Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Eurovision Song Contest : Warum tu ich mir das immer wieder an?

Foto: Babak Fakhamzadeh - CC BY-SA 2.0

Steffen Voß

Jedes Jahr im Mai zieh ich mir einen endlosen Abend lang Musik rein, die ich sonst nie im Leben hören würde. Ich gehe davon aus, dass niemand diese Art Musik außerhalb des Eurovision Song Contest (ESC) hört. Warum tu ich mir das jedes Jahr wieder an?

Die Musik ist Trash: Rummelplatz-Mukke trifft Ethno-Techno. Die Ballade von der Frau im langen Walla-Walla-Kleid vor Windmaschine ist obligtorisch. Und nur im Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest wird das Wort „Trickkleid“ benutzt.

Es gibt immer eine „Rock-Band“, die aber auch nur im Vergleich zu den anderen Beiträgen rockt. In jedem echten Rockvergleich würden die sogar vom Verlierer zum Frühstück verspiesen. Man erwischt sich dabei zu sagen, dass das jetzt gar nicht sooo schlecht war.

Früher gab es noch Bühnenshows, an denen man die Musikanten unterscheiden konnte. Seit einigen Jahren stehen die Sängerinnen auf einem großen Fernseher, vor einem großen Fernseher. So dass die Technik übernimmt, was früher noch handgemacht war.

Leider findet der Wettbewerb, nur im Kopf des Publikums statt. Die Musiker treten alle brav nacheinander auf, ohne Bezug auf einander. Am Ende steht das Ergebnis direkt nach Ende der Telefonfrist fest – nur durch das unvermeidliche Aufrufen der einzelnen Länder zieht es sich unendlich lange hin, bis auch das Publikum weiß, wer gewonnen hat.

Ich habe auch schon mal ein Jahr ausgesetzt und den ESC nicht gesehen. Wer gewonnen hat, erfährt man aus dem Internet am nächsten Tag viel einfacher und wie viele Punkte der Deutsche Beitrag bekommen hat, kann man sich an einer Hand abzählen.

Der ESC ist aber eines dieser gesellschaftlichen Ereignisse – wenn man das Kleid der Bulgarin nicht gesehen hat, dann kann man einfach nicht mitreden. Den ESC nicht zu gucken, ist wie das Herren-Fussball-Weltmeisterschafts-Finale nicht zu gucken. Da schließt man sich freiwillig aus der Gesellschaft aus.

Aber genau wie das Herren-Fussball-Weltmeisterschafts-Finale lässt sich der ESC mit Alkohol und netten Leuten ganz gut rumkriegen. Wer keine netten Leute vor Ort hat, kann welche bei Twitter finden – vereint durchs gemeinsame Hashtag. Es ist wahrscheinlich, dass der ESC nur erfunden wurde, damit die Twitteria etwas zum Lästern hat. Ja, am Ende ist es immer ein witziger Abend trotz ESC, den es nur dank ESC gegeben hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du per E-Mail benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?