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Bedingungsloses Grundeinkommen: Auch das finnische Experiment überzeugt mich nicht

Foto: Images Money - CC BY 2.0

Finnland probiert das bedingungslose Grundeinkommen aus. Die Anhänger freuen sich. 560€ sollen 2000 zufällig ausgewählte Arbeitslose bekommen, die sie auch weiterhin bekommen, wenn sie dazu verdienen. Mich überzeugt das nicht.

Ich fand das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) mal ziemlich attraktiv. Als ich nach dem Studium als Freiberufler gearbeitet hab, hätte mir das schon einmal die wichtigsten Sachen finanziert. Das hätte mir eine große Sicherheit gegeben. Mittlerweile sehe ich das kritischer. Trotzdem versuche ich mir eine Offenheit für das Thema zu erhalten – das finnische Experiment überzeugt mich aber noch nicht.

Das bedingungslose Grundeinkommen

Soweit ich die Anhänger des bedingungslose Grundeinkommen verstehe, soll es ja vor allem ein Problem lösen: Sie gehen davon aus, dass es in Zukunft keine nennenswerte Erwerbsarbeit gibt. Deswegen solle das Sozialsystem auch nicht mehr so tun, als sei Arbeitslosigkeit der Ausnahmezustand und Arbeit die Regel. Das Ziel der Vollbeschäftigung geben sie auf.

Alle Menschen sollen zum Beispiel 900€ bekommen, damit sie Miete, Essen und Klamotten schon einmal bezahlen können. Und dann sollen sie diese Freiheit nutzen, um irgendetwas Sinnvolles aus ihrem Leben zu machen. Es soll den Menschen auch die Freiheit geben, schlechte und schlecht bezahlte Arbeit ablehnen zu können.

Finanziert werden soll es durch das Schleifen des heutigen Sozialstaats. Zum Teil, zum Beispiel bei Götz Werner, soll sogar das gesamte Steuer- und Abgabewesen ersetzt werden durch eine hohe Umsatzsteuer. Keine Verwaltung mehr, bedeutet viel Geld für das BGE. Keine Lohnnebenkosten machen die Arbeit billiger. Das bedeutet dann aber auch, dass ausschließlich auf den Konsum Steuern gezahlt werden. Umverteilung von Oben nach Unten gibt es dann nicht mehr. Es gibt nicht einmal mehr eine progressive Besteuerung für Einkommen.

Das finnische Experiment

Es ist offenbar nicht einmal Ziel des finnischen BGE, die Menschen vom Zwang zur Arbeit zu befreien: „Die große Hoffnung ist, dass die Menschen durch das Experiment zum Arbeiten motiviert werden,“ heißt es in dem Artikel auf shz.de. Ich weiß nicht, ob man von 560€ in Finnland leben kann. Wenn man das aber nicht kann, dann verfehlt dieses Experiment das eigentlich Ziel, es schafft keine neue Freiheit, beendet nicht die Abhängigkeit von Erwerbsarbeit und es dient nur der Subventionierung schlecht bezahlter Arbeit. Man kann sich eben nicht überlegen, ob man statt eine Erwerbsarbeit zu suchen, sich um Freunde und Verwandte kümmert. Man kann sich nicht mit der Gitarre in die Ecke setzen und andere beglücken.

Mein grundlegendes Problem

Keine Frage, unser Sozialsystem ist sicher nicht perfekt und es gibt dort eine Menge Unmenschlichkeit. Aber es erkennt zumindest an, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung zur Teilhabe für alle gibt. Denn was ist Arbeit eigentlich? In der Sozialpsychologie kennt man die Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse: Der Mensch braucht Essen, Trinken und Schlaf. Und dann sucht er sich ein sicheres Plätzchen – ein Dach über dem Kopf. Danach kommen die sozialen Bedürfnisse: Anerkennung durch andere Menschen. Anerkennung bekommt man in der Regel für eine getane Leistung. Du tust mir etwas Gutes, ich sage Danke.

Kann es tatsächlich so weit kommen, dass wir anderen Menschen nichts Gutes mehr tun können, weil all unsere Bedürfnisse durch Maschinen erfüllt werden? Das Erbringen von Leistung für andere Menschen ist die Basis unserer Erwerbsarbeit. Dort werde ich nicht nur mit Geld entlohnt, sondern auch mit Anerkennung. Das ist der Grund, warum viele Menschen für wenig Geld arbeiten gehen, statt vielleicht für mehr Geld zu Hause zu bleiben. Das ist auch der Grund, warum Menschen auch gut bezahlte Arbeit schlecht finden, wenn sie nicht anerkannt wird.

Das bedingungslose Grundeinkommen gibt mit der Vollbeschäftigung gleichzeitig die Idee auf, dass wir uns darum kümmern müssen, dass alle einen Platz in der Gesellschaft haben. Es schiebt diese Verantwortung auf den Einzelnen. „Hier sind 900€. Mach was draus. Wenn Du nichts draus machst, bist Du selbst Schuld. Also beschwer Dich nicht.“ Es behauptet, dass es gerecht sei, wenn alle das Gleiche bekommen. Das ist es nicht. Gerecht ist es, wenn alle das bekommen, was sie dazu brauchen, um das Beste aus ihrem Leben zu machen. Für Freiberufler mögen 900€, um die sie sich nicht kümmern müssen, reichen. Für viele Menschen reicht das nicht. Um viele Menschen müssen wir uns mehr kümmern. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes.

Lesetipp

Kommentare

Tina

Es ist schwie­rig. Wenn man nun sagt, dass je­der das be­kom­men soll, was er braucht … wie wird das be­stimmt? Ich ha­be schon mal ei­ne Diskussion mit­be­kom­men, in der es dar­um ging, dass es ei­nen Großstadt-Zuschuss ge­ben müss­te. Weil das Leben dort teu­rer ist. ABER: wenn je­mand in München le­ben will … klar, dann geht das mit 900 € nicht. Dann muss er eben zu­sätz­li­ch ar­bei­ten. Hat dann aber eben al­le Vorteile der Großstadt. Wenn man si­ch da­zu ent­schließt, dass man nicht mehr ar­bei­tet, und mei­net­we­gen lie­ber die Kinder auf­zieht, dann kann man ja auch in länd­li­che­ren Gegenden gut le­ben, wo das Leben nicht so teu­er ist. Dann muss der­je­ni­ge ja auch nicht mehr pen­deln. Vllt. wä­re das so­gar gut für land­li­che­re Gegenden, de­nen die Jungen im­mer mehr weg­zie­hen.

Ich bin auch zwie­ge­spal­ten. Eigentlich bin ich da­für. Irgendwann wird es wahr­schein­li­ch nicht mehr oh­ne ge­hen. Allerdings kann man halt no­ch über­haupt nicht ein­schät­zen, wie si­ch das auf die Gesellschaft nun aus­wir­ken wird.
LG, Tina

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