Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Philosophie : Künstliche Intelligenz als nächste Stufe der Aufklärung

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Steffen Voß

Hilft uns künstliche Intelligenz die Welt zu verstehen, oder schaffen wir eine computer-gesteuerte Welt, von der wir gar nicht mehr wissen, wie sie eigentlich funktioniert?

Vor ein paar Tagen kursierte das Bild eines Bauteils, das komplett von einem Computer entwickelt worden ist. Im Gegensatz zu dem Teil, das von einem Menschen entworfen wurde, ist es bis zu 75% leichter. Dafür sieht es aus, wie etwas, das man beim Bleigießen zufällig zurecht schmilzt. In der Luftfahrt wird diese Technik auch schon in Serie genutzt, wie Internet-Theoretiker Michael Seemann twitterte.

Natürlich ergeben sich diese Formen vor allem durch das Produktionsverfahren: Die Teile werden nicht mehr gegossen, sondern quasi 3D-gedruckt. Ohne dieses Verfahren könnte auch der schlauste Computer sich nichts viel besseres als der Mensch ausdenken.

Jetzt aber geht das und ich hab das im Kopf kurz weitergedacht: Niemand weiß, warum dieses Bauteil so aussieht, wie es aussieht. Man weiß nur, welche Anforderungen dem Computer gestellt wurden und dass es hält. Was wäre, wenn der Computer in Zukunft das gesamt Flugzeug entwirft? „Bau ein Fahrzeug, das 100 Menschen fliegend transportiert.“ Und dann käme ein Gerät dabei heraus, das fliegt und 100 Menschen transportiert, von dem aber niemand weiß, warum es fliegt.

Frank Schmiechen, Chefredakteur von Gründerszene.de, hat Big Data einmal als Fortsetzung der Aufklärung mit den Mitteln der privaten Daten und der Computertechnik beschrieben:

„Daten lassen uns die Welt in Super HD erkennen, in höchster Auflösung. Diese Tiefenschärfe ist schmerzhaft. Wir fühlen uns gerade wie die Menschen in Platons Höhlengleichnis, die aus ihrer Höhle kriechen, in der sie die wirkliche Welt nur als irrlichterndes Schattenspiel wahrgenommen haben, und nun im gleißenden Sonnenlicht die Konturen der Realität erkennen. Unsere Augen werde sich an dieses grelle Licht gewöhnen. Die Angst wird schwinden, stattdessen wird uns schon bald ein Glücksgefühl der Erkenntnis überwältigen. Wir werden die wirklichen Probleme erkennen und mit Hilfe von Wissenschaft, Daten, Vernetzung und unserer Menschlichkeit lösen.“

Ich finde, dass sich diese Sichtweise erstaunlich damit beißt, wie wenig man das Ergebnis des Designprozesses versteht. Michael Seemann schrieb darauf: „kant würde heute formulieren: habe den mut, deinem verstand zu mißtrauen. die algoritmen wissens besser.“ Der Mensch hat Jahrhunderte gebraucht, um so viel von der Welt zu verstehen, dass er eine neue schaffen kann, die er wieder nicht mehr versteht.

Ich war empört und dachte, Kant würde ganz sicher nicht vom Menschen verlangen, sich etwas auszuliefern, was er nicht mehr versteht. Andererseits habe ich extrem wenig Ahnung von Kant und im Prinzip liefern wir uns schon viel länger Prozessen aus, die wir nicht verstehen. Was wissen die meisten Menschen schon über Computer oder das Finanzwesen? Wer weiß denn schon heute auch nur ungefähr, warum ein Flugzeug fliegt? Das ist ein Ergebnis unserer arbeitsteiligen Welt. Es gibt nun einmal Menschen, die spezialisiert sind auf Computer, Finanzen oder den Flugzeugbau.

In der Schule mussten wir zunächst „zu Fuß“ rechnen lernen, bevor wir den Taschenrechner benutzen durften. Ich fand das absurd: Warum soll ich wissen, wie etwas geht, das der Taschenrechner viel schneller und genauer kann? Den Taschenrechner richtig zu bedienen ist natürlich eine ganz andere Tätigkeit als selbst zu rechnen, auch wenn des Ergebnis das gleiche sein mag. Die Computer sind überhaupt erfunden worden, um uns das zu-Fuß-Rechnen abzunehmen. Ist die Ausweitung dieses Prinzips auch ein qualitativer Schritt im Mensch-sein?

Ich fand es immer absurd, dass man in Deutschland Autos immer noch selbst schalten musste, wenn es Autos gab, die das viel besser können. Ich muss nicht wissen, wie ein Motor funktioniert, um einen Vorteil für mein Leben zu haben. Der Wert des Autos liegt für die meisten Menschen im Transport von A nach B. Aus diesem Grund muss ich auch nicht wissen, wie dieses Bauteil vom Anfang funktioniert. Aber ist es nicht komisch, dass offenbar niemand mehr weiß, wie es funktioniert?

Reicht es wenn der Ingenieur nur weiß, wie er die Software füttern muss? In diesem Fall denke ich: Ja, das reicht. Der Zimmermann muss auch nicht wissen, wie Kraft vom Hammer auf den Nagel übertragen wird. Aber wie wäre es bei einem Computer-designten Fluggerät? Leben wir dann irgendwann in einer Welt von der niemand mehr weiß, wie sie funktioniert, weil Maschinen sich gegenseitig produzieren?

Computer-Paternalismus

Dazu kommt, dass wir diesen Maschinen nur unser beschränktes Wissen voller Vorurteile mit auf den Weg geben. Bei Bauteilen mag naturwissenschaftliches Wissen reichen. Bei Fragen, die den Menschen betreffen, möchte ich mich wesentlich zögerlicher auf die Maschinen einlassen. Frank Schmiechen schreibt:

„Menschen leben gerne im Ungefähren. Das fühlt sich gut an. Fast wie Freiheit. Man will sich nicht festlegen. Verabredungen oder Abflüge zu festen Zeiten und festen Orten bedeuten Stress. Wir brauchen Grauzonen, Schwammigkeiten und die alltäglichen Fehler im System. Jeder Entzug dieser Grauzonen wird als Entzug von Freiheiten wahrgenommen. Das ist menschlich. Daten tun genau das, sie schaffen Klarheit, Sachlichkeit und Objektivität.“

Ja, ich empfinde es tatsächlich als Freiheit, dass ich zumindest das Gefühl habe, mich in jedem Moment umentscheiden zu können – alles hinzuschmeißen, das Navi auszuschalten und einfach bis nach Italien an den Strand weiter zu fahren. Ich seh noch nicht, wo es ein Freiheitsgewinn sein soll, wenn Computer mich in Schubladen stecken, wenn Algorithmen mich auf meiner gewohnten Bahn halten und Big Data ausrechnet, was der beste Durchschnitt für mich ist – und niemand weiß, warum das alles so ist.

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