Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Internet : Was Twitter wirklich ist…

Der Informationswert des Zusammenseins mit einem Hund geht gegen Null (Foto: Jascha273, photocase.com)

Steffen Voß

In einem interessanten Artikel über „Digital Citizenship“ habe ich ein interessantes Wort gelernt: „Kopräsenz“ – Mit dem Wort beschrieb der Japanische Forscher Mitzuko Ito die Motivation japanischer Jugendlicher Anfang des Jahrtausends, mit ihren Freunden täglich hunderte SMS auszutauschen. Ich denke, dass dieser Begriff auch sehr gut zusammenfasst, was Twitter ist.

Es ist nicht gerade leicht, Skeptikern zu erklären, was Twitter ist:

„Also Du meldest Dich an, hast nur ein knappes Benutzerprofil und hast dann ein Eingabefeld an dem steht ‚Was machst Du gerade?‘. Dort kannst Du 140 Zeichen lange Nachrichten eintragen.

Diese Nachrichten können andere Leute abonnieren und Du kannst die Nachrichten der anderen Leute abonnieren – wobei das nicht immer gegenseitig sein muss.

Die Leute schreiben dann, was sie gerade so machen und die meisten achten schon darauf, dass das zumindest einen gewissen Informationswert hat.“

Das zumindest war immer meine Erklärung. Aber wenn ich den Skeptikern dann die Nachrichten der anderen Leute gezeigt habe, fiel denen natürlich gleich auf, dass der Informationswert oft doch gegen Null geht. Die Highlights musste ich dann jedesmal suchen.

Inzwischen kann ich natürlich sagen, dass ich meinen aktuellen Job per Twitter gefunden habe – eine Jobbörse ist Twitter aber sicher auch nicht.

Kopräsenz

Der japanische Volkskundler Mitzuko Ito hat in einer Studie festgestellt, dass Teenager mit ihrem Freundeskreis täglich hunderte SMS austauschen, dass die Inhalte aber oft wenig informativ sind. Trotzdem sind die Jugendlichen den ganzen Tag miteinander verbunden. Umgangssprachlich nennt man das Small-Talk, in der Linguistik wird es mit dem gegenseitigen Lausen bei Affen verglichen und der Volkskundler nennt es „Kopräsenz“ – die Teenager sind nicht körperlich präsent, stehen aber zumindest per SMS bei.

„At the time many of Ito’s readers dismissed this phenomenon to be found among those ‘wacky Japanese’, with their technophilic bent. A decade later this co-presence is the standard behavior for all teenagers everywhere in the developed world. An Australian teenager thinks nothing of sending and receiving a hundred text messages a day, within their own close group of friends. A parent who might dare to look at the message log on a teenager’s phone would see very little of significance and wonder why these messages needed to be sent at all. But the content doesn’t matter: connection is the significant factor.“ – Digital Citizenship

So ähnlich war der Effekt, den Twitter auf mich hatte: Ich saß allein in meinem Büro und nur ab und zu poppte ein kleines Fenster mit einer neuen Nachricht auf. Die war nicht einmal an mich gerichtet, aber ich habe daran gesehen, dass in Kiel noch mehr Leute am Schreibtisch sitzen. Der eine beschäftigt sich mit einem Kundenprojekt, die andere stören die lauten Kirchenglocken vor dem Fenster. Und schon war ich nicht mehr allein. Die anderen Twitterer waren mir kopräsent.

Den gleichen Effekt haben übrigens auch Chats und Instant Messenger: Da werden mir lauter Leute angezeigt, die auch da sind und die ich mal eben etwas fragen könnte. Großartig oder? Wer dazu gehören will, findet mich hier bei Twitter.

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Foto: Jascha273, photocase.com

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