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Lesetipp: Ilija Trojanow – Der Überflüssige Mensch

Ilija Trojanow - Der Überflüssige Mensch
Ilja Trojanow - Der Überflüssige Mensch

„Das Boot ist voll“, heißt es, wenn mal wieder mehr Flüchtlinge in Deutschland ankommen. Von „Überbevölkerung“ wird gesprochen, wenn wir den gesamten Planeten betrachten. Was ist mit den Menschen, die dann zu viel sind – mit den Überflüssigen? Mit denen beschäftigt sich Ilija Trojanow in seinem wütenden Essay „Der Überflüssige Mensch„.

Überflüssig sind bei uns Langzeitarbeitslose und alle, die keinen Beitrag zur Volkswirtschaft leisten können: „Das Sein ist ersetzt worden durch das Konsumieren“ – Überflüssig ist aber vor allem immer der andere. Damit das so bleibt, strampeln wir uns jeden Tag ab. Wer nicht mithalten kann, wird zum menschlichen Abfall. Der geht dann in Deutschland zu den Tafeln und holt sich ab, was Supermärkte entsorgen.

„Wie kann ein Leben wertlos und gleichzeitig Träger universeller Menschenrechte sein?“

Immer mehr Menschen zählen zum Prekariat – Das sind diejenigen, die noch nicht ganz überflüssig sind. Leih- und Zeitarbeiter, Werkvertragsarbeiter, Aufstocker, Niedriglöhner. Ihnen sagt der Blick auf den Lohnzettel, wie wenig die Gesellschaft sie braucht. Ein Drittel der Deutschen lebt so, schreibt Ilija Trojanow. Er beklagt die Verengung des Werts von Menschen auf das ökonomisch Messbare:

„Wer seinem behinderten Sohn einen Filterkaffee zubereitet, ist eine Null, wer seinem Chef einen Espresso serviert, ist ein Assistent.“

Ilija Trojanow will aufrütteln und zwingt zum Hinschauen. Wir dürfen Menschen nicht abschreiben – schon gar nicht ganze Bevölkerungsschichten oder gar Kontinente. Peer Steinbrück hat im Bundestagswahlkampf 2013 immer wieder von den „Fliehkräften“ in der Gesellschaft gesprochen. Da ging es genau darum. Verstanden hat das keiner. Oder es hat ihm keiner geglaubt, dass er daran etwas ändern könnte. Oder man hat der CDU eher zugetraut, dass sie dafür sorgt, dass die Überflüssigen die anderen bleiben.

Das kann ja manchem auch reichen. Denn die Mittelschicht orientiert sich an den Reichen – ohne jemals eine Chance auf eigenen Reichtum zu haben. Die Superreichen zwei Prozent der Weltbevölkerung besitzen die Hälfte des Vermögens – Ilija Trojanow nennt sie Oligarchen.

„Wir tun so, als hätten wir oligarische Strukturen durch die parlamentarische Demokratie überwunden und verwenden das Wort nur, um im selben Atemzug demokratische Defizite zu benennen, vor allem, wenn es um Russland geht. Dabei gibt es keinen Zweifel, dass sich bei den heimischen Krösussen um Oligarchen gemäß der gängigen politikwissenschaftlichen Definition handelt: Oligarchen sind gesellschaftliche Akteure, die ihr massives Vermögen zu verteidigen  wissen sowie in politischen Einfluss ummünzen können. Keines der Regulative der parlamentarischen Demokratie verhindert eine weitere Konzentration des Vermögens in den Händen einer oligarischen Elite.“

Ilija Trojanow fordert ein Umdenken. Massive Vermögen müssten in Frage gestellt werden. Der Musiker Herbert Grönemeyer durfte gerade erfahren, was Leuten widerfährt, die anregen, man könne diese Superreichen mal wieder mehr an den Aufgaben der Gesellschaft beteiligen, die es ihnen überhaupt erst ermöglicht, so reich zu sein: Die Medien fielen über ihn her, bezeichneten ihn als „populistisch“ und „wirr“ und unterstellten ihm, selbst zu wenig Steuern zu bezahlen.

Gerade erst „warnte“ der von Spiegel-Online als „Ökonom“ bezeichnete Lobbyist der privaten Rentenversicherungen Raffelhüschen vor „massiven Steuererhöhungen“ und „steigender Altersarmut“. Die Angstmaschine läuft.

Gleichzeitig bedrohe die Digitalisierung immer mehr Bereiche klassischer Lohnarbeit. Computer werden leistungsfähiger und sie dringen in immer neue Bereiche menschlicher Tätigkeit vor. Zwar haben technische Entwicklungen in der Vergangenheit auch immer neue Tätigkeitsfelder eröffnet – was aber, wenn die Digitalisierung so umfassend ist, dass nichts mehr für den Menschen übrig bleibt? Unser kapitalistisches System basiert darauf, dass Leute für Geld arbeiten, mit dem sie sich dann etwas kaufen können. Schafft sich das System von selbst ab?

Ilija Trojanow rät im Fazit zu visionärem Denken und konkretem Handeln. Wir sollten die Nischen für ein menschliches Miteinander nutzen und ausbauen.

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