau Dir mal die Kommentare auf Zeitungsseiten zu po­li­ti­schen Themen an…

El Diederino

Jede tech­ni­sche Entwicklung hat nun mal Vor- und Nachteile. Einerseits kann man Meinungen und Gedanken aus der gan­zen Welt zu si­ch nach hau­se ho­len und sei­nen ei­ge­nen Horizont da­durch er­wei­tern, an­de­rer­seits hat­ten no­ch nie so vie­le Idioten, so schnell die Möglichkeit, so viel Blödsinn zu ver­brei­ten wie heu­te. Es kommt eben im­mer dar­auf an wie man die Technik nutzt oder eben auch miss­braucht. Ein ein­deu­ti­ges Urteil wird man bei die­sem Thema wohl auch nicht fin­den.

kaffeeringe.de

Klar hat je­de Technik Vor- und Nachteile. Das heißt we­der, dass man sie auf Grund ih­rer Nachteile kom­plett ab­schaf­fen muss, no­ch dass man sie auf Grund ih­rer Vorteile kri­tik­los um­ar­men muss. Mir geht es viel mehr dar­um zu schau­en, wie man mit den Nachteilen um­ge­hen kann, um mehr von den Vorteilen zu ha­ben.

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