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Netzkultur: Ist das Zensur?

Druckerei | Foto: debagel

Gelegentlich wird die Verbreitung des Internets mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen. Damals habe der Klerus das Privileg des Wissens verloren, als plötzlich Bücher für für jedermann erhältlich waren. So seien heute Informationen heute noch einfacher zu bekommen – es bedürfe nicht einmal mehr der „Gatekeeper“. Das sind die Autoren, Verleger, Journalisten – quasi der Klerus von heute, der weiterhin entschiede, was veröffentlicht wird und was nicht. Ein Fall aus den USA gibt nun zu denken, ob die freie Informationswelt wirklich so eine heile ist, wie Manche erhoffen.

Vor einige Zeit hat sich folgendes zugetragen: Ein Journalist der New York Times ist in Afghanistan entführt worden. Um sein Leben nicht zu gefähren hat sich die Redaktion entschlossen darüber nicht zu berichten – andere Redaktionen zum Beispiel von CNN schlossen sich an.

Man begann gleichzeitig, den Wikipedia-Eintrag des Kollegen für die Taliban zu schönen: Tätigkeiten für christliche Organisationen wurden entfernt und sein Engagement für islamische Einrichtungen hervorgehoben. Wikipedianer witterten Manipulation und setzen die Änderungen zurück. Als dann Hinweise auf seine Entführung eingefügt wurden, bat die New York Times den Wikipedia-Gründer Jimmy Wales um Hilfe und der sperrte den Artikel für die Bearbeitung, bis der Journalist wieder frei war. Daraufhin entbrannte eine Diskussion um Zensur: Der freie Zugang zu Wahrheiten sei wichtiger als einzelne Menschen.

Treten wir an dieser Stelle noch einmal einen Schritt zurück: Der Klerus im Mittelalter war die moralische Instanz, an der sich das gesellschaftliche Leben ausrichtete – oder zumindest ausrichten sollte. Deswegen hat der Klerus entschieden, welches Wissen die Gesellschaft bekommen durfte und welche sie nicht haben durfte. Als diese Macht an die Buchdrucker überging, mussten sie auch diese Aufgabe übernehmen: Wann wird welche Information veröffentlicht? Es gibt vermutlich viele brisante Geschichte, die aus moralischen Gründen in den Schubladen der Redaktionen liegen und vielleicht erst nach dem Tod einer betroffenen Person veröffentlicht werden. Nehmen jetzt die Internetnutzer den Journalisten das Recht auf Veröffentlichung ab, müssen auch sie die Pflichten übernehmen: Jeder Wikipedia-Nutzer muss sich überlegen, ob sein Handeln ethisch ist. Es gibt keine göttliches Gebot oder eine Metaphysik des Internets, die dazu verpflichtet, jede Information so schnell wie möglich zu veröffentlichen.

Es wird immer von den gesellschaftlichen Veränderungen gesprochen, die das Internet mit sich bringt. Das hier ist ganz klar ein Beispiel dafür: Der Mensch übernimmt die Verantwortung für seine Klicks. Mit einem unbedachten Satz in der Wikipedia lässt sich das Leben eines Menschen auslöschen. Das ging auch vorher schon – aber nicht so leicht und so global.

Wie siehst Du das? Ich würde mich sehr auch über kritische Kommentare freuen.

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Foto: debagel, Lizenz: Creative Commons

Kommentare

Sebastian

Sorry, nicht gut.
Es gibt den google cache und anadere systeme die changes in Artikeln locker sichtbar machen. Darum muss ich sagen dies ist KEIN gutes vorgehen. Wenn die Taliban mitbekommen das sie verarscht werden, und das war hier der Fall, dann geht das nach hinten los.
Transparenz und Offenheit ist das einzige was bei öffentlichen Informationen hilft.
Nicht das Handeln der wikipedia Nutzer ist unethisch, sondern das Handeln der Entführer. Schon wieder wird die Debatte vom Umgang mit Taliban und Afghanistan abgelenkt auf ein anderes Problem.
Eventuell sollte zuerst mal durchleutet werden WARUM Menschen entführt werden und vielleicht hier auch das Nachdenken einsetzen das eventuell der Westen hier nicht ganz richtig liegt mit seinem Kriegseinsatz.

Die Frage sollte lauten ist das Krieg? und unsere Kanzlerin hats ja erst gesagt, es ist keiner es ist ein Kampfeinsatz.
Vorlauter Schamgefühl muss ich da kotzen.

rizzo

Es ist eben kein „formal“-rechtliches Geschwätz, wenn man daran erinnert, dass nicht jede regulative oder meinetwegen staatlich initiierte Einwirkung auf Medieninhalte als „Zensur“ bezeichnet werden sollte. Weil sie es eben nicht ist; Weil klar war und ist, das bestimmte Inhalte nicht veröffentlicht werden sollten (Atombombenanleitungen, Kinderpornos zB). Der Unterschied liegt eben in der Installation, die Inhalte vorzensiert, also vor Veröffentlichung abnimmt. Wie das zum Beispiel in der DDR der Fall war. Was die Nachzensur angeht, so ist sie erst einmal normal und unabdingbar, die Frage ist nur, zu welchen Zwecken und mit welchen mitteln sie geschehen soll. Also meinetwegen ob Sperren Sinn machen. Ja, es spricht viemehr dagegen als dafür, aber das Zensurgerede geht eben einfach daran vorbei.

Noch weniger ergibt der Begriff irgendeinen Sinn in Bezug auf Private. Wenn sich die Wikimedia-Foundation oder CNN enstprechend der dafür vorgesehenen entscheidungswege dafür entscheidet, ab morgen nur noch Huldigungen auf Jimmy Wales zu veröffentlichen, ist das deren Sache.

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