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Loser Generated Content: Blogging ist Punk

By: Jon Díez Supat - CC BY-SA 2.0

„Das ist ein Akkord, das ist noch einer und hier ein dritter: Jetzt geh und gründe eine Band.“ lautete das Motto des Punk. Heute heißt es eher: „Hier ist ein Computer, hier ein Browser und das ist ein WordPress-Account: Jetzt geh und gründe eine Zeitung.“ Punk ist im Kern leider schrecklich unkommerziell und unberechenbar – deswegen wissen die Stadion-Rocker aus der Werbebranche auch nicht, was sie tun sollen und nennen Blogs „Loser Generated Content“.

Ich bin ein großer Fan des Selbstgemachten – des Dilettantismus:

„Ein Dilettant (ital. dilettare aus lat. delectare „sich erfreuen“) ist ein Nicht-Fachmann, Amateur oder Laie. Der Dilettant übt eine Sache um ihrer selbst Willen aus, also aus privatem Interesse oder zum Vergnügen.“ – Wikipedia.de

Mir ist leicht schräge, aber ehrlich gemeinte Musik lieber als das neuste Hochglanz-Produkt von den besten Produzenten der Musikindustrie. Mir zählt die persönliche Empfehlung eines Freundes mehr als der teure Werbespot mit irgendeinem Star als Marktschreier.

Und wenn ich mir etwas kaufen möchte, dann schaue ich mir zum Beispiel bei Amazon selten den Werbetext und häufiger die Bewertungen der Kunden an – auch wenn man die natürlich mit Vorsicht genießen muss. Oft sind die ja auch schon von Auftragsschreibern unterlaufen. Aber ein Dutzend Bewertungen wären dann doch ein bißchen viel Aufwand für einen Fake.

Wie das Wikipedia-Zitat schon zeigt, geht es dem Dilettanten um die Sache selbst – Wenn Olli Dittrich aber für einen Elektromarkt wirbt nimmt man ihm nicht eine Sekunde ab, dass er das aus einer inneren Überzeugung tut, sondern nur fürs Geld. Ehrlich: Ich würds auch tun. Aber ich würde auch von niemandem verlangen, dass er mir glaubt.

Das Problem

Natürlich will jeder auf die eigene Arbeit aufmerksam machen und so neue Kunden aufmerksam machen und anlocken. Das ist ein legitimes Bedürfnis. Und in früheren Zeiten war dafür eine Anzeige in der Zeitung oder ein Spot im Fernsehen sicher ein guter Weg, um nicht nur Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern auch das Image eines Produktes mit zu prägen.

Natürlich haben sich auch damals schon die Leute darüber ausgetauscht, ob denn der neue Mercedes wirklich so gut sei, wie es die Werbung versprach. Da musste man aber zufällig jemanden kennen, der diesen Wagen schon fuhr oder der Automechaniker war.

Heute kann man in kürzester Zeit ganze Heerscharen von Leuten finden, die sich mit einem Produkt auskennen. Und wenn es scheiße ist, dann wird das Kind beim Namen genannt.

Mit dem altbekannten „Dieses Waschmittel ist besser als herkömmliche Waschmittel.“ wird man in Zukunft niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken können. Auch der Trick in Zahnbürsten immer neue Knicke einzubauen, um sie als Innovation zu verkaufen, läuft so immer mehr ins Leere. Wer in Zukunft überzeugen will, braucht ein gutes Produkt und muss das ehrlich vertreten – in einen Dialog mit den Kunden treten.

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Kommentare

Dennis Erdmann

Im ers­ten Moment frag­te ich mi­ch, wer si­ch denn tat­säch­li­ch traut, sol­che ei­ne Meinung öf­fent­li­ch zu ma­chen.
Gut, wenn Jean-Remy von Matt so­was sagt, dann wer­den vie­le sei­ner Anhänger kopf­ni­ckend zu­stim­men. Das sind die Gleichen, die be­reits selbst schlech­te Erfahrungen mit Bloggern ge­macht ha­ben wer­den und für si­ch fest­stel­len muss­ten, dass der ge­wünsch­te Erfolg die­ser Art von Online-Marketing in die Hose ging.
Ich kann auch den Ansatz nach­voll­zie­hen, dass ein Blogger mit ei­ner Kaufempfehlung nicht au­to­ma­ti­sch auch ei­nen Lead er­zielt. Das es funk­tio­niert sieht man den­no­ch, schaut man si­ch den Ausbau des Partnerprogramms von Amazon an (Bücher las­sen si­ch schein­bar be­son­ders gut wei­ter­emp­feh­len).
Das die „Army of Davids“ und der „Loser Generated Content“ kei­nes­falls au­ßer Acht ge­las­sen wer­den soll­ten, das zeigt am Besten ei­ne Bloggermeinung, die ge­gen ein Produkt spricht. Diese Meinungen sieht man ge­ne­rell als au­then­ti­sch und un­ab­hän­gig an, so dass die­se auch ent­spre­chend ern­st ge­nom­men wird und im Zweifelsfall zu ei­nem Nicht-Kauf führt.

aristokitten

Du nenn­st das Problem schon ganz gut beim Namen…ich kann mir vor­stel­len, dass es Länder gibt wo die­ses Mundpropagande-Prinzip via Internet bes­ser funk­tio­niert. Hier tut es das nur, wenn der Blogger bei sei­ner be­grenz­ten Zielgruppe ein aus­rei­chen­des Maß an Glaubwürdigkeit be­sitzt.

Ich weiß von min­des­tens 3 Leuten, die si­ch auf­grund ei­ner Zeitungsempfehlung von mir mit dem Medium be­schäf­tigt ha­ben. Die Empfehlung ent­sprang aber ech­ter Begeisterung mei­ner­seits und ent­spricht so­mit der freund­schaft­li­chen Empfehlung oh­ne kom­mer­zi­el­len Hintergrund. 

Wenn die Beiträge so an­ge­fan­gen hät­ten „ja mir lässt üb­ri­gens seit kur­zem ne Agentur die­se Zeitung zu­kom­men die ich vor­her no­ch nie ge­se­hen hab, ich soll die mal tes­ten, bla­bla­bla“, dann hät­te ich mi­ch da­mit bös in die Nesseln ge­setzt.

Ich weiß von Bloggern, die über an­de­re Blogger, wel­che of­fen da­mit um­ge­hen dass sie hier und da mal ein „care-Paket“ von ei­ner Angentur krie­gen, sa­gen, sie hät­ten si­ch „ver­kauft“. So streng wird das tat­säch­li­ch ge­se­hen.

Für Werbung/Marketing in Deutschland al­so ein höchst un­ge­eig­ne­tes Mittel. Der Blogger be­zahlt mit dem Preis sei­ner Glaubwürdigkeit.

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