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Neue Community-Regeln: shz.de fordert Klarnamen bei Kommentaren

Anonymer Schwarm | Foto: Martin Fisch - CC BY-SA 2.0
Anonymer Schwarm | Foto: Martin Fisch - CC BY-SA 2.0

Kommentarspalten sind ein schwie­ri­ges Ding: Unter bun­tes­ten Pseudonymen to­ben si­ch dort Leute aus, de­ren Meinungen hof­fent­li­ch in der Regel nicht mehr­heits­fä­hig und de­ren Ausdrucksweise nicht ge­sell­schafts­fä­hig sind. Mildere Geister ma­chen da­durch ei­nen Bogen um die­se Form der Leserbeteiligung. shz.de möch­te das än­dern und hat Anfang des Monats ein neu­es Kommentarsystem ein­ge­führt, um ei­ne „fai­re, höf­li­che Diskussion“ zu er­mög­li­chen. Strittigster Punkt dürf­te die Klarnamenspflicht sein.

Nach den neu­en Regeln kön­nen Benutzer Kommentare nur tags­über ab­ge­ben und nur wenn Sie ih­ren rich­ti­gen Namen an­ge­ben. Die Redaktion mo­de­riert die Kommentare stär­ker, will im Zweifel den Klarnamen per Personalausweiskopie be­stä­tigt ha­ben und ver­gibt gel­be und ro­te Karten.

Mir ge­fällt, dass si­ch das Team von shz.de das Thema Community-Management stär­ker vor­ge­nom­men hat. Ich hat­te das schon ein­mal in mei­ner Kolumne auf shz.de ge­schrie­ben: Wenn man or­dent­li­che Kommentare ha­ben will, muss man si­ch dar­um küm­mern. Es wird si­ch am Ende loh­nen. Das gilt für die ei­ge­ne Webseite mehr als für Facebook – Auf der ei­ge­nen Seite hat man im­mer­hin die freie Wahl, wie es tech­ni­sch funk­tio­nie­ren soll.

Community stärken – Positives Verhalten fördern

Mir feh­len bei dem neu­en System die po­si­ti­ven Anreize. Die Regeln set­zen vor al­lem auf Repression von ne­ga­ti­vem Verhalten. Dass das ver­mut­li­ch nicht dau­er­haft gut funk­tio­niert, zei­gen al­lein die Kommentare un­ter dem Artikel mit der Ankündigung. Da sind ei­ne Menge passiv-aggressiver Männer un­ter­wegs. Einladend ist das im­mer no­ch nicht.

Ich mag mi­ch ir­ren und das Klima ver­bes­sert si­ch mit der Zeit. Ich ver­mu­te aber, dass das Community-Management no­ch mehr po­si­ti­ve Anreize set­zen muss. Auf der re:publica10 gab es ei­nen in­ter­es­san­ten Vortrag von Bente Kalsnes über nor­we­gi­sche Zeitungs-Communities. Das klang für mi­ch da­mals ganz über­zeu­gend: Die Zeitungen ha­ben zu­ge­se­hen, dass Personen mit öf­fent­li­chen Funktionen auch Accounts ha­ben. Die konn­te man dann auch als sol­che er­ken­nen: Die Vorsitzenden der lo­ka­len Parteien mit Logo. Der Chef der Feuerwehr mit Feuerwehr-Symbol usw. Das lässt si­ch na­tür­li­ch nicht von heu­te auf mor­gen für ganz Schleswig-Holstein um­set­zen. Aber viel­leicht könn­te man da­mit für ei­nen be­stimm­ten, über­sicht­li­chen Zeitungsbereich be­gin­nen und ver­su­chen, die be­stehen­de Offline-Community auf die ei­ge­ne Seite ein­zu­la­den.

Damals war es no­ch nicht so ein­fach mit dem ei­ge­nen Blog. Heute kann je­der ein­fach ei­ne Facebook-Seite er­stel­len, der et­was zu sa­gen hat. Die nor­we­gi­schen Zeitungen ha­ben da­mals an­ge­bo­ten, dass man bei de­nen blog­gen kann und dann aus den Blogs Themen auf­ge­grif­fen. Ein Benutzer hat­te si­ch über Jugendliche auf­ge­regt, die abends mit dem Auto durch die Stadt crui­sen. Das gab ein we­nig Diskussion in der Community – Leute die dem zu­stimm­ten, dass das stört und an­de­re mein­te, man sol­le doch froh sein, dass die Jugendlichen nichts Schlimmeres mit ih­rer Zeit an­stell­ten – was soll­ten sie auch son­st in dem Dörfchen tun, als mit dem Auto her­um­fah­ren? Die Zeitung hat dann die Anwohner in­ter­viewt und die Jugendlichen be­fragt und dar­aus ei­ne klei­ne, kom­mu­na­le Debatte ge­macht.

Meine Erfahrung mit Online-Communities seit 1993 ist, dass die Leute si­ch nicht nur on­line un­ter­hal­ten wol­len. Eine der ers­ten Fragen, die mir in je­der Community eher frü­her als spä­ter be­geg­net ist lau­tet: „Wann tref­fen wir uns mal?“ Ich bin mir si­cher, dass dar­in ge­ra­de für ei­ne re­gio­na­le Tageszeitung ei­ne Chance liegt. Es gibt re­gio­na­le Treffen zum Beispiel von Benutzerinnen und Benutzern der Wikipedia, Twitter oder von Flickr. Warum soll­te es kei­ne Community-Treffen der Tageszeitung ge­ben? Das ist na­tür­li­ch ein an­de­rer Umgang mit den ei­ge­nen Kunden als zur Zeiten von Abonnenten. Aber so wie frü­her je­der Abonnent ein­mal pro Jahr selbst in der Zeitung ste­hen soll­te, muss man heu­te zu­se­hen, wie man die Besucher an die ei­ge­ne Website bin­det. Journalismusprofessor Michael Haller gibt da in sei­nem Buch gu­te Hinweise.

Moderation ermöglicht Meinungsvielfalt

Neben die­sem hand­fes­ten Community-Building, kann ich mir auch no­ch mehr tech­ni­sche Unterstützung vor­stel­len. Inzwischen gibt es ei­ne Menge Experten, die si­ch mit der Psychologie und Soziologie von Kommentaren und Hatespeech aus­ein­an­der ge­setzt ha­ben. Beim Guardian ist ge­ra­de ein in­ter­es­san­ter Artikel da­zu er­schie­nen. Dort stellt die Autorin un­ter an­de­rem das Kommentarsystem von „Civil Comments“ vor. Bei Civil Comments müs­sen die Nutzer selbst ein­schät­zen, von wel­cher Qualität und Höflichkeit der ei­ge­ne Kommentar ist, be­vor er ab­ge­sen­det wer­den kann. Das hält na­tür­li­ch nicht al­le da­von ab, fie­se Kommentare zu schrei­ben, aber es er­mög­licht den Leuten, si­ch no­ch ein­mal zu über­le­gen, ob sie das tat­säch­li­ch so sa­gen wol­len.

Eine Offline-Community und ei­ne Online-Community mit er­kenn­ba­ren, rea­len Autoritäten, ein Kommentarsystem, dass das schnel­le Absenden, wü­ten­der Beiträge ver­hin­dert – Mit all die­sen po­si­ti­ven Anreizen ist ei­ne Klarnamenspflicht am Ende über­flüs­sig.

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