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Wie wir reden: Political Correctness und „Gendersprache“

Bunte Wachsmaler als Symbol für eine bunte Gesellschaft
Die Welt ist bunt - die Sprache auch | Foto: Saaleha Bamjee - CC BY-SA 2.0

Was war die Welt doch ein­fach und über­sicht­li­ch, als der he­te­ro­se­xu­el­le, wei­ße Christen-Mann no­ch der ge­sell­schaft­li­che Gold-Standard war und die­ser Mann si­ch die Welt in sei­ne Schubladen ein­tei­len konn­te! Heute be­an­spru­chen auch an­de­re Menschen ih­ren Teil der Welt. Das spie­gelt si­ch auch in un­se­rer Sprache wi­der.

„Sehr ge­ehr­te Damen und Herren, lie­be Neger!“ hat Bundespräsident Heinrich Lübke of­fen­bar nie ge­sagt. Trotzdem ist es ein Beispiel da­für, was schon in den 1960ern et­was schräg, aber den­no­ch nicht voll­stän­dig un­denk­bar war zu sa­gen.

Sprache ver­än­dert si­ch stän­dig. Es gibt im­mer Einflüsse, die in die Sprache über­nom­men wer­den und Standard wer­den, wäh­rend an­de­re Dinge ver­al­ten und ver­ges­sen wer­den. Ein Einfluss heu­te sind die Menschen, die bis­her an den Rand ge­scho­ben wa­ren. Wir fra­gen die Menschen in­zwi­schen, wie sie ge­nannt wer­den wol­len und nen­nen sie so.

Früher hät­te man das viel­leicht Höflichkeit ge­nannt und Höflichkeit galt als Tugend. Heute ist Tugend Terror und Höflichkeit ist Political Correctness und die ist Zensur. Das ist na­tür­li­ch Quatsch. Du kann­st Menschen auch wei­ter­hin Neger, Weiber, Krüppel, Zigeuner und Liliputaner nen­nen. Du mus­st aber auch ak­zep­tie­ren, dass die Angesprochenen und vie­le Außenstehende Dich dann für ei­nen Idioten oder für geis­tig ver­ros­tet hal­ten und Dich kri­ti­sie­ren – selbst, wenn Du es gar nicht bö­se ge­meint hast.

Der baye­ri­sche Innenminister Joachim Herrmann durf­te das im letz­ten Jahr er­fah­ren, als er den deut­schen Sänger Roberto Blanco als Beispiel für ge­lun­ge­ne Integration her­vor­he­ben woll­te und ihn ei­nen als „wun­der­ba­ren Neger“ be­zeich­ne­te.

Der be­reits 1958 ge­bo­re­ne Journalist Thomas Kerstan hat si­ch neu­li­ch mit sei­ner jun­gen Kollegin Anna-Lena Scholz über das Wort „Studierende“ ge­strit­ten. Er be­vor­zugt das Wort „Studenten“ um Studierende bei­der Geschlechter zu be­zeich­nen: „‚Studierende‘ klingt für mi­ch hin­ge­gen ge­stelzt und bü­ro­kra­ti­sch.“

So rich­tig kann ich das nicht nach­voll­zie­hen, denn es gibt ja nun ein­mal Studenten und Studentinnen. Es gibt gän­gi­ge Wörter für bei­de. Wie kann man bei­de Gruppen mei­nen, wenn man ein Wort weg­lässt? In un­se­rem Hinterhof steht ein Apfel- und ein Pflaumenbaum. Ich schreib aber nur „Pflaumenbaum“ und mein den  Apfelbaum mit? So wie ich in die­sem Fall von „Obstbäumen“ spre­chen kann und bei­de ein­schlie­ße, kann ich von „Studierenden“ spre­chen und al­le mei­nen.

Nun ist es nicht nur so, dass si­ch Sprache stän­dig ver­än­dert – sie ist auch für je­den Menschen an­ders. Es gibt re­gio­na­le Dialekte. Es gibt Soziolekte, be­stimm­ter ge­sell­schaft­li­cher Gruppen – Jugendsprache, Fachjargon, Jäger- oder Soldatensprache. Es gibt Menschen mit ei­nem sehr um­fang­rei­chen Sprachwissen und Menschen mit ei­nem be­schränk­ten Wortschatz. Manche Menschen ler­nen ge­ra­de er­st Deutsch. Und na­tür­li­ch gibt es auch Menschen, die durch ihr Alter no­ch mehr an al­ten Sprachformen hän­gen als jun­ge Menschen.

Wer für ein Publikum schreibt, muss si­ch über­le­gen, wel­che Sprache das Publikum er­war­tet. „Das war in­halt­li­ch al­les rich­tig, aber Du hast kein ein­zi­ges Fachwort be­nutzt,“ hat mein Biologielehrer ein­mal zu mir ge­sagt, als er mir mei­ne Klausur zu­rück gab. Vier Punkte Abzug hat­te mi­ch ge­kos­tet. Ich hat­te nicht be­dacht, dass es in ei­ner Biologieklausur nicht dar­um geht, ver­ständ­li­ch zu schrei­ben, son­dern die rich­ti­gen Fachworte zu be­nut­zen. Wer bei der alt­ehr­wür­di­gen ZEIT schreibt, muss wohl für ein ent­spre­chend sprach­li­ch kon­ser­va­ti­ves Publikum schrei­ben – Die er­war­ten wohl „Studenten“. Anna-Lena Scholz hält da­ge­gen:

„Du bist ja selbst Journalist und weißt, wie mäch­tig Sprache sein kann. Sie bil­det die Welt nicht spie­gel­bild­li­ch ab, son­dern prägt und formt un­se­re Realität. Übrigens ha­ben sprach­wis­sen­schaft­li­che und psy­cho­lo­gi­sche Studien nach­ge­wie­sen, wie groß der Einfluss ge­schlech­ter­ge­rech­ter Sprache ist: Wenn wir von Politikern, Lesern, Studenten spre­chen, dann ak­ti­viert das in un­se­rem Gedächtnis nur männ­li­che Personengruppen. Verwenden wir ein neu­tra­les Wort oder die Paarform, ste­hen uns ima­gi­när Männer und Frauen vor Augen. Deswegen stört es mi­ch, dass Ihr in der ZEIT fast im­mer von Studenten, Professoren, Hochschulpräsidenten sprecht. Ich se­he dann lau­ter Männer und ei­ne Hochschulwelt von ges­tern.“

Vielleicht dür­fen si­ch ir­gend­wann auch Frauen dar­über freu­en, in Artikeln statt zu fin­den, wie sie es si­ch wün­schen. Immerhin: Die ZEIT spricht auch nicht mehr von Negern, Krüppeln, Zigeunern und Liliputanern. Veränderung ist al­so mög­li­ch.

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Kommentare

Vincent

In der so­zi­al­päd­ago­gi­schen Ecke gab es vor ei­ni­ger Zeit die Umwälzung, nicht mehr von „be­hin­der­ten Menschen“, son­dern von „Menschen mit Behinderungen“ zu spre­chen. Den Ansatz „der Mensch zu­er­st“ fin­de ich ir­gend­wie rich­tig. Natürlich spricht der Laie im­mer no­ch schlicht­weg von „Behinderten“. Am bes­ten man stört si­ch nicht dar­an, sie wis­sen es nicht bes­ser.

Meiner Ansicht nach kann die Verwendung ei­ner mög­lichst ge­nau­en und so­mit be­wuss­ten Sprache so­gar hei­lend wir­ken. Es ist ei­gent­li­ch ei­ne Menschenpflicht, denn es for­dert un­ter an­de­rem das Hinterfragen der ei­ge­nen Gewohnheiten auf geis­ti­ger Ebener. Es kann ein re­la­tiv di­rek­ter Zugang zu ei­ner be­wuss­te­ren Wahrnehmung des ei­ge­nen Wirkungsspektrums sein, zu den per­sön­li­chen Grenzen und no­ch ei­ni­ges dar­über hin­aus. Neben den vie­len Vorzügen, die ei­ne ge­naue und ein­fa­che Sprache mit si­ch bringt, kann man die ei­ge­nen em­pa­thi­schen Fähigkeiten för­dern und an­de­re Menschen bes­ser ver­ste­hen. Und an­de­re Menschen ver­ste­hen ei­nen un­ter Umständen auch bes­ser. Eine klas­si­sche Win-Win-Situation!

Wohin das Gegenteil führt, er­le­ben wir im Hinblick auf die Entwicklungen in den Medien – al­so im Fernsehen, in den Print-Medien und auch im Internet, vor al­lem in den so­zia­len Medien. Von rei­ße­ri­scher Wortwahl bis hin zur be­wuss­ten Verdrehung von Tatsachen ist vie­les gän­gig. Das kennt aber je­der nicht zu­letzt auch von si­ch selbst.

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