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Barcamp Hamburg²: Fremdschämen mit T-Mobile

By: Robert - CC BY 2.0

Es hätte wirklich interessant werden können: Zwei Jungs von T-Mobile wollten das G1 – das Google Phone auf dem BarCamp Hamburg² vorstellen. Leider haben sie das Publikum falsch eingeschätzt und sind damit voll auf die Nase gefallen. Was ich schade finde ist, dass vermutlich auch der Ruf von Googles freiem Handy-Betriebssystem Android darunter gelitten haben könnte.

Der größte Raum auf dem Barcamp war gut gefüllt mit 60-80 Menschen, die sich für die Präsentation des G1 interessierten. All diese Menschen sind genauso stark technik-affin wie technologie-kritisch und offenbar hat T-Mobile das total falsch eingeschätzt, so dass die Präsentation nach und nach aus dem Ruder lief und für mich als Zuhörer so unangenehm wurde, dass ich den Saal verlassen musste.

Was war passiert?

Der jüngere Kollege führte das Google Telefon per Leinwand vor und erntete zu Anfang noch erstaunte Blicke, als er die ersten Bediendetails wie den Zugriff auf die E-Mails vorführte. Als dann aber das Scrollen auf dem Touchscreen nicht funktionierte, benutzte er das Scrollrad – das führte schon zu einigem Gekicher.

Als er dann fröhlich trällerte, dass man überall Zugriff auf die Google-Suche hätte und damit sogar eigene Kontakte durchsuchen könnte, wurde aus dem Kichern Gelächter. Der ältere T-Mobile-Mann versuchte das zu drehen und erklärte, das Android vorsähe, dass auch andere Suchen eingestellt werden können.

Dann fragte jemand, ob man das Telefon als Modem mit dem Laptop nutzen könne. Der eine T-Mobile-Mann: „Nein. Das ist nicht freigeschaltet.“ Der andere: „Dafür gibt es noch keine Applikation – aber das ist ja das Tolle: Die kann man einfach programmieren.“ Ab hier wurde es unangenehm und die Vorstellung zum Kreuzverhör: Ein Zuschauer fragte in einem äußerst fordernden Ton, was denn nun die Wahrheit sei – fehle es an der Applikation oder sei es nicht freigeschaltet? Ein andere war ein, warum es dazu keinen eigenen Tarif geben – er würde da auch mehr für bezahlen. Ein Dritter fragte, wie es denn überhaupt aussehen: „Gibt es dafür vernünftige Tarife oder nur diese überteuerten Tarife wie bei iPhone?“

Auf technische Fragen wie „Kann ich dann eigentlich auch meine eigene Firmware-Version aufspielen?“ kam keine richtige Antwort – eher Unverständis, warum man so etwas tun wolle.

An dieser Stelle habe ich versucht mein Zweiter-Hand-Halbwissen von der Android Präsentation bei Google anzubringen: Dort wurde gesagt, dass man sich darum bemühe auch simlock-freie Entwickler-Handys anbieten zu können.

Komisch war dann auch die Argumentation, dass das Google-Phone preislich das iPhone für Jedermann werden solle, weil es im Einkauf viel günstiger sein – im Verkauf würde dann das Telefon ohne Vertrag aber wieder in der Preiskategorie des iPhone liegen.

Die Jungs haben dann versucht die Präsentation wieder in geordnete Bahnen zu lenken und versucht den App-Store vorzustellen und tappen direkt ins nächste Fettnäpfchen: „Hier kann man jeden Tag sehen, welches die beliebtesten Applikationen sind und Google macht das ganz schlau: Die zählen nicht nur die Downloads, sondern tracken auch, wie oft Sachen wieder deinstalliert werden.“ Eine Steilvorlage zum Thema „Was wird denn noch alles getrackt.“ Meine Zusammenfassung der Antwort und sich auch das, was die meisten Zuschauer herausgehört haben: „So ziemlich alles.“ Man benötigt halt einen Account bei Google, um die ganzen Features überhaupt nutzen zu können.

Nach und nach entfesselte sich der Zorn von Handy-Kunden, die endlich mal jemanden gefunden haben, dem sie die Meinung sagen konnten. All der Frust über gefühlte Abzocke und mangelndes Eingehen auf die Wünsche der Kunden wurde kanalisiert und die beiden Jungs von T-Mobile mussten es erleiden.

Gerade 2 Stunden vorher hatte es eine Session über virales Marketing gegeben, in dem T-Mobile als ein Beispiel für einen Konzern genannt wurde, der so groß ist, dass er den Kontakt zum Menschen verloren hat und nun per Image-Kampagne mit dem englischen Schnulzensänger Pauls Potts versucht, seine Kundenbeziehenung wieder zu „emotionalisieren“. Im Vertragsraum „Hermes“ konnte man sehen, dass es ein emotionales Verhältnis zwischen Mobilfunkkonzernen und Kunden gibt: Die Kunden hassen die Konzerne. Alle vermitteln das Gefühl, dass man bei ihnen zwischen Pest und Cholera wählen muss.

An diesem Punkt habe ich es nicht mehr ausgehalten und ich habe den Raum verlassen, um erstmal nen Kaffee zu trinken.

Und das G1?

Ich finde es schade, dass auch Android und das G1 selbst gelitten haben: Android ist eine frei verfügbare Plattform für Mobiltelefone. Punkt. Sicher hat Google die Entwicklung bezahlt und deswegen finde ich es auch okay, wenn die auf den ersten Telefonen natürlich ihre Service-Angebote integrieren.

Aber noch bevor das G1 überhaupt präsentiert war, haben findige Entwickler das System auf anderen Handys zum Laufen gebracht – da wird sich also einiges tun. Und das Beispiel Chrome zeigt: Google bringt einen Browser unter freier Lizenz heraus und bietet ihn mit den eigenen Services vorkonfiguriert heraus und kaum 2 Wochen später erscheint eine geforkte Version ohne die Services für all die Leute, die andere Angebote nutzen wollen. Das wird auch mit Android passieren. Ob sich aber einer der Anwesenden vom BarCamp noch für Android begeistern wird, wage ich zu bezweifeln.

Kommentare

Franz Patzig

Ich mus­s­te die Session auch frü­her ver­las­sen, al­ler­dings weil ich zum Bahnhof mus­s­te. Das si­ch das gan­ze al­ler­dings zu dem stei­gern wür­de, was du hier be­schreist, war ab­zu­se­hen.

Für mi­ch fing es da­mit an, dass der Marketingmitarbeiter, der das Telefon vor­führ­te, Begriffe wie „Instant Messages“ als „Instant Messaging“ be­zeich­ne­te. Beim ers­ten mal dach­te ich no­ch, ich hät­te mi­ch ver­hört, aber das wur­de dann mehr­mals wie­der­holt. Das war no­ch bei an­de­ren Begriffen so, es fällt mir al­ler­dings nicht mehr ein, was das war.

Dadurch das der Touch-Screeen nicht rich­tig funk­tio­nier­te und im­mer wie­der ver­sucht wur­de, das dann oh­ne Hinweis auf den be­rühm­ten Vorführeffekt zu über­tün­chen, wur­de so ein la­ten­tes Mißtrauen auf­ge­baut.

Das Rundrucksen bei Nachfragen zu ge­nau­en Zahlen (die na­tür­li­ch Geschäftsgeheimnisse sein dür­fen) hat es nicht bes­ser ge­macht.

Baut si­ch so et­was er­st ein­mal auf, ist es nicht so ein­fach die Session wie­der zu dre­hen, be­son­ders wenn im Publikum in­for­mier­te und kri­ti­sche Menschen sit­zen, de­nen man nicht al­les er­zäh­len kann.

Auch mein Sohn (13 Jahre alt) merk­te, dass hier et­was nicht stimm­te.

An die­sem Punkt mus­s­te ich lei­der los, denn auch ich hät­te Fragen ge­habt. Ich hab das aber per Twitter wei­ter ver­folgt und mein Eindruck war es, dass die­je­ni­gen, die das G1 dann in der Hand hat­ten, es so­fort ha­ben wol­len.

Gast

Den Begriff „Instant Messaging“ gitb’s doch. Was ist dar­an aus­zu­set­zen?
Hier woll­ten wohl ei­ni­ge ih­ren Unmut los­wer­den. Da hät­ten die bei­den re­fe­ren­ten fü­her re­agie­ren müs­sen um das nicht es­ka­lie­ren zu­las­sen.

wurstwolf

Was mir an Android am bes­ten ge­fällt, ist die Hoffnung, dass man auf den da­mit aus­ge­lie­fer­ten Handys auch an­de­re Distributionen/Oberflächen in­stal­lie­ren kann.

Das wä­re mal ein ech­ter Meilenstein.

Thilo P.

Hattest Du jetzt ech­tes Mitleid? Ich mei­ne am Ende sinds na­tür­li­ch im­mer die Menschen am Ende der Kette – auch auf den Kieler Webmontagen kann man ja mal zer­legt wer­den, wenn was nicht ganz ko­scher ist. Ich fin­de das ei­gent­li­ch im­mer ganz er­fri­schend. Viele sind eben auch mü­de ew­nig nur Werbung zu schlu­cken. Die Jungs wer­den be­stimmt auch gut be­zahlt ih­ren Kopf da hin­zu­hal­ten. Mich stimmt das gan­ze ja vor­sich­tig op­ti­mis­ti­sch. Mehr kri­ti­sche Verbraucher und wir er­le­ben ei­nen ech­ten Wandel. Man muss da nicht zu per­sön­li­ch wer­den, aber darf ru­hig Klartext re­den.

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