Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Loser Generated Content : Blogging ist Punk

By: Jon Díez Supat - CC BY-SA 2.0

Steffen Voß

„Das ist ein Akkord, das ist noch einer und hier ein dritter: Jetzt geh und gründe eine Band.“ lautete das Motto des Punk. Heute heißt es eher: „Hier ist ein Computer, hier ein Browser und das ist ein WordPress-Account: Jetzt geh und gründe eine Zeitung.“ Punk ist im Kern leider schrecklich unkommerziell und unberechenbar – deswegen wissen die Stadion-Rocker aus der Werbebranche auch nicht, was sie tun sollen und nennen Blogs „Loser Generated Content“.

Ich bin ein großer Fan des Selbstgemachten – des Dilettantismus:

„Ein Dilettant (ital. dilettare aus lat. delectare „sich erfreuen“) ist ein Nicht-Fachmann, Amateur oder Laie. Der Dilettant übt eine Sache um ihrer selbst Willen aus, also aus privatem Interesse oder zum Vergnügen.“ – Wikipedia.de

Mir ist leicht schräge, aber ehrlich gemeinte Musik lieber als das neuste Hochglanz-Produkt von den besten Produzenten der Musikindustrie. Mir zählt die persönliche Empfehlung eines Freundes mehr als der teure Werbespot mit irgendeinem Star als Marktschreier.

Und wenn ich mir etwas kaufen möchte, dann schaue ich mir zum Beispiel bei Amazon selten den Werbetext und häufiger die Bewertungen der Kunden an – auch wenn man die natürlich mit Vorsicht genießen muss. Oft sind die ja auch schon von Auftragsschreibern unterlaufen. Aber ein Dutzend Bewertungen wären dann doch ein bißchen viel Aufwand für einen Fake.

Wie das Wikipedia-Zitat schon zeigt, geht es dem Dilettanten um die Sache selbst – Wenn Olli Dittrich aber für einen Elektromarkt wirbt nimmt man ihm nicht eine Sekunde ab, dass er das aus einer inneren Überzeugung tut, sondern nur fürs Geld. Ehrlich: Ich würds auch tun. Aber ich würde auch von niemandem verlangen, dass er mir glaubt.

Das Problem

Natürlich will jeder auf die eigene Arbeit aufmerksam machen und so neue Kunden aufmerksam machen und anlocken. Das ist ein legitimes Bedürfnis. Und in früheren Zeiten war dafür eine Anzeige in der Zeitung oder ein Spot im Fernsehen sicher ein guter Weg, um nicht nur Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern auch das Image eines Produktes mit zu prägen.

Natürlich haben sich auch damals schon die Leute darüber ausgetauscht, ob denn der neue Mercedes wirklich so gut sei, wie es die Werbung versprach. Da musste man aber zufällig jemanden kennen, der diesen Wagen schon fuhr oder der Automechaniker war.

Heute kann man in kürzester Zeit ganze Heerscharen von Leuten finden, die sich mit einem Produkt auskennen. Und wenn es scheiße ist, dann wird das Kind beim Namen genannt.

Mit dem altbekannten „Dieses Waschmittel ist besser als herkömmliche Waschmittel.“ wird man in Zukunft niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken können. Auch der Trick in Zahnbürsten immer neue Knicke einzubauen, um sie als Innovation zu verkaufen, läuft so immer mehr ins Leere. Wer in Zukunft überzeugen will, braucht ein gutes Produkt und muss das ehrlich vertreten – in einen Dialog mit den Kunden treten.

Links

Kommentare

Dennis Erdmann
Dennis Erdmann:

Im ersten Moment fragte ich mich, wer sich denn tatsächlich traut, solche eine Meinung öffentlich zu machen.
Gut, wenn Jean-Remy von Matt sowas sagt, dann werden viele seiner Anhänger kopfnickend zustimmen. Das sind die Gleichen, die bereits selbst schlechte Erfahrungen mit Bloggern gemacht haben werden und für sich feststellen mussten, dass der gewünschte Erfolg dieser Art von Online-Marketing in die Hose ging.
Ich kann auch den Ansatz nachvollziehen, dass ein Blogger mit einer Kaufempfehlung nicht automatisch auch einen Lead erzielt. Das es funktioniert sieht man dennoch, schaut man sich den Ausbau des Partnerprogramms von Amazon an (Bücher lassen sich scheinbar besonders gut weiterempfehlen).
Das die „Army of Davids“ und der „Loser Generated Content“ keinesfalls außer Acht gelassen werden sollten, das zeigt am Besten eine Bloggermeinung, die gegen ein Produkt spricht. Diese Meinungen sieht man generell als authentisch und unabhängig an, so dass diese auch entsprechend ernst genommen wird und im Zweifelsfall zu einem Nicht-Kauf führt.

7.11.2008 um 11:16
aristokitten
aristokitten:

Du nennst das Problem schon ganz gut beim Namen…ich kann mir vorstellen, dass es Länder gibt wo dieses Mundpropagande-Prinzip via Internet besser funktioniert. Hier tut es das nur, wenn der Blogger bei seiner begrenzten Zielgruppe ein ausreichendes Maß an Glaubwürdigkeit besitzt.

Ich weiß von mindestens 3 Leuten, die sich aufgrund einer Zeitungsempfehlung von mir mit dem Medium beschäftigt haben. Die Empfehlung entsprang aber echter Begeisterung meinerseits und entspricht somit der freundschaftlichen Empfehlung ohne kommerziellen Hintergrund.

Wenn die Beiträge so angefangen hätten „ja mir lässt übrigens seit kurzem ne Agentur diese Zeitung zukommen die ich vorher noch nie gesehen hab, ich soll die mal testen, blablabla“, dann hätte ich mich damit bös in die Nesseln gesetzt.

Ich weiß von Bloggern, die über andere Blogger, welche offen damit umgehen dass sie hier und da mal ein „care-Paket“ von einer Angentur kriegen, sagen, sie hätten sich „verkauft“. So streng wird das tatsächlich gesehen.

Für Werbung/Marketing in Deutschland also ein höchst ungeeignetes Mittel. Der Blogger bezahlt mit dem Preis seiner Glaubwürdigkeit.

9.11.2008 um 10:06

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du per E-Mail benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?